Bestrafung

Erde spritzte durch die Luft, als Rhikio die rostige Feldhacke im großen Bogen in den Acker schlug. Die klobigen Hände festigten den Griff um den erdverschmierten Holzschaft und rissen das Werkzeug wieder aus dem Boden, dass die Klumpen flogen.

Während der Bewegung schloss Rhikhio fest die Augen, um die Erinnerungen zu vertreiben, die wieder aufkamen. Und doch spaltete die Klinge des Wegelagerers den Schädel seines Bruders erneut, als wäre er eine reife Melone.

Rhikios Blick richtete sich wieder auf den aufgewühlten Ackerboden.

Die Erde, Regenwürmer, Wurzeln und Steine hatten doch keine Ähnlichkeit mit einem Kopf, die alte, krumme Feldhacke keine mit der Klinge eines Daos.

Einige Tropfen fielen vom sich verdunkelnden Himmel und vermischten sich mit den Schweißperlen auf der großen Stirn des Bauerns und ein paar davon kullerten in seine mandelförmigen Augen. Rhikio blinzelte verwundert, als die Hacke beim nächsten Hieb gegen etwas Hartes polterte und der Aufprall durch die muskulösen Arme vibrierte. Rhikio bückte sich, wischte sich mit seiner linken Hand über die Stirn, wobei er dort eine Spur feuchter Erde hinterließ und griff nach dem faustgroßen Stein, den er soeben getroffen hatte.

Er war kantig, eckig und grau, lag unbequem in der Hand und doch starrte der große Mann ihn nachdenklich an. Ganz anders als die Steine im Flussbett, die er so gerne über die Wasseroberfläche springen ließ.

Die Mönche des Wasserdrachens aus dem Osten pflegten zu sagen, dass das Leben mit seinen Hindernissen Menschen ebenso glättet, wie ein Fluss aus kantigen Steinen Kiesel formt. Doch Rhikio spürte noch viele Kanten an sich, trotz seiner siebenundzwanzig Jahre und jenes Nachmittags an der Kreuzung vor Longkhiao und er wurde Tag für Tag darauf aufmerksam gemacht. Er wog den Stein in seiner Hand, warf ihn ein paar Mal in die Luft und steckte ihn schließlich in seine große Seitentasche in der Hose, ohne wirklich zu wissen, weshalb er dieses hässliche, störende Ding mitnehmen wollte.

„Wenn du in diesem Tempo weiterarbeitest, werden wir bald nichts zu essen haben!“, rief eine krächzende, tiefe Stimme. Rhikio drehte sich um und sah zur Holzscheune. Unter ihren grünen Dächern, die noch einige Schritte über den Scheunenrand hinausragten, saß ein alter, kleiner Mann mit zerknittertem Gesicht und Salz-und-Pfeffer-Bart auf einem Schaukelstuhl. Seine knochigen Hände lagen auf einer Stoffdecke, die in den Landesfarben Souminzus, rot und grün bestickt war und die er bis über den Bauch gezogen hatte.

„Verzeiht, Vater!“, rief Rhikio mit seiner brummigen, warmen Stimme zurück und ließ die Feldhacke wieder auf den Boden zu schnellen. Die Regentropfen wurden größer und zahlreicher, verwandelten die Erde in Schlamm.

Wasser sammelte sich in den schwarzen, nackenlangen Haaren, im Backen- und im Kinnbart des stämmigen Bauerns an und tropfte an ihm herunter.

Wenn ich lange genug im Regen arbeite, vielleicht schleift er meine Kanten auch ab. Vielleicht werde ich dann zu einem richtigen, ehrenhaften Mann.

Matsch spritzte in Rhikios Gesicht, als die Hacke erneut in die Erde eindrang.

 

Eine zierliche Frau brachte Rhikio, der völlig durchnässt auf einem grünen Sitzkissen saß, eine Tasse mit heißem Kräutertee.

„Danke, Masukhe“, brummte Rhikio und nahm die kleine Tasse aus Ton behutsam in seine Hände. Masukhe ließ sich auf dem blauen Sitzkissen am Tisch neben Rhikio nieder und faltete ihr graues, schlichtes Kleid zurecht.

Damals hatte sie noch wunderschöne Kleider in allen Farben. Hat sie mittlerweile nur noch dieses eine?

Er zuckte mit seiner Schulter, da das Tuch, das er sich vorher um seinen nassen Körper geschlungen hatte, zu rutschen drohte, wodurch es jedoch noch mehr ins Rutschen kam.

„Pass auf, der Tee ist heiß“, warnte Masukhe mit sanfter Stimme.

Rhikio zerrte das Tuch wieder zurück und verschüttete etwas Tee auf seine Brust. Zischend sog er die Luft zwischen seinen Zähnen ein.

„Ja“, antwortete er, wischte sich den Tee von der haarigen Brust und nahm einen Schluck. Der Tee war in der Tat sehr heiß, aber die Wärme tat ihm gut und er schmeckte. Rhikio schloss seine Augen und atmete tief durch.

„Genieße ihn“, riet ihm Masukhe. „Das ist der letzte Aufguss, den wir haben.“

Rhikio nickte und rieb seine wulstigen Finger an der rauen Oberfläche der Tasse. Es war wieder ein anstrengender Tag auf dem Feld gewesen und er war froh für jeden noch so kleinen Genuss, jede Stunde der Erholung, bevor die Arbeit morgen wieder weiterging. Rhikio hatte sich nie etwas anderes gewünscht, als Bauer zu werden. Er mochte die Ochsen, die ihm bei der Feldarbeit halfen, hatte ihnen schon als Kind immer Namen gegeben, liebte den Geruch frischer Erde und genoss es, am Essenstisch die Früchte getaner Arbeit schmecken zu können. Er schätzte den idyllischen Ausblick ins Tal, die Ruhe und den Frieden der Abgeschiedenheit und war glücklich darüber, das tun zu dürfen, was er beherrschte – das Handwerk eines Bauern. Doch seit er die Arbeit von vier Männern leisten musste, schienen die Ochsen störrisch, die Erde dreckig, das Essen fad und der Ausblick ins Tal sowie die Stille trostlos und beklemmend zu werden.

Seine Glieder waren müde und ein permanentes Stechen zog sich durch seinen Rücken, das erst besser wurde, wenn er sich liegend zusammenkauerte.

„Wie geht es den Kindern?“, fragte er seine Schwester.

Als sie traurig zu Boden sah, wirkte sie durch die Sorgenfalten älter als die dreiundzwanzig Jahre, die sie zählte. Ihr einst so glänzendes, langes schwarzes Haar wirkte strohig und wirr, ihre Lippen waren aufgesprungen und die Tränensäcke unter ihren Augen schienen noch tiefer geworden zu sein.

„Sie vermissen ihren Vater“, sprach Masukhe in härterem Tonfall, als Rhikio es von ihr gewohnt war. „Ich weiß nicht, wie ich es ihnen klar machen soll, dass er nicht mehr zurückkommen wird.“

Rhikio sah mit nachdenklichem Blick ins kleine Ofenfeuer, das neben dem Flachtisch leise prasselte.

„Vater sagte, wenn Dandha noch leben würde, hätte er ihn gesucht und getötet.“

Masukhe sah zu ihrem großen Bruder auf und hob ihre Augenbrauen an, betrachtete ihn ruhig.

„Ja, das hätte er wohl.“

„Vater meint auch, wenn ich nur halb so mutig wäre, wie er, hätte ich ihn aufgehalten, einfach so zu gehen.“

Masukhe presste ihre Lippen zusammen und schwieg.

„Wir konnten ihn nicht mehr bezahlen“, sprach Rhikio weiter. „Er wurde in die Familie aufgenommen – wie ich!“, ertönte die energische Stimme Yazhyes. Rhikio hatte sie gar nicht kommen gesehen.

„Er hätte bleiben und für sich und seine Familie arbeiten sollen wie es ein ehrenhafter Mann tut!“

Die beiden Geschwister schwiegen. Yazhye beugte sich zu Masukhe herunter, so dass die weiten Ärmel ihrer langen, gelbe Wandung den Steinboden berührte.

„Dandha hätte ihm die Eingeweiden ausgerissen und ihn damit aufgehängt!“, keifte sie gehässig und verengte ihre ohnehin schon schmalen Augen. Rhikio sah zu seiner Schwester herüber, die nur mit kaltem Blick ins Feuer starrte. Dann wandte sich seine Schwägerin an ihn.

„Wenn du Dandha beschützt hättest!“

„Niemandem wäre damit geholfen, wenn Gotho tot wäre.“

Yazhye zuckte angewidert mit ihrem Gesicht zurück und sah Rhikio verständnislos an.

„Er sitzt nun bestimmt irgendwo in Longkhiao und hurt sich durch die halbe Stadt! Willst du mir etwa sagen, er habe den Tod nicht verdient?“

„Es steht mir nicht zu, darüber zu entscheiden“, antwortete Rhikio ruhig, wenngleich sein Griff um die heiße Tasse fester wurde. Yazhye wirbelte mit den Armen, um ihre Ärmel wieder einzuwickeln.

„Er befleckt die Ehre deiner Schwester!“

Masukhe stand auf und neigte den Kopf knapp vor Rhikio und Yazhye.

„Ghege, Schwägerin…“

Rhikio sah, wie sich die Flammen des Ofens in ihren feuchten Augen spiegelten.

„Es ist spät, ich entschuldige mich.“

Dann verließ sie den Wohnraum und eilte die knarzenden, alten Holztreppen hinauf ins Obergeschoss.

Als ihre Schritte nicht mehr zu vernehmen waren, nahm Rhikio einen weiteren Schluck aus der Tasse, rieb mit dem großen Daumen über die Stelle, an der er seinen Mund angesetzt hatte und stellte die Tasse behutsam auf den Tisch.

Dann stand er auf und blickte Yazhye, die ihn immer noch feindselig ansah ins Gesicht.

„Liebe Schwägerin“, begann er langsam. „Ich glaube, du bist nicht zu mir gekommen, um mit mir über vergangene Tage zu plaudern. Was willst du?“

Yazhye schwieg und starrte Rhikio weiter an, der sich darauf konzentrierte, ihrem kalten Blick nicht auszuweichen. Ihre Augäpfel zitterten, stellte er fest und auch in ihnen spiegelte sich das Feuer des Kamins. Sie war eine sehr schöne Frau, wie Rhikio fand, aber diese Gehässigkeit seit Dhandas Tod vertrieb jede Anmut aus ihrem Gesicht. Schließlich brach Yazhye das unangenehme Schweigen.

„Jiaozhu Sessetho hat mich beauftragt, dich zu rufen. Er wartet im Schreinraum auf dich und will mit dir reden.“

Dann wirbelte Yazhye herum, dass ihr gelbes Kleid Rhikios Nase streifte und ging eiligen Schrittes ins Nebenzimmer.

 

Das Reispapier im dünnen Holzrahmen vibrierte, als Rhikio leise die Tür zum drei Mal drei Schritt kleinen Raum aufschob. Drinnen kniete sein Vater vor einem Schrein und betete. Vier Kerzen, von denen jeweils zwei an den Seiten der steinernen Drachenabbildung standen, beleuchteten das dämmrige Zimmer und von den tönernen Behältern aus stieg ein würziger Geruch.

