Topophobie – Der Alte Rob

Das war es. Mehr musste nicht gesagt werden – ich sagte nichts mehr und ging. Nicht, weil ich beleidigt war oder die Lust am Diskutieren verloren hätte. Es gab nichts zum Diskutieren. Ich richtete mehr Schaden als Gewinne an, das war einfach eine Tatsache. Meine melodramatische Seite wühlte sich aus mir hervor und versuchte mir einzureden, dass ich diese Aussage auch auf meine ganze Existenz beziehen könnte, aber ich konnte sie mit glücklicherweise wieder niederringen. Ich richtete keine Gewinne an, mochte ja sein, dachte ich mir, aber ich hätte auch nicht gewusst, was ich denn überhaupt gewinnen wollen würde. Ich war weder auf aus ein großes, schickes Haus mit Swimming Pool, noch auf eine Anstellung bei irgendeinem Orchester oder einer Band. Natürlich, es war gut, dass mich die Major Five genommen hatten, aber ich riss mich jetzt auch nicht sonderlich um den Posten. Und was den Schaden anging, fielen mir nur finanzielle Schäden auf und durch die kam ich irgendwie immer hinweg. Mal davon abgesehen, dass ich gerade meinen ohnehin beschissenen Job verloren hatte, sagte ich mir selbst, ging es mir doch prima. Ich schlenderte pfeifend durch die Straße. Die strahlende Sonne schuf einen herrlich warmen, klaren Herbsttag und ich genoss den Geruch von welkenden Blättern, der durch den Wind zog. Ich schloss meinen MP3-Player an und ließ die Musik laufen. Es war noch die Musik darauf, die ich mir bis zum auditiven Erbrechen reingezogen habe, um das Genre besser zu verstehen und vertrauter mit der Musik zu werden. Jazzstandards, die mit jedem Mal anhören langweiliger wurden, dudelten sedierend wie Aufzugsmusik durch die Kopfhörer. Mir wurde klar, dass ich dennoch nie so gut spielen würde, wie Keith Jarret, Oscar Peterson oder Duke Ellington. Ich bewunderte sie und verachtete sie gleichermaßen. In diesem Moment verachtete ich sie aber größtenteils.

„Scheiß Angeber…“, murmelte ich und skippte weiter. Charlie Parker. John Coltrane. Besser, weil keine Pianisten, sondern Saxophonisten, aber immer noch deprimierend. Haben sich eben für ein anderes Instrument entschieden. Ich brauchte aber Musik. Ich benötigte irgendetwas, um mich abzulenken und so hörte ich schließlich bei Frank Sinatra auf, Lieder zu überspringen. Dieser überhebliche, ekelhafte Chauvinist war so arrogant, dass es wieder erträglich war. Wenn jemand mit seinem Talent angibt, ist es leichter ihn dafür zu hassen, als wenn man eine bescheidene Person für ihr Können beneidet.
Fools rush in, so here I am, very glad to be unhappy…
Ich wurde wütend auf mich, als ich an einem Bettler vorbei lief und mir Tränen in die Augen schossen. Ich versuchte, mich nicht vor mir selbst lächerlich zu halten, aber mein Bindehautsack wollte wohl offenbar unbedingt gereinigt werden, vor allem, als ich die Münzen in dem grellgrünen Plastikbecher des heruntergekommenen, ungepflegten Mannes erblickte. Er sah mich an, sagte irgendwas. Ich blinzelte meine Tränen weg, presste die Lippen zusammen und nahm die Hörer aus den Ohren.
„Ist alles in Ordnung bei dir, mein Junge?“
Erst nach einigen Sekunden merkte ich, dass ich ihn ungläubig anstarrte.
„Nein“, antwortete ich. „Aber ich würde lieber nicht darüber reden.“
„Rede darüber“, antwortete der Bettler. Er hatte größtenteils schwarze Zähne, die anderen waren gelb oder bereits nicht mehr im Kiefer. „Es wird dir besser gehen, wenn du darüber sprichst!“
„Nein, ich… ich würde mich lächerlich fühlen, wenn ich ihnen meine Sorgen mitteilen würde. Aber danke für das Angebot.“

