Ist Leid die wahre Ressource unserer Unterhaltungskultur?

Wir ergötzen uns am Leiden. Vor allem, wenn wir es nicht sind, die leiden müssen, finden wir das Leiden super interessant. Schon mal in einen Stau geraten, der nur dadurch so richtig lang wurde, weil alle, die am Unfallort vorbeigefahren sind, langsamer wurden, um zu schauen, was da genau passiert ist? Es ist ja nicht so, dass wir die Person kennen würden. Und in der Regel hat man am nächsten Tag wieder vergessen, was da genau passiert ist. Aber trotzdem halten so viele Leute an und gaffen.

Unter den Top 5 Rated TV Series auf IMDB befinden sich unter anderem Band of Brothers, eine Serie über den zweiten Weltkrieg, Breaking Bad, eine Serie über einen krebskranken Chemielehrer, der sich immer mehr in kriminelle Machenschaften verwickelt und… naja, Game of Thrones eben. Erstere Serie habe ich zwar, um ehrlich zu sein noch nicht gesehen, aber von all dem, was ich bereits gehört habe, kann sie sich in einer Hinsicht bei den anderen beiden einreihen: der Zuschauer erfährt durch das Zusehen einen Strudel negativer Emotionen (oder zumindest das, was allgemein als „negativ“ gilt): Furcht, Enttäuschung, Trauer, Wut. Aber warum tun wir uns das an? Warum suhlen sich so viele von uns – und da schließe ich mich selbst auch ein – in dem Leid?

Bereits in der Antike hatte man eine Vorliebe für Tragödien: Telegonos, auf der Suche nach seinem Vater, den er nie kannte, tötet Oddysseus, unwissend, dass er sein Erzeuger war. Orpheus dreht sich törichterweise um und verliert seine geliebte Gemahlin Eurydike – dieses Mal endgültig. Gerade das sind so die Geschichten, die an die Essenz gehen.

Wie schon die Band „Tool“ mit ihrem Lied „Vicarious“ beschreibt:

Eye on the TV ‚cause tragedy thrills me
Whatever flavour it happens to be like;
Killed by the husband, drowned by the ocean
Shot by his own son, she used the poison in his tea
And kissed him goodbye.
That’s my kind of story: it’s no fun ‚til someone dies

und später:

Vicariously I, live while the whole world dies – You all need it too, don’t lie

Vielleicht wird es in dem Lied etwas übertrieben dargestellt. Vielleicht ist es weniger eine sadistische Grausamkeit, die in uns wohnt, sondern das Gefühl, dass wir uns erst dann richtig mit jemandem identifizieren können, wenn wir die Person leiden sehen. Weil Leid – und alles, was damit verbunden ist, blöderweise viel intensiver und länger in uns weilt, als positive Gefühle und wir es a. Habt ihr schon mal jemanden erlebt, der über Jahre hinweg, wegen einem „positiven traumatischen Erlebnis“, ständig gute Laune hatte? Weil ihm oder ihr etwas Schönes widerfahren ist? Natürlich, es gibt Geschichten, die gut ausgehen. Der Protagonist überwindet den Schmerz, die Probleme, die Jungfräulichkeit und tritt schließlich gestählt als Sieger hervor. Aber mal ganz ehrlich – berührt uns das tatsächlich? Sind das die Romane, Serien, Filme, Theaterstücke, die wir als Meisterwerke bezeichnen? Nein. Es muss eine Tragödie sein. Meine Vermutung ist, dass wir uns dabei irgendwo besser fühlen. Wir merken, dass wir es gar nicht so schlecht haben, dass es uns besser geht, als dem armen Teufel, der alles verloren hat. Oder zumindest, dass es jemanden gibt, der ebenfalls leidet. Weil es nicht fair wäre, wenn man alleine leidet, während es allen anderen gut geht. Alle anderen machen nämlich Urlaub, sind in einer tollen Beziehung, essen wunderbares Essen und sind laut Persönlichkeitstests zu 85% gute Menschen, wie wir von ihnen aus Facebook wissen. Und wenn es allen anderen besser geht, dann kann man sich zumindest damit trösten, dass Romeo sich vergiftet und Julia sich mit einem Dolch ersticht.

Was können wir daraus lernen? Eine ganze Menge. Zum einen, dass Facebook vielleicht nicht unbedingt der beste Ort für depressive Personen ist, die sich an dem orientieren, was andere so alles haben. Zum anderen, dass wir vielleicht einfach ein wenig mehr darauf achten sollten, unseren positiven Erlebnissen und den damit verbundenen Emotionen mehr Wert zu zusprechen. Es ist so leicht, die ganze Zeit zu jammern, wir Deutschen haben da ja eine richtige Disziplin gemacht, gerade, was das Autofahren angeht. Warum jubeln wir nicht genauso laut, wie wir meckern, wenn die Ampel grün ist? Warum sagen wir nicht mal zur Abwechslung: „War ja klar, dass ich heute rechtzeitig und ohne Unfall zur Arbeit gekommen bin, ich toller Hecht!“? Das hier sollte kein Kommentar darüber sein, wie falsch es ist, dass Leiden so präsent in unserer Unterhaltungskultur ist. Wir müssen nur ehrlich mit uns sein, in uns gehen und uns fragen, was uns am Leiden anderer so anspricht. Dass wir in einer gescheiterten Beziehung auch gute Momente hatten, die jemand anderes vielleicht nicht hatte. Dass wir immerhin gesund sind. Oder, dass wir immerhin Geld oder zumindest ein Dach über dem Kopf haben. Oder, dass wir immerhin noch unsere Seele besitzen. Und selbst, wenn wir all das nicht mehr haben und uns zu recht richtig mies fühlen – dann finden wir ironischer weise Zuflucht in unseren griesgrämigen, negativen Unterhaltungsmedien.

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One thought on “Ist Leid die wahre Ressource unserer Unterhaltungskultur?

  1. Dass das Negative einem viel präsenter ist, darüber haben wir ja vor kurzem schon mal gesprochen… aber wie sich das auch in den Medien zeigt, war für mich eine neue Beobachtung und echt interessant zu lesen. Danke für den Beitrag!

    „Warum sagen wir nicht mal zur Abwechslung: „War ja klar, dass ich heute rechtzeitig und ohne Unfall zur Arbeit gekommen bin, ich toller Hecht!“?“ 😀

    Gefällt 1 Person

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