Topophobie – Die Waffen einer Frau

„Mettelbach, hallo?“, ertönte eine säuselnde Frauenstimme blechern aus der Sprechanlage des vierstöckigen Blockhauses.
„Wir sind’s. Oder besser gesagt ich.“
Das unfreundliche „NÄÄÄÄÄÄ“, signalisierte, dass die Eingangstüre ins Treppenhaus bereits entriegelt wurde, bevor ich den zweiten Satz beenden konnte. Seufzend drehte ich mich noch einmal zu Nayara um, die immer noch, wild gestikulierend auf der Straße stand und mit dem Mann diskutierte. Nein, zankte, wem will ich etwas vormachen. Meine Hoffnung, dass sie diesen albernen Streit einfach beenden würde, hatte sich in die Hoffnung verwandelt, dass niemand die Polizei rufen würde.
Ich öffnete schließlich die Türe und betrat das Gebäude, das nach Putzmittel roch. Ich überlegte für einen kurzen Moment, ob es schneller wäre, zu Fuß oder mit dem Aufzug in den zweiten Stock zu kommen, aber schließlich siegte meine Faulheit.
Als sich die Türe des Lifts öffnete, stand Alina bereits mit einem breiten, falschen Lächeln in der Türschwelle. Ich lächelte fast genauso breit, aber mindestens genau so falsch zurück.


„Hallooo!“, begrüßte sie mich und versuchte dann mit verwundertem Gesichtsausdruck hinter meinem Rücken irgendetwas zu entdecken. Nayara war zwar klein, aber nicht so klein, dass sie sich hinter einem Klappergestell wie mir hätte verstecken können.
„Hallo Alina“, antwortete ich und beschloss, ihr affektiertes Suchspiel aufzulösen. „Nayara kommt nach. Sie hat sich mit einem eurer Nachbarn angefreundet.“
„So eine kontaktfreudige Person, was? Na, dann komm du wenigstens her. Lass dich umarmen.“
Mir blieb nichts anderes übrig. Alina roch nach einem süßlichen Parfum, das noch intensiver war als jenes von meiner Freundin, für das ich selbst verantwortlich war und auch nach Haarspray, welches ihre künstlich gelockten, braune Haare glänzen ließ. Mir wurde augenblicklich schlecht.
„Komm rein, komm rein, Felix ist auch schon da. Er muss nur noch irgendetwas Wichtiges erledigen.“
Ich trat ein.
„Aber zieh davor deine Schuhe aus! Ich habe hier vorhin geputzt. Warte. Ich gebe dir Hausschuhe. Magst du gelb? Natürlich magst du gelb, du hast ja auch auf unserer Hochzeit ein gelbes T-Shirt getragen. Hier, da habe ich was für dich.“
Alina drückte mir Plüschschuhe in die Hand, die Zitronen mit einem Gesicht abbildeten. Jede Wette, dass Felix diese Treter ausgesucht hat. Wahrscheinlich dachte Alina, dass es mir peinlich wäre, so etwas zu tragen. Ich steckte mit amüsiertem Lächeln meinen Fuß in den Mund der glubschäugigen Stoffzitrone.
„Ulkig. Wir hätten beinahe die Tomatenversion davon gekauft“, log ich. „Aber sie waren uns zu teuer.“
Alina hielt ihr leeres Lächeln gekonnt wie eine Schauspielerin auf ihren rot bemalten Lippen und trat zur Seite, um den Weg in ihre Wohnung freizugeben.
„Wie geht es dir?“, fragte ich höflichkeitshalber und um die unangenehme Spannung zwischen uns zu überbrücken, während wir uns ins Wohnzimmer begaben.
„Ach, ganz gut, danke“, antwortete Alina. „Ich bin nur etwas frustriert darüber, dass wir einfach keine Wohnung finden, die uns gefällt.“
Wir nahmen auf der langen Sofabank platz und ich schaute mich im Zimmer um. Alles war aufgeräumt, wirkte leer und steril, trotz all der Blumen in ihren Vasen und der Bilder, hauptsächlich von Alina, die im Raum verteilt waren.
„Ich würde mich ja freuen, wenn ich ein Wohnzimmer hätte, das nur halb so groß ist wie eures.“
„Ach Nat“, seufzte Alina in einem Tonfall, den man aufsetzt, wenn man ein Kind korrigieren will, das maßlos übertreibt. „Ich war doch schon bei euch. Euer Wohnzimmer ist nicht halb so klein wie unseres.“
„Du vergisst die Dachschräge“, erinnerte ich sie. „Da können wir keine Schränke hinstellen, die wir dann mit Bildern und Blumenvasen vollstellen. Das macht mich manchmal geradezu depressiv.“
Alina sah mich kalt an, das Lächeln zu einem dünnen, nach oben abgeknickten Strich ihrer Lippen erfroren.
„Das glaube ich dir“, entgegnete sie und stand auf.
„Was kann ich dir zu trinken haben? Wir haben Orangensaft, Multivitaminsaft, Wein, Bier und Mineralwasser hier.“
„Ich würde ein Bier nehmen, danke.“
„So früh schon?“
Ich erinnerte mich an den Grund, weshalb wir uns überhaupt eingeladen hatten und schluckte all die spitzen Bemerkungen herunter, die ich ihr nun hätte an den Kopf werfen können.
„Du bist mit einem Musiker verheiratet“, sagte ich lächelnd. „Du weißt ja, wie schlimm das mit uns sein kann.“
„Felix ist Mechatroniker, kein Musiker“, erklärte Alina, öffnete eine kalte Flasche Bier und reichte sie mir. Im gleichen Moment kam ihr Mann aus dem Badezimmer getrottet.

