Geständnis einer Krankenschwester

Mein Idealismus ist es, der mich einsam macht. Meine Hoffnung, mein Glaube an eine bessere Welt. Und vor allem meine Wut. Man könnte meinen, ich hätte genügend Wege gefunden, meinen Zorn zu kanalisieren, mich auszutoben, aber dem ist nicht so. Mit jeder weiteren Tat, die ich hasserfüllt begehe, erhitze ich nur die Flammen der lodernden Abscheu, die ich gegen unsere Gesellschaft begehe. Und es wird immer schwieriger. Ich weiß nicht mehr, wer dazu gehört und wer in die Rolle gedrängt wurde. Aber das ist egal. Es muss mir egal sein. Sonst kann ich nicht weitermachen.

Es begann alles vor fünfzehn Jahren. Eigentlich begann es viel früher, aber da war ich noch zu blind, das zu sehen. Augen hatte ich nur für die Kunstwerke, die ich studierte. Ich hätte ihn früher kommen sehen sollen, den Wandel, der uns befiel. Noch während meines Studiums merkte ich doch, wie sehr alles in Einheiten gepresst wurde. Kein Platz mehr für Individualität. Die Kunstwerke, die am meisten Aussagekraft hatten, galten als entartet, ihre Künstler als zu unbekannt, nicht technisch genug. Ich versuchte, den Dozenten und meinen Kommilitonen zu erklären, welche großartigen Botschaften dahintersteckten, aber sie erklärten mir alle, ich bilde mir nur Dinge ein. Der jeweilige Künstler hätte sich eigentlich überhaupt nichts dabei gedacht und selbst, wenn meine Gedanken zu ihren Werken passend wirkten, so war das nur ein Zufall.
„Junge Dame, Sie haben eine außergewöhnliche Vorstellungskraft!“, erklärte mir ein Professor. „Aber Sie sollten anfangen, sich mit den Regeln und Gesetzen der Kunst zu befassen, wenn Sie wirklich analysieren wollen, was gute Kunst ausmacht.“
Ich wollte den Professor tot sehen, als er das aussprach. Wie konnte er nur so etwas sagen? Kunst entspringt dem Sprengen von Regeln, dem Aufbäumen gegenüber Gesetzen! Das war es, was ich hätte sagen sollen. Doch ich hatte zu große Angst davor, dass ich wegen solchen Aussagen mein Studium hätte abbrechen müssen.
Jetzt habe ich diese Gelegenheit nicht mehr.

Welch Ironie, dass ich das Studium ohnehin nicht mehr abschließen konnte, als der große Krieg begann. Ich denke, idealistisch gesehen befand ich mich auf der falschen Seite. Nicht, dass ich ein religiöser Fanatiker wäre, nein. Die Propagandamaschinerie in dem Land, in dem ich lebe, hat dafür zu gute Arbeit geleistet. Ich kann nicht mehr an eine höhere Macht glauben, nach all dem, was ich gesehen und gehört habe, fällt mir das zu schwer. Aber ich wünschte, ich könnte. Ich wünschte manchmal, ich wäre eine religiöse Fanatikerin, die so überzeugt ist, dass sie ihr Leben für ihren Glauben opfern würde. Was muss das für ein Gefühl sein? Das Gefühl, wissen zu meinen, das absolut Richtige zu tun. Ich kann das nicht, ich denke zu viel dafür.