Langsam setzte Rhikio einen Fuß vor den anderen, achtete darauf, nicht zu laut zu atmen und nickte ehrfürchtig der Drachenstatue zu. Etwa einen Meter vor dem gebrechlichen alten Mann, der mit der Stirn und den Handinnenflächen den kalten Steinboden berührte und leise vor sich hinmurmelte, blieb Rhikio stehen und betrachtete die steinerne Statue, die etwa die Größe einer Stadtkatze hatte. Die einzige weitere Gemeinsamkeit zu einer Katze waren neben der Größe jedoch nur noch das grüne Funkeln der Augen. Wie sie da stand, wirkte sie fast lebendig, mit diesen grünen Augen aus Smaragden, hunderten Schuppen aus grauem Stein, einer majestätischen, fast menschlichen Physiognomie, den geschwungenen Drachenklauen und den von feinen Äderchen durchzogenen Flügeln.

Das Abbild Jôteis, des göttlichen Kaiserdrachens, Herrscher über Recht und Ordnung, Wahrer der Macht und der Weisheit stand auf einem vergoldeten Sockel und Rhikio hatte das Gefühl, die Statue würde ihn missbilligend betrachten. Er hatte sich immer mehr zu Jhinza, dem Sohn Jôteis, Gott der Aufrichtigkeit und Loyalität und vor allem zu dessen Gemahlin Renai, Göttin der Gnade, der Fruchtbarkeit und der Liebe hingezogen gefühlt. Jôtei war zwar gerecht und stand für Harmonie, wirkte auf Rhikio jedoch auch hart, kalt und streng, wie auch seine Prinzipien, wohingegen die von Jhinza und Renai Wärme und Trost ausstrahlten.

Der alte Mann kniete immer noch und sprach flüsternd Gebete, während sich seine Hände mal anspannten und über den Steinkacheln zusammenzogen, dann wieder locker wurden. Rhikio trat von einem Fuß auf den anderen – er wollte seinen Vater nicht einfach so beim Beten unterbrechen, aber andererseits, wollte dieser mit ihm sprechen. Wusste er, dass er schon hier war?

Weshalb habe ich mich eigentlich so bemüht, ohne einem Geräusch einzutreten?

Das hatte er bisher immer gemacht, wenn er diesen Raum betreten hatte. Schon als Kind wurde ihm eingeflößt, immer mit der höchstmöglichen Ehrfurcht vor die Götter und Ahnen zu treten und Ehrfurcht zeigte man laut den Aussagen des Jiaozhu, des Familienältesten, vor allem in der Stille. Er würde nicht einfach die Stimme erheben, das wäre respektlos gewesen.

Leise streifte Rhikio mit seinem nackten Fuß über den kalten Steinboden, doch das Geräusch, dass dadurch erzeugt wurde, schien sein Vater nicht wahrzunehmen.

Dann atmete er tief ein, spitzte seine Lippen und presste die Luft wieder aus seinem Mund, so dass ein leises Pusten zu hören war. Als sein Vater immer noch nicht reagierte, kratzte sich Rhikio unter seinem rechten Arm, zog dann aber rasch wieder seine Hand zurück, kniff die Augen zusammen und schalt sich innerlich für sein ungebührendes Verhalten.

Ich kann mich nicht vor den Augen des mächtigen Jôtei unter dem Arm kratzen!

Er sprach eine lautlose Entschuldigung, bei der er nur den Mund bewegte an den Drachengott und überlegte, ob dieser sie hören würde.

Jôtei sah jeden Frevel und hörte jedes ketzerische Wort, doch hörte er auch alle Entschuldigungen, die Gedanken der Reue?

Viele Menschen in der Stadt glaubten, dass die Menschen den Gottdrachen egal wären und sich nicht um sie kümmerten, aber Vater war da völlig anderer Meinung. Selbst nach dem Tod Dhandas ließ er den Glauben nicht los, dass Jôtei die Menschen jeden Tag stets aufs Genaueste prüfte, tatsächlich war Sessetho nach dem tragischen Vorfall sogar noch viel öfter im Schreinraum anzutreffen.

Rhikio wusste nicht, was er glauben sollte. Einerseits sah er, wie sich viele Männer der Stadt der Trunkenheit und der Wollust hingaben, Unmengen an Geld für Reisschnaps und Huren ausgaben, ihre Väter verfluchten, andererseits hatte er noch nie erlebt, dass ein Blitz aus dem Himmel kam und ihrem Leben ein frühzeitiges Ende bereitete. Jedoch wollte Rhikio nichts riskieren, denn er hatte auch schon andere Geschichten gehört. Und selbst wenn er wollte, so konnte er sich weder einen Alkoholrausch noch eine Hure leisten. Einmal hatte er von einem reichen Bauern, von dem er Saatgut gekauft hatte eine Schale Reiswein spendiert bekommen und tatsächlich hatte ihm dieser sehr gemundet. Doch Rhikio war noch nie in seinem Leben betrunken gewesen und auch hatte er noch nie bei einer Frau gelegen, obgleich er sich nach einer Gemahlin sehnte. Einst hatte er sich in eine hübsche Bäuerin aus Chenlubhain verliebt, hatte sich jedoch nie getraut, sie anzusprechen, wenn er einmal im Dorf war. Nachdem sein Lehnsherr, Sabhurai Zikhade sie vor einigen Jahren zur Konkubine genommen hatte, war es sowieso zu spät. Rhikio betrachtete seinen Vater und legte seine Stirn in Falten.

Wieso suchst du mir kein Weib, Vater, wie du es damals für Dhandai getan hast? Bin ich solch eine Enttäuschung für dich?

Als hätte er seine Gedanken gehört, erhob sich Sessethos Oberkörper. Der alte Mann legte seine Hände auf die Oberschenkel und räusperte sich.

„Du kannst uns nicht versorgen, Rhikio.“

Rhikio versuchte in dem Satz eine Frage zu finden, auf die er etwas antworten konnte, doch er fand keine. Er versuchte, darin eine Vermutung zu finden, dann Zweifel, doch alles, was er hörte, war eine Feststellung.

Er senkte den Blick und nickte langsam. Sein Vater reagierte nicht. Wie auch, er hatte ihm den Rücken zugewandt und konnte sein Nicken nicht sehen.

„Es… es ist schwer, die Arbeit von Vieren zu erledigen“, sprach er leise und zögerlich.

„Ich habe dich nicht hergerufen, damit du dich vor mir rechtfertigst“, krächzte die tiefe Stimme Sessethos. Rhikio biss sich auf die Lippe – diese Antwort war unnötig gewesen. Natürlich konnte er die Familie nicht alleine versorgen, das wusste der Jiaozhu. Und doch… er hatte ihm keinen Vorwurf gemacht, doch alleine, dass er sich nicht umdrehte, um Rhikio anzusehen, sprach Bände.

„Ja, Vater.“

Der große Mann neigte den Kopf noch tiefer. „Verzeiht, Vater.“

Sessetho ging nicht weiter darauf ein.

„Ich vertraue dir eine wichtige Aufgabe an“, begann er und betonte vor allem das Wort wichtig. Rhikio konnte etwas Tadelndes in dem Tonfall erkennen.

„Du wirst morgen aufbrechen, um nach Chenlubhain zu reisen. Du wirst unsere zwei Ochsen, einen Karren mit alten Werkzeugen mitnehmen und allen, die du auf der Reise begegnest erzählen, dass du sie verkaufen willst, um keine Aufmerksamkeit auf dich zu lenken. Aber du wirst aus einem anderen…“

Sessetho begann zu husten und Rhikio beugte sich zu ihm hinunter, legte ihm die große Hand auf die kleine Schulter.

„Vater!“

Dieser schüttelte nur knapp den Kopf und winkte beschwichtigend mit seiner linken Hand über die Schulter.

„Du wirst aus einem anderen Grund nach Chenlubhain reisen“, fuhr er schließlich fort.

„Du wirst die Ochsen und die Juwelen deiner Mutter verkaufen.“

Rhikios Augen weiteten sich. Das konnte Vater unmöglich ernst meinen. Die Juwelen waren alles, was sie noch von Mutter hatten, sie waren das letzte Andenken an sie. Und ohne den Ochsen würde Rhikio noch weniger auf dem Feld leisten können.

„Aber Vater, wir können doch nicht…“, begann er, brach den Satz jedoch wieder ab und begann ihn von Neuem.

„Das ist alles, was wir noch von Mutter haben und… unser letztes Vermögen. Wir besitzen nichts von Wert, abgesehen vom Schmuck und den Ochsen! Und wie soll ich auf dem Feld…“

„Schweig!“, unterbrach ihn sein Vater scharf. Er hatte sich noch immer nicht zu ihm umgedreht, aber Rhikio konnte sich sein vom Zorn gerötetes Gesicht gut vorstellen.

„Du wirst von einem Teil des Erlöses einen großen Karren kaufen, in das euer Hab- und Gut passt. Wenn du zurückkehrst, werdet ihr nach Longkhiao ziehen und mit dem restlichen Geld dort ein neues Leben anfangen. Ich werde hier bleiben, um zu sterben.“

Rhikio öffnete seinen Mund und wollte etwas sagen, doch er war zu erschlagen über den Auftrag seines Vaters. Er fasste sich an die Stirn und rieb sie, schloss die Augen fest und öffnete sie wieder weit, in der Hoffnung er habe nur schlecht geträumt und würde gleich wieder aufwachen. Er wagte es nicht, seinem Jiaozhu zu widersprechen, aber konnte doch auch nicht einfach zulassen, dass er zurückgelassen wurde, um zu sterben! Er verzog sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse, als er nach einer Antwort suchte.

„Vater, was ist mit unserem Lehnsherrn, Sabhurai Zikhade? Er wird sich fragen, weshalb wir ihm keine Abgaben mehr geben können! Dürfen… dürfen wir denn einfach so unseren Hof verlassen?“

„Wir konnten ihm doch schon vergangenes Jahr keine Abgaben mehr geben – er hat stattdessen all unser Geld genommen, hast du das vergessen, du törichter Junge?“

Sessetho hustete wieder, dieses Mal heftiger. Die Hustenanfälle waren immer stärker, wenn er verärgert war.

„Was sollen wir ihm geben, wenn er wieder kommt? Yazhyes Kinder? Oder die deiner Schwester? Wir haben nichts mehr, es gibt keine andere Möglichkeit. Versteckt euch unter den Großstädtern und legt euch… neue Namen an.“

Rhikio bemerkte, wie die Hände seines Vaters sich zu Fäusten ballten, als er das aussprach.

„Zikhade dürfte euch nicht finden und belästigen können, er merkt sich selten die Gesichter Unseresgleichen. Und wenn er wieder an den Hof kommt, wird er ihn halb zerfallen und ausgeraubt vorfinden. Von mir wird er nur noch einen Leichnam finden und glauben, Plünderer hätten uns überfallen.“

Rhikio atmete tief ein und viel langsamer wieder aus. Erneut wollte er am liebsten etwas erwidern, aber der kalte Blick Jôteis riet ihm davon ab, als wolle er ihm in Erinnerung rufen, wer der Herr des Hauses, wer der Jiaozhu war. Er wusste nicht, was er in Longkhiao tun sollte, wenn er erst einmal dort war. Ein paar wenige Male war er bereits in der großen Stadt an der Drachenbrücke gewesen, doch er hatte nicht einmal daran gedacht, einmal in solch einer Umgebung zu leben. Die gewaltigen Steingebäude waren höher als die Scheune, selbst wenn sie drei mal so hoch wäre, liefen zu spitzen Türmen zusammen und weder deren Dächer noch die Bäume, die in der Stadt standen, ließen viel Sonnenlicht auf die Straßen Longkhiaos fallen. Während bereits die Menschen des Dorfes Chenlubhain sich sehr von den Bauern auf dem Land unterschieden, so schienen die von Longkhiao aus einer völlig anderen Welt zu stammen. Sie kleideten sich anders, sprachen anders, bewegten sich anders und rochen sogar anders. Alles stank dort und die Luft war erdrückend schwül und dick. Ja – wie sollte Rhikio dort überhaupt Arbeit finden und wenn, als was überhaupt? Ihm würden kaum Alternativen bleiben, als ein neues Handwerk zu erlernen, doch wer würde einen Lehrling aufnehmen, der schon fast dreißig war? Das Tagelöhnerdasein wäre sein letzter Ausweg. Er war groß und stark und die Männer, die nach Arbeitskräften suchten, hielten vor allem nach großen und starken Männern Ausschau. Aber was würde aus den Frauen werden? Um Masukhe brauchte er sich wohl weniger zu sorgen, denn sie war eine hervorragende Näherin. Alle Decken, Kissen und Bilder hatte sie genäht und mit etwas Glück würde sie eine Einstellung als Näherin bekommen. Nur was war mit Yazhye? Ihr Sohn Lhoa war ebenfalls groß und stark für sein Alter und würde in einigen Jahren ebenfalls als Tagelöhner arbeiten können, aber bis er alt genug war, gab es nichts, was Yazhye tun könnte, um ihn und sich selbst zu versorgen. Sie konnte kochen, aber das einzige Gericht, das sie beherrschte, war eine Möhrensuppe, die nicht einmal für Rhikios Geschmack sonderlich gut schmeckte und damit würde sie in der Stadt nicht weit kommen. Vielleicht hatte Vater einen neuen Gemahl für sie gefunden – es wäre nicht schwierig gewesen, denn obwohl sie bereits zwei Kinder zur Welt gebracht hatte, war Yazhye sehr hübsch und mit einundzwanzig Jahren immer noch jung. Dann würde sie vielleicht nicht einmal mit nach Longkhiao reisen müssen. Er warf einen Blick auf den Hinterkopf seines Vaters, dann sah er die steinerne Statuette an.

Jôtei wird meinen Vater mit gutem Rat versorgt haben, dachte Rhikio. Er wird wissen, was er tut. Ich hätte anders gehandelt, aber ich bin nicht mit so viel Weisheit gesegnet, wie Vater.

„Ich werde dann aufbrechen, wenn ihr es wünscht, Vater.“

Sessetho antwortete nicht und Rhikio war sich nicht sicher, ob er überhaupt noch auf eine Antwort warten sollte. Langsam setzte einen Fuß hinter den anderen, ohne dabei seinen Vater und Jôtei aus den Augen zu lassen. Als er noch einen Schritt weiter ging, spürte Rhikio, dass er sich zu sehr nach rechts neigte und ruderte mit den Armen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Stolpere jetzt bloß nicht! Wahre das letzte bisschen Ehre, das du in den Augen deines Vaters noch hast!

Etwas lauter und hastiger als beabsichtigt trat Rhikio wieder mit dem linken Fuß auf, fand dann aber wieder sicheren Halt. Er fragte sich, weshalb die Götter ihn nur mit so wenig Geschick ausgestattet haben, dass er nicht einmal ohne Probleme rückwärts gehen konnte, aber wie immer, wenn er sich solche Fragen stellte, schalt er sich wieder innerlich für die Anmaßung, den Willen der Götter in Frage zu stellen.

„Rhikio“, sprach sein Vater plötzlich mit dünner und zittriger Stimme. Rhikio rührte sich nicht und sah auf den kleinen Kopf, der sich langsam zu ihm umdrehte. Er konnte nun die rechte Hälfte des Gesichts seines Vaters erkennen, rot, wie er befürchtet hatte, doch glänzten seine Wange und sein Auge feucht im Lichte der Kerzen.

„Wenn du zurückkehrst, wirst du Yazyhe zur Frau nehmen. Du wirst dich um sie und ihre Kinder kümmern.“

 

Der Nebel war wieder einmal so dicht, dass man gerade noch die ausgestreckte Hand vor Augen sehen konnte, wenn man nicht unbedingt so lange Arme wie Rhikio hatte. Er führte Ghoyte und Bhousan, die beiden Ochsen an einer Leine über die schmale Straße, die vom Bauernhof nach Chenlubhain führte. Es war eine Tagesreise und da Rhikio schon sehr früh aufgebrochen war, hoffte er, am nächsten Abend wieder daheim zu sein. Er sah sich um, soweit es die geringe Sichtweite erlaubte. Über die Kiesbedeckte Straße hüpfte eine gelbe, warzenübersäte Kröte und am rechten Wegesrand wuchsen Yhanzebüsche, aus deren dunkelgrünen, dünnen Blätter man ein Getränk kochen konnte, das gut gegen Erkältungen war. In der Ferne hörte man das Zirpen der Grillen und hin und wieder einige Vögel, die gemeinsam zwitscherten.

Ich sollte diese Reise genießen, dachte sich Rhikio und ging etwas langsamer. Er würde ja sowieso in Chenlubhain übernachten müssen und was machte es schon für einen Unterschied, ob er vor oder während der Abenddämmerung ankam?

Ich sollte es genießen, einen Tag durch den schönen Wald wandern zu können, ohne ständig daran zu denken, welche Verantwortung auf mir lastet und wie viel ich noch zu tun habe.

Die Verantwortung wog jedoch schwer in seiner Brusttasche. Der Schmuck seiner verstorbenen Mutter war zwar leicht, leichter auf jeden Fall als eine Feldhacke, aber ihr Gewicht schien Rhikio förmlich nach unten zu ziehen und schmerzte in seinem Rücken. Er hatte sich gestern Abend vorgenommen, nicht mehr weiter an die Pläne, die sein Vater für seine Familie hatte zu denken und das Grübeln auf die Reise zu verschieben, während der er ohnehin nichts anderes machen konnte.

Doch sobald er versuchte, einen vernünftigen, klaren Gedanken zu fassen, wirbelte alles in seinem Kopf wieder durcheinander.

„Es ist eine leichte Aufgabe“, hörte Rhikio seinen Vater sprechen. Es waren die Worte, die er ihm gesagt hatte, als er ihm zögernd den braunen Lederbeutel mit den Schmuckstücken von Mutter überreicht hatte. „Enttäusche mich nicht wieder.“

Es war das erste Mal, dass sein Vater es ausgesprochen hatte. Enttäusche mich nicht wieder. Es war das letzte Wort, dieses kurze, kleine wieder, das sich wie ein Speer in Rhikios Herz gebohrt hatte, die Bestätigung dafür, dass er falsch gehandelt hatte, als er während dem Überfall an der Kreuzung nur wie angewurzelt da gestanden hatte, während sein Bruder mutig zum Dolch griff.

Es war Rhikio schon immer klar gewesen, aber ausgesprochen von seinem Jiaozhu verlieh es der Tatsache mehr Gewicht: er, Rhikio, hatte seinen Vater enttäuscht.

Eine ganze Weile hatte Vater noch auf ihn eingeredet und ihm erklärt, wie viel er mindestens für Ghoyte, Bhousan, den Schmuck und selbst für die Werkzeuge verlangen sollte. Diese klapperten in den Seitentaschen, welche die Ochsen trugen  und in dem knarzenden Handkarren, den Rhikio hinter sich her zog.

„Lass dich nicht über’s Ohr hauen, Junge!“, hatte Sessetho gewarnt. „Fange bei dem großen Ochsen mit einhundert Yhen an. Das wird zwar niemand annehmen, aber lässt ihn wertvoller erscheinen, als er eigentlich ist. Und handele nicht weiter runter als vierzig Yhen. Wenn man dir weniger geben will, dann suche dir einen anderen Handelspartner. Wenn man auf dein Angebot eingeht, dann schlage vor, den kleinen Ochsen und den großen für ingesamt neunzig Yhen zu verkaufen – du wirst den Kleinen anders nicht los, niemand wird ihn einzeln kaufen wollen.“

Rhikio drehte sich zu Bhousan, dem kleinen, schwarzen Ochsen um, der gemütlich vor sich hinkaute, obwohl er nichts im Mund hatte und streichelte ihm über die Nase.

„Armer, kleiner Bhousan“, murmelte er leise und lächelte traurig. „Achte nicht darauf, was mein alter Herr gesagt hatte. Ich habe deine Hilfe immer sehr zu schätzen gewusst.“

Das einzige, worüber sich Rhikio tatsächlich sorgen machte, war, dass Wegelagerer auftauchen würden, um die beiden Ochsen zu stehlen, denn anders als die Werkzeuge waren sie tatsächlich einiges Wert.

Wenn ich überhaupt vierzig Yhen für sie bekomme.

Für dieses Geld würde er alles nötige für einen großen Karren, die nötige Verpflegung bis nach Longkhiao und je nach dem, wie viel Glück sie hatten auch für einige Wochen Unterkunft in der großen Stadt aufkommen können. Wenn er dann auch noch dreißig Yhen für den Schmuck bekam, wäre das schon mal ein guter Anfang. So gut, wie ein trostloser Anfang ohne richtiger Perspektive eben sein konnte. Er dachte an Yazhye und der Gedanke, sie zur Frau zu nehmen, ließ es ihn heiß und kalt über den Rücken laufen.

Wird sie mich jemals lieben, so wie sie Dhanda geliebt hat? Vermutlich wird sie mich nicht einmal in ihr Bett lassen…

Er fragte sich, ob Yazhye schon von den Plänen seines Vaters wusste. Vielleicht war sie deshalb gestern Abend so feindselig gewesen. Auf der anderen Seite war sie schon seit fünf Jahren so zu ihm. Vermutlich wusste sie es noch nicht, dafür wirkte sie gestern noch zu gefasst. Würde sie es wissen, wenn Rhikio wieder heimkehren würde?

„Vielleicht ändert sie ihre Meinung über mich, wenn ich viel Geld mitbringen und einen schönen, großen Karren!“, sprach Rhikio zu sich selbst.

Ghoyte schnaubte und das Schnauben hörte sich in diesem Moment wie ein spöttisches Lachen an.

„Willst du auch noch Salz in meine Wunden streuen?“, fragte Rhikio ihn wehmütig und legte seine Hand auf die große Schulter des kräftigen Ochsens. „Ich brauche etwas mehr Hoffnung. Das ist alles, was ich noch habe. Bald habe ich ja nicht einmal mehr dich, mein Großer.“

Ghoyte schnaubte erneut und blieb stehen.

„Was ist denn los?“

Verwundert sah sich Rhikio um, konnte jedoch nicht besonders viel erkennen.

„Was denn? Nun komm schon!“

Er zerrte etwas an Ghoytes Leine, doch der Ochse weigerte sich vehement, weiter auf der Straße zu gehen, während Bhousan links von ihm gemächlich kauend weiterging.

Rhikio zerrte fester, verlor dabei den Halt auf dem feuchten Kiesboden, rutschte aus und fiel rücklings auf den Boden. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen und irgendetwas Spitzes bohrte sich in das Fleisch seines rechten Schenkels. Er rollte zur anderen Seite, dass der Druck nachließ und bemerkte beinahe zu spät, dass es weiter links nicht mehr viel Platz zum Wegrollen gab – ein Arm und ein Bein baumelten ins Leere und Steinchen bröckelten einen steilen Abhang hinunter. Erschrocken drehte sich Rhikio wieder zurück und stand auf.

Er klopfte sich den gröbsten Schmutz von der grauen Leinenkleidung und atmete erleichtert durch.

„Kein Wunder, dass du Angst hast, an so einem steilen Abhang weiterzugehen“, sprach er zu Ghoyte, während seine Hand an die verletzte Stelle fuhr. Es war der Stein gewesen, den er sich gestern in die Tasche gesteckt hatte. Verärgert nahm Rhikio ihn heraus und warf ihn kopfschüttelnd den Abhang hinab. Der Abhang musste tatsächlich sehr tief gewesen sein, den Rhikio konnte den Aufprall des Steines nicht mehr hören.

„Komm schon“, sprach er mit beschwichtigender Stimme zum großen Ochsen und nahm ihn erneut an der Leine, zog ihn jedoch zu Boushan an den entgegengesetzten Wegesrand. „Wir nehmen etwas Abstand von diesem gefährlichen Abhang.“

 

Der Weg verlief noch weiter am Rande des Abhangs, senkte sich jedoch bald und verlief in die andere Richtung weiter bergab, so dass man, wenn man nach oben sah, den Rand des Pfades sehen konnte, auf dem man zuvor noch gegangen war. Jetzt konnte sich Rhikio auch wieder erinnern. Es war schon länger her, dass er nach Chenlubhain gereist war und damals war es nicht so neblig gewesen. Sein Bruder und er waren noch Jungen gewesen und Dandha hatte ein Spiel mit ihm spielen wollen, wer näher am Rand geht, doch Rhikio hatte keine Lust darauf. Dandha hatte erst dann aufgehört, sich über die Feigheit seines kleinen Bruders lustig zu machen, als Vater ihn dafür getadelt hatte.

„Rhikio ist nur vernünftig“, hatte er ihn angemahnt. „Und du solltest es auch sein. Du magst zwar mutig sein, so nahe am Abgrund zu gehen, aber was nützt das dir, wenn du den sicheren Halt verlierst und hinunterstürzt?“

Ob Vater jetzt immer noch so dachte? Wohl kaum. Dandha war immer der mutigere von beiden gewesen, der abenteuerlustigere und der lautere und damals war es immer Dandha, der Ärger dafür bekommen hatte, nichts ernst zu nehmen. Nun war es Rhikio, der die Enttäuschung der Familie war, weil er überhaupt nichts von alledem war.

Als die Banditen aus dem Gebüsch sprangen, hatte Vater sofort sein Kurzschwert zur Hand, Dandha seinen Langdolch. Auch Rhikio trug den Langdolch bei sich, den er auch heute an seinem Gürtel trug, doch er hatte ihn nicht einmal berührt, stand nur wie angewurzelt da, als zuerst einer und dann die anderen beiden bewaffneten Banditen angriffen, den Mund und die Augen weit geöffnet.

Vater trennte dem ersten sofort den Arm vom Leib, während sich die anderen beiden auf Dandha stürzten, der mit dem Dolch in der Hand herumfuchtelte und wüste Beleidigungen schrie. Dandha trieb einen der Banditen mutig vor sich her und obwohl dieser mit einem Kriegshammer bewaffnet war, der eine höhere Reichweite hatte, als der Dolch, kam der Bandit nicht zum Schlag. Als ihn der zweite angriff, bohrte sich dessen Dao in Dandhas Schulter, der sich daraufhin schreiend umdrehte und wie wild nach seinem Peiniger schlug.

Vater stürzte sich auf den Banditen mit dem Dao, aber dieser konnte dem Hieb des Daos noch ausweichen. Dann, für einen kurzen Moment, sah Vater Rhikio in die Augen. Es lag so viel in diesem Blick, den Rhikio bis heute nicht vergessen konnte: Unglaube und Verwunderung, Wut und Enttäuschung, ein Befehl, eine Aufforderung, Trauer, Schmerz. Doch Rhikio konnte sich nicht bewegen, zu sehr war er durch die Angst gelähmt. Gerade eben hatte Dandha noch Witze über ihn gemacht und einen Moment später… sah Rhikio, wie im Gebüsch ein weiterer Bandit einen Pfeil auflegte. Dandha schnitt dem Banditen mit dem Kriegshammer mit einem triumphierenden Lachen in den Arm, als Rhikio ihn warnen wollte, doch die Worte blieben ihm wie ein Kloß im Hals stecken. Der Pfeil traf Dandha Mitten in die Brust und unterbrach seinen wilden Angriff, so dass der Bandit mit dem Kriegshammer die nötige Zeit fand, ihm die Waffe mit einem wuchtigen Hieb aus der Hand zu schlagen.

Rhikio konnte erst reagieren, als der Bandit, der Vater soeben mit einem Tritt zu Boden geschickt hatte, seine Klinge auf Dandhas Kopf zuschnellen ließ und hob zögerlich die Hand, während sein Mund unkontrolliert auf und zu klappte.

Als Rhikio das Blut spritzen sah, wurde ihm schwarz vor Augen und seine Knie wurden weich. Als er wieder erwachte, war alles weg – die Pferde, der Karren, die Banditen. Nur Vater beugte sich weinend über den Leichnam seines ältesten Sohnes, der bis zur Unkenntlichkeit entstellt war.

 

Ein tiefes, kehliges Knurren riss Rhikio aus seinen Erinnerungen. Er konnte zwar nichts sehen, aber das Knurren kam ganz aus der Nähe und veranlasste Rhikio, sofort nach seiner Waffe zu greifen. Unsicher trat er nach vorne und hielt die Spitze des Dolches schützend vor sich. Dieses Mal war er vorbereitet…

Ein weiteres Knurren war zu vernehmen – es war viel zu guttural, als dass es menschlich sein konnte und Rhikio war sich nicht ganz sicher, ob er darüber glücklich sein sollte. Die Ochsen bewegten sich keinen Schritt weiter und gaben vor Furcht keinen Laut mehr von sich und am liebsten hätte Rhikio es ihnen gleich getan, aber er konnte sich bewegen, war nicht gelähmt vor Angst und dieses Mal würde er handeln. Keine wilden Tiere würden seine Ochsen reißen, nicht solange er noch am Leben war. Als er sich der Quelle des Geräuschs näherte, erkannte er im Nebel zuerst zwei schwarze, vierbeinige Gestalten in der Größe eines Kindes. Während die Konturen immer deutlicher wurden, bemerkte Rhikio mit wachsendem Unbehagen, dass die beiden Gestalten sich ihm zu wandten. Gelbe Augen mit schmalen, schwarzen Pupillen wie die einer Schlange, nur viel größer blitzten auf und starrten Rhikio entgegen. Unterhalb der Augen befand sich eine blutverschmierte Schnauze, die wie der Rest des Körpers mit nassem, dünnen Fell  besetzt war. Knurrend öffnete eines der Wesen das Maul und eine gespaltene, dünne, rosa Zunge züngelte zwischen vielen, Fingerkuppen dünnen, aber spitz zulaufenden Zähnen hindurch, zuckte vor und zurück, während die einem abgehungerten Wolf nicht ganz unähnliche Kreaturen langsam ihren Kopf zur Seite drehten.

„Ge…geht zurück, wo ihr herkamt!“, stammelte Rhikio und richtete seine Waffe abwechselnd auf die eine, dann auf die andere Kreatur, doch die reagierten rein gar nicht darauf, sondern beobachteten ihn in einer vermeintlich neutralen Haltung.

Vielleicht, dachte Rhikio, vielleicht haben sie Angst vor Menschen und haben gerade mindestens genau so große Angst vor mir, wie ich vor ihnen. Dann erblickte er neben einen Handkarren den reglosen Körper eines Mannes in bunter, feiner Kleidung, der bäuchlings auf dem Boden lag. Oder… sie wollen heraus finden, ob ich eine ebenso leichte Beute bin!

Er rief sich das Gesicht seines Vaters und das von Yazhye in Erinnerung. Sie blickten ihn enttäuscht und verachtend an.

„Feigling“, hörte er sie sagen, ruhig und bestimmt.

Ich bin kein Feigling, redete sich Rhikio ein, doch als eines der beiden Wesen die Vorderpfote hob und nach vorne trat, dann die andren drei Beine in Bewegung setzte, war er sich dessen nicht mehr ganz sicher. Diese schrecklichen Mäuler… sie waren immer noch weit geöffnet und Speichel tropfte aus ihnen heraus.

„Ich bin kein Feigling“, murmelte Rhikio schließlich. „Ich war nur nicht vorbereitet. Nun bin ich vorbereitet.“

Die zweite Kreatur zuckte mit dem Kopf nach vorne, öffnete den Mund noch weiter und entblößte eine zweite Reihe Zähne. Rhikio spürte, wie der Griff um den Langdolch vor Schweiß feucht wurde und sein Herz anfing, zu rasen.

Er hätte doch damit rechnen müssen, wilden Tieren über den Weg zu laufen. Er hatte damit gerechnet, Wegelagerern zu begegnen. Allerdings hätten die gesehen, dass er nichts bei sich trug, das sich leicht verkaufen könnte. Tiere waren kein beliebtes Beutegut, eher Wägen, vollbeladen mit Nahrung oder anderen Waren und davon hatte er nichts bei sich. Niemand hätte vermutet, dass ein kärglicher Bauer wie er kostbaren Schmuck bei sich trug. Den beiden unheimlichen Geschöpfen schien das egal zu sein, denn sie brauchten keinen Schmuck, kein Geld.

Das Blut tropfte von ihrer Schnauze. Sie brauchten nur frisches Fleisch…

„Ich bin vorbereitet…“, sprach Rhikio einmal mehr und wusste nicht, ob er es eher zu den Kreaturen oder zu sich selbst sprach. „Ich bin kein Feigling!“

Dann machte er schreiend einen Satz nach vorne und fuchtelte wie ein Besessener mit seinem Dolch nach dem wilden Tier, das augenblicklich zurückwich, genauso wie das andere. Obwohl er vollkommen außer Reichweite war, schlug er weiter um sich in die Luft, so lange, bis ihm der Atem ausging und sein rechter Arm keine Kraft mehr hatte. Als er ihn erschöpft sinken ließ, schien Rhikios Herz für einen Augenblick stehen geblieben zu sein und er malte sich bereits aus, wie sich nasse, spitze Zähne wie Nadeln in seine Kehle bohrten. Doch die Tiere waren nicht mehr da.

Unsicher drehte er sich um, doch auch hinter ihm war niemand. Sein Herz machte einen Satz, als er an seine Tiere dachte und er stürmte dorthin, wo Goyte und Bhousan stehen sollten – und immer noch seelenruhig standen.

Ich… ich habe sie vertrieben, dachte Rhikio und ein zufriedenes Lächeln machte sich in seinem großen Gesicht breit. Ganz alleine! Und es waren zwei von ihnen! Alleine habe ich gegen zwei unheimliche Tiere gekämpft und sie in die Flucht geschlagen!

Wenn er nach Hause zurückkam, so schwor er sich, würde er Yazhye und den anderen davon erzählen. Er war nicht feige gewesen, dieses Mal nicht! Da fiel ihm der Mann ein, der auf der Straße lag. Vielleicht hatte er ja heute jemanden gerettet… der Mann sah reich aus, mit seiner Kleidung. Vielleicht würde er ihn großzügig für die Rettung belohnen und Rhikio müsste weder Mutters Schmuck noch die Ochsen verkaufen.

Er eilte zurück zur Stelle, an der er den Mann gesehen hatte und dieser lag auch immer noch dort. Er beugte sich zu ihm herunter und betrachtete ihn. Der Mann war Mitte dreißig, hatte ein schmales Gesicht, einen schwarzen Bart und feine, elegant wirkende Gesichtszüge, doch waren seine Augen geschlossen und sein Gesicht blutüberströmt, was ihm ein wildes Aussehen verlieh. Erst, als Rhikio ihn schütteln wollte, fiel ihm auf, dass er seinen Langdolch noch in der Hand trug und steckte ihn schnell wieder an seinen Gürtel. Nicht, dass jemand vorbeikam und dachte, er wolle den wohlgekleideten Mann ausrauben.

Als er ihn rüttelte, bemerkte er, dass das rote, mit Goldstickereien verzierte Gewand des Mannes an der Stelle der rechten Schulter vollkommen zerrissen und blutig war. Offenbar hatten die wilden Tiere schon mit ihrem Festmahl begonnen. Doch… warum ausgerechnet dort? Rhikio sah zum Hals, doch der war völlig unversehrt. Schnappten Wölfe und deren Artsverwandte nicht immer zuerst nach der Kehle?

Die Tatsache, dass ein Katana an der Seite des Mannes hing, das Rhikio erst jetzt auffiel, machte die Situation noch rätselhafter, denn wenn es zu einem Kampf gekommen war, warum hätte der Mann nicht nach seiner Waffe gegriffen? Ein Katana… solch eine edle Waffe besaß nur der Kriegsadel Souminzus – ein Schwert mit einer langen, geraden Klinge, dessen bloße Berührung einen Schnitt verursachen konnte. Dieser Mann war nicht irgendjemand, wenn das nicht schon durch die Kleidung deutlich wurde, dann auf jeden Fall durch seine Bewaffnung.

Rhikio warf einen Blick auf den Handkarren, in dem sich eine schwarze, mit goldenen Ornamenten verzierte Truhe befand. Etwas in ihm drängte ihn dazu, die Truhe zu öffnen, aber Rhikio wusste, dass sie ihm nicht gehörte, sondern dem Mann. Lebte er überhaupt noch? Er legte seine Hand auf dessen Wangen und sie waren immer noch warm. Entweder war er also erst vor kurzem gestorben oder er war noch am Leben.

„Wacht auf!“, rief Rhikio und schüttelte den Mann erneut.

„Wacht auf, ihr seid in Sicherheit!“

Tatsächlich begann der Mann mit zusammengekniffenen Augen zu blinzeln und verzog seinen Mund.

„Was – wer?“, ächzte er und wedelte mit seinen Armen umher. Dabei stieß er ein schmerzerfülltes Keuchen aus und fasste sich an die blutende Stelle seiner Schulter.

„Ihr wurdet von wilden Tieren angefallen, mein Herr!“, erklärte Rhikio aufgeregt und nahm den Mann in den Arm, um ihn im Sitzen zu stützen.

Ich darf nicht zu schnell sprechen, sonst versteht er mich wahrscheinlich nicht. Er ist gerade erst zu sich gekommen.

„Wilde Tiere haben euch angegriffen, aber ich…“, er zögerte und sah auf seinen blanken Dolch, der an seiner Seite hing. Er biss sich auf die Lippen und griff mit der linken Hand in die Klinge. Ein greller Schmerz durchfuhr sie und warmes Blut strömte aus seiner Hand.

„A… aber ich habe sie vertrieben, mein Herr!“

Als der Mann kurz zur Seite nach seinem Handkarren sah, nutzte Rhikio die Ablenkung und rieb sich seine geschnittene Hand an der Stirn ab. Es sollte so aussehen, als wäre es ein gefährlicher Kampf gewesen, bei dem auch er nicht völlig unbeschadet davon gekommen ist.

„Ah… sie ist noch… noch da“, murmelte der Mann zufrieden, zog dann wieder eine schmerzerfüllte Grimasse und richtete seine grauen Augen wieder auf Rhikio. Er hatte eine recht hohe und dünne, jedoch freundlich anmutende Stimme.

„Ich habe im ersten Moment befürchtet, ich sei ausgeraubt worden. Sagt, wie heißt ihr?“

„Mein Name ist Rhikio, wenn es euch beliebt, mein Herr!“, antwortete Rhikio aufgeregt.

„Eure Kiste ist noch da! Niemand hat sie angerührt!“

Der Mann lächelte dankbar und tastete dann sein Gewand ab. Irgendwo, an seiner Hüfte klopfte er ein zweites Mal auf den roten Stoff und nickte seufzend.

„Rhi… Rhikio, k-könnt ihr mir bitte aufhelfen?“

Er sprach sehr undeutlich und nuschelte etwas, als wäre er betrunken.

„Na… natürlich, mein Herr, verzeiht, sofort!“

Gemeinsam standen sie auf, indem Rhikio den verwundeten Mann behutsam nach oben zog. Als er stand, fing er an zu taumeln und musste sich weiterhin am großen Bauern festhalten. Erst jetzt fiel Rhikio auf, wie blass der Mann war. Er schien viel Blut verloren zu haben.

„Mein Herr, ich bin auf dem Weg nach Chenlubhain, ein Dorf in der Nähe“, erklärte er. „Dort gibt es bestimmt einen Arzt, der sich um euch kümmert. Ich werde euch bis dorthin begleiten.“

Der Mann lächelte müde und nickte, setzte einen Fuß vor den anderen, unsicher und torkelnd.

„Ihr… ihr seid ein guter Mann, Rhikio. Meine F-f-frau hat mir geraten, ich so-solle mir einen Geleitschutz mitnehmen.“

Er drehte sich zu Rhikio um. Immer noch floss Blut aus der Wunde seiner Schulter.

„H-h-hätte wohl auf sie hören sollen, aber nun habe ich ja euch.“

„Ja, mein Herr“, antwortete Rhikio und beobachtete die unsicheren Schritte des Mannes skeptisch.“Ich glaube aber, ihr benötigt möglichst bald einen Arzt und zu Fuß kommt ihr nicht schnell genug voran.“

Der Mann blieb stehen und stützte sich mit der Hand an einem Baum ab.

„Und wie soll ich dann vorank-k-kommen?“

Rhikio warf einen Blick auf den Handkarren des Mannes, doch dieser war viel zu klein. Dann betrachtete er seinen eigenen Gerätekarren.

Ja, das dürfte funktionieren…

 

III.

Sie waren nun seit ungefähr einer Stunde unterwegs und der Nebel hatte sich größtenteils gelichtet, so dass man nun schon die Spitzen der Nadelbäume im Tal sehen konnte. Einen Großteil der Werkzeuge hatte Rhikio hinter einer großen Eiche versteckt, in der Hoffnung, dass sie auf seiner Rückreise noch dort wären und er den Baum wieder finden würde, einige hatten noch Platz in den Tragetaschen seiner Ochsen. Rhikios Passagier hatte es sich gemeinsam mit seiner Truhe in dem hölzernen Gerätekarren gemütlich gemacht und schien nun wieder bei vollen Sinnen zu sein, jedenfalls redete er nicht mehr ganz so undeutlich und stotterte nicht mehr. Reden tat er jedoch und das genug für zwei, was Rhikio beruhigte, denn die Wunde an der Schulter wollte nicht aufhören zu bluten, obwohl der Mann sich schon die ganze gemeinsame Reise über das Leinengewand von Rhikio auf die Wunde presste. Den Beutel mit dem Schmuck hatte Rhikio in die Tragetasche von Boushan gelegt.

„Ich weiß immer noch nicht, wie ich so plötzlich überwältigt werden konnte, dass mir nicht einmal die Zeit blieb, nach meinem Schwert zu greifen. Ich bin nämlich ein begnadeter Schwertkämpfer, wisst ihr?“

Rhikio brummte kurz „Hmm“, um zu zeigen, dass er zuhörte, wie er es schon seit einer ganzen Weile tat. Der Wagen war durch den Inhaltswechsel nicht leichter geworden und der Weg steinig und uneben und nicht selten steckten die Räder fest.

„Ich hatte wohl Glück in meinem Unglück, dass sofort diese wilden Tiere kamen, die die Räuber vertrieben haben, sonst wäre mein Geschenk nicht mehr hier. Ich will nämlich nach Khun-Lhao, um es meiner Nichte auf ihrer Hochzeit zu schenken. Ich hoffe, nichts ist kaputt gegangen, es ist nämlich besonders edles Porzellangeschirr aus Majia!“

Der Wagen rollte knirschend und knarzend weiter, Rhikio ging mit schweren Schritten voran und Goyte und Bhousan folgten ihm seelenruhig.

„Ihr seid ein guter Mann, Rhikio. Ich werde dafür sorgen, dass ihr ebenfalls eingeladen werdet zur Feier. Und dann wird man euch neue Kleidung geben und einen Ehrenplatz, denn ihr habt den Lieblingsonkel der Braut gerettet!“

Rhikio konnte sich gut vorstellen, dass der Mann ein Lieblingsonkel war. Anders als viele andere Adelige beachtete er Rhikio, plauderte mit ihm und das dann auch noch in einem gerade zu freundschaftlichen Tonfall.

Oder er hat Angst, dass ich ihn ausraube und ist nur so lange freundlich, bis wir in Chenlubhain angekommen sind und er mich nicht mehr braucht oder mich nicht mehr zu fürchten braucht.

„Wieso habt ihr keine Diener bei euch?“, fragte Rhikio schließlich, denn es verwunderte ihn sehr, weshalb der Adelige die Kiste mit dem Geschenk, das offenbar sehr wertvoll war, selbst zog.

„Pah, Diener“, antwortete der Mann. „Ich brauche doch keine Diener, die mich beschützen. Diese feigen Banditen hatten einfach nur Glück, mich unvorbereitet zu erwischen, normalerweise passiert mir so etwas nicht und dann kann ich es mit zehn lausigen Wegelagerern aufnehmen!“

„Das glaube ich euch, mein Herr“, entgegnete Rhikio, der sich erst langsam daran gewöhnte, mehr als nur ein paar knappe Sätze mit einem Hochgeborenen zu wechseln. Er hatte jedenfalls schon Geschichten gehört, wie gut Angehörige des Kriegeradels mit der Klinge umgehen konnten und so schien seine Antwort nicht all zu übertrieben.

„Wieso aber tragt ihr das Geschenk selbst? Hättet ihr nicht einfach einen Diener mitnehmen können, der das für euch hätte tun können?“

„Sehe ich etwa so aus, als könne ich die Kiste nicht selber transportieren?“, fragte der Mann entrüstet. „Seht euch vor, Rhikio. Ihr habt mich gerettet und noch bin ich hilflos, aber wenn ich erst einmal wieder bei vollen Kräften bin, dann könnte ich zwei von eurer Sorte in einem Karren ziehen!“

Der Mann war zwar nicht bullig wie Rhikio, auch nicht besonders groß, aber gut in Form, was man an seinem verwundeten, jedoch muskulösen Arm sehen konnte, den er freigemacht hatte.

„Verzeiht, mein Herr. Ich wollte nicht unhöflich sein oder eure Kraft in Frage stellen.“

„Ja, ja, ich verstehe. Die meisten anderen meines Standes sind sich zu Schade nicht in dem Genuss einer Dienerbegleitschaft zu reisen. Ein äußerst zweifelhafter Genuss, wenn du mich fragst. Wisst ihr, es ist nur eine Zwei-Tages-Reise und da dachte ich mir, das Risiko sei gering, dass etwas passieren würde und ich könne auf jegliche Begleitung verzichten, etwas den Kopf freibekommen.“

Rhikio brummte und fragte sich, mit wem der Mann denn dann den ganzen Weg über sprach, wenn er alleine reiste. Der Mann ächzte, als der Wagen über einen größeren Stein fuhr.

„Nein, ich bin gerne einmal nicht von Dienern umgeben. Überall schwirren sie umher, bringen Tee, bringen Essen, räumen ab, tragen Sachen herum und sind so unglaublich höflich, aber auch nur, weil man sie bezahlt und mächtig ist. Ich sehe es in ihren Augen, wie sie uns im tiefsten Inneren verachten.“

Gebt ihr Ihnen denn Grund dazu?

Aber auch diesen Gedanken sprach Rhikio nicht aus.

„Ihr seid anders, Rhikio, mein Freund. Trotz all der Vorurteile die euer Stand gegen meinen hegt – und ich weiß, dass es so ist, leugnet es nicht, habt ihr mir geholfen. Ihr hättet einfach die Truhe nehmen können, mein Geld und mein Schwert und wäret unbehelligt davon gekommen, aber ich sehe, ihr seid ein äußerst Jôteigläubiger Mann. Ach, wenn es davon doch nur mehr… ah… diese vermaledeite Wunde!“

„Blutet sie immer noch so stark?“, fragte Rhikio und drehte sich um. Er erschrak – der Adelige schien noch blasser geworden zu sein. Er musste sich beeilen.

„Ach… es geht schon. Sagt, Rhikio, habt ihr Frau und Kinder?“

Er musste an Yazhye denken.

Bald, dachte er. Vielleicht würde der Adelige ihr ja eine Stelle in seinem Haushalt verschaffen können? Und ihm als… ja, als was nur? Vielleicht brauchte er ja einen Gärtner. Rhikio hatte die großen Gärten der Adeligen nie von Nahen betrachten können und wusste nicht genau, welche Pflanzen darin wuchsen, aber so viel anders als Feldarbeit konnte die Gartenpflege ja nicht sein. Er hatte sich immerhin auch um das Kräuterbeet von Mutter gekümmert und die Kräuter wuchsen Jahr für Jahr prächtig heran.

„Rhikio?“

„Nein. Verzeiht, mein Herr, ich war in Gedanken.“

„Seid ihr müde, soll ich weniger sprechen?“

„Oh. Nein, mein Herr. Danke für das Ange…  verzeiht, ich wollte nicht… ich meine…“

Wie sollte man bloß mit solch einem merkwürdigen Adeligen reden? Er plauderte mit Rhikio, als sei er ein alter Freund – nie hätte Vater so zu ihm gesprochen.

„Kinder? Seid ihr ein Witwer? Ich hörte, euresgleichen lebt nicht sonderlich lange.“

Ein Dao spaltete den Schädel meines Bruders, als er noch nicht einmal fünfundzwanzig war, ja, manche von uns leben nicht so lange.

„Nein, keine Kinder. Ich war noch nie verheiratet. Aber wenn ich zurück zu unserem Hof kehre, wartet dort eine schöne Frau auf mich, die ich bald zu meiner Gemahlin nehmen werde.“

Hoffentlich, zumindest.

Der Mann lachte.

„Wunderbar!“, sagte er laut und klatschte in die Hände, was er zugleich aber wieder zu bereuen schien, als er zischend die Luft einsog und das Hemd wieder an die Wunde presste, als sich Rhikio besorgt zu ihm umdrehte.

„Ihr… ihr seid ja auch schon alt genug, wenn ich das mal so sagen darf. Oder wirkt ihr einfach nur älter, als ihr seid? Ich schätze euch auf ungefähr dreißig Sommer, stimmt das?“

„Ja, mein Herr.“

„Ha! Ich war schon immer gut darin, Alter zu schätzen. Wer weiß, vielleicht nehme ich ja auch an eurer Hochzeit teil? Sagt, benötigt ihr nicht zufällig etwas Geschirr?“

Rhikio merkte, wie sich Schweißperlen auf seiner großen Stirn bildeten – und die kamen nicht vom langen Marsch.

„Ich… wir… Geschirr? Also, nun… mein Herr…“

„Weißt du was?“, sprach sein Passagier vergnügt. „Ich schenke dir einfach das Porzellangeschirr für meine Nichte!“

Rhikios Augen wurden groß, sein Mund klappte auf und er war froh, dass der Adelige sein Gesicht nicht sehen konnte.

„Es ist ja nicht so, als ob sie nicht bereits ein Set hätte. Sie sammelt Porzellangeschirr, dieses verwöhnte kleine Gör, hat wahrscheinlich hunderte von Tassen und Tellern, während ihr ja offenbar nicht einmal über Geschirr verfügt!“

„Mein Herr, ich weiß nicht, was…“

„Keine Widerrede!“, unterbrach ihn der Adelige munter. „Jôtei sieht es nicht gerne, wenn der Bauer einem Shachyn widerspricht!“

Er war ein Shachyn? Die Shachyn waren die mächtigsten Männern im ganzen Land! Alle Menschen Souminzus, selbst die Sabhurai, zu denen auch der hochmütige Zikhade gehörte, beugten sich vor den Shachyn nieder, die sich das Land der Moormenschen nur untereinander aufteilen mussten. Tatsächlich war es so, dass die Sabhurai die persönlichen Krieger der Shachyn waren. So wie Vater ihnen Abgaben entrichten musste, entrichteten die Sabhurai wiederum Abgaben an ihren zugehörigen Shachyn. Der Gedanke, dass der großspurige, arrogante Zikhade der Diener eines solche Mannes sein konnte, der gerade in Rhikios Karren saß, ließ den Bauer staunen.

„Ich kaufe ihr im nächsten Dorf einfach ein neues Geschenk. Chenlubhain sagtet ihr. Ist… ist es noch weit bis dorthin?“

„Nicht mehr sehr. Wir dürften noch vor Sonnenuntergang dort ankommen.“

„Was?“, fragte der Mann erstaunt und seine Stimme klang auf einmal hohl und schwach.

„W-w-was heißt das? Wie viele Stunden, schätzt ihr?“

Rhikio zuckte mit den Schultern. Er brauchte länger mit dem Mann im Karren, also wären es vielleicht noch sechs Stunden, wenn das Wetter gut blieb.

„Sechs Stunden, wenn wir Glück haben, mein Herr.“

Er sah zu den grauen Wolken hoch, doch die hingen fast jeden Tag im Jahr am Himmel von Souminzu – um das Wetter einzuschätzen, musste man mehr auf die Konsistenz der Wolken achten und darauf, welchen Grauton sie hatten. Sie waren dicht, sehr dicht, schienen recht tief zu hängen, als müsse man nur etwas höher springen, um sie berühren zu können und hatten eine tiefgraue Farbe, so dunkel, dass sie beinahe schon schwarz waren. Was Rhikio jedoch mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass der Nebel sich mittlerweile sehr stark zurückgezogen hatte und die Aussicht schon beinahe klar war. Dunkle schwere Wolken konnten über Tage hinweg am souminzischen Himmel hängen, ohne dass es tatsächlich regnete, aber wenn sich der Nebel lichtete, war das schon fast eine Garantie für ein Unwetter.

„Es sieht allerdings nach Regen aus.“

„Dann beeilt euch!“, rief der Passagier in völlig verändertem Tonfall. Die Freundlichkeit war aus seiner Stimme gewichen und hatte etwas herrisches, drängendes, aber auch ängstliches angenommen. „Es wird doch nicht besser mit mir! Ihr seid viel zu langsam.“

„Ja mein Herr, ich gehe so schnell ich kann, aber der Weg ist sehr uneben und ich werde langsam müde. Ich habe schon so lange nichts mehr geg…“

„Ich will euer Aber nicht hören, ich will in dieses Dorf und zwar bald. Könnt ihr den Karren nicht einfach an dem großen Ochsen festmachen?“

„Verzeiht, mein Herr“, antwortete Rhikio. „Ich habe kein Seil.“

Doch auch dann wäre es schwierig gewesen, den Karren an Ghoyte zu befestigen. Die Ochsen hatten nichts, woran man ein Seil hätte binden können.

Rhikio ging stoisch weiter. Stehen zu bleiben, um zu grübeln würde nicht helfen, also setzte er einen Fuß vor den anderen, zog den Karren mitsamt seinem schweren Inhalt hinterher und die Ochsen folgten. Die Räder des Karren quietschten und hin und wieder schnaubte Goyte.

„Gibt es eine Möglichkeit, irgendeine Möglichkeit, Chenlubhain schneller zu erreichen?“

Die Stimme des Mannes klang schon längst nicht mehr so freundlich wie noch vor einer Stunde, aber Rhikio konnte es ihm nicht verübeln. Er würde sich auch nicht gut fühlen, wenn er so stark bluten würde.

„Verzeiht, mein Herr, aber nein. Ich gehe so schnell ich kann.“

„Geht das nicht schneller? Verflucht…“

Die Stimme des Shachyns klang schon beinahe weinerlich.

„Euer Stoffetzen ist schon völlig durchblutet! Sagt, habt ihr nicht noch etwas, das ich mir an die Schulter drücken kann?“

Rhikio hatte nur dieses eine Gewand dabei. Sein Passagier könnte das eigene, feine Gewand nehmen, aber das wollte Rhikio ihm nicht vorschlagen. Wer weiß, wie viel es wert war? Wenn es darauf ankäme, würde er schon selbst darauf kommen – sein Leben wird ihm mehr wert sein, als sein Gewand. Rhikio schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Herr, tut mir leid. Ich hatte nur dieses eine Gewand bei mir.“

„Und was ist mit deiner Hose?“

Sein Tonfall klang gereizt und ein Hauch von Hysterie haftete ihm an.

Er hat „deine“ Hose gesagt und nicht „eure“. Nun redet er so mit mir, wie ein Adeliger normalerweise mit einem Bauer sprechen würde.

Rhikio blieb stehen und drehte sich zu dem Shachyn um, der ihn mit bebenden Lippen und strengem Gesicht ansah. Etwas an seinem Gesichtsausdruck erinnerte ihn an Vater. Rhikio legte den Griff des Handkarrens auf den Boden, richtete sich wieder auf und zog sich die Hose herunter. Er wurde rot, als er dadurch seine Männlichkeit entblößte und befürchtete, er würde sich schrecklich blamieren. Meinte der Shachyn das ernst? Offenbar, denn seine Miene änderte sich nicht, als der große Bauer nur noch mit seinen Sandalen bekleidet vor ihm stand. Als dieser ihm die Hose reichte, warf der Adelige das blutige Gewand des Bauerns auf die Straße, packte die Hose und presste sie an die blutende Wunde. Sie sah nicht gut aus und als Rhikio sah, dass die Hälfte des edlen Gewandes bereits eine dunkle Färbung angenommen hatte, wusste er, dass er sich wirklich zu beeilen hatte. Er könnte es noch schaffen. Dieses Mal würde er nicht versagen, dieses Mal würde er ein Leben retten. Das Leben eines Shachyns – sein Lohn würde unermesslich groß sein.

Rhikio bückte sich und nahm den Griff des Karrens wieder in die Hand. Die Wunde, die er sich selbst zugefügt hatte, schmerzte, als er die Last wieder in Bewegung setzte. Splitternackt fuhr er seinen Weg fort und in der Ferne hörte man das tiefe, unheilvolle Grollen der Wolken.

 

Es war mittlerweile etwa eine weitere Stunde vergangen und die Stimme des Shachyn mischte sich immer seltener und leiser in das Platschen des Regens, der so dicht und stark war, dass es Rhikio schwer fiel, zu sehen. Trotz seiner dicken Haut fror er am ganzen Körper, obgleich das Klima an sich drückend warm war.

Der Regen ist so kalt…

„Ich habe…“, hörte er den Shachyn hinter sich murmeln. „Ich habe viel Gutes in meinem Leben geleistet, Rhikio. Ich war ein guter Mann“

„Mhm.“

Rhikio war zu müde, zu hungrig und zu verfroren, um jetzt noch geistreiche Antworten von sich zu geben. Außerdem fühlte er sich vollkommen unbekleidet nicht sonderlich wohl.

„Ich habe den Wohlstand von Haidhao gefestigt – ich war Großshachyn Jhorko immer treu ergeben und habe ihn nicht verraten, als ich die Möglichkeit hatte! Die Piraterie habe ich nie unterstützt, auch wenn ich mich daran viel hätte bereichern können…“

Ein feuchtes Husten war zu hören, das den Redeschwall des Shachyns unterbrach.

„Ich… ich war ein guter Vater… ich habe meinem Sohn die Hauptstadt des Landes vermacht…“

Shi-Zei, die Stadt der Diebe wie sie in der alten Sprache heißt.

Rhikio versuchte sich zu erinnern, wo sie liegt. Er war noch nie dort gewesen, hat immer nur viel von der legendären Stadt mit seiner tiefgehenden Geschichte erzählt bekommen. Einst, so hat es ihm sein bereits verstorbener Großvater erzählt, vor etwa einhundertfünfzig Jahren, seien die Truppen des südlichen Kaiserreiches dort eingefallen, um Shi-Zei zu erobern. Die Tore hätten weit offen gestanden, so hieß es und keine Menschenseele hätte sich in den Straßen herumgetrieben – alle Häuser waren leer. Und dann in der Nacht, als sich die Soldaten des Kaiserreiches sicher wähnten, kamen die Bewohner aus unterirdischen Gängen, mit Spitzhacken, Messern und Hämmern bewaffnet und überraschten die ahnungslosen Invasoren, töteten Hunderte von ihnen, bevor diese in heller Panik aus der Stadt flüchteten.

„Hörst du mir überhaupt zu… verflucht nochmal…“

Es sollte wohl energisch und verärgert klingen, doch die Stimme des Shachyns klang müde und schlaff.

„Ich… ich habe die allergrößte Mühe… hier wach zu bleiben. Und du bist dir wohl zu schade, mir… zu… antworten.“

„Verzeiht mir, mein Herr“, brummte Rhikio verzweifelt. Was sollte er darauf nur antworten? „Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus.“

„Oh, bei den Ahnen. Frage mich irgendetwas, du dummer Bauer. Ich… darf nicht einschlafen!“

„Wieso denn, mein Herr?“

Der Shachyn raunte gequält.

„Weil… ach, vergiss es, du verstehst es doch… sowieso nicht. Frag mich etwas anderes! Du weißt ja nicht einmal…“

Er hustete.

„Du weißt ja nicht einmal wie ich heiße.“

Erschrocken schluckte Rhikio. Das wusste er tatsächlich nicht. Er hatte sich nur selbst vorgestellt, aber der Adelige hatte seinen eigenen Namen nie genannt. Er war der Shachyn von Haidhao, der westlichen Hafenstadt, wie er es gerade erfahren hatte, aber der Name war Rhikio immer noch fremd.

„Nun… wie heißt ihr denn, mein Herr?“

„Ich bin Shachyn Khonday von Haidhao“, antwortete Shachyn Khonday von Haidhao. Trotz seiner Müdigkeit schwang unüberhörbar Stolz in dessen Stimme mit. Rhikio überlegte sich eine weitere Frage. Er wusste zwar nicht, was dagegen sprach, dass sich der Shachyn etwas ausruhte, aber wenn er ihm befahl, mit ihm zu reden, dann blieb ihm wohl keine andere Wahl, als zu gehorchen.

„Und wie heißt ihr Sohn?“

„Shachyn Rhyucho von Shi-Zei.“

Der Karren knarrte und der Regen plätscherte unbarmherzig weiter auf die Erde. Shachyn Khonday von Haidhao stöhnte und Rhikios Gedanken überschlugen sich.

„Äh… äh…“, stammelte Rhikio unsicher. „Was ist euer Lieblingsgericht?“

„Knusprig gebratenes Schwein nach Kyoshi-Art… mit scharfen Pfefferschoten und in Reisweinsoße.“

Rhikio hatte keinen Schimmer davon, was Kyoshi-Art sein sollte, hatte auch noch nie Pfefferschoten oder Reisweinsoße probiert, aber es hörte sich lecker an und sein Magen bestätigte ihm das mit einem lauten Knurren. Er hoffte, dass sein Passagier es nicht gehört hat. Er überlegte sich, was er für eine weitere Frage stellen könnte. Das Lieblingsgetränk? Nein, das wäre der vorherigen Frage zu ähnlich. Vielleicht, ob er schon einmal in Longkhiao war. Bestimmt war solch ein großer Mann schon einmal in der berühmten Stadt an der Drachenbrücke gewesen. Er könnte ihm etwas von ihr erzählen, damit wäre sogar Rhikio selbst geholfen. Es war nie schlecht, mehr über den Ort zu wissen, an den man bald ziehen würde. Wenn er überhaupt umziehen musste! Sollte seine Belohnung groß genug ausfallen, würde er in dem Hof seines Vaters bleiben können. Dennoch, jetzt wo er darüber nachdachte, wollte er mehr über die Stadt erfahren – sie mochte erdrückend sein und stinken, aber interessant war sie auf alle Fälle.

„Hmm… Schwein nach Kyoshi-Art“, begann er, um nicht so zu wirken, als würde er nicht zuhören. „Ich habe das zwar noch nie probiert, aber es hört sich sehr lecker an. Vor allem, weil es knusprig ist. Ich mag knuspriges Essen.“

Er lächelte. Heute Abend würde er sich etwas Gutes zu essen gönnen, das hatte er sich redlich verdient.

„Nun, eine Frage brennt mir tatsächlich auf der Zunge. Ich werde nämlich vielleicht bald nach Longkhiao ziehen. Bitte verratet mir doch, mein Herr, wart ihr schon mal dort?“

Ein Blitz zuckte durch den Himmel und wenige Sekunden darauf donnerte es erneut, dieses Mal heftiger und lauter.

„Könnt ihr mir etwas, von der Stadt erzählen, mein Herr?“

Rhikio runzelte die Stirn. Hat er zu leise gesprochen oder konnte der Shachyn die Antwort wegen dem Donner nicht hören? Er drehte sich um und sah, wie Shachyn Khonday von Haidhao mit geschlossenen Augen langsam zur Seite kippte und schließlich wie ein voller Reissack aus dem Karren fiel. Ein nasses Flopp ertönte, als der Adelige mitsamt seiner Kiste, die er auf dem Schoß getragen hatte auf dem matschigen Boden aufschlug.

„Mein Herr!“

Aufgeregt rannte Rhikio zu ihm, packte ihn an den Schultern und zog ihn wieder hoch.

„Wacht auf!“

Er reagierte nicht. Verzweifelt rüttelte Rhikio den Shachyn, doch dieser verzog keine Miene, sein Kopf wackelte nur von einer Seite zur anderen.

„Nein…“, flüsterte Rhikio, presste die Augen zusammen und drückte seine Stirn an die Brust des Shachyn.

„Nein!“, rief er dieses Mal in den Regen hinaus. Er hatte wieder versagt.

Der Schlüssel zu einem besseren Leben war ihm aus der Hand gefallen.

Shachyn Khonday von Haidhao war tot.

Es machte keinen Sinn, nun in Trübsal zu baden, dachte sich Rhikio, ließ den Shachyn sanft zu Boden und nahm die Hose, die noch im Karren lag. Zur Erleichterung des Bauern war sie noch nicht vollständig durchblutet und er zog sie sich wieder an. Er sah seinen toten Begleiter wehmütig an. Er war ein guter Mann, zumindest hatte er das von sich behauptet. Rhikio fragte sich, ob es irgendwelche besonderen Todeszeremonien für Shachyns gab. Die Bauern in Souminzu legten ihre Toten immer nur nackt ins Moor, sprachen einige Worte über ihr Leben und Wesen und erinnerten sich still ihrer letzten Worte.

Rhikio schleifte den Adeligen vom Weg ab in Richtung eines Tümpels. Er zog ihm sein einst so feines und jetzt völlig durchnässtes und blutiges Gewand vom toten Körper, auch die Unterkleidung, die er darunter getragen hatte und aus etwas groberem, grauen Stoff bestand, jedoch immer noch elegant gestrickt war.

Wieso hat er sein Gewand nicht ausgezogen um die Blutung zu stoppen? Er hatte doch noch etwas darunter an. Er hätte meine Hose überhaupt nicht gebraucht.

Nur die Unterwäsche ließ er am Körper. Rhikio spielte kurz mit dem Gedanken, sie für sich zu nehmen, verwarf die Idee dann jedoch wieder. Es gab nicht die Sprache davon, dass es Unglück bringen würde, die Unterwäsche eines Toten zu tragen, aber irgendwie hatte Rhikio das Gefühl, dass es genau das tun würde und so rollte er den Leichnam ins Wasser.

„Nackt kommen wir aus dem Wasser, nackt gehen wir ins Wasser zurück“, sprach er feierlich. Er war sich nicht ganz sicher, ob das alle rituellen Worte waren oder ob sie wirklich so gingen, aber etwas Besseres konnte er dem Shachyn nicht bieten.

„Shachyn Khonday von Haidhao. Er war ein guter Mann, der viel Gutes in seinem Leben geleistet hat.“

Der Tümpel blubberte, als man schon nichts mehr vom Toten sehen konnte. Was konnte er noch über ihn erzählen? Rhikio versuchte sich verzweifelt an das zu erinnern, was ihm der Adelige noch über sich erzählt hatte, aber er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sein Magen knurrte.

„Er war ein guter Vater“, murmelte er und sah auf die Blasen, die zur Wasseroberfläche tauchten.

„Und er mochte knusprig gebratenes Schwein nach Kyoshi-Art mit scharfen Pfefferschoten und Reiswein.“

Rhikio starrte noch auf die letzten Bläschen, die aus dem Tümpel blubberten, kratzte sich am Kopf, zuckte mit den Schultern und drehte sich um.

Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Ihr Ahnen, Kaiserdrache Jôtei – seid mir bitte nicht böse, wenn ich etwas vergessen habe.

Er drehte sich noch einmal um und sein Blick fiel auf das edle Gewand, das völlig durchnässt neben der Unterkleidung vor dem Tümpel lag.

Eigentlich zu schade, um es einfach hier liegen zu lassen. Vielleicht kann Masukhe es ja wieder zusammennähen und das Blut rauswaschen.

Rhikio bückte sich und griff nach dem feinen Stoff, der sich angenehm in der Hand anfühlte. Er wog fast nichts und es kam Rhikio so vor, als wäre alleine der Gürtel von höherem Gewicht. Natürlich. Das Katana, die Scheide und ein Beutel hingen ja noch daran. Rhikio nahm das Schwert vom Gürtel und zog es einen Fingerbreit aus der Scheide. Strahlender Stahl glänzte ihm entgegen und die Regentropfen, die darauf fielen, schienen zu funkeln.

Eine schöne Waffe. Solch schöne Waffen sind bestimmt wertvolle Familienerbstücke. Vielleicht bringe ich sie eines Tages nach Shi-Zei, zu… er hatte den Nahmen des Sohnes des ehemaligen Besitzers der Klinge vergessen. Aber er war der Shachyn und dessen Name müsste in Shi-Zei bekannt sein. Dann wiederum… Rhikio hatte keinen Beweis, dass er den Shachyn nicht selbst umgebracht hat. Vielleicht würde man ihn als einen Mörder hängen und mit ihm gleich seine ganze Familie. Nein, es wäre besser, wenn er die Klinge mit in den Tümpel werfen würde. Er streckte seine Hand aus und wollte loslassen, doch seine Finger wollten sich nicht öffnen.

Diese Waffe muss ein Vermögen wert sein. Und wenn ich überfallen werde, kann ich mich mit einer langen Klinge zur Wehr setzen. Ich kann damit meine Familie beschützen.

Rhikio wandte sich wieder vom Tümpel ab und ging mit den Hinterlassenschaften des Shachyns zurück zu den Ochsen. Er legte das Gewand, sowie die Unterkleidung in den Karren und schnallte sich den Gürtel mitsamt der Waffe um. Neugierig löste er den faustgroßen Lederbeutel und sah hinein. Er fühlte sich schlecht dabei, die Sachen eines Toten zu durchsuchen, aber hatte der Shachyn ihm nicht ohnehin das Porzellangeschirr vermacht? Dafür bräuchte Rhikio den Schlüssel für die Truhe und diesen, nicht größer als ein kleiner Finger uns goldfarben, lag tatsächlich im Beutel zwischen zahlreichen Münzen, die Rhikio noch nie zuvor gesehen hatte. Sie sahen aus wie Yhen, waren aber nicht silberfarben, sondern golden. Er nahm eine einzelne Münze aus dem Beutel und hielt sie sich vors Auge. Wie die Yhenmünzen, waren sie am Rand dicker als innen, hatten ein viereckiges Loch in der Mitte und vier eingravierte Schriftzeichen zierten jeden Rand des Loches. Rhikio konnte die Schriftzeichen zwar nicht lesen, erkannte aber, dass sie anders aussahen, als die von Yhenmünzen. Konnte es sein, dass es sich bei diesen Münzen etwa um… langsam drehte er die Münze. Auf der Rückseite waren nicht so wie bei den Yenmünzen Ähren, sondern Schwerter eingraviert. Tatsächlich. Es handelte sich um goldene Yhanmünzen, von denen eine ein hohes Vielfaches so viel wert war, wie eine Yhenmüze. Rhikio wusste nicht genau wie viel, da er noch nie eine Yhanmünze besessen hatte, aber er wusste, dass in diesem Beutel – in dem mindestens zehn Münzen steckten – genug Geld war, um Sabhurai Zikhade die nächste Abgabe zahlen zu können. Vielleicht auch genug, um einen neuen Feldarbeiter einzustellen, bis Lhoa groß genug war, ihm bei der Arbeit zu helfen.

Dieses Geld gehört nicht dir, sagte eine Stimme in ihm, aber sie war so leise, so unglaublich leise, wie das Summen eines Teichflieger vor einem rauschenden Wasserfall. Die Stimme hatte Recht, das wusste Rhikio. Das Geld gehörte nun rechtmäßig dem Erben des Adeligen und das wäre höchstwahrscheinlich der Shachyn von Shi-Zei. Aber niemand wusste, dass nun er, Rhikio im Besitz der Münzen war. Niemand außer Jôtei. War das eine göttliche Prüfung? Das Geld fühlte sich so gut in der Hand an, dachte Rhikio. Wenn es eine Prüfung war, dann würde er sie nicht bestehen, nahm er sich vor. Das Leben hat ihm so viele Knüppel zwischen die Beine geworfen und plötzlich hatte er wortwörtlichen Reichtum zum Greifen nahe, er würde ihn nicht wegwerfen. Trotz all seiner anfänglichen Freundlichkeit sah der Shachyn Khonday in Rhikio am Ende doch nur ein Mittel zum Zweck, einen Untertan, den er als sein eigen betrachtete aber sich nicht um sein Wohlergehen scherte. Wieso sollte sein Sohn anders sein, wenn Rhikio ihm das Geld und das Geld bringen würde?

Ja, dachte Rhikio. Ich behalte es. Sie würden mich sonst als einen Mörder hängen und mit mir meine ganze Familie. Es gibt Wichtigeres zu tun.

Aufgeregt mit zitternden Händen fischte der Bauer den Schlüssel für die Truhe heraus und eilte zu der schwarzen, verzierten Truhe, die immer noch im Matsch lag. Sie war etwa so breit wie seine Hüfte und eine Elle hoch. Rhikio widerstand dem Drang sie zu schütteln, da er wusste, dass Porzellangeschirr darin war und durch den Sturz vom Karren womöglich schon einiges zu Bruch gegangen sein konnte.

Er steckte den Schlüssel in das kleine Schlüsselloch und drehte vorsichtig, bis ein leises Klack ertönte. Mit offenem Mund und großen Augen hob er den Deckel an.

Das Kisteninnere war in zwei durch Holzwände getrennte Fächer aufgeteilt: ein großes Fach, in dem in einer hölzernen Form mit goldener und roter Farbe bemalte Porzellantassen-, Schalen und eine Kanne eingebettet waren und ein etwas kleineres Fach mit mit getrocknetem Dörrfleisch, Brot und einer Feldflasche. Rhikio wurde wütend, als er das Essen sah. Es war eine ganze Menge, hätte noch für eine halbe Woche ausgereicht und der Shachyn kam nicht einmal auf den Gedanken, dass Rhikio, der ihn seit Stunden hinter sich hergezogen hatte, auch Hunger haben könnte?

Ich darf nicht so streng über ihn ins Gericht ziehen, dachte Rhikio. Eigentlich darf ich überhaupt nicht über ihn urteilen, er ist ein Adeliger und mir übergeordnet vom göttlichen Jôtei – außerdem lag er im Sterben und hatte wohl andere Gedanken im Sinn, als mir etwas von seinem Essen abzugeben.

Aber er hatte sich darüber beschwert, dass Rhikio zu langsam war.

Er hatte einfach nicht daran gedacht.

„Die Adeligen machen sich überhaupt keine Gedanken über uns“, hörte er seinen Vater sagen.

Anscheinend nicht einmal dann, wenn sie auf uns angewiesen sind.

Rhikio hätte den Shachyn so oder so nicht mehr rechtzeitig nach Chunlubhain bringen können. Er hatte jetzt fast die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht – bis nach Chenlubhain wäre ihm der Adelige schon dreimal verblutet.

 

Nachdem Rhikio sich an köstlich herzhaftem Dörrfleisch und herrlich lockerem, knusprigen Brot, wie er es bisher noch nie zu schmecken bekommen hat, sattgegessen hatte, wendete er den Karren, in dem die blutige Kleidung des Shachyns und dessen Truhe lag, streichelte Boushan und Goyte über die Schnauze und ging gestärkt wieder zurück in die Richtung aus der er herkam. Es machte nun keinen Sinn mehr, nach Chenlubhain zu reisen. Er hatte mehr Geld dabei, als sich Vater durch den Verkauf von Mutters Schmuck und der Ochsen hätte erhoffen können – das wäre nur ein Bruchteil vom Wert des Beutelinhalts gewesen.

Vermutlich war alleine schon das Schwert so viel wert.

Vater wird sich wundern, weshalb ich so viel Geld besitze, obwohl ich meine Ochsen noch habe…

Daran hatte Rhikio noch nicht gedacht, fiel ihm auf. Sein Jiaozhu würde es nicht gut heißen, wenn er erfahren würde dass sein Sohn den Besitz eines toten Shachyn mitgenommen hat. Er gehörte nicht ihm. Aber was hätte er denn tun sollen? Vater hätte in Rhikios Situation wahrscheinlich alles ebenfalls im Tümpel versenkt. Aber dadurch hätte niemand etwas von den Münzen, weder seine Familie, noch der Sohn des Shachyn. Rhikios Gedanken überschlugen sich, als er nach einer Lösung suchte.

Was soll ich tun? Ahnen, steht mir mit Rat bei… Jôtei! Jhinza… Renai?

Er müsste seinen Vater anlügen müssen, um ihn dazu zu bringen, die Farm nicht aufzugeben und sich nicht umzubringen. War das nicht Loyalität? War das denn nicht Liebe? Rhikio wusste, dass es eines ganz bestimmt war: Täuschung.

Täuschung und Verrat an einem Shachyn und um genauer zu sein gleich an zweien.

Ich werde allen erzählen, der Schmuck sei viel mehr Wert gewesen, als wir geglaubt haben. Ein reisender Händler hätte mir viel mehr Geld dafür angeboten. Ich werde Vater zehn Yhan dafür geben und den Rest mitsamt dem Schmuck und der Kiste irgendwo verstecken, wo er sicher ist.

Und was war mit dem blutigen Gewand? Was war mit seinem fehlendem eigenem Gewand und der blutbesudelten Hose?

„Ein wildes Tier hat mich angefallen“, sprach er zu sich selbst. Das wäre keine Lüge. Er ist zwei grässlichen wolfsähnlichen Kreaturen begegnet und hat sie vertrieben. Er schauderte alleine beim Gedanken an ihre grässlichen Zähne. Sie haben ihn an der Hand erwischt und der dumme einfältige Rhikio hätte sich seine ganze Kleidung durch das Blut ruiniert. Er warf die feinen Gewänder des Shachyns mit einem Stein in den nächsten Tümpel. Dafür hätte er keine Ausrede und er könne es auch nicht Masukhe geben, ohne dass sie Fragen stellen würde. Niemand dürfte die Wahrheit erfahren. Würde Jôtei ihn töten, wenn er seinen Jiaozhu so dreist anlügen würde? Rhikio presste die Lippen zusammen. Er würde es darauf anlegen. Er hatte keine andere Wahl.

 

Stunden später erreichte Rhikio wieder den liegen gelassenen Holzkarren des Shachyn. Hier irgendwo mussten die Werkzeuge sein, die er hinter der Eiche versteckt hatte – er sah sich nach dem großen Baum um und fand ihn sofort. Es gab nicht viele Eichen dieser Größe in dieser Gegend.

Eigentlich ein dummes Versteck. Wenn hier irgendjemand ein Lager aufschlagen würde, dann an der großen Eiche.

Er stapfte mit großen, schnellen Schritten hinter den Baum, befürchtete schon, dass seine Werkzeuge bereits verschwunden waren, doch als er sie dort immer noch auf dem Boden verstreut liegen sah, lächelte Rhikio. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, wenn er doch noch zurück nach Chenlubhain hätte reisen müssen, um sich neue Werkzeuge zu kaufen. Er bückte sich, nahm sich die erste Ladung seiner Werkzeuge, einen Spaten und die alte Feldhacke und legte sie in den Karren. Er schnallte das Katana ab und legte es dazu. Bedeckt durch die anderen Werkzeuge würde es nicht auffallen und auf dem letzten Stück Weg würde ihn schon niemand überfallen, dass er es brauchen würde. Als er den letzten Arm voll Werkzeuge in den Karren legte, stieß Rhikio mit dem großen Zeh am Wegesrand gegen etwas Hartes. Er legte die Werkzeuge in den Karren und hob den faustgroßen, kantigen Stein vom Boden auf. Getrocknetes Blut haftete an einer Kante des Steines. Rhikio warf ihn ein paar Mal in die Luft und steckte ihn schließlich in die große Seitentasche seier Hose. Er wusste ganz genau, weshalb er dieses hässliche, blutige Ding mitnehmen wollte. Es würde ihn daran erinnern, dass Jôtei ihn für seine Lüge nicht töten würde.

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One thought on “Bestrafung

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