Topophobie – Der Wilde Vagabund

Wir saßen im Dubliner, unserer Lieblingskneipe in der ganzen Stadt, nicht zuletzt, weil die rustikale Einrichtung mit den ganzen alten Holzmöbeln, die dämmrige Beleuchtung, sowie die irische Folkmusik zu einer gemütlichen Atmosphäre beitrugen, sondern auch, weil die Auswahl an Biersorten betrachtlich und die Preise erstaunlich fair waren. Ehrlich gesagt wunderte ich mich, dass Leon mit in den Irish Pub kam. Erstens trank er keinen Alkohol und zweitens unternahm er in der Regel abseits der Bandprobe nie etwas mit uns. Er unternahm grundsätzlich selten irgendetwas, das nicht irgendeinem höheren Zweck diente und Besuche in die Kneipe gehörten grundsätzlich dazu. Wir lernten uns damals noch während dem Studium kennen, als er bereits im vierten und ich im zweiten Semester war. Nachdem er mich zufälligerweise einmal an der Universität üben gehört hat, kam er auf den Gedanken, mit mir eine Band zu gründen und hat mir seine Idee gleich vorgeschlagen. Eine Art Poprock/Klassikband. Coversongs mit klassischem Einschlag, um das Studium mit Gigs besser finanzieren zu können. Mit nichts, so sagte er damals, macht man schneller leichte Kohle, wie mit billigen Coversongs. Und wenn man die auch noch originell präsentieren würde, sowieso. Ich habe darin eine Gelegenheit gesehen, meinen besten Freund Felix wieder etwas regelmäßig zu sehen, der schon mit sieben Jahren angefangen hatte, Schlagzeug zu spielen. Zwar nur als Hobby, aber dafür solide. Wir nahmen noch Florian, einen Kommilitonen von Leon als Sänger mit an Bord, wobei Leon ihn nach einem halben Jahr wieder aus der Band warf. Florian verlangte, mit der Begründung, er sei der Sänger und damit der Frontmann, einen größeren Anteil unserer Gage für sich, was für Leon schon Grund genug war, ihn rauszuwerfen. Ich hatte kein Problem damit, da ich Florian ohnehin nicht gut leiden konnte und im Nachhinein hatte ich schon doppelt kein Problem damit, da wir während der Suche nach einem neuen Sänger auf Nayara trafen. Sie brachte zwar das Problem mit, dass sie sich nach einem Jahr weigerte, Cover zu machen, weil sie selbst leidenschaftliche Songwriterin war, aber da ihre Lieder wirklich gut waren und keine Lust auf einen neuen Sängerwechsel hatten, akzeptierten wir das.

Im Augenblick malte Nayara mit niedergeschlagenem Gesicht Smileys in die Schaumkrone ihres Bieres und seufzte.
„Das ist unfair“, bemerkte sie nach einer längeren Zeit des Schweigens. „Nichts für ungut, Jungs, aber warum ist Felix gegangen, nachdem ich als letztes zu ihm gesprochen habe? Ich war die einzige, die vorhin respektvoll mit ihm umgegangen ist. Das ist einfach nicht gerecht.“
Leon lachte trocken und nahm sich ein Nacho aus seiner Schale.
„Ja, du warst heute die Anmut in Person, wahrhaft reizend!“
Sie funkelte ihn böse mit ihren dunkelbraunen Augen an. Der Witz dabei war nur, dass sie dabei nie bedrohlich aussah. Wenn man sich ein Rehkitz mit Gesichtskrämpfen vorstellt, sofern Rehkitze überhaupt Gesichtskrämpfe haben können, so traf diese Mimik wohl noch am ehesten zu.
„Ich habe übrigens nur versucht, euch von dem Wettbewerb zu überzeugen“, fuhr Leon fort und rührte in seiner Käsesauce. „Was mir ja bei euch offenbar gelungen ist. Ich habe nichts anderes bei Felix versucht.“
Ich schnaubte genervt.
„Ihr habt vielleicht Probleme…“, bemerkte ich leise murmelnd, während ich desinteressiert Nayaras Malkünste beobachtete.
„Ja, richtig!“, bestätigte Leon energisch. „Das ist gar nicht das Problem! Das ist doch so was von egal, wer was als letztes gesagt hat!“
„Warum diskutierst du dann mit ihr darüber?“, raunte ich.
„Das Problem ist“, sprach Leon weiter, ohne auf meine Frage einzugehen. „Dass wir nun einen neuen Schlagzeuger brauchen.“
„Er kommt schon wieder“, sagte Nayara, kniff die Lippen zusammen und schlug mit den Fingern auf den Tisch. „Ihr… wir haben ihn einfach zu sehr in die Ecke gedrängt. Er hat doch selbst gesagt, wir würden uns in einer Woche wieder sehen, wenn wir ihn bis dahin noch möchten. Ich rede einfach mal mit ihm darüber.“
„Wenn du wirklich willst, dass er in der Band bleibt und das auf Dauer funktioniert“, merkte ich an. „Dann sollten wir besser mit Alina darüber sprechen.“

Nayara nickte langsam und malte nun gedankenversunken Smileys in das Kondenswasser am Bierglas, weil sie den Schaum inzwischen weg getrunken hatte oder er ihr an der Oberlippe wie ein grotesker, beige-farbener Schnurrbart hing.
„Ja, sollte ich wohl… dumme Schlampe.“
Leon lachte darüber.
„Die Etikette einer Prinzessin. Warum schreibst du eigentlich nie Schimpfwörter in deine Texte, Nat, mit so einer Muse?“
„Vielleicht tue ich es ja“, gab ich zurück. Auch ich habe gelegentlich ein paar Songs geschrieben. Die meisten haben wir aber letztlich nicht gespielt. Nicht, weil sie niemand mochte, sondern, wie Leon begründete, weil sie vom Arrangement her zu komplex und vielschichtig waren, als dass der Gelegenheitshörer das mögen würde. Es kam selten genug vor, dass man sich bei Ablehnung so gut fühlte.
„Du achtest doch ohnehin nicht auf den Text.“
„Stimmt“, bestätigte Leon lächelnd und schob sich ein weiteres Nacho in den Mund.
„Was ist eigentlich mit dieser Alina? Das ist doch Felix‘ Frau, richtig? Ist sie wirklich so ein Ungeheuer?“
„Ja“, gaben Nayara und ich gleichzeitig zurück.
„Naja“, berichtigte sich Nayara.
„Was jetzt? Ja oder Naja? Was ist denn so schlimm?“, fragte Leon.
Nayara hob ihren Zeigefinger und stierte nachdenklich auf die Tischplatte, musste dann aber mit dem Kopf schütteln und gequält das Gesicht verziehen.

„Ich versuche gerade aufrichtig, etwas Gutes über sie zu finden – aber alles, woran ich denken kann, ist, dass sie so unglaublich fordernd ist!“, antwortete Nayara frustriert. „Es ist einfach schlimm, wie viel Wert sie auf bestimmte Dinge legt. Höflichkeitsfloskeln, Sauberkeit… und so materiell! Man könnte meinen, sie käme irgendwie aus einem Adelshaus, so wie sie sich aufführt und durch die Gegend stolziert.“
„Es wäre auch nicht besser, wenn das der Fall wäre“, bemerkte ich.
„Will unbedingt ein Haus mit Swimming Pool – bei dem Wetter hier! Als wenn sie das jemals benutzen würde!“, erzählte Nayara mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Rennt ständig mit Markenklamotten herum, muss sich immer unter Schichten von Schminke verstecken…“
Leon schmunzelte.
„Ist da vielleicht jemand neidisch?“
Ich fühlte mich nicht sonderlich wohl dabei, dass er unsere Finanzen indirekt ansprach, die ja all das Angesprochene erst möglich machten. Nayara fühlte sich offenbar noch viel unwohler, so wie sich ihre Augen weiteten.
„Was?!“, rief sie und einige andere Gäste des Pubs drehten sich kurz zu ihr um. „Schau mich an, du weißt, wie ich mich kleide! Ich brezel mich nicht auf wie eine Barbie-Puppe! Glaubst du allen Ernstes, dass ich so etwas brauche? Markenklamotten? Tonnenweise Make-Up? Niemand braucht so etwas!“
Nayara sah zu einer der Frauen, die zu uns herüberschauten und seufzte.
„Du brauchst das auch nicht!“, rief sie zu ihr herüber. „Du bist wunderschön, auch ohne all dem Rouge und Puder! Trau dich, natürlich zu sein!“
Die junge Frau drehte sich erschrocken weg und tat so, als wäre sie nicht angesprochen worden. Leons Grinsen wurde noch breiter und er zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht ja nicht du, sondern dein Freund? Vielleicht fände er es zur Abwechslung ja mal ganz schön, wenn du… hey!“
Nayara hatte den Nachoteller über seinen Schoß geschüttet. Ächzend legte Leon seinen Snack mit den Fingern zurück in den Teller, stand auf und klopfte sich ab.
„Und ihr fragt euch, warum ich so selten außerhalb der Bandprobe etwas mit euch unternehme…“, seufzte Leon. „Warum musst du auch immer so impulsiv sein, Nayara? Entschuldigt mich, ich gehe auf die Toilette, ich will nicht, dass man mich so sieht.“
Er stand auf und betrachtete uns.
„Wobei ich als Schmierfink besser zu euch beiden passe. Wechselt ihr eure Klamotten überhaupt mal?“
„Verpiss dich!“, lachte Nayara und warf ihm ein Nacho hinterher. Dann rückte sie näher zu mir und schmiegte ihren Kopf an meine Schulter.

„Ich mag deine impulsive Art“, sagte ich und schmunzelte. „Aber nur, wenn sie sich nicht gegen mich richtet und ich sie beobachten kann.“
Nayara kicherte, nahm sich eine Hand voll Nachos und stopfte sie sich in den Mund. Das Lied, das aus den Boxen ertönte wechselte zu „The Wild Rover“. Ich summte die Melodie, halb geistesabwesend mit.
„Alles klar mit dir? Wie fühlst du dich?“, fragte sie mich und ein paar Krümel fielen ihr aus dem Mund. Ich kratzte mich am Kopf. Ja. Gute Frage. Wie fühlte ich mich?
„Ich weiß nicht. Ich denke, es ist zu früh, darüber zu urteilen, ob Felix tatsächlich vorhat, uns zu verlassen. Wie du sagtest, so direkt hat er das ja auch gar nicht angekündigt. Er kann ja manchmal sehr wankelmütig sein, morgen denkt er vielleicht ganz anders über die Sache. Heute war einfach ein seltsamer Tag.“
„Wem sagst du das!“, bestätigte Nayara und zog ihre Augenbrauen hoch. „Mich hat heute ein achtjähriger Schüler gefragt, ob ich ihn heiraten würde.“
Ich sah sie lachend an.
„Und? Hast du angenommen?“
Sie lächelte schief.
„Tja, ich weiß nicht!“, entgegnete sie spitz. „Vielleicht hätte ich das tun sollen, was? Wenn mein Freund nicht mal eifersüchtig wird, wenn ein anderer Kerl mir einen Heiratsantrag macht, ist es vielleicht doch eine Überlegung wert!“
„Genau!“, erwiderte ich trocken. „Vor allem, wenn dieser andere Kerl acht Jahre alt ist.“
Sie kicherte. Ich kannte dieses Kichern. Es war ein Anzeichen dafür, dass sie nervös war. Und wenn Nayara nervös war, dann machte mich das erst recht nervös. Ich wusste nie so recht, was es jetzt wieder war. Sie konnte doch unmöglich ihre Anekdote über den Achtjährigen meinen, oder?
„Nat?“
„Ja?“
„Findest du, ich sollte mich mehr aufbrezeln?“
Ich lachte. Genauso nervös, wie Nayara gekichert hat. Ich war kein Freund von dickem Make-Up, künstlichen Wimpern und Lippenstift. Nayara war in meinen Augen wunderschön. Und ich übertreibe damit nicht. Sie war keine Schönheit im klassischen Sinne – sie hatte abstehende, spitze Ohren, ein eher quadratisch anmutendes Gesicht und ein vorstehendes Kinn, aber dennoch war ich vom Moment an, an dem ich sie zum ersten Mal traf, bis jetzt vollkommen von ihrer Erscheinung verzückt. Und doch, wenn ich ehrlich war, empfand ich es doch auch als ziemlich attraktiv, wenn sie sich wenigstens ein wenig Lidschatten auftrug oder sich auch ab und an mit einem schicken Kleid in Schale warf.
„Nein“, antwortete ich beschwichtigend und strich ihr durch ihr dickes, dunkelblondes Haar. „Du bist eine natürliche Schönheit. So gefällst du mir am Besten.“
„Du unverbesserlicher Schleimer“, antwortete Nayara mit zufriedenem Gesichtsausdruck und gab mir einen Kuss. Ich atmete innerlich erleichtert durch, ihr die Antwort gegeben zu haben, die sie hören wollte. Ich hoffte, dass keine weiteren Fragen dieser Art mehr folgten.
„Nat?“
„Ja?“
„Ich fände es schön, wenn du ein wenig mehr Interesse an meinem Alltag zeigen würdest.“
Ich kniff die Lippen zusammen. Da ihr Kopf wieder an meine Schulter gelehnt war, konnte ich mir das leisten.
„Ja, tut mir Leid. Werde ich. Es ist nur, heute…“
„Ja, ich weiß“, unterbrach sie mich. „Heute war ein wichtiger Tag für dich.“
Nein, dachte ich. Nicht wichtig, nur anstrengend.
„Danke für dein Verständnis. Ich werde mich bemühen.“

Ich wünschte, mir wäre in dem Moment etwas Konkretes eingefallen, was ich mir im Gegenzug von ihr hätte wünschen können, etwas, auf was sie im Gegenzug achten könnte, aber letztlich war ich froh darüber, dass mir nichts einfiel. Sie hätte es ohnehin nicht gut aufgenommen. Schließlich kehrte Leon wieder von der Toilette zurück und setzte sich zu uns auf die Rundbank.
„Sag mal“, fragte ich ihn. „Die ganze Zeit reden wir über Felix und vorhin über meine Audition… dabei bist du doch selbst auf der Suche nach einer Anstellung. Hast du schon was gefunden?“
Leon zog die Augenbrauen hoch und zuckte mit lässigem Lächeln mit den Schultern.
„So lange bin ich ja noch gar nicht mit meinem Studium fertig“, erklärte er. „Wenn ich wöllte, könnte ich sofort eine Lehrstelle haben. Man hat mich schon vor dem Abschlusskonzert gefragt. Aber…“
Er sah uns beide verschwörerisch an.
„…wie ihr wisst, werde ich Mitglied der Ledringer Philharmoniker!“
„Nein, wissen wir nicht!“, merkte Nayara aufgeregt an und beugte sich vor. „Wie jetzt, wirklich? Sie haben dich genommen? Wann warst du denn bei ihnen?“
„Nein, nein…“, erklärte er mit verschmitztem Grinsen und klopfte mit seinen Fingerkuppen auf den Tisch. „Ich muss erst noch ein paar Aufnahmen machen und dann an sie schicken, sobald dort eine Stelle als Kontrabassist frei wird. Allerdings ist der momentane Ersatzbassist dort schon sehr alt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er geht. Oder ins Gras beißt. Und dann steht ein junger, begabter Nachfolger bereits in den Startlöchern. Und wenn sie mich erst ein paar Mal spielen gehört haben, werde ich bald Mitglied der Stammbesetzung, glaubt mir.“
„Napoleon träumt groß“, meinte ich schmunzelnd. Nayara brummte enttäuscht.
„Aber wenn jemand sturköpfig genug ist, diesen Plan durchzuziehen, dann du. Auch, wenn das eher ein Ziel, als ein Plan ist…“
Ich wunderte mich nur, dass er tatsächlich auf etwas wartete. Leon wartete in der Regel nie gerne auf etwas. Mir kam kurz das absurde Bild, wie er mit einem Scharfschützengewehr auf den Dächern darauf wartet, dass der Ersatz-Kontrabassist der Philharmoniker sich auf die Straße begibt.

„So ist es“, bestätigte er mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck. „Und… während ich auf der Toilette war – habt ihr eine gute Eigenschaft von Alina herausgefunden? Wäre nicht schlecht, wenn ihr euch zumindest an etwas klammern könnt, wenn ihr mit ihr sprecht.“
„Ja, mir ist was eingefallen“, antwortete Nayara. „Einmal, da waren wir das erste und letzte Mal auf ihrer Geburtstagsfeier eingeladen. Ich habe ein wenig mit Felix herumgeschäkert. Ganz harmlos, du warst da, Nat. War nichts ernst zu nehmendes, richtig?“
Ich erinnerte mich. Wir beide waren zu dem Zeitpunkt noch nicht zusammen, aber auch, wenn Nayara Recht hatte – es war wirklich nur harmloses Schöngetue, empfand ich es damals wie einen dumpfen Schlag in die Magengrube. Wenngleich Alina daraufhin  vollkommen übertrieben reagiert hatte, konnte ich ihren Ärger in diesem Moment doch verstehen.
„Das konnte man eigentlich nicht einmal als „Herumschäkern“ bezeichnen“, pflichtete ich Nayara bei, wusste aber nicht, worauf sie hinaus wollte. Leon wohl ebenfalls nicht.
„Was ist daran jetzt so positiv?“, fragte er. Nayara nahm einen langen Schluck aus ihrem Bierglas.Es bedeckte ihr ganzes Gesicht. Sie setzte ab und hob ihre Augenbrauen an.
„Sie ist so versessen von ihrem Mann, dass sie immerhin dazu in der Lage ist, Eifersucht zu empfinden. Das kann manchmal ganz schmeichelhaft sein.“
Das Lied wechselte zu „Far Away In Australia“ und Nayara summte die Melodie mit.

Hier weiterlesen: Mitarbeiter des Monats

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