„Mann, habe ich gerade gut geschissen!“, ächzte er und streckte sich.
Ich fand seine Toilettenberichte ja nie weder lustig, noch interessant, aber ich freute mich über den angeekelten Ausdruck seiner Gattin.
„Da bist du ja!“, sprach ich, als sein Blick auf mich fiel. Ich stand auf und wir umarmten uns.
„Alina hat mir schon erzählt, dass du gerade etwas Wichtiges fabrizieren musstest.“
„Ohja“, stöhnte Felix und rieb sich seine Schläfe.
„Felix, was haben wir über deine Abenteuer auf der Toilette gesagt?“, ermahnte ihn Alina, sichtlich unerfreut über meinen Kommentar.
„Jaja“, murmelte Felix und sah auf mein Bier. Dann ging er selbst zum Kühlschrank und nahm sich ebenfalls eines.
Alina sah ihn vorwurfsvoll an.
„So früh?“, fragte sie, dieses Mal an ihn gerichtet.
Felix warf einen Blick auf die Uhr und schob die Unterlippe vor.
Kein Bier vor vier!“, ermahnte sie ihn mit einem tadelnden Tonfall, der selbst dann hassenswert gewesen wäre, wenn sie einem Vierjährigen verboten hätte, sich einen Schuss Heroin zu setzen.
„Irgendwo auf der Welt ist es sicherlich nach vier“, scherzte ich, aber Alina schien das gar nicht lustig zu finden. Felix warf mir ein müdes Lächeln zu, stellte aber letztlich die Flasche wieder zurück in den Kühlschrank.
„Schön, dich zu sehen!“, sagte er und setzte sich neben mich. „Vor allem nach der letzten Probe. Ich habe schon befürchtet, dass ihr alle sauer auf mich wärt… wo ist eigentlich Nayara?“
Ja, wo war sie eigentlich? Langsam näherten wir uns dem Punkt, an dem Nayaras Plan vom ungeplanten Gespräch in die Realität umgesetzt werden musste. Und ich war ja ganz offenbar nicht derjenige, der „besser allgemein mit Menschen umgehen“ konnte.
„Nun, sie macht sich momentan neue Freunde in eurer Nachbarschaft“, erklärte ich erneut. „Du weißt ja, wie sie sein kann.“
„Das wissen wir alle“, erklärte Alina und nahm einen Schluck verdünnten Orangensaft, den sie sich mittlerweile eingegossen hatte.