Während sich die Fronten verhärteten, bekam man im Landesinneren immer weniger von den Konflikten mit. Zu sehr wurden sie zum Alltag, zu sehr gewöhnte man sich daran, als dass man sich für all die Toten interessieren würde. Aber jeder akzeptierte, dass der Staat mehr Kontrolle bräuchte. Mehr Kontrolle, um zu verhindern, dass der Terror Fuß fassen konnte. Ihn bekämpfen zu können. Und während ich damals darüber geweint habe, kann ich heute nur noch lachen, wenn ich an diese erbärmliche Entschuldigung einer Begründung denke. Nenne mich eine verrückte Verschwörungstheoretikerin, als wenn mir das jetzt noch etwas ausmachen würde, aber ich glaube ja, dass unser feiner Staat absichtlich auf einen Krieg zusteuerte, um die ganzen speziellen Kriegsmaßnahmen überhaupt erst durchsetzen zu können.
Und was waren das für Tage, an denen man merkte, dass unser „Feind“ besiegt war? Ja, die Köpfe der religiösen Anführer und der sogenannten autokratischen Tyrannen rollten. Man erzählte sich, der Krieg sei noch nicht vorbei, aber wir wussten alle, dass es nur eine billige Ausrede war, die Kriegsmaßnahmen noch immer am Laufen zu halten. Was waren das für Tage, an denen so viele von uns aufwachten und erkannten, wie sehr sie an der Nase herumgeführt worden sind? Was waren das für Tage, an denen wir protestierend auf die Straße marschierten, um zu realisieren, dass das Recht auf eine freie Meinungsäußerung wörtlich mit Füßen getreten wurde?

Wir gaben dem Staat einen weiteren Grund, die Kriegsmaßnahmen am Laufen zu halten, als wir den Widerstand bildeten, uns in die Medien einhackten und Politiker erpressten. Am Anfang hieß es sogar noch, wir wären eine religiöse Terrorzelle. Wie groß der Schock in der ganzen Nation war, als auf einmal bekannt wurde, dass wir Landesgeschwister waren. Viele schlossen sich uns an und machten mit. Mehr noch wurden eingebuchtet. Und man merkte, dass die anfängliche Euphorie schnell kippte. Man hatte zu sehr Angst um sein Job, seine Familie, sein Leben. Ich nicht. Ich widmete unserer Sache mein ganzes Dasein. Und aus dem harten Kern, der blieb, bildete sich die eiserne Faust unseres Widerstandes. Der Staat unterdrückte uns noch mehr, also mussten wir zur Antwort härter zuschlagen. Gewalt war die einzige Sprache, die er verstand. Wir begannen damit, Waffenfabriken zu sabotieren, aber starben dabei wie die Fliegen. Unsere Opfer waren groß, die Ergebnisse nicht mehr als ein lästiges Ärgernis für unseren Feind, aber das war mir egal. Wir wollten uns nicht länger herumschubsen, sedieren, ausbeuten und manipulieren lassen.
Und wenn wir nicht eingebuchtet wurden, dann starben die meisten von uns wie die Fliegen, aber sie starben für einen Zweck und das machte sie im Vergleich zu den braven Bürgern selbst im Tod noch lebendiger, da sie einen Willen zeigten.
Ich hatte irgendwie immer Glück, gehörte zu den Wenigen, die weder eingesperrt, noch umgebracht wurden. Heute wünsche ich mir beinahe, ich hätte mir eine tödliche Kugel gefangen. Denn unser Widerstand löste sich nach und nach auf. Es würde doch nichts bringen, sagten sie, unser Feind sei zu mächtig und das Volk sei wie ein Haufen dämlicher Schafe. Und so beschlossen sie, selbst zu Schafen zu werden. Lieber ein unsicheres Leben zu führen, das kein Leben war. Das Schwert gegen einen Maulkorb einzutauschen. Und ich? Ich wurde mit meiner Wut alleine gelassen.

Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte niemanden aus meiner Familie verloren, wurde kein einziges Mal vom Staat geschnappt und gefoltert, aber ausgerechnet ich war die einzige, die weiterkämpfen wollte. Vielleicht ja gerade deswegen. Ich kann es nicht sagen. Ich wurde Krankenschwester, weil ich das Gefühl hatte, damit etwas ändern zu können. Weil ich das Gefühl hatte, dadurch einen Unterschied zu machen. Ich half den Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehrten, davon gab es genügende. Keine großen Bedrohungen mehr, nein, aber unsere erhabene Nation fand immer wieder neue Feinde aus irgendwelchen Gründen, die unsere Bevölkerung schluckt, wie die Betäubungsmitteln in Form von Filmen, Spielen und Musik, ohne zu hinterfragen, was sie eigