Stolz

Nicht alle Menschen haben die Ausdauer, an ihren Träumen festzuhalten. Einem Traum temporär nachzueifern und ein Ideal zu verfolgen, ist etwas, das jeder kann, aber es ist die Fähigkeit nicht abzulassen, die den Unterschied macht. An einem Traum festzuhalten bedeutet, dass man sich an Entbehrungen gewöhnen, Willenskraft aufbringen und Standhaftigkeit beweisen muss. Sanara besaß diese Fähigkeit und das war der Grund, der sie so tief in die Scheiße zog.

„Halt“, ertönte die tiefe, brummige Stimme des Torwächters, der seinen in Lederrüstung gehüllten Arm vorstreckte, um seine Aufforderung zu unterstreichen.

Sanara blinzelte, zog sich den vollgeschneiten braunen Schal von der Nase herunter und setzte ihren ledernen Handkoffer auf dem verschneiten Boden ab.

„Ich bihh…“, begann sie, doch dann brach ihre Stimme ab und sie hustete dem bulligen Torwächter den Schnee entgegen, der darauf angewiedert sein grobes Gesicht verzog.

„Tut mir leid“, nuschelte sie in den Schal. „Also, ich bin übrigens die Bardin.“

Der Torwächter wischte sich den Schnee von den Wangen und sah sie mit kalten, grauen Augen an.

„Ähm… ich soll hier heute Abend spielen“, fuhr Sanara fort und deutete dann auf das rote, massive Eisentor, vor dem selbst der große Wächter klein aussah.

„Da drin. Lord…“

Sie dachte einen Moment nach. Sie hatte mittlerweile schon bei so vielen Landlords in Ajohal gespielt und ihre Namen hörten sich alle so ähnlich an.

„Lord Kàng, genau, der war es, hat mich eingeladen.“

Der Torwächter verengte seine Augen und legte den Kopf zur Seite, verschränkte die Arme vor der Brust.

Sanara zuckte mit den Schultern, nahm den Koffer wieder in die Hand und stapfte in Richtung des Tores. Die Hand des Torwächters schnellte erneut nach vorne, doch dieses Mal, um Sanara zu stoßen. Sie ruderte mit den Armen, taumelte einen Schritt nach hinten und fiel unsanft mit ihrem Hinterteil in den Schnee.

„Heeee!“, rief sie verärgert, stand ungelenk wieder auf und klopfte sich den Schnee von ihrer Kleidung.

„Lasst mich durch, ich muss da rein!“

„Ihr könnt nicht einfach hereinspazieren, wie ihr wollt!“, fauchte der Torwächter.

Sanara ärgerte sich über seinen Tonfall – sie hat ihm keinen Grund gegeben, so unfreundlich so zu ihr zu sein!

„Und ihr könnt mich doch nicht einfach so in den Schnee stoßen, Rohling!“

„Haut ab, Gesindel“, entgegnete der Wächter gereizt und drehte demonstrativ seinen Kopf in die Richtung des Tals, um der angeblichen Bardin keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken.

„Hey!“, rief Sanara und trat ins Blickfeld des unhöflichen Wächters.

„Lasst mich rein, ich muss da spielen! Außerdem ist mir furchtbar kalt und meine Finger frieren, die brauche ich nachher noch schön warm, um spielen zu können!“

„Könnt ihr euch überhaupt ausweisen?“, fragte der Torwächter und sah Sanara müde an. Scheel verengte Sanara ihre Augen und bedachte den Torwächter mit einem skeptischen Blick.

„Ähm… guten Tag, schätze ich? Ich bin Sanara, reisende Bardin aus Okawar und soll heute bei Lord Kàng spielen Würdet ihr bitte so freundlich sein, mich durchzulassen?“

Der Torwächter schien mindestens genauso genervt zu sein wie Sanara und verdrehte die Augen.

„Habt ihr keine Einladung?“

„Nein! Lord Kàng hat mir, als er heute im Dorf war einfach nur gesagt, ich solle heute Abend bei ihm spielen! Bekommen Wanderbarden hier im hochzivilisierten Ajohal etwa schriftliche Einladungen, genauso wie all die hochwohlgeborenen Gäste?“

„Nein…“, antwortete der Torwächter nach einigem Zögern.

„Aber ihr seht mir nicht wie eine Bardin aus, die Lord Kàng einladen würde in eurer zerschlissenen Kleidung.“

Sanara sah an sich herunter. Sie trug eine braune, kratzige Wolldecke, in die sie Löcher für die Arme geschnitten hatte und ihre roten Stoffärmel waren völlig durchnässt vom Schnee und klebten an ihren schlanken Armen.

Sie sah eher aus wie ein reisender Narr, das musste man dem Torwächter lassen.

„Das ist meine Reisekleidung“, erklärte sie mit dem Versuch, etwas beschwichtigend zu klingen. „Denkt ihr allen Ernstes ich könnte eine Kutsche bezahlen, die mich hier hoch fährt? Ich bin eine Bardin, was kann ich mir denn schon leisten. Bin schon froh, dass ich überhaupt Reisekleidung habe, ich wäre sonst glatt erfroren auf dem Weg hierher. Dann hätte ich mir gar nicht erst die Mühe gemacht!“

Erneut keimte Zorn in Sanara auf, als der Torwächter sie nur weiterhin missträuisch beäugte. Ihr Leben stand hier auf dem Spiel! Der Winter würde kalt werden und wenn sie keine Festanstellung bekam, wie und vor allem wo würde sie die tödliche Jahreszeit dann überstehen? Heute musste sie sich beweisen und dafür musste sie in diese Burg.

„Wisst ihr eigentlich, wie lange ich gebraucht habe, diesen verdammten Berg hinaufzukraxeln? Wisst ihr, wie anstrengend das war?“

„Um Jôteis Willen…“, fluchte der Torwächter resignierend.

„Zeigt mir einfach euer Instrument, dann glaube ich euch schon.“

„Eh… was?“, fragte Sanara ungläubig und sah ihn an, als hätte er sie gerade dazu aufgefordert, sich über den Abhang ins Tal zu werfen.

Sie hob ihren Handkoffer mit einem Ruck in die Höhe und deutete mit der freien Hand darauf.

„Wenn ich meine Pipa hier auspacke“, erklärte sie mit echter Empörung und zog ihre Augenbrauen hoch.

„Dann verziehen sich die Saiten ob des widerlichen Klimas, das hier oben herrscht! Außerdem darf das Holz den Schnee nicht aufsaugen! Bei Shougon, ihr habt ja nicht die geringste Ahnung von richtigem Umgang mit Instrumenten! Weisen sich so also eure Barden aus, hier im Norden? Kein Wunder, dass ihre Musik so…“

Sie wurde jäh unterbrochen, als sich eine Kutsche, gezogen von zwei grauen Langmähnenpferden näherte und etwa zehn Schritt vor dem Tor ein junger, ahnsehnlicher Mann mit langem, schwarzen Haar und ebenso schwarzem, eleganten Hanfa, einer Seidenrobe aus dem Wagen sprang.

„Nein…“, murmelte sie und bewegte langsam ihren Kopf von links nach rechts und wieder zurück.

„Du?“

Der junge Mann lächelte breit, als er Sanara sah.

„Sanara!“, sprach er mit voller, melodiöser Stimme.

„Schönste Nachtigal Okawars, was um Shouguns Willen machst du denn bloß hier?“

„Pah! Spar dir dein falsches Gesäusel, Cai!“, zischte Sanara und hob drohend die Faust.

„Und warum verdeckst du deine atemberaubende Schönheit mit solch einem dir unwürdigen Stofffetzen?“, fuhr Cai fort, ohne ihrer Aufforderung Beachtung zu schenken. Ohne auf ihre Antwort zu warten, ging er zum Torwächter und verbeugte sich tief.

„Sehr geehrter Herr, mein Name ist Cai Fang, Absolvent der kaiserlichen Bardenschule zu Guang!“

„Herr Cai Fang“, entgegnete der Torwächter höflich und nickte. Sanara spürte, wie ihr schwindelig wurde.

„Ich bin mit der bezaubernden Gräfin Yuxian angereist, die so gnädig war, mich mitzunehmen und bitte nun um Einlass, da ich einer der Barden bin, der heute von Fürst Kàng eingeladen wurde, um für seine reizende Tochter Huadu zu spielen!“

Der Torwächter sah zur Kutsche hinüber. Vom Kutschbock abgesehen bot das schwarzlackierte, elegante Gefährt wohl Platz für vier Personen. Vier reiche Personen – allein die Seidenvorhänge schienen ein Vermögen wert zu sein.

Freundlich nickte der Torwächter Cai zu.

„Seid gegrüßt, werter Meister Cai!“

Entsetzt darüber, wie unterschiedlich er ihn willkommen hieß, blieb Sanara der Atem weg.

„Was?“, keifte sie.

„Diesen aufgeblasenen Truthahn lasst Ihr einfach so hereinspazieren, bloß, weil er in einer feinen Kutsche ankommt?“

Der Torwächter schaute weiterhin nur Cai an, doch sein Lächeln verschwand.

„Ihr kennt euch?“

„Das kann man wohl sagen“, antwortete Cai verschmitzt grinsend.

„Ich nehme an, sie ist die zweite Bardin, von der mir erzählt wurde. Wir haben schon oft gemeinsam gespielt, aber zur Geburtstagsfeier von Lord Kangs Tochter werden wir das erste Mal getrennt auftreten.“

Brummend nickte der Torwächter, drehte sich zum Tor um und gab den Befehl zum Öffnen.

 

Obwohl sie die ganze Zeit vor dem Kamin des prunkvollen Gästezimmers stand, wollte Sanaras Kleidung einfach nicht richtig trocken werden. Ihre Schuhe waren vollgesogen mit Wasser und sie hatte sie gerade nah genug ans Feuer gestellt, dass sie nicht Gefahr liefen in Brand zu geraten. Eigentlich hätte Sanara die Unterbringung in diesem luxoriösen Gemach genossen, aber die Nässe war einer der zwei Gründe, weshalb sie sich einfach nicht entspannen konnte.

„Liebes, wieso nimmst du nicht Gräfin Yuaxians Angebot an, ihre Ersatzkleidung anzuziehen? Ihr habt die selben Maße, wenn sich mein kennendes Auge nicht sehr irrt.“

Sanara schnaubte wütend und drehte sich zu Cai um.

„Ich will keine Almosen!“, antwortete sie barsch und hätte gerne noch mehr gesagt, wäre ihr etwas Schlagfertiges eingefallen.

Cai kicherte und schüttelte den Kopf.

„Aber, aber. Es ist ja nicht so, als dass sie dir ihre Kleidung schenken würde!“

„Dann nehme ich es einmal weniger, weil ich sie hinterher nicht einmal für eine warme Mahlzeit verkaufen könnte.“

Cai gab ein abwertendes, zischendes Geräusch von sich und bedachte Sanara mit einem vorwurfsvollem Blick.

„Das ist dein Problem. Du machst Musik und du bist gut darin, aber du tust das für Geld, nicht um der Musik willen.“

Sanaras Gesicht lief rot an vor Zorn.

„Ich mache Musik, um zu überleben, während du dich durch die Betten diverser wohlhabender Damen schläfst und von ihnen durchgefüttert wirst! Das ist dein Problem, du eitler Pfau, du verkaufst dich selbst!“

Cai lächelte mit einer aufgesetzt verwirrten Miene und legte den Kopf zur Seite.

„Ist es nicht das, was wir Musiker machen müssen? Uns gut zu verkaufen?“

Sanara gab einen wütenden Laut von sich.

„Du drehst mir die Worte im Munde herum!“

„Ich versuche doch bloß, dir zu helfen. Was du nicht kannst, Sanara, ist, dich selbst zu verkaufen!“

„Wenn du mir helfen willst, dann lass mich in Ruhe und verschwinde von hier!“

Cais Lächeln wurde breiter.

„Hast du Angst, dass ich dem Lord und seiner Tochter mehr gefallen werde?“, fragte er säuselnd.

„Es wird ein langer kalter Winter – ich weiß, du kannst eine Anstellung als Bardin über diese Jahreszeit gut gebrauchen. Sag nur ein Wort und ich überlasse sie dir. Ich bin gut genug, ich finde überall etwas.“

Die Dreistigkeit raubte Sanara den Atem. Sie versuchte ihre Empörung allein durch ihren verachtungsvollen Blick zu verdeutlichen, wusste jedoch, dass Cai diese Art von Antwort absichtlich überging und sie sich dabei nur lächerlich machte.

„Du würdest sowieso nicht gehen, egal, was ich sage“, knurrte sie und bereute noch während sie sprach, dass sie das gesagt hatte.

Cai schüttelte erneut den Kopf und machte einen Schritt auf Sanara zu.

„Du willst herausfinden, ob ich es tatsächlich tun würde, nicht wahr?“, fragte er ruhig mit seiner melodiösen, warmen Stimme.

„Du willst es wissen, weil du weißt, dass ich besser bin. Mein Angebot würde dich retten. Aber dann wiederum…“

Er hob seine Hand, berührte Sanara leicht am Kinn. Mit einem Fauchen schlug sie seinen Arm bei Seite.

„Dann wiederum bist zu stolz dafür, habe ich nicht recht?“

„Lass mich in Ruhe“, antwortete sie gereizt, aber leiser als beabsichtigt und mit zitternder Stimme, wandte sich wieder dem Feuer zu und streckte ihre Hände aus.

„Hau ab und lass mich in Ruhe.“

Aber Sanara sollte Recht behalten: er ging nicht, egal, was sie sagte.

Er sah sie mit seinem ekelhaften, triumphierenden Lächeln an und seufzte.

„Ein Schweigen kann auch eine Antwort sein.“

Sanara schloss die Augen und atmete tief durch. Sie spürte, wie der Zorn ein Schaudern durch ihr Herz sandte und ihre Sinne für einen Moment so betäubte, dass sie für einen kurzen, befreienden Augenblick nicht einmal mehr Cai’s Geplapper hören konnte.

Dann drehte sie sich energisch um und sprach mit gedämpfter, aber fester Stimme:

„Du bist so voll von dir selbst, Cai, dass für jede Erkenntnis kein Platz mehr in deinem Kopf ist! Aber ich will es dir trotzdem sagen – du bist in allem, was du tust ein Schmarotzer. Nichts tust du selbst, alles nimmst du von anderen – du kannst nichts schaffen, du kannst nur schöne Augen machen und nachahmen! Von uns beiden bin aber ich es, die Musik um ihrer selbst Willen macht! Ich versuche nicht, mich selbst zu profilieren, wie du es tust! Ich versuche nicht, das Publikum zu verstehen, sondern die Musik! Und das macht mich zur besseren Musikerin!“

„Das mag sein“, sprach Cai in beschwichtigendem Tonfall. Sanara glaubte, sie höre nicht richtig – er hatte nicht einmal den Anstand, ihre Behauptungen abzustreiten?

„Und mich macht das zum besseren Barden“, fuhr er mit einem amüsierten Funkeln in den Augen fort.

„Und dich davon abhängig, mich zu bitten, dir den Vortritt zu lassen.“

Sanaras Hände ballten sich zu Fäusten und sie biss sich auf ihre Unterlippe.

Während blanke Wut und Verzweiflung wie ein Sturm in ihr tobten, erschrak sie darüber, wie sehr sich Letzteres in ihr regte. Hatte Cai so sehr Recht, dass sie Anlass dafür hätte?

„Nicht ein Wort“, sprach Sanara leise, fast flüsternd.

„Kein einziges werde ich dir geben, um deinem kindlichen Verlangen nach Bestätigung Genugtuung zu verschaffen.“

Dann drehte sie sich um, nahm ihren Handkoffer und verließ den Raum.

Im weiten Flur drehte sie sich um, kehrte ins Gästezimmer zurück, um ihre Schuhe mitzunehmen und verschwand endgültig durch die Türe.

 

II.

Der Speisesaal war zum Bersten voll. Hohe Herren und Damen saßen an der langen Tafel und aßen und tranken nun schon seit Stunden, so dass Sanara sich fragte, wie und wo man nur die ganze Zeit vor der Geburtstagsfeier all den Speis und Trank aufbewahren konnte. Sie selbst war selbstverständlich auch dabei, sich den Bauch gerade so voll zu schlagen, dass sie noch problemlos singen konnte und griff noch nach einer weiteren gefüllten Reistasche.

„Verzeiht“, murmelte sie, als sie, während sie quer über den Tisch griff, beinahe das Weinglas einer Nebensitzerin umkippte, lehnte sich zufrieden mit ihrer Beute zurück und legte sie auf den Teller. Als sie versuchte, die Köstlichkeit mittels der typischen ajohal’schen Essstäbchen in den Mund zu befördern, fiel sie auf ihren Schoß. Sanara fragte sie sich ein weiteres mal, warum Messer und Gabeln hier verboten waren, nahm kopfschüttelnd die Reistasche in die Hand und stopfte sie sich in den Mund.

Sie fühlte sich hier merklich unwohl – in ihrer Kleidung fiel sie unter all den hochwohlgeborenen Menschen enorm auf und deren abschätzenden Blicke schürten Sanaras Wut auf die feinen Herren und Damen noch weiter.

Sie hatte die Hälfte ihres Repertoires für den heutigen Anlass streichen müssen, da ein Großteil ihrer Texte kritische Äußerungen über den gierigen, egoistischen und dekadenten Adel beinhalteten. Natürlich konnte sie mit diesen Liedern nicht überall auftreten, aber sie sprachen ihr aus der Seele. Sanara stellte entsetzt fest, dass jemand vom Tisch noch eine dieser köstlichen Reistasche nahm und nur noch zwei im Korb lagen. Noch bevor die fette Dame ihr gegenüber danach greifen konnte, zuckte Sanaras Hand blitzschnell vor und nahm beide. Sie musste es ausnutzen, sich noch einmal satt essen zu können – und diese Reistaschen waren einfach so viel besser als die anderen Gerichte, die hier aufgetischt wurden.

Sanara warf einen verstohlenen Blick zu Cai, dem es mit Hilfe seiner Gräfin Yuxian gelungen ist, direkt neben der Tochter von Lord Kang sitzen zu dürfen und nun laut lachend mit ihr herumscherzte.

Das Gör wurde heute erst volljährig, dachte Sanara innerlich seufzend und schämte sich dafür, Cai überhaupt zu kennen.

Die Bardin stand auf und ging mit ihrem Kelch zu einem Tisch, an dem der Pflaumenwein offensichtlich noch nicht leer war. Eine knochige Hand berührte sie an der Schulter.

„He“, hörte sie eine leise, heisere Stimme und als sie sich umblickte, sah sie in das zerknitterte Gesicht eines kleinen, alten Mannes in einfacher, grauer Kleidung. Irgendwo hatte sie ihn doch schon einmal gesehen…

„Ihr wart doch gestern noch im Dorf unten und habt in der Schenke gespielt!“

„Ja…“, raunte Sanara, die viel mehr am Wein, als an solch banalen Feststellungen interessiert war.

Das Gesicht des Mannes erhellte sich.

„Sanara, richtig? Ihr habt wunderschön gespielt und gesungen, wunderschön!“

Er nahm ihre Hände und drückte sie strahlend.

„Mhm“, antwortete Sanara und presste ihre Lippen zu einem gekünstelten Lächeln.

„Danke.“

„Schön, dass ich heute noch einmal dazu komme, euch zuhören zu dürfen!“

Die Bardin nickte und zuckte dann mit den Schultern.

„Zufälle, was? Wie kommt ihr eigentlich dazu, hier zu sein? Ich meine, ihr passt eher weniger in diese Gesellschaft, wenn ich das mal so sagen darf.“

Der alte Mann schmunzelte.

„Ich bin der Lieferant des Vertrauens von Lord Kang, könnte man so sagen!“, erklärte er heiter und nicht im mindesten gekränkt.

„Ich beliefere ihn schon seit Jahrzehnten mit Bier und gerade bei solch großen Anlässen verlang er immer ausdrücklich danach, dass ich mich persönlich darum kümmere. Lord Kang ist ein sehr großmütiger Mann.“

„Ach so“, entgegnete Sanara, ging zu einem Weinkrug und schenkte sich ein. Der kleine Mann schien ihr zu folgen.

„Spielt ihr heute auch die Blume von Yeoh?“

„Vielleicht.“

„So etwas Schönes habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört, ich glaube, die Tochter von Lord…“

„Liebe Gäste!“, donnerte die Stimme des Lords durch den Speisesaal.

Mit einem entschuldigendem Lächeln wandte sich Sanara vom kleinen Mann ab und wandte sich Lord Kang zu, der soeben aufgestanden ist und feierlich seine Hände in die Luft hob.

„Zu Ehren meiner Tochter, die heute ihren sechzehnten Geburtstag und damit ihre Volljährigkeit feiert, wollte ich keine Kosten scheuen! Neben dem üppigen Festmahl und den sündhaft teuren Getränken habe ich ebenfalls ein Unterhaltungsprogramm für den Abend angeordnet, das ich hiermit eröffnen will. Es erwarten euch weithergereiste Akrobaten, die schon in ganz Tao Jin aufgetreten sind, sowie Zauberkünstler. Ohja, meine lieben Gäste, Zauberkünstler sind es, denn wie auch sonst, denn mit Zaubertricks wäre es ihnen gelungen, mich zu überzeugen, derlei kostspieliges Unterhaltungspersonal anzuheuern?“

Lord Kang, ein stämmiger, trotz des großen Bauchumfang autoritär wirkender Mittfünfziger, gab seinen Gästen einen Moment, um über diesen Witz zu lachen. Selbstverständlich taten sie es auch fast alle. Sanara verzog der Höflichkeit halber jedoch nur ihre Lippen zu einem schmalen Lächeln. Jedes Land hat seine Bräuche und Eigenarten, dachte sie, aber die Ajohal’sche Prahlerei gegenüber Gästen, was die Ausgaben der Feier anging, daran würde sie sich nie gewöhnen.

„Doch damit nicht alles!“, fuhr Lord Kang mit seiner tiefen, grollenden Stimme fort und strahlte breit bis über beide Backen.

„Anmutige Tänzer aus dem warmen Jahor werden euch ebenfalls den Abend versüßen! Außerdem habe ich die zwei besten Barden des Landes angeheuert, euch ein musikalisches Wunderwerk zu bescheren, wie ihr es noch nie gehört habt! Jedenfalls habe ich noch nie so viel für zwei Barden gezahlt, wenn sie ihrem Preis entsprechen, sind es zumindest die Besten!“

Erneut schallendes Gelächter.

Sanara runzelte die Stirn. Sie hatte rein gar nichts bekommen – mussten die anderen Barden zahlen, um hier spielen zu dürfen?

Sie sah auf den Weinkelch in ihrer Hand. Wahrscheinlich glaubte der Lord, alleine der Feier seiner Tochter beizuwohnen, sei Bezahlung genug. Bei der Anwerbung hatte Sanara jedenfalls nicht nach der Gage gefragt. Sie ging davon aus, dass ein Lord genug zahlen würde, außerdem hörte sich der Auftrag nach einer Chance zu einer Festanstellung bei Hofe, zumindest für den Winter an.

„So wollen wir diesen festlichen Tag mit Kunst und Musik zu einem schönen Ende bringen! Ich präsentiere euch hiermit – Zauberkünstler Yosisha!“

Die Gäste applaudierten und Sanara verließ den Ballsaal. Danach würden die Gaukler und im Anschluss die Barden auftreten, also musste sie sich jetzt schon vorbereiten und warm spielen.

Als sie wieder in dem ihr zugeteilten Gästezimmer ankam, war sie erleichtert, dort nicht Cai vorzufinden, so konnte sie ungestört ihre Pipa aus dem Instrumentenkoffer herausnehmen. Wie so oft, wenn sie die Laute auspackte, fuhr ihr ein leichter Schauer über den Rücken und wie beim allerersten Mal, als sie das Instrument in die Hand nahm, wurde sie von Ehrfurcht übermannt. Auch jetzt noch, als sie die vier Saiten stimmte, konnte sie kaum glauben, dass sie das Privileg hatte, solch ein elegantes und erlesene Instrument spielen zu dürfen. Als die Pipa gestimmt war, schloss Sanara für einen kurzen Moment die Augen.

 

„Ich präsentiere euch, Sanara aus Okawar, aus dem fernen Lande Taniju!“, erklang die Stimme des Hofherolds und Sanara öffnete ihre Augen.

Sie saß auf der Holztribüne am Ende des Ballsaals und sah ins Publikum.

Wie viele Menschen saßen im Publikum? Diese Frage, die sie zuvor kein bisschen gestört hatte, schwirrte nun unentwegt in ihren Gedanken. Sanara spürte jedenfalls hunderte von abwartenden und skeptischen Blicken auf sich. Ihr Gesicht war vor Anspannung wie versteinert. Die Bardin atmete tief ein und aus.

„Spiele, um zu überleben“, murmelte sie sich zu, kaum merkbar die Lippen bewegend.

Sie setzte ihre linke Hand an den schlanken Hals ihres Instruments und spürte erst jetzt den Schweiß an ihren Fingern. Sanara hob ihre rechte Hand elegant an und setzte sie über das handtellergroße Schallloch, zwang sie, aufzuhören zu zittern.

Es waren nur wenige Sekunden vergangen, seit sie angekündigt wurde, doch Sanara hielt diese für Minuten. Sie hörte das Getuschel unter den Leuten, das schon den ganzen Abend zu hören war und vermutete, sie wundern sich, weshalb sie nicht endlich anfange. Zwei weitere Sekunden vergingen. Es wurde still im Saal.

Nun werden sie ungeduldig, dachte Sanara, sie wollen mich mit ihrer Stille unter Druck setzen. Sie sah Cai im Rande ihres Blickfelds neben der Tochter des Lords sitzen. Er würde jeden Fehler von ihr hören und sich darüber lustig machen. Über jede falsche Intonation, Bewegung und ihren Ausdruck.

Sie sollte sich auf das erste Stück einstimmen, das wusste sie, aber sie glaubte, keine Zeit mehr zu haben und fing an zu spielen, überraschte sich damit selbst und die Aufregung strömte durch ihren ganzen Körper.

Das Lied war eine Ballade, langsam, getragen und gefühlvoll. Sanara wählte immer solche Stücke für den Beginn ihrer Auftritte aus, da sie zunächst ihre Finger unter Kontrolle bekommen mussten, die vor Nervosität zitterten. Bei schnelleren Liedern würde sie sich anfangs hoffnungslos verhaspeln.

Sanara schloss ihre Augen, versuchte sich komplett auf ihr Spiel zu konzentrieren, die aufkeimende Unruhe mit Argumenten zu bekämpfen.

„Du spielst schon seit über zehn Jahren vor vielen Menschen, du hast dich mittlerweile daran gewöhnt“, flüsterte sie sich zu und: „Jede Note, die du spielst, bringt dich näher an das Ende des Stückes, das du dir so sehnlich herbeiwünschst.“

Gleichzeitig versuchte sie andere Stimmen in sich zum Schweigen zu bringen, die sie für jeden noch so marginalen Fehler im Mikrokosmos der Rhythmik tadelten, ihr die Vermutung einredeten, dass sie zu langsam oder zu schnell sei.

„Mein Herz schlägt zu schnell“, dachte sie und versuchte, die meditativen Klänge, die sie von sich gab, auf ihr Gemüt wirken zu lassen.

Sie merkte nicht, dass das gesamte Publikum während ihres Auftrittes wie gebannt lauschte und keinen Mucks mehr von sich gab.

Die Zeit lief nun völlig anders für Sanara – Minuten wurden zu einzelnen Momenten, Sekunden zu Ewigkeiten. Ihre Anspannung ebbte mit jeder getroffenen Note ab, die Stimmen in ihrem Kopf wurden leiser und nach einem Ritardando wurden diese durch ihre eigene Gesangsstimme ersetzt. Die Augen immer noch geschlossen begann Sanara zu singen.

Es war ein trauriges Lied mit einem traurigen Text, den Sanara einst verfasst hatte, als sie sturzbetrunken in einer Gasse Shi-Zeis saß und sich selbst bemitleidete – es handelte davon, dass kein Mensch sich aussuchen kann, wo er geboren wird und man sich nur aussuchen kann, wo man stirbt. Es war nicht wirklich tiefgründig, doch erweckte es durch die kryptischen Metaphern und die klagende Melodie ebendiesen Anschein.

Als Sanara das Lied beendet hatte, schwieg das Publikum noch für einen Augenblick und fing dann an bedächtig zu klatschen, immer noch getragen von der schweren, bittersüßen Melancholie des Stückes, was die Bardin jedoch als kritisierende Zurückhaltung interpretierte und sich darum eher unzufrieden vom Holzschemel erhob, um ihrem Rivalen Platz zu machen, noch bevor der Applaus verstummte.

Cai nutzte diesen Fehler und der Applaus für Sanara wurde zur Begrüßung des Schönlings.

Dieser wartete lächelnd ab, bis das Publikum wieder still war und klemmte dann sein Erhu zwischen die Beine.

Strahlend wandte er sich an den Gastgeber und dessen Tochter und sprach mit voller, sicherer Stimme:

„Meine liebe Huadu, dies ist euer Geburtstag und dies ist kein Anlass, um traurig zu sein, nein! Viel mehr wollen wir das mit einem fröhlichen Lied feiern, richtig?“

Die Gäste hoben bejahend ihre Kelche hoch und alle lächelten Cai zu.

Sanara lächelte nicht, bis Lord Kangs Blick sie traf und sie schnell ihre Mundwinkel anhob.

„Dieses Lied heißt Himmlische Blaue Blume der Berge und ich habe es speziell für diesen Anlass geschrieben!“, kündigte Cai begeistert an, legte seinen Kopf etwas schräg zur Seite und wedelte ein paar Male mit seinen Händen umher, was seine weiten Ärmel durch die Luft sausen ließ.

Als Cai anfing zu spielen, erkannte Sanara die Melodie sofort wieder – es war ein altes Volkslied aus Souminzu, das eigentlich keinen sinnvollen Text hatte. Es ging im Kern nur ums Trinken. Cai hatte bloß einige Harmonien verändert, die Melodie soweit abgeändert, dass ein Laie sie nicht sofort wiedererkennen könne, aber dennoch vertraut sei und natürlich den Text zu einem schleimigen, süßholzrapselnden Gesabber umgedichtet.

Cai sang hell und kräftig – Sanara musste zugeben, er hatte eine wundervolle Singstimme. Auch sein Streichspiel auf der Erhu war gut, sehr dynamisch und ausdrucksstark, allerdings beunruhigte Sanara dies nicht. Das Lied war viel simpler, viel einfacher gestrickt als das ihre und wäre eher in einer Dorfschenke passend gewesen, als zu diesem Anlass.

Das dachte sie, bis das Publikum anfing, mitzusingen, da Text und Melodie so simpel waren, dass jeder, der auch nur mit halbem Ohr zugehört hatte in der Lage dazu war.

Verächtlich schnaubte Sanara. Wie können solch hohe, kultivierte Gäste diesem Bauernbrei nur etwas abgewinnen?

Als Cai sein Lied schließlich beendet hatte, jubelte die Menge und applaudierte wesentlich lauter, als sie es bei Sanara getan hatte, einige standen sogar händeklappernd auf und zeigten dümmlich grinsend ihre Zähne.

Cai verneigte sich mehrmals und strahlte dabei bis über beide Ohren. Erst als wirklich der allerletzte Klatscher fiel, räumte er wieder die Bühne.

Sanara war verunsichert, als sie sich nun setzte. Sie hatte ein weiteres, eher getragenes Stück geplant, aber nachdem das Publikum derart in Stimmung gebracht wurde, hätte es dieses gar nicht mehr entsprechend aufnehmen können.

Sie musste sich etwas einfallen lassen. Natürlich beherrschte Sanara auch fröhliche, beschwingte Stücke, aber sie verachtete gleichzeitig deren simple Melodien und ewig gleichen Akkordabfolgen, welche der Musik ihren Zauber nahmen.

Sie entschied sich für etwas Gewagtes.

„Das ist ein Lied“, murmelte sie und wurde sich erst beim letzten Wort bewusst, dass sie viel zu leise Sprach.

„Ein Lied, das noch recht neu ist“, wiederholte sie etwas lauter und sichtlich bemüht darum, zu lächeln und fröhlich zu klingen.

„Es ist im Jué-Modi geschrieben, beinhaltet allerdings auch Tonarten von Übersee, die ich als sehr interessant empfinde und ebenfalls in meine Musik einfließen lassen wollte.“

Sanara warf einen unsicheren Seitenblick zu Cai, der genüsslich lächelte. Worüber amüsiert er sich so, fragte sich Sanara verärgert.

„Und es ist ebenfalls ein fröhliches Lied“, log sie, schätzte das Publikum, das sich derart über Cais einfältiges Lied freute aber dumm genug ein, dass es das nicht erkennen würde.

„Wer hört schon auf den Text?“, dachte sie wehleidig.

„Ich gebe zu, ich hatte es nicht vorbereitet gehabt, da ich nicht glaubte, die Stimmung sei hier so gelassen. Das liegt wohl daran, dass ich aus Taniju stamme, die Leute dort können nicht so gut feiern wie ihr!“

Die Gäste und auch der Lord und seine Tochter lachten, während Sanara sie alle und auch sich selbst verachtete.

„Deshalb ist der Text improvisiert. Viel Spaß!“

Und dann fing sie an zu spielen, selbssicherer als zuvor und ohne darauf zu warten, ob das Publikum bereit war. Es hatte bereit zu sein. Gelassen huschten ihre Finger über die Saiten und fremdartige, aber wohlklingende Töne erfüllten den Saal. Sanara lächelte, als sie die Stelle im Vorspiel erreichte, die besonders schnell wurde. Technisch völlig leicht, wenn man den Bogen erst einmal heraus hat, aber Laien kann man damit immer wieder aufs Neue beeindrucken, wusste sie und tatsächlich fuhr ein staunendes Raunen durch den Saal.

Schließlich fing sie an zu singen.

 

Er fuhr auf der Straße der Blätter fort, der Wind sein treuer Begleiter.

Er trug ihn zu einem fernen Ort, mal als Esel und dann als Reiter.

Der Jüngling trägt alles fest bei sich, die Kleidung, das Geld, sein Herz.

Und biegt er ein in die Straße der Leiber, ergötzt er sich an deren Schmerz.

Die Stiefel gar weich, die Stimme wie Honig, doch schmutzig und voller Hohn,

Reist er durch die Lande, bereichert sich an deinem und meinem Lohn.

Er kennt die Sümpfe, die Berge, das Tal, die Lieder verschiedenster Länder

Er macht sie zu seinen und kleidet sich ein in kostbaren, fremden Gewändern.

Die Königsstraße befährt er nun, der Wind ist längst verschwunden,

Die Straße teilt sich, geht entzwei und öffnet erneut ihre Wunden.

 An seinem Ziel, da lacht er, schläft in jungem Bette und singt

Die Ohren woll’n nicht begreifen, aus welchem Becher der Jüngling da trinkt.

 

Sanara, erleichtert darüber, dass sie sich einen einigermaßen passablen Text im Stegreif aus der Nase ziehen konnte, ging wieder in einen Instrumentalpart über und amüsierte sich, als sie die fröhlichen Gesichter in der Menge erblickte, darunter auch das von Lord Kang. Mit einem spektakulären Wirbel aus Tönen beendete sie ihren Vortrag und sah vergnüglich in Cais Richtung, der weniger angetan von ihrem Lied schien und ihr giftige Blicke zuwarf.

Die Menge applaudierte nun jedoch tatsächlich eher verhalten und einige Gäste schienen sich nicht sicher zu sein, ob das Lied tatsächlich schon vorbei war. Sanara wurde erneut wütend. Wenn das gebildete Volk diese Lieder nicht zu schätzen wusste, wer dann? Für wen oder was machte sie sich eigentlich die Mühe, Lieder zu schreiben, die Geist und Ohren herausforderten, die nicht aus ewig gleichen Wiederholungen bestanden?

Noch bevor der Applaus verebbte, erhob sich zum ersten Mal an diesem Abend die Stimme Huadus, des Geburtstagskindes.

„Bardin“, sprach sie mit hoher Stimme, die trotz ihrer Zierlichkeit klar zu vernehmen war.

„Ein schönes, interessantes Lied, auch, wenn es in meinem Ohren fast etwas zu fremd klang.“

„Halts Maul, du ahnungsloses Gör“, dachte Sanara, war aber auch zufrieden darüber, persönlich von der Tochter des Lords gelobt zu werden.

„Vielen Dank, euer Hochgeboren! Es freut mich, dass es euch gefallen hat.“

„Ich versuche jedoch den Text zu verstehen und stoße dabei auf einige Steine.

Verstehe ich es recht, dass ihr über einen Barden singt, der Lieder stiehlt?“

Sanara schoss die Schamesröte in den Kopf. Da hatte doch ausgerechnet die Tochter selbst auf den Text gehört und ihn auch noch verstanden.

„Das ist korrekt, euer Hochgeboren“, antwortete Sanara lächelnd und hoffte, dass dies alles war, was die Tochter verstanden hatte.

„Was meint ihr mit den verschiedenen Straßen, die er befährt? Ihr singt von der Straße der Blätter, der der Leiber und schließlich der Königsstraße. Was meint ihr damit?“

„Nun…“, stammelte Sanara und grübelte angestrengt.

„Wie formuliere ich das am Besten? Also, die Straße der Blätter befährt ein jeder Barde. Wir können uns schlecht aussuchen, wo wir spielen, versteht ihr? Genauso, wie die Blätter sich nicht aussuchen können, wohin sie vom Wind getragen werden. Wir müssen die Angebote nehmen, die wir bekommen.“

„Wollt ihr damit sagen“, unterbrach Lord Kang scharf. „Dass ihr nicht gerne hier spielt?“

Sanara wusste nicht, ob Lord Kang diese Frage ernst meinte, denn nun umspielte ein raubtierhaftes Lächeln seine Miene und er sah sich amüsiert in die Richtung seiner Gäste, um deren Reaktion abzuwarten.

„Doch, doch, euer Hochwohlgeboren! Natürlich, euer Hochwohlgeboren, ich spiele sehr gerne hier! Es ist eine große Ehre“

„Und die anderen beiden Straßen?“, hakte die Lordstochter nach.

„Achja, die Straße der Leiber…“

Sanara räusperte sich.

„Der Jüngling von dem die Rede ist, stiehlt, wie ihr aufmerksam bemerkt habt, euer Hochwohlgeboren, fremde Lieder und rühmt sich dafür. Gleichermaßen benutzt er andere Menschen, die Straße der Leiber also, um die Möglichkeit zu erhalten, sie vorzutragen. Im Text hieß es auch, dass der Jüngling sein Herz fest bei sich trägt, er denkt also nur an sich, gibt es nicht an andere. Genauso benutzt er andere Menschen, um voranzukommen, gibt ihnen aber nichts im Gegenzug.“

Sanara zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach.

„Dass er die Straße der Könige befährt, soll bedeuten, dass er damit Erfolg hat und in bester Gesellschaft spielen darf“, erklärte sie knapp.

Die Lordstochter verzog eine angewiderte Miene.

„Was für ein Ekel.“

„Wie Recht Ihr doch habt, Euer Hochwohlgeboren“, antwortete die Bardin und ihr Blick schweifte mit einem kaum merklichen Lächeln zu Cai.

„Ich mag dieses Lied nicht“, beschloss die Lordstochter und Cai lächelte zurück, während Sanara glaubte, ihr Herz würde aufhören zu schlagen.

„Es ist nicht fröhlich, es hat eine hässliche Aussage.“

Entsetzt sah Sanara zu Lord Kang – abgesehen davon, dass dies wohl eindeutig bewies, dass die Tochter sich wohl schon für einen Barden entschieden hatte, was schon schlimm genug war, hatte dieses arrogante Püppchen sie vor versammeltem Publikum erniedrigt! Und ihr Vater hatte nicht einmal den Anstand, sie zurechtzuweisen. Im Gegenteil, er runzelte nur die Stirn und schien angestrengt über etwas nachzugrübeln. Plötzlich veränderte sich nicht nur sein Gesichtsausdruck, sondern seine ganze Haltung. Die Zornesrote schoss ihm in den Kopf, Lord Kang erhob sich und funktelte Sanara wuterfüllt an.

„Verkauft ihr mich für so dumm, dass ich euren Text nicht zu deuten vermag?“

„O nein, mein Lord!“, antwortete Sanara hastig, irritiert durch den plötzlichen Stimmungswandel des Gastgebers.

„Ich wollte nur eurer Tochter erklären…“

„Keine Ausflüchte!“, schnaubte der Lord und vollführte eine schneidende Handbewegung.

„Ihr besudelt die Ehre meiner Tochter und die eines Gastes, der tausendmal würdiger ist als ihr es je sein werdet!“

Sanaras Atem stockte bei diesem verbalen Hieb und sie stand nur da, mit hängenden Armen, müden Augen und halboffenem Mund. Sie wünschte sich an einen anderen Ort und tatsächlich befand sie sich nicht mehr in ihrem Körper, aber noch immer in diesem verdammten Ballsaal, direkt neben sich. Sie hörte das empörte Raunen der Menge, das aufgebrachte Donnern des Lords, aber sie nahm kein einzelnes Wort mehr wahr. Dennoch überraschte sie es nicht, als Wachen mit eisernen Schritten auf sie zukamen, um sie zu fassen. Alles ereignete sich auf einmal, würde passieren und ist bereits geschehen, die Handlungsspirale wurde bloß gedehnt. Cais Stimme vermischte sich mit dem Wirrwarr der Geräusche. Sollte er ihr noch Salz in die Wunden streuen, sie hatte bereits auf voller Linie verloren. Es machte keinen Unterschied mehr, dachte sie und lächelte schief, während sie merkte, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Das war das Ende der größten Musikerin, die jemals auf Tao Jin wandeln würde, stellte sie resignierend fest, aber wenigstens würde ihr Ende schnell durch die Klinge als langsam durch den Hunger- oder Kältetod kommen. Das Ende eines Künstlers – das Ende auf der Bühne, vor einem erwartungsvollen Publikum.

Doch auch das sollte ihr verwehrt blieben. Sanara nahm kaum wahr, dass Cais Stimme sich viel mehr beschwichtigend anhörte als spöttisch oder anklagend und er ihr nach seinem Plädoyer gönnerhaft zunickte. Ein leiser Fluch ging ihr über die Lippen und sie warf einen letzten, bitteren Blick in seine Richtung, bevor sie abgeführt wurde. Doch anstatt in eine Zelle geworfen zu werden, wurde sie grob in den Schnee vor das Burgtor geworfen. Sie blinzelte verwundert, als hätte die nasse Kälte sie aus einem tiefen Schlaf gerissen, die klare Bergluft ihren Verstand von den wirren eines finsteren Traumes befreit.

„Lasst euch hier bloß nie wieder blicken!“, hörte sie den Torwächter mit seiner tiefen Stimme brummen.

„Schlagt mir den Kopf ab“, nuschelte Sanara gedankenversunken in den Schnee, doch der Torwächter war bereits wieder an seinem Posten, zu weit weg, um sie zu hören.

„Ich habe mein Instrument und meinen Ruf hinter diesem Tor verloren.“

Dann schloss sie ihre Augen und blieb liegen.

 

III.

Als Sanara erwachte, nahm sie als erstes das konstante knarren der Räder, die über die Steine rollten wahr. Ihr verschwommener Blick wurde klar und sie erkannte, dass sie auf einem Kutschbock saß, in eine raue, filzige Decke eingepackt.

„Wo… wo bin ich?“, murmelte sie und schaute nach links, um den Kutscher zu erkennen.

Sie erkannte ein seltsam vertrautes Gesicht. Es war das des alten Mannes, des Lieferanten des Lords.

„Auf dem Weg in die Stadt“, erklärte der kleine Mann mit freundlicher Stimme.

„Ich konnte euch nicht einfach liegen lassen. Außerdem haben sie vergessen, euch euer Instrument mitzugeben, ich habe es mitgenommen.“

„Wieso?“, fragte Sanara. Sie war enttäuscht darüber, noch am Leben zu sein, hatte sie sich doch bereits mit ihrem Ende abgefunden. Obgleich ihr der kleine Mann einen großen Gefallen getan hatte, ihr Instrument zurückzubringen und sie mit in die Stadt zu nehmen, war sie gleichermaßen verwirrt als auch aufgebracht über diese selbstlose Tat. Bestimmt war sie nicht selbstlos, dachte sich Sanara und ihr Blick wurde misstrauisch.

„Ihr seid zu gut, als dass ihr in solch jungem Alter schon abtreten solltet“, erklärte der Mann.

„Ihr solltet eure besten Lieder wohl nur eher an anderen Orten spielen!“

„Das weiß ich mittlerweile auch selbst, aber vielen Dank für den Ratschlag.“

Sanaras Stimme klang viel zu müde, um sarkastisch zu klingen, jedenfalls war ihre Spitzzüngigkeit an den kleinen Mann verschwendet.

„Ich habe mir gedacht, ihr könntet bestimmt eine Bleibe über den Winter gebrauchen, bis zur nächsten Siedlung ist es nämlich sehr weit.“

Sanara lächelte, wusste sie doch nur zu gut, was jetzt folgen würde.

„Deshalb möchte ich euch ein Angebot machen. Ich habe eine Schenke. Spielt dort jeden Abend und ich gewähre euch Unterkunft und Verpflegung bis zum nächsten Frühling. Was sagt ihr?“

Sanara sah den kleinen Mann, der sie erwartungsvoll angrinste nachdenklich an. Sie hatte keine Lust mehr und nach diesem Abend ekelte sie sich davor, ihre Pipa überhaupt auch nur anzurühren. Dann überlegte sie sich, ob sie wirklich vorhatte zu sterben und kam zu dem Entschluss, dass das eigentlich nie ihr Plan war.

„Hm“, machte sie und rieb sich die Stirn, während ihr Gegenüber merklich verdutzter über ihre Reaktionen auf sein Angebot schien.

„Zwei Mahlzeiten, eine davon warm?“, fragte Sanara und sah den kleinen Mann misstrauisch an, der daraufhin entrüstet mit dem Kopf zurück zuckte.

„Drei Mahlzeiten, meine Dame!“, antwortete er gekränkt. „Und selbstverständlich haben wir auch eine warme Küche!“

Na das hörte sich doch nicht schlecht an, dachte Sanara und lächelte.

„Na gut, einverstanden“, entgegnete sie schließlich und reichte dem kleinen Mann ihre Hand. Dann lehnte sie sich zurück, sah aus dem Wagen ins Tal und schüttelte langsam den Kopf.

Im Frühling, beschloss Sanara, würde sie ihre Pipa verkaufen und irgendeiner anständigen Arbeit nachgehen.

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7 thoughts on “Stolz

    1. Ehrlich gesagt, ich stehe nicht sonderlich auf Happy Ends. Ich kann mich mit einem bitter-süßen Ende + Katharsis viel besser anfreunden. Wäre es denn tatsächlich ein „Gutes Ende“, wenn Sanara ihr Instrument behält? Wir wissen ja jetzt, wie sie sich als Bardin verhält…
      Vielen Dank fürs Lesen und dein Kommentar! 🙂

      Gefällt 2 Personen

  1. Bitteschön^^
    Ich brauche eigentlich auch nicht zwingend ein Happy End. Geschichten ohne Friede, Freude, Eierkuchen gehen mir immer näher als die mit „glücklichem“ Ausgang. Trotzdem glaube ich in dem Fall nicht, dass Sanara die Musik an sich aufgeben wird (schließlich ist sie doch die bessere Musikerin, verglichen mit Cai). Das ist aber nur meine Meinung… Also nicht zu viel drauf geben:)
    Liebe Grüße
    Michaela

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  2. Ui, da spielst Du ja schön mit meinem Gerechtigkeitssinn. Das ist Dir gut gelungen, diesen Cai hasst man ja beinahe. Deine Heldin hast Du so gezeichnet, dass man weiß, oh, so mit dem Kopf durch die Wand wird das sowieso nichts, doch man kann sie jederzeit verstehen.
    Ich fang jetzt nicht wieder an mit dem Gärtner-Gedöns, ich schätze, wenn das Tempo stimmt und die Geschichte vorwärts zieht, ist das auch egal.
    „Klamotten“ passt nicht in den restlichen Stil, auch dieses „Äh, Hallo?“, ist eher Slang aus der Jetzt-Zeit.
    Ich mag solche Geschichten, die melancholisch gefärbt sind, besonders, wenn sie dann noch ein offenes Ende haben …
    Schön!
    Liebe Grüße, Julia

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    1. Du hast vollkommen Recht, „Klamotten“ und „Äh, hallo?“ sind grausame Stilbrüche. Werde ich sofort ändern, danke für den Hinweis 😉
      Jaaa, ich spiele gerne mit derlei Dingen! Ich liebe es, wenn Autoren bewusst gegen Erwartungen und, ich sage mal „Klischees und Konventionen“ steuern. Ich bin da nur selber immer sehr vorsichtig mit, weil ich nicht will, dass das zu einem Klischee von mir wird. Dann wäre es irgendwann auch vorhersehbar…
      Freut mich, dass dir die Geschichte trotz ihrer Flora gefällt!

      Gefällt 1 Person

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