Mit jeder Sekunde, die verstrich, hielt ich den ganzen Besuch für eine unglaublich bescheuerte Idee. Ich bin ja eigentlich jemand, der mit den meisten Menschen zurecht kommt. Wenn man unter „Zurechtkommen“ gepflegtes sich-gegenseitig-ignorieren versteht. Aber Felix‘ Frau gehörte zu den wenigen Menschen, die mich geradezu dazu einluden, mich verbal mit ihnen zu duellieren. Es gab Leute, die einfach oft nur unqualifizierte Kommentare von sich gaben, sowas provozierte mich zwar auch, aber Alina… sie hielt sich für so unglaublich schlagfertig und raffiniert, dass es meiner jämmerlichen Disziplin wirklich jeden Rest abverlangte, mich nicht auf eine Diskussion mit ihr einzulassen. Ich wüsste ganz genau, wer dabei die Oberhand behalten würde und das machte es für mich nur noch schwieriger. Wo blieb Nayara nur?
Ich hielt kurz inne und wollte mich überzeugen, ob das Martinshorn, das ich hörte, nur meiner Paranoia entsprang. Glücklicherweise war dem der Fall. Oder ich hatte einen ganz seltsamen Tinnitus. Umso mehr schreckte ich, wie von der Tarantel gestochen, hoch, als plötzlich die Klingel laut und schrill ertönte.
„Felix! Wolltest du die Klingel nicht reparieren?“, jammerte Alina.
„Ja, Liebes…“
Felix stand auf und ging zur Türe, um Nayara einzulassen. Durch die für sie offen gelassene Türe hörte man, dass sie das Treppenhaus benutzte, jeweils zwei Stufen mit einem Schritt.
Sie trat mit griesgrämigem Gesichtsausdruck ein und bemühte sich nicht einmal groß, ihre Laune zu verbergen, als sie Felix und Alina begrüßte.
„Euer Nachbar ist so ein Idiot.“
„Gut möglich“, pflichtete ihr Alina bei. „Wir haben hier lauter Idioten als Nachbarn. Einer der Gründe, weshalb wir ausziehen wollen.“
„Aber ihr habt ein großes Wohnzimmer“, murmelte ich vor mich hin.
„Darf ich dir Wasser anbieten?“, fragte die Herrin des Hauses mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja, darfst du“, antwortete Nayara und man konnte an ihrem Tonfall hören, dass sie immer noch tierisch genervt über ihre letzte Diskussion war. Keine guten Voraussetzungen, dachte ich. Sie bemühte sich nicht mal, ihre Launen zu verdecken. Wenn es ihr gut ging, war bei ihr alles Sonnenschein, selbst, wenn alle um sie herum eine Laune wie sieben Tage Regen hatten. Ungünstigerweise funktionierte das auch andersherum so.
„Einen Moment“, sprach Alina und trank ihren Orangensaft leer, bevor sie Nayara ein Glas mit frisch gezapftem Leitungswasser füllte.
„Was war das für ein Nachbar?“, fragte Felix.
„Ein Arschloch!“, antwortete Nayara, noch bevor ich überhaupt den Versuch unternehmen konnte, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Meine Freundin nahm das Glas, trank es in einem Zug leer und ließ sich auf das Sofa plumpsen, dass es kurz quietschte. Alina sah für diesen Moment fast so aus, als würde ihr das physische Schmerzen bereiten, sagte aber glücklicherweise nichts und gesellte sich dazu.

„Also“, sprach sie, setzte sich und strich sich ihr rotes Oberteil auf ihren Oberschenkeln glatt. Vor ihrer Hochzeit hatte sie hauptsächlich körperbetonte teure Markenklamotten mit lächerlich tiefen Ausschnitten getragen. Heute trug sie einfach nur lächerlich teure Markenklamotten.
„Ihr seid hergekommen, weil ihr etwas Wichtiges mit uns zu besprechen habt?“
Nayara nickte.
„Richtig.“
Sie sagte das mit so fester Stimme, dass ich hätte schwören können, dass sie genau wusste, was sie jetzt sagen wollte. Soviel zu ihrem Plan.
„Erstmal danke für eure Gastfreundschaft“, warf ich ein und lächelte schief zu Felix herüber, hob das Bier an.
„Ja, tausend Dank“, stimmte mir Nayara mit eher sarkastischem Tonfall bei und stellte ihr leeres Glas auf den Wohnzimmertisch. Vielen Dank für das Leitungswasser, vollendete ich gedanklich ihren Satz, in der irrationalen Hoffnung, dass sie es dann nicht mehr aussprechen müsste. Tat sie glücklicherweise auch nicht.
„Jedenfalls, wir sind hier, um über unsere Band zu sprechen.“
Hätte Alina keine Lust gehabt, darüber zu reden, hätte sie nun gefragt, was sie denn damit zu tun hätte, aber so neugierig, wie sie nun dreinschaute, wusste ich, dass sie unbedingt dabei sein wollte. Was wir ja auch erwartet haben.
„Und inwiefern?“, fragte sie. „Felix meinte, es hätte Streit gegeben?“
„Nur Meinungsverschiedenheiten und eine etwas kürzere Probe“, versuchte ich zu beschwichtigen.
„Ja“, stimmte er mir zu. „Leon hat nur mal wieder irgendeine viel zu ambitionierte Idee für uns gehabt.“
Ich blickte zu Nayara herüber. Was war jetzt unsere Politik? Pro-Contest oder dagegen? Sie sah mich erst gar nicht an, als sie antwortete.
„Gar nicht viel zu ambitioniert!“, sagte sie. „Wir können den Wettbewerb gewinnen! Aber nur in unserem fest eingespielten Team! Wir brauchen dich dafür, Felix!“
Ich sah, wie Felix Miene sich sekundenschnell verdüsterte.
„Was ist das für ein Wettbewerb, Felix?“, wollte Alina wissen.
„Einer, bei dem man viel Geld verdienen kann!“, antwortete Nayara für ihn.
„Dann könnt ihr euch auch eine größere Wohnung leisten!“
Das schien Alina tatsächlich sogar besser zu gefallen als ihrem Ehemann.
„Wie viel?“, erkundigte sie sich. Alina legte den Kopf mit einem „Ich-bitte-dich-darum-geht-es-doch-gar-nicht“-Blick an, aber sie hatte das Geld ja selber angesprochen.
„Nun“, begann sie zögernd. „Also, es ist keine feste Summe vereinbart. Aber der Gewinner wird unter Vertrag genommen und nimmt eine Platte auf.“
Alina rollte mit den Augen.
„Achso“, machte sie enttäuscht.
„Hey Leute…“, versuchte Felix so ruhig wie möglich zu sagen. „Ich habe es euch doch schon gesagt, ich mache da nicht mit.“
„Mensch Felix!“, rief Nayara verzweifelt. „Lass dir mal ein paar Eier wachsen! Wir werden das Ding gewinnen!“
Oder zumindest nicht ganz so blöd neben der Konkurrenz, die sicher auch nicht schlecht sein wird dastehen, dachte ich.
„Wir haben doch nicht mal eine Aufnahme, die wir verschicken könnten“, argumentierte er dagegen.
„Ja!“, entgegnete Nayara, die immer lauter wurde. „Und es wird langsam auch mal Zeit dafür! Wir sind ja recht bekannt hier in Posen!“
In bestimmten Szenekreisen, ergänzte ich gedanklich.
„Eine Webseite haben wir ja schon“, sprach Nayara weiter. „Aber nix zum anhören! Das ist peinlich!“
„Ach Felix“, sprach Alina. „Dann macht doch einfach eine Aufnahme, wenn das nicht zu viel Zeit kostet.“
Es wunderte mich etwas, sie so kooperativ zu erleben. Laut Felix‘ Berichten war sie immer diejenige, die sofort Nein sagte.
„Es kostet nicht nur Zeit“, sprach er. „Sondern auch Geld. Deinem Kumpel, Nayara, der uns die Webseite eingerichtet hat, schulden wir dafür doch auch noch etwas.“
„Das Geld kommt wieder rein!“, sagte Nayara mit drängender Stimme. „Du wirst schon sehen! Sieh es als eine langfristige Investition an!“
Viel Erfolg, dachte ich. Wir waren wieder genau an dem Punkt, an dem wir auch in der vergangenen Probe waren. Und Felix gehörte nicht zu der Sorte von Menschen, die ihre Gedanken auf übermorgen verschwendeten.
„Die nächste Investition, die bei uns ansteht, ist ein Umzug“, klinkte sich nun Alina ein.
„Ja, den ihr euch nicht leisten könnt, wenn Felix bei solchen Gelegenheiten immer seinen Schwanz einzieht!“
„Könntest du bitte aufhören, ständig von den Genitalien meines Mannes zu sprechen?“
Nayara atmete tief ein und aus und sah dann auffordernd zu mir herüber.
„Könntest du bitte auch etwas sagen?“, forderte sie mich auf. Das war ihre Form der weißen Flagge. Ich wusste, dass das Gespräch bereits gelaufen war.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Hör zu, Alina“, sagte ich, so ruhig wie möglich.
„Diese Aufnahme zu machen… das ist nicht so eine große Sache, wie es vielleicht momentan aussieht. Wir teilen die Kosten ja durch vier und dann ist es auch wirklich für jeden bezahlbar. Dafür könnte man theoretisch auch dreimal gut essen gehen.“
Alina sah vorwurfsvoll in Felix‘ Richtung.
„Tatsächlich ist es mittlerweile schon länger her, seit wir auswärts gegessen haben.“
„Wir waren doch letztes Wochenende Hamburger essen!“
Alina wurde rot und sah zu Boden.
„Das ist nicht gut essen gehen!“, zischte sie und sah dann lächelnd zu Nayara. „Aber die Veggieburger sind wirklich gut dort. Wenig Kalorien, sind in einem Vollkornbrötchen, also richtig gut für die Linie.“
Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich Alina oftmals für eine überzeichnete Romanfigur gehalten und das gerade war auch so ein Moment. Aber dann wiederum erinnerte ich mich an all die anderen kuriosen Gestalten in meinem Leben, die Alina wieder vollkommen gewöhnlich erscheinen ließen.
„Ich hab gestern richtig fettiges Risotto gegessen“, knurrte Nayara. „Und es war sooo lecker. Ich bin so froh darüber, dass ich mich nicht um meine Figur sorgen muss.“
„Hey, zurück zum Thema!“, sprach ich.
„Wollen wir heute zum Italiener?“, fragte Felix.
Alina grinste zuckersüß und nickte eifrig.
„Oh ja, gerne!“
„Können wir die Pläne für’s Abendessen bitte auf später verlegen?“, fragte ich genervt.
„Ihr könnt ja mitkommen, Nat!“, meinte Felix. „Ich gebe die erste Runde Getränke aus, ja?“
„Nein!“, antworteten Alina und ich gleichzeitig. Interessanterweise funkelten wir uns daraufhin für den Bruchteil einer Sekunde gegenseitig böse an.
„Wir sind hier, um über die Band zu sprechen!“, erinnerte ich. „Lenk nicht vom Thema ab!“
„Hey, Felix“, meinte Nayara. „Wenn es dir finanziell zu viel wird, dann zahlen wir eben deinen Anteil.“
Achja, tun wir das? Ich erwiderte allerdings nicht. Wenn das der Preis wäre, die Band zusammenzuhalten, war ich bereit, ihn zu entrichten.
„Nein, das können wir so nicht machen“, erwiderte Felix. Dann sagte niemand mehr etwas, bis er tief seufzte.
„Nun gut, wir machen mit.“
„Yaaay!“, rief Nayara und strahlte wie ein Kind.

