Topophobie – Mission Debriefing

Ich würde mich als einen sehr selbst-reflektierten Menschen bezeichnen. Vielleicht war das ja allerdings auch gerade das Problem – wenn man zu viel über etwas nachdenkt, vermischen sich so viele unterschiedliche Gedanken, dass man keine Chance mehr hat, zu erkennen, welche davon überhaupt ernst genommen werden sollten. Das ist wahrscheinlich so ähnlich, wie mit Parfum. Als ich mich einmal über Nayaras Parfum beschwert hatte, nahm sie mich bei ihrem nächsten Abstecher in den Drogeriemarkt kurzerhand einfach mit und forderte mich auf, dann solle ich doch eines für sie aussuchen. Ich hatte zunächst vermutet, dass sie alle gleich riechen würden, doch wurde schnell eines Besseren belehrt. Nach einer Weile hatte ich so viele unterschiedliche Gerüche in meiner Nase, dass mir schlecht wurde. Letztlich, als ich schon gar keine Gerüche mehr differenzieren konnte, entschied ich mich für das günstigste Parfum. Nun saßen wir beide in der Straßenbahn und alles roch nach diesem vermaledeiten Duftöl.

„Jetzt sag schon, wie war es?“, fragte mich Nayara und ihre helle, neugierige Stimme klang wie die eines Kindes.
„Naja, sie haben mich genommen. Glaube ich. Ich soll übermorgen nochmal zur Probe kommen.“
Sie verdrehte ihre großen, braunen Augen.
„Kannst du mal bitte etwas genauer sein? Mann, immerhin habe ich dich überhaupt darauf gebracht!“

Ich seufzte.
„Was genau willst du wissen?“
„Äh… alles?!“
Wie kommt es, dass man Menschen, die einem nahe stehen so oft gerade für die Sachen liebt, die man selbst am anstrengendsten empfindet? Ich lächelte meine Freundin gequält an. Sie kannte diesen Blick. Sie wusste, dass ich nicht gerne über Dinge sprach, die sie, ich oder irgendjemand anderes erlebt hatten – aber sie strahlte mich dennoch weiterhin erwartungsvoll an. Ich habe schon zuvor öfters versucht, mit ihr über den Sinn und Unsinn zu diskutieren, detaillierte Erfahrungsberichte in privatem Rahmen auszutauschen, aber sie hat mich als eine stoffelige, asoziale Trantüte bezeichnet und mich anschließend auch noch dazu gebracht, ihr doch alles zu erzählen. Und nach der Audition war ich mit den Nerven so am Ende, dass ich einer weiteren solchen Diskussion – obwohl ich ja grundsätzlich gerne diskutiere – besser direkt aus dem Weg ging, indem ich ihr einfach gab, was sie wollte.

„Die Major Five machen auf mich einen sehr professionellen Eindruck. Zu sehr, vielleicht… nicht, dass ich so viel darauf geben würde, aber das Klima dort war tatsächlich recht kühl. Ich hatte nicht den Eindruck, als ob sie mich sonderlich mögen würden. Vielleicht der Trompeter…“
„Unterkühlt, ja? Wie hieß der Trompeter?“
„Ich… keine Ahnung, habe ich vergessen. Nennen wir ihn doch einfach nur Trompeter, ja?“
Nayara schüttelte grinsend den Kopf, unterbrach mich aber nicht weiter.
„Also. Ich bin mir nicht mal sicher, ob der Trompeter mich mochte, ich glaube, er ist immer so laut und fröhlich. Rätselhaft, wie manche Leute das hinbekommen…“
Entweder sie nahm den Seitenhieb nicht wahr oder sie ging einfach nicht darauf ein, wobei ich mit Letzterem rechnete.
„Der Kontrabassist war sehr seltsam. Ich glaube, er hat heute schon versucht, mich aus der Band herauszuekeln, bevor ich überhaupt erst drin war.“
„Das ist doch normal für Bassisten, die sind alle seltsam“, beschwichtigte Nayara grinsend.
„Naja, man kann über Bassisten sagen, was man will, aber Leon hat mir mit dem Tipp, ich solle Giant Steps üben, ziemlich geholfen.“
„Ihr habt wirklich dieses seltsame Stück gespielt?“, fragte mich Nayara ungläubig. „Woher wusste das Leon nur? Manchmal glaubt man bei ihm, er könne in die Zukunft sehen…“
„Fachkenntnisse kombiniert mit verblüffender Voraussicht“, erklärte ich lächelnd. Im Gegensatz zu mir hat er sein Musikstudium durchgezogen. Wenn sich Leon etwas vornahm, dann brachte er es auch stets auf die ein oder andere Art zu Ende.
„Der Typ hat sich das falsche Fachgebiet ausgesucht!“, lachte Nayara. „Er hätte sich mit Rennpferden beschäftigen sollen. Und mit geschicktem Wetteinsatz ein Vermögen anhäufen können.“
„Warum nicht gleich Aktienkurse?“
Nayara verdrehte die Augen.
„Das ist doch langweilig!“
„Und Rennpferde nicht?“
„Touché. Wie auch immer, stell dir das mal vor! Ein paar glückliche Wetten und plötzlich musst du nicht mehr arbeiten und kannst machen, was du willst!“
„Wenn es so leicht wäre, wären Pferderennen wahrscheinlich angesagter…“
„Mag sein, mag sein“, plapperte Nayara aufgeregt. „Aber stell’s dir trotzdem vor! Wir müssten nicht mehr Monat für Monat für die Miete unseres gammeligen Proberaums Geld zusammenkratzen!“

Ich lächelte. Da war sie wieder. In ihrer kindlichen „Stell dir mal vor“-Welt.
„Wir könnten in einen besseren Proberaum umziehen“, fügte ich hinzu.
„Ja!“, rief sie. „Wir könnten uns ein Tonstudio kaufen, den ganzen Tag Pizza bestellen, tausende Instrumente ausprobieren und damit die verrücktesten Aufnahmen machen und alle gemeinsam dort wohnen!“
Der Zug hielt an, ich stand auf und seufzte.
„Alina würde Felix nie ausziehen lassen.“
Ich sah meinen besten Freund aus Kindertagen deswegen ohnehin nur noch in den Bandproben. Seit der Hochzeit war er, was seine Aktivitäten anging, wie ein anderer Mensch. Keine Zeit mehr für gemeinsame Film- und Gesellschaftsspielabende, keine LAN-Parties mehr, keine Konzerte mehr, es sei denn, wir spielten selbst. Und selbst das musste im vergangenen Jahr stark eingeschränkt werden. Manchmal fragte ich mich, ob vielleicht etwas mit Nayara und mir nicht stimmte, dass wir für so etwas noch genug Freiraum fanden. Wenn man Alina bei ihren Begründungen zuhörte, warum sie und Felix keine Zeit hätten, konnte man meinen, sie hätten überhaupt keine Freizeit mehr.
„Sei doch nicht immer so ein Spielverderber“, beschwerte sich Nayara, aber ihr Tonfall klang nicht sonderlich ernst.
„Ich meine, Alina könnte doch auch einziehen und… naja… nein. Gut, du hast Recht.“
„Siehst du?“
Sie seufzte und boxte mich in die Seite.
„Es ist ja eigentlich ohnehin schon schwer genug, alleine schon mit dir zusammen zu leben.“
Ich ließ das unkommentiert. Es mochte vielleicht ein Scherz sein, aber ich konnte mir vorstellen, dass es tatsächlich nicht einfach mit mir war. Ich wechselte ständig den Job und brachte daher keine konstante Geldzufuhr in unseren Haushalt und wenn etwas kaputt ging, was nicht selten mein Verschulden war, musste ich mich meistens an jemand anderen wenden, um es zu reparieren, da ich handwerklich zwei linke Hände besaß. Außerdem muss ich zugeben, dass ich auch sehr bequem war. Zu meiner Verteidigung war Nayara, was all diese Punkte anging, auch nur marginal besser, aber wirklich wohler fühlte ich mich dadurch nicht. Sie hätte sich auch an jemanden binden können, der ihr praktisch gesehen von größerem Nutzen wäre. Man mochte sich zwar unschöne Dinge über Mischlinge sagen, aber man konnte Nayara, die von väterlicher Seite aus Portugiesin war, nicht nachsagen, dass sie nicht attraktiv wäre – alleine ihre fröhliche, aufgeweckte Art trug schon einen Teil dazu bei.

„Also, zurück zum Thema“, forderte sie mich auf, als wir ausstiegen. „Kannst du mir nicht noch mehr zu deiner Audition erzählen? Professionelle Kühlschränke, die dich allesamt nicht mögen,  besonders der Bassist. Ausnahme ist vielleicht der Trompeter, von dem du aber selbst nicht all zu viel hältst, sonst hättest du dich an seinen Namen erinnert, was eventuell damit zusammenhängt, weil er so… laut und fröhlich ist. Wie kann man nur. So. Das ist alles. Achja, und ihr habt dieses seltsame Jazzstück gespielt.“
So sonderlich ist es eigentlich nicht mal.
„Während wir das Stück gespielt haben…“, begann ich, während wir durch das triste, unbelebte Industriegebiet gingen.
„Ich habe mich ziemlich häufig verspielt. Aber ich habe es irgendwie noch retten können. Ich habe so getan, als wären die falschen Töne irgendwelche Akkordergänzungen und offenbar hat es funktioniert.“
„Doch nicht ganz so professionell, was?“, lachte Nayara.
„Ach… ich weiß nicht, der Bandleader war ziemlich in Eile, ich glaube, er hat kaum zugehört.“
„Wenn jemand bei der Audition nicht richtig zuhört, wird er es auch danach nicht tun“, versuchte mich Nayara mit beschwichtigender Stimme zu beruhigen. Ich sah sie mit hochgezogener Augenbraue an und seufzte.
„Äh…“, machte sie verlegen.
„Was ich damit sagen wollte – schade, dass er nicht gehört hat, wie einfallsreich du bist! Aber möglicherweise hat er ja genau das erwartet und dich darum auch sofort genommen, vielleicht hat er…“
„Lass gut sein, Nayara.“
Sie packte mich am Arm.
„Hey.“
Ich sah sie müde an. Wieder dieser theatralische Blick in ihren Augen, auf den meist eine dramatische Rede folgte.
„Du bist ein super Pianist. Ein super nervöser vielleicht, aber nichtsdestotrotz bist du wahnsinnig kreativ, vielseitig und kannst mit unheimlich viel Ausdruck spielen. Mach dich nicht runter.“
„Sieh mich an“, erwidere ich. „Ich bin ein Studienabbrecher, hatte noch nie länger als ein Jahr lang einen festen Job und – sehen wir’s doch ein. Ich war nie ein Jazzpianist. Sobald die Jungs von Major Five das erkennen, sofern sie’s nicht ohnehin bereits erkannt haben, werfen sie mich wieder aus der Band. Du sagst, ich soll mich nicht runtermachen? Das brauche ich gar nicht tun. Ich bin bereits ganz unten.“

Hier weiterlesen: Identität des Landes

 

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4 thoughts on “Topophobie – Mission Debriefing

  1. Ich mag an sich keine Kommentare in denen, inhaltlich, nur „gut gemacht“ oder „schlecht gemacht“ steht (wobei ich bisher nicht erwarte, dass du jemals letzteres von mir bekommen wirst).
    Jedenfalls versuch ich deshalb immer noch etwas einzubringen, was hilfreich für dich ist. Allerdings machst du es mir wirklich schwer, diesen Vorsatz zu erfüllen 😉

    Einen kleinen Fehler hab ich dann doch entdeckt. “ Sie wusste, dass ich nicht gerne über Dinge sprach, die sie, ich oder irgendjemand anderes erlebt hat“ Du beziehst dich auf mehrere Personen, deshalb „haben“ oder „hatten“.

    Und dann habe ich noch eine Anmerkung zum Layout. Ich finde es verwirrend, wenn eine Person etwas sagt oder tut, dann eine Leerzeile kommt und es anschließend mit der gleichen Person weitergeht. Beispiel:
    „Äh…“, machte sie verlegen.

    „Was ich damit sagen wollte – schade, dass er nicht gehört hat, wie einfallsreich du bist! Aber möglicherweise hat er ja genau das erwartet und dich darum auch sofort genommen, vielleicht hat er…“

    Beides kommt ja von Nayara aber wegen dem großen Abstand denk ich immer kurz, dass die Person wechselt. Ich weiß jetzt auch nicht inwiefern das Layout der Seite daran Schuld ist aber ich fände es übersichtlicher wenn man das ändern könnte.

    Ansonsten wieder richtig gut gemacht. Daumen hoch!

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  2. Kann Atarka in dem Punkt Abstands-Layout nur zustimmen. Ich stutzte auch bei den Leerzeilen zwischen zwei Sätzen derselben Person (Naraya). Ansonsten ist mir der erste Dialog persönlich einen Tick zu lang („Warum nicht Aktienkurse“), sodass er für mich ganz leicht verwässert. Ansonsten ein schöner Kunstgriff, die Spannung noch zu halten, indem die Szene schon gelaufen ist und jetzt im Rückblick erzählt wird. Grüße!

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    1. Das Problem war, dass ich bis vor Kurzem noch nicht wusste, wie man die Absätze besser kontrollieren kann. Jetzt habe ich die HTML-Schreiboption entdeckt und das ganze etwas bearbeitet. Ist es so angenehmer zu lesen oder sind es schon fast wieder zu wenige Absätze?

      Schade, dass der erste Dialog etwas an Spannung verliert. Tatsächlich habe ich gehofft, dass er kurzweiliger rüberkommt, kürzen will ich ihn jedoch auch nicht unbedingt, weil er für den nächsten Abschnitt schon Hintergrundinformationen liefert, bzw eben auch das Problem mit den Finanzen angesprochen wird. Wenn du den nächsten Post gelesen hast, kannst du mir ja schreiben, ob du immer noch der Meinung bist, dass das erste Dialog zu lang ist.

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      1. Ja, die html-Option fand ich auch erst später 🙂 Bei unserem Stutzen ging es dabei wirklich nur um den Zeilenumbruch beim selben Sprecher. Die anderen Abstände haben mich nicht gestört – vielleicht sogar im Gegenteil. Ich bin mir selbst nicht sicher, wie ich das machen soll: Im gedruckten Buch haben Zeilenabstände nichts zu suchen, aber beim Lesen am Bildschirm oder bei E-Books erleichtern sie das Lesen. Wie gesagt, bin mir überhaupt nicht sicher. Bei mir habe ich das Bildschirm/Ebook-System in den Einzelszenen beibehalten, also auch mit vielen Abständen. In der PDF-Datei des Gesamttextes habe ich alle wieder rausgenommen. Ist letztlich wohl eine Geschmackssache. Wie gesagt: Fürs Lesen am Bildschirm sind es jetzt vielleicht tatsächlich wieder eher zu wenig Leerzeilen 🙂
        Und wenn ich schreibe „zu lang“, dann ist das natürlich nur ein „Hauch“, nichts was „wirklich“ stört.

        Gefällt 1 Person

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