Dann ging ich weiter, verwundert, nachdenklich. Vielleicht sollte ich tatsächlich mit jemandem darüber reden. Aber mit wem? Just in diesem Moment fiel mir auf, dass meine Antwort dem Bettler gegenüber wahrscheinlich völlig falsch angekommen ist. Ich drehte sofort um und rannte zu ihm zurück.
„Verzeihung, verzeihen sie mir bitte!“, rief ich hektisch. „Ich… ich habe das nicht so gemeint. Dass ich ihnen nicht meine Sorgen mitteilen würde, weil sie… nunja, ein Bettler sind!“
Er sah mich verwirrt an.
„Warum dann?“
Ich sah auf die paar Münzen, die auf dem grellgrünen Teller lagen. Nayara tauchte vor meinem geistigen Auge auf und ich fühlte, wie sich eine kalte Hand um mein Herz legte.
„Weil… sie ein Bettler sind und nur über mich lachen würden. Also doch, eigentlich schon, deshalb. Weil sie ein Bettler sind.“
„Ach komm, verpiss dich“, sprach er mit müder Stimme. „Da wollte ich nur freundlich sein und dann beschimpfst du kleiner Bengel mich auch noch.“
„Nein, das habe ich nicht so gemeint“, erwiderte ich, halb verzweifelt und halb wie in einem seltsamen Traum gefangen. Ich konnte meinen Blick auf unerklärliche Weise nicht von den Münzen losreißen.
„Ich… ich denke nicht geringer von ihnen als von mir selbst. Ich habe nur Probleme, die sie wohl gar nicht als welche ansehen würden.“
Ich lehnte mich gegen die Wand, gegen die er sich schon die ganze Zeit lehnte und rutschte an ihr herunter.
„Aha und die wären?“
„Egal“, meinte ich und sah auf die beschäftigte Fußgängerstraße. Überall Leute, die ihr Leben auf die Reihe bekamen. Überall diese verfluchten Leute mit ihren hoch erhobenen Köpfen. Die schnell und beschäftigt über die Straße huschten, keine Zeit zu verlieren hatten, weil sie so unglaublich wichtig waren. Deren Blicke weit über die Straße, vorbei an allen anderen huschten, zielgerichtet, selbstsicher. Bestimmt erfolgreich in der Karriere. Mit einer aussichtsvollen Zukunft, einer gesicherten Zukunft. Ich hoffte in einem Anflug von Bitterkeit, dass sie im Gegenzug ein kaputtes Privatleben hatten. Keine Hobbies, für die sie Zeit hatten. Vielleicht ein Burnout-Syndrom.

„Hören sie Musik?“, fragte ich den Bettler, ohne zu ihm herüberzublicken.
„Ja, natürlich“, antwortete dieser. Offenbar hat er mir bereits verziehen, auch, wenn er mich nicht verstand. Passierte ihm wohl häufiger, dass er beleidigt wurde. Ich gab ihm meinen Ohrstöpsel für das linke Ohr.
I can’t win, but here I am – more than glad to be unhappy…
Er summte mit. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er mit dieser Musik etwas anfangen könnte. Ein klein wenig mochte ich ihn dafür allerdings weniger.
„Hmmm…“, machte er.“Habe ich schon lang nicht mehr gehört… Like a straying… hmmm… baby lamb… with no mammy and no pappy… I’m so unhappy, but oh, so glad…“
Er hatte eine beträchtlich schöne Singstimme für solch einen heruntergekommenen Mann. Ich lächelte ihn verwundert an.
„Nicht schlecht!“, meinte ich staunend.
„Danke, Junge“, murmelte der Mann. „Hab damals in einer Big Band gesungen. Unter anderem auch diesen Song. Mann, waren das Zeiten.“
Sein Blick wurde schlagartig so glasig und wehleidig, dass mich alleine davon schon herzzerreißendes Mitleid packte. Ich wollte gerade fragen, was aus der Big Band geworden ist, da erzählte er bereits weiter.
„Und dann habe ich kurz vor einem Auftritt herausgefunden, dass meine Frau mich betrog. Hab mich zulaufen lassen. Kam betrunken auf die Bühne. Wurde hinterher sofort rausgeworfen.“
„Sie waren Berufsmusiker?“
Bei der Erscheinung konnte man sich das kaum vorstellen. Der Mann roch schlimm, hatte schrumpelige, ledrige Haut und zerzaustes, fettiges Haar. Man hätte vielleicht noch am ehesten erwartet, dass er mal in einer Punk- oder einer Nu-Metalband gesungen hat.
„Ja, war ich“, antwortete er traurig, doch schwang auch etwas Stolz in seiner Stimme. „Sänger in der angesagtesten Big Band in ganz Deutschland!“
„Haben sie keinen anderen Job als Sänger bekommen?“
Er lachte mit rauer, tiefer Stimme. Es war ein freudloses Lachen.
„Du hast keine Ahnung vom Musikgeschäft, was? Wenn du einmal in einer einigermaßen bedeutenden Besetzung gespielt hast und dir deine Reputation erst versaut hast, dann kannst du’s vergessen. Es sei denn, du willst auf einem anderen Kontinent neu durchstarten.“
„Hört sich ja sehr ermutigend an…“, bemerkte ich.
„Wieso? Willst du etwa mit Musik dein Geld verdienen?“
Der Mann lachte, dieses Mal ehrlicher.
„Such dir was Anständiges, Junge, sonst endest du noch genau so wie ich!“

Als ich gerade darüber nachdachte, warum ich mich überhaupt zu ihm gesetzt habe, merkte ich, wie sehr mir das Schicksal doch immer wieder einen Streich spielen wollte. Ich atmete tief durch und zwang mich zu einem Lächeln, dem Schicksal direkt ins Gesicht.
„Ehrlich gesagt“, antwortete ich. „Als Berufsmusiker… oder so was ähnliches… beruhigt es mich zu hören, dass sie wohl in einer enorm angesagten Band gespielt haben, aber trotzdem hier gelandet sind.“
„Ist ja schön, dass ich helfen konnte…“, knurrte der Obdachlose pampig.
„Es gibt mir einfach das Gefühl, dass ich nichts falsch gemacht habe. Oder nichts richtig machen könnte.“
„Doch, mach was Anständiges!“
„Dafür bin ich wohl zu stur.“
„Na, dann bist du selbst schuld. Sag hinterher nicht, dass dich der alte Rob nicht gewarnt hätte.“
Ich sah ihn mit breitem Lächeln an.
„Sagen sie, alter Rob… haben sie Lust auf einen kleinen Nebenverdienst?“
Er sah mich misstrauisch an.
„Ich habe daheim eine Gitarre und bin nicht schlecht damit“, erklärte ich. „Ich bringe sie morgen mit, hier an diese Stelle – und dann machen wir Musik! Sinatra, Zeugs von Glen Miller, der ganze Big Band Krams. Die Einnahmen teilen wir uns dann. Ihr Becher wird sich um einiges schneller füllen, glauben sie mir!“
Er lächelte schief und kratzte sich am Kopf, wobei seine Wollmütze etwas verrutschte.
„Kommen sie schon!“, drängte ich und versuchte möglichst begeistert zu klingen, was mir etwas schwer fiel, da ich mich erst einmal selbst vollkommen von dieser Schnapsidee überzeugen musste.
„Ich habe sie vorhin nur kurz singen gehört und weiß jetzt schon, dass sie es noch voll drauf haben! Auf der Straße oder auf der Bühne – Rob, zeigen sie diesen gehetzten Aufziehpuppen in der Stadt, dass sie es immer noch richtig drauf haben!“
„Big Band mit ner Gitarre und einem Penner?“, er kicherte belustigt. „Auch, wenn du kein Jazzer, bist, sonst würdest du so einen dämlichen Vorschlag wohl kaum machen, bist du wohl trotzdem ein Musiker, sonst wärst du nicht so verzweifelt. Mach dich also nicht noch weiter runter.“
„Wenn sie mit an Bord sind, Rob“, erklärte ich ihm mit meinem wärmsten Lächeln und fragte mich, ob ich das gerade wirklich machte. „Dann ziehe ich meinen dämlichen Vorschlag dennoch durch. Ich brauche das Geld und sie können es bestimmt auch gut gebrauchen. Und nebenbei bin ich schon ganz unten.“

Hier weiterlesen: Unerwarteter Besuch

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