„Moment“, funkte Alina streng dazwischen. „Hast du nicht vergessen, das noch mit jemandem zu besprechen?“
„Liebes, es ist wirklich nicht so viel…“
„Es geht ja nicht nur ums Geld! Auch die Zeit! So ein Wettbewerb nimmt doch auch viel Zeit in Anspruch! Und wir haben kaum noch gemeinsame Zeit!“
„Du kannst ja mitkommen“, schlug Nayara mit breitem Grinsen vor. „Ich habe dich ohnehin fast noch nie auf einem unserer Konzerte gesehen.“
Ich griff unauffällig nach Nayaras Hand, um ihr zu signalisieren, dass sie unseren kleinen Sieg nun nicht zu offensichtlich feiern sollte. Alina schüttelte jedoch nur den Kopf.
„Ich habe keine Zeit für sowas!“
Was? Also gut, nun platzte aber auch mir der Kragen.
„Wieso?“, fragte ich angriffslustig. „Was musst du denn so Wichtiges tun?“
„Äh – mich um die Wohnung kümmern?“
„Wir arbeiten beide!“, erklärte ich. „Und unsere Wohnung ist immer noch nicht auseinandergefallen, obwohl wir beide Geld verdienen gehen!“
„Ihr habt auch andere Ansprüche als wir!“, hielt Alina dagegen.
„Als wir?“, fragte Nayara wütend und sah zu Felix herüber.
„Felix, kannst du bitte mal für dich einstehen?“
„Ich…“
Immerhin ein Wort von ihm. Das „Ich“ stand souverän im Raum, bevor Alina ihm das Wort wieder abschnitt, mit einem gehässigen, falschen Lächeln an Nayara gewandt.
„Glaubst du, ich wüsste nicht, was du hier versuchst?“, sprach sie und ich wusste, dass ihr gerade wieder die unschöne Hintergrundgeschichte der Geburtstagsfeier vor einigen Jahren durch den Kopf ging, zu der Alina so furchtbar eifersüchtig geworden ist.
„Du versuchst einen Keil zwischen uns zu treiben!“
Dann sah sie zu mir herüber.
„Und du bist nicht mal Manns genug, deine Freundin zurückzupfeifen, wenn sie sich ständig andere Männer anlächelt und versucht, sie ihren festen Partnerinnen zu entreißen, was?“
„Nein“, erwiderte ich kühl. „Ich weiß, dass Nayara und ich eine Beziehung führen, die gesund genug ist, um zu wissen, dass wir uns vertrauen können. Und ich wünsche euch von ganzem Herzen, dass ihr dort auch irgendwann mal ankommt.“
Wow, dachte ich. Das war echt gut! Ich tat mein Bestes, mir ein triumphales Lächeln zu verkneifen.
„Alina, komm schon“, beruhigte Felix sie und als ich seinen fast schon amüsierten Gesichtsausdruck sah, der bewies, dass er offenbar realisierte, wie lächerlich die ganze Diskussion eigentlich war, lehnte ich mich innerlich entspannt zurück. Zufrieden registrierte ich, wie mir Nayara anerkennend in die Seite boxte.

Eine Stunde später waren wir wieder in unserer versifften Wohnung und hatten verdammt guten Sex. Er war wie eine gegenseitige Anerkennung unserer Leistung. Und wie ein gegenseitiger Trost, der uns über unsere Niederlage hinweghelfen sollte. Die Tränen einer Frau können Wunder bewirken. Sie sind eine mächtige Waffe, die jedes noch so fein ausgefeilte Argument außer Kraft setzen kann. Als Nayara und ich verschwitzt nebeneinander in den durchwühlten Laken lagen, konnte ich es immer noch nicht so recht glauben, dass Felix so plötzlich und unvermittelt aus der Band ausgestiegen ist.

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4 thoughts on “Topophobie – Die Waffen einer Frau

  1. Klasse. Die Dialoge sind spritzig und knackig, Nats innere Kommentare und Gedanken wunderbar. Der Übergang zum Schluss – Felisx‘ Ausstieg aus der Band – kam mir dann doch sehr überraschend. Okay, der Zickenkrieg hat ihm wohl den Rest gegeben, aber trotzdem … Oder kommt da noch was?
    Ein paar Druckfehler, Wortwiederholungen und Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:
    „Alina roch … was noch intensiver roch …“ (2 x roch)
    „trotz … den Bildern“ (müsste glaube ich trotz … der Bilder heißen)
    „…groß ist, wie eures …“ (kein Komma, denke ich)
    2 x Alira für Alina
    “ … öffnete mir ein Bierflasche, reichte sie mir … und mir … (3 x mir)
    “ … über mein Kommentar“ (müsste wohl „meinen“ Kommentar heißen
    einem Vierjährigen (großgeschrieben)
    „Ich bin ja eingentlich jemand, der … ja“ (2 x ja)
    „Und du bist nicht mal Manns genug, dass es dich stört, dass deine Freundin sich …“ (solche hintereinanderstehenden „dass“-Sätze wirken immer sehr unelegant).

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  2. Übirgens hast Du, glaube ich oben bei Deinem Reiter „Roman „Topophobie“ Deinen letzten Text (Waffen einer Frau) falsch verlinkt – ich lande da immer auf Deinen anderen Text „Warum suchst Du Dir kein anständiges Hobby“ …

    Gefällt 1 Person

  3. Danke für die Korrektur und dein Feedback! Ich hoffe, dass jetzt alles behoben ist.
    Was den plötzlichen Ausstieg aus der Band angeht, da kommt eigentlich keine weitere Erklärung mehr. Ich wollte damit – auch, dass es so abrupt und unvermittelt kam – verdeutlichen, wie sehr sich Felix von seiner Frau beeinflussen lässt. Ein paar Tränen reichen, es muss nicht mal näher erläutert werden und schon sind alle guten Gründe wie weggeweht.

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