Ist Leid die wahre Ressource unserer Unterhaltungskultur?

Wir ergötzen uns am Leiden. Vor allem, wenn wir es nicht sind, die leiden müssen, finden wir das Leiden super interessant. Schon mal in einen Stau geraten, der nur dadurch so richtig lang wurde, weil alle, die am Unfallort vorbeigefahren sind, langsamer wurden, um zu schauen, was da genau passiert ist? Es ist ja nicht so, dass wir die Person kennen würden. Und in der Regel hat man am nächsten Tag wieder vergessen, was da genau passiert ist. Aber trotzdem halten so viele Leute an und gaffen.

Unter den Top 5 Rated TV Series auf IMDB befinden sich unter anderem Band of Brothers, eine Serie über den zweiten Weltkrieg, Breaking Bad, eine Serie über einen krebskranken Chemielehrer, der sich immer mehr in kriminelle Machenschaften verwickelt und… naja, Game of Thrones eben. Erstere Serie habe ich zwar, um ehrlich zu sein noch nicht gesehen, aber von all dem, was ich bereits gehört habe, kann sie sich in einer Hinsicht bei den anderen beiden einreihen: der Zuschauer erfährt durch das Zusehen einen Strudel negativer Emotionen (oder zumindest das, was allgemein als „negativ“ gilt): Furcht, Enttäuschung, Trauer, Wut. Aber warum tun wir uns das an? Warum suhlen sich so viele von uns – und da schließe ich mich selbst auch ein – in dem Leid?

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Topophobie – Nicht so der singende Typ

An der Haltestelle im Herzen Ledringens stieg ich mit meiner Gitarre aus. Nayara hatte glücklicherweise nicht bemerkt, dass ich sie mit mir trug. Ich hatte das schon befürchtet und mir die Ausrede zusammengelegt, dass sie eine Reparatur benötigen würde und ich sie deshalb mit zum Musikladen nahm. Nun konnte ich mir diese Begründung noch für später aufheben. Es war ein schöner, warmer Septembermorgen. Ich schlenderte durch die Altstadt, konnte mir Zeit lassen, da ich mich mit dem alten Rob erst in einer halben Stunde treffen würde und ging bewusst langsam durch die Straßen. Wie schön es hier doch war, wenn man sich die Zeit nahm, die alten, bunten Fachwerkhäuser zu bewundern, die verträumten Gassen, das Kopfsteinpflaster, die altmodischen Straßenlaternen und den Duft von Brötchen, der aus den Bäckereien auf offene Straße strömte. Meine Laune wurde nur wieder etwas getrübt, als ich an einer solchen Bäckerei vorbeiging und einen Blick ins Schaufenster warf. Lauter leckere Köstlichkeiten, doch waren sie alle übertrieben teuer. Ich ging seufzend weiter, musste bei meinem Tempo allerdings aufpassen, nicht von den beschäftigten Menschen, die auf ihrem Weg zur Arbeit waren über den Haufen gerannt zu werden. War ich gestern früh auch noch so? Der Blick stur geradeaus, die Gedanken nur auf die Arbeit, die anstand fixiert? Schwer vorstellbar. Ich hatte es nie eilig, den vermaledeiten Laden zu betreten. Der Besitzer, Herr Kettner hat nie ein Problem damit gehabt, dass ich regelmäßig ein paar Minuten zu spät kam. Er hatte nur ein Problem mit dem ganzen Rest, was mich anging. Meine Gedanken schwankten irgendwo zwischen „Er hat ja schon irgendwo Recht gehabt, ich bin nicht der beste Verkäufer“ und „Bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“. Meine Gedanken einigten sich schlussendlich auf „Als mieser Verkäufer bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“, aber irgendwo rief noch eine winzige Stimme, dass ich mich schämen sollte und jetzt in riesigen, finanziellen Schwierigkeiten stecken würde. Nun, aber gegen genau dieses Problem unternahm ich ja gerade etwas.

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Stolz

Nicht alle Menschen haben die Ausdauer, an ihren Träumen festzuhalten. Einem Traum temporär nachzueifern und ein Ideal zu verfolgen, ist etwas, das jeder kann, aber es ist die Fähigkeit nicht abzulassen, die den Unterschied macht. An einem Traum festzuhalten bedeutet, dass man sich an Entbehrungen gewöhnen, Willenskraft aufbringen und Standhaftigkeit beweisen muss. Sanara besaß diese Fähigkeit und das war der Grund, der sie so tief in die Scheiße zog.

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Bestrafung

Erde spritzte durch die Luft, als Rhikio die rostige Feldhacke im großen Bogen in den Acker schlug. Die klobigen Hände festigten den Griff um den erdverschmierten Holzschaft und rissen das Werkzeug wieder aus dem Boden, dass die Klumpen flogen.

Während der Bewegung schloss Rhikhio fest die Augen, um die Erinnerungen zu vertreiben, die wieder aufkamen. Und doch spaltete die Klinge des Wegelagerers den Schädel seines Bruders erneut, als wäre er eine reife Melone.

Rhikios Blick richtete sich wieder auf den aufgewühlten Ackerboden.

Die Erde, Regenwürmer, Wurzeln und Steine hatten doch keine Ähnlichkeit mit einem Kopf, die alte, krumme Feldhacke keine mit der Klinge eines Daos.

Einige Tropfen fielen vom sich verdunkelnden Himmel und vermischten sich mit den Schweißperlen auf der großen Stirn des Bauerns und ein paar davon kullerten in seine mandelförmigen Augen. Rhikio blinzelte verwundert, als die Hacke beim nächsten Hieb gegen etwas Hartes polterte und der Aufprall durch die muskulösen Arme vibrierte. Rhikio bückte sich, wischte sich mit seiner linken Hand über die Stirn, wobei er dort eine Spur feuchter Erde hinterließ und griff nach dem faustgroßen Stein, den er soeben getroffen hatte.

Er war kantig, eckig und grau, lag unbequem in der Hand und doch starrte der große Mann ihn nachdenklich an. Ganz anders als die Steine im Flussbett, die er so gerne über die Wasseroberfläche springen ließ.

Die Mönche des Wasserdrachens aus dem Osten pflegten zu sagen, dass das Leben mit seinen Hindernissen Menschen ebenso glättet, wie ein Fluss aus kantigen Steinen Kiesel formt. Doch Rhikio spürte noch viele Kanten an sich, trotz seiner siebenundzwanzig Jahre und jenes Nachmittags an der Kreuzung vor Longkhiao und er wurde Tag für Tag darauf aufmerksam gemacht. Er wog den Stein in seiner Hand, warf ihn ein paar Mal in die Luft und steckte ihn schließlich in seine große Seitentasche in der Hose, ohne wirklich zu wissen, weshalb er dieses hässliche, störende Ding mitnehmen wollte.

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Vergiss es einfach

Vergiss es einfach. Ja. Schön. Klar – aber wie?
Wenn es nur peinlich genug ist, vergesse ich so was nie
Mein Hirn macht dann sofort eine Sicherheitskopie
Das ist halt so das Ding mit der Topophobie

Topophobie? Keine Sorge, ich erkläre dir das Wort:
Du hast Angst, da rauf zu gehen, willst eigentlich nur noch fort
Von all dem. Deine Prioritäten sind wie weggeweht:
Deine Musik zu präsentieren, oder erzählen, was bewegt.
Vortragen, was du eifrig vorbereitet hast.
Doch vor all den Leuten brichst du zusammen unter der Last.
Unter der Last ihres Urteils, Reaktionen, ihrer Blicke.
Doch vor allem einer bemerkt all deine Missgeschicke.

Er kennt dich gut, wahrscheinlich noch am besten von allen.
Und obwohl er so ein Arschloch ist, willst du ihm doch gefallen.
Er macht dich runter und es ist egal, was du machst.
Ein kleiner Fehltritt und du wirst von ihm ausgelacht.
Ein kleiner Versprecher, eine Taste daneben –
„Oh, mein Gott!“ ruft er dann. „Willst du wirklich noch leben?
Denn alles, was du anfasst, wird zu Scheiße statt zu Gold!
Der bescheuerte König Midas!“ – Ja, dieser Freund von mir? Ein Witzbold.

Und natürlich hast du ihn mit der Beschreibung schon erkannt:
„Innerer Kritiker“ wird er gerne mal genannt.
Ja, du fragst mich: „Wieso hörst du ihm denn überhaupt noch zu?
Wenn du ihn schön ignorierst, lässt er dich irgendwann in Ruh!“
Wenn du deinen so schnell los wirst, dann freut mich das ja für dich,
Doch die Regeln, die er für dich hat, gelten wohl nicht für mich.
Kann sein, dass du mich jetzt für ne‘ Mimose und so hältst.
Doch der Kritiker ist immer nur so klug, wie man selbst.
Wenn deiner also leicht zum Schweigen zu bringen ist,
So frage ich mich, ob du genau so ohne Rückgrat bist?

Ach, verdammt, entschuldigung: das war nicht so gemeint.
Was ich damit sagen wollt‘: auch wenn’s dir leicht erscheint,
Diese innere Stimme loszuwerden, dann ist das ja ganz schön,
Aber bei mir scheint das leider eben nicht so leicht zu gehen.
Denn was sie sagt, macht durchaus Sinn und selbst wenn sie übertreibt:
Sie ist aufmerksam und es gibt nichts, was un-analysiert bleibt.

Und wenn das schon alles wäre, wär das lange nicht so schlimm.
Blöd nur, dass ich nicht nur mit dem Kritiker gestraft bin:
Rasendes Herz, ein Blackout, Frosch im Hals, verschwitzte Hände,
Liderflattern, keine Luft und all das nimmt kein Ende.
Ich weiß zwar, dass ich’s kann, doch kann ich’s nur, wenn niemand zuhört.
Interessanterweise gibt’s dann auch nichts, was den inneren Kritiker stört.
Doch es bringt mir rein gar nichts, dir das alles fein zu schildern.
Ich kann es dir auch ausschmücken mit lauter bunten Bildern
Von Gefühlen, Emotionen, doch selbst wenn du mir es glaubst,
Werd‘ ich nicht mit mir zufrieden sein, wenn du Erwartungen zurückschraubst.

Und mit jedem Mal Versagen fällt es mir schwerer und schwerer.
Dabei sagt man sich so schön, Versagen sei der beste Lehrer.
Nur blöd, wenn dieser Lehrer mich nur Hemmungen lehrt
Und mit jeder seiner Lehren mehr zum Stillschweigen bekehrt,
Dass ich mich lieber gar nicht zeige, sondern schweige, wie ein Grab,
Als würd‘ ich nicht existieren, als wenn es mich niemals gab.
So siehst du, dass sich meine Lage einfach nur verschlimmert,
Weil mich dieser Lehrer an all meine Fehltritte erinnert.

Stets heißt es: „Bringe Leistung!“ und „Wer stehen bleibt, geht rückwärts“
Und wenn man dann nicht mehr kann, dann heißt’s: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“
Mich motiviert’s nur gar nicht, Indianer wollt ich eh nie sein.
Nein, ich will doch bloß ich sein – ganz ohne Fassade, ohne Schein, Verstellung und Erwartung, nur authentisch und real,
Doch in der Leistungsgesellschaft ist das allen scheißegal.
Denn nur dafür gibt es Beifall, Anerkennung, Lob und Lohn:
Fürs Einhalten von Normen, von Gesetzen, Tradition.
Ich muss sein, was man erwartet, so auch das, was ich kreiere,
Nur blöd, dass bei all den Vorgaben den Blick ich hier verliere
Für das, was mir letztlich wichtig ist: die Meinung, Emotionen.
Doch statt dessen kommt nur Angst von mir und Zweifel, die hier wohnen
Werden dadurch nur gefüttert, denn das ist nicht, was man will.
Was ich zu bieten hab, ist falsch und anders: individuell.
Was ich habe, ist mit Makeln, menschlich, ehrlich und verdreckt.
Was man von mir will ist sauber, fehlerfrei, poliert, perfekt.

„Vergiss es einfach!“ – sag das meiner Stimme, meiner Hand,
Meinen Fingern, den Gedanken, alle steh’n sie in dem Bann
Der vergangenen Erfahrung, nicht zuletzt auch deiner selbst.
Deiner Meinung, deines Urteils, ob dir mein Werk auch gefällt.

Topophobie – Unerwarteter Besuch

Bis 18:00 Uhr hätte ich normalerweise noch im Musikladen gearbeitet. Bis dahin machte ich mir Gedanken darüber, ob ich Nayara einfach erzählen sollte, dass ich meinen Job schon wieder verloren habe, oder es einfach für mich behielt. Es war nicht so, dass sie mir jemals einen spontanen Überraschungsbesuch bereitet hat, da sie selbst zu ähnlichen Zeiten arbeiten war. Und nachdem ich für die vergangenen drei Stunden einen Straßenmusiker beobachtet und immer mal wieder mit Stielaugen das Geld in seinem Gitarrenkoffer gezählt hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass sich das Gehalt eines Straßenkünstlers nur marginal von dem eines Instrumentenfachhändlers unterschied. Natürlich würde ich das Geld auch noch durch zwei teilen müssen, allerdings würden der alte Robert und ich auch doppelt so gut spielen und singen, als mein Beobachtungsobjekt. Und dementsprechend, hoffentlich, auch doppelt so viel Geld bekommen. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich zumindest für den Rest des Monats, den ich ja noch bezahlt wurde, nichts sagen würde. Vielleicht lief es gut, vielleicht musste Nayara überhaupt nichts davon erfahren. Ich hatte etwas Bauchschmerzen bei dem Gedanken, ihr das zu verheimlichen, gerade ich, der sich stets für Ehrlichkeit und Direktheit rühmte. Aber ein schlimmeres Gefühl als nur Bauchschmerzen überkamen mich, wenn ich daran dachte, ihr zu erzählen, dass ich einen weiteren Job losgeworden bin. Schon wieder versagt habe. Ich nahm mir vor, mich ab dem nächsten Tag auch nach einem anderen Job zu erkundigen. Sollte es mit dem Straßenmusizieren nicht funktionieren, konnte ich einfach mit etwas anderem anfangen und Nayara erzählen, ich hätte für einen besseren Job den alten im Musikladen gekündigt. Im Idealfall würde es einfach mit den Major Five funktionieren. Es war mittlerweile 19:00 Uhr und ich machte mich auf zur S-Bahnhaltestelle. Ich seufzte, als ich mich auf die kalte Holzbank setzte. So viel zum Thema Ehrlichkeit, dachte ich mir. Ich versuchte mir einzureden, dass ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte, wenn ich meine Freundin ja nicht anlog. Ich enthielt ihr lediglich Informationen vor, die vollkommen irrelevant waren, wenn sich unterm Strich nichts ändern würde.

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Morgen dann… Revolution!

Endlich Urlaub, endlich frei. Jetzt habe ich Zeit, für alles, was da lauert, tief verborgen in Gedanken. Doch schnell, sonst ist die Zeit vorbei!

Aber ich bin müde, noch… vermutlich, da wir gestern tranken. Ein Bier zu viel vielleicht, jedoch: es half aus dem Ideen-Loch.

Wir diskutierten, laut und lang. Über große, tote Denker: Rosseau, Nietzsche, Kant. Den Aufstieg ihrer Weltansichten und über ihren Niedergang.

Und schließlich war auch ich am Zug. Ich, mit meinen Idealen, die ich tief im Bierkrug fand. Doch den anderen war das schnell genug.

Ich schieb’s auf fehlende Struktur. Die kommt nicht einfach so daher, das Zuhören fällt entsprechend schwer. Es sind keine Gedankengänge, viel mehr sind’s Sprünge und das rund um die Uhr.

Demnach ist’s vielleicht besser zu schreiben, als nur beim gesprochenen Wort zu bleiben. Doch ein weiteres Problem: nur gereimt klingt’s wirklich schön.

So sitz ich hier und denk an Reime nur. Stiere wie blöd auf meine Tastatur. Es ist nicht schwer, nen Reim zu finden, wohl eher, ihn in Form zu binden.

AABB, ABAB, die Metrik sollte dann auch stimmen, es sollte ja wohlklingend klingen. Und nun fang ich an, mich zu fragen: muss ich mich denn damit plagen?

Denn wie gesagt, ich habe nur begrenzt viel Zeit und so viele Gedanken. Ich kann sie alle verwerfen, die Frage ist, bin ich bereit, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was sich alles auf Gedanken reimt?

Muss ich mir Sorgen darüber machen, wann welcher Satz wie endet? Damit es in ein System passt, wie wir selbst auch? Man hat immerhin den Vorteil, dass die deutsche Sprache wieder etwas genauer erkundet wird, alte Wörter wieder verwendet. Doch ist mir das wichtig? Ehrlich gesagt, nein, da sehe ich meine Zeit nur verschwendet. 

Lass ich meinen Leser im Glauben, er läse ein Gedicht? Vielleicht füge ich ein paar – vom Reimen abgesehen nutzlose Wörter ein. Ganz zufällig. Lakritz-Konfekt, Auerochse, Soda. Oder ich locke ihn mit Reimen, ganz rar verteilt, dass er glaubt, er hört die meisten anderen einfach nicht? Anordnen, die Wörter in seltsam verdrehter, aber grammatikalisch, so man ein Auge, zwei oder drei zudrückt, doch noch annehmbarer Weise? Nein, das, ich besser lasse, sonst ich klinge noch wie Yoda.

Und man sieht’s erneut: wie sehr wir versuchen, uns in irgendeine Form zu pressen. Irgendjemand zu sein oder wie jemand zu sprechen, der wir in Wirklichkeit überhaupt nicht sind. Man sieht’s ja hier schon: kaum versuche ich mich, an Regeln und Konventionen zu halten, ist meine eigentliche Intention vergessen. Regeln sind nicht selten wie Scheuklappen und Scheuklappen machen uns für so vieles im Leben blind. Warum also wollen wir unbedingt alles so machen, wie es bisher getan wurde und warum sind wir so von Traditionen besessen? Wir halten uns daran, und doch: wir beschweren uns nur all zu oft, dass früher alles besser war. Warum sind wir immer drauf und dran das Gegenwärtige an der Vergangenheit zu messen? Wie wär’s, wenn wir anfangen würden, stattdessen die Möglichkeiten der Zukunft zu sehen? Wäre das nicht wunderbar?

Und ich schaue auf die Uhr: so viel Zeit bereits vergangen?

Ich reiße mich am Riemen, sollte endlich mal anfangen.

Denn wie gesagt, ich stecke voller revolutionärer Ideen und wenn man jetzt schön aufpasst, wird man sie auch gut verstehen.

Der Urlaub ist noch da und der Kater ist verschwunden, – doch Moment! Mein kreativer Geist kommt erst zu späteren Stunden.

Also – lasst uns doch noch warten, seid geduldig und bleibt hier. Und bis ich dann mal warm bin: wie wär’s mit einem Bier?

Topophobie – Der Alte Rob

Das war es. Mehr musste nicht gesagt werden – ich sagte nichts mehr und ging. Nicht, weil ich beleidigt war oder die Lust am Diskutieren verloren hätte. Es gab nichts zum Diskutieren. Ich richtete mehr Schaden als Gewinne an, das war einfach eine Tatsache. Meine melodramatische Seite wühlte sich aus mir hervor und versuchte mir einzureden, dass ich diese Aussage auch auf meine ganze Existenz beziehen könnte, aber ich konnte sie mit glücklicherweise wieder niederringen. Ich richtete keine Gewinne an, mochte ja sein, dachte ich mir, aber ich hätte auch nicht gewusst, was ich denn überhaupt gewinnen wollen würde. Ich war weder auf aus ein großes, schickes Haus mit Swimming Pool, noch auf eine Anstellung bei irgendeinem Orchester oder einer Band. Natürlich, es war gut, dass mich die Major Five genommen hatten, aber ich riss mich jetzt auch nicht sonderlich um den Posten. Und was den Schaden anging, fielen mir nur finanzielle Schäden auf und durch die kam ich irgendwie immer hinweg. Mal davon abgesehen, dass ich gerade meinen ohnehin beschissenen Job verloren hatte, sagte ich mir selbst, ging es mir doch prima. Ich schlenderte pfeifend durch die Straße. Die strahlende Sonne schuf einen herrlich warmen, klaren Herbsttag und ich genoss den Geruch von welkenden Blättern, der durch den Wind zog. Ich schloss meinen MP3-Player an und ließ die Musik laufen. Es war noch die Musik darauf, die ich mir bis zum auditiven Erbrechen reingezogen habe, um das Genre besser zu verstehen und vertrauter mit der Musik zu werden. Jazzstandards, die mit jedem Mal anhören langweiliger wurden, dudelten sedierend wie Aufzugsmusik durch die Kopfhörer. Mir wurde klar, dass ich dennoch nie so gut spielen würde, wie Keith Jarret, Oscar Peterson oder Duke Ellington. Ich bewunderte sie und verachtete sie gleichermaßen. In diesem Moment verachtete ich sie aber größtenteils.

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Topophobie – Mitarbeiter des Monats

Es ging mir hundsmiserabel, als ich am nächsten Tag im Musikladen „Klangwelten“ arbeiten war. Nayara und ich sind am vergangenen Abend nach nur einem Bier und einer Schale Pommes schon nach aufgebrochen, während Leon mit einer attraktiven Brünette Bekanntschaft geschlossen hat und vorhatte, noch eine Weile zu bleiben. Er war ein gutaussehender, stattlicher junger Mann, stets so schick gekleidet, dass es schon fast elitär wirkte und bei vielen der Damen kam das wohl auch gut an. Bei jenen, die weniger auf ein halbes Kilo Haargel in seinen dunkelbraunen, zur Seite gekämmten Haaren standen eher weniger, aber Leon machte sich aus Misserfolgen selten etwas. Nayara versuchte auf dem Heimweg halbherzig eine Konversation mit mir anzufangen, aber ich hatte furchtbare Kopfschmerzen und versuchte einfach nur, mich auf gar nichts zu konzentrieren, an gar nichts zu denken. Mit mäßigem Erfolg. Mir ging der Text von „The Wild Rover für den Rest des Abends einfach nicht mehr aus dem Kopf. Auch am nächsten Tag, als ich in der Tastenabteilung gelangweilt auf einem der Klavierhocker saß, geisterte er mitsamt Melodie durch meine Gedanken und marterte mich.
No, nay, never, no more will I play the wild rover no never, no more…
„Entschuldigung?!“

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Topophobie – Der Wilde Vagabund

Wir saßen im Dubliner, unserer Lieblingskneipe in der ganzen Stadt, nicht zuletzt, weil die rustikale Einrichtung mit den ganzen alten Holzmöbeln, die dämmrige Beleuchtung, sowie die irische Folkmusik zu einer gemütlichen Atmosphäre beitrugen, sondern auch, weil die Auswahl an Biersorten betrachtlich und die Preise erstaunlich fair waren. Ehrlich gesagt wunderte ich mich, dass Leon mit in den Irish Pub kam. Erstens trank er keinen Alkohol und zweitens unternahm er in der Regel abseits der Bandprobe nie etwas mit uns. Er unternahm grundsätzlich selten irgendetwas, das nicht irgendeinem höheren Zweck diente und Besuche in die Kneipe gehörten grundsätzlich dazu. Wir lernten uns damals noch während dem Studium kennen, als er bereits im vierten und ich im zweiten Semester war. Nachdem er mich zufälligerweise einmal an der Universität üben gehört hat, kam er auf den Gedanken, mit mir eine Band zu gründen und hat mir seine Idee gleich vorgeschlagen. Eine Art Poprock/Klassikband. Coversongs mit klassischem Einschlag, um das Studium mit Gigs besser finanzieren zu können. Mit nichts, so sagte er damals, macht man schneller leichte Kohle, wie mit billigen Coversongs. Und wenn man die auch noch originell präsentieren würde, sowieso. Ich habe darin eine Gelegenheit gesehen, meinen besten Freund Felix wieder etwas regelmäßig zu sehen, der schon mit sieben Jahren angefangen hatte, Schlagzeug zu spielen. Zwar nur als Hobby, aber dafür solide. Wir nahmen noch Florian, einen Kommilitonen von Leon als Sänger mit an Bord, wobei Leon ihn nach einem halben Jahr wieder aus der Band warf. Florian verlangte, mit der Begründung, er sei der Sänger und damit der Frontmann, einen größeren Anteil unserer Gage für sich, was für Leon schon Grund genug war, ihn rauszuwerfen. Ich hatte kein Problem damit, da ich Florian ohnehin nicht gut leiden konnte und im Nachhinein hatte ich schon doppelt kein Problem damit, da wir während der Suche nach einem neuen Sänger auf Nayara trafen. Sie brachte zwar das Problem mit, dass sie sich nach einem Jahr weigerte, Cover zu machen, weil sie selbst leidenschaftliche Songwriterin war, aber da ihre Lieder wirklich gut waren und keine Lust auf einen neuen Sängerwechsel hatten, akzeptierten wir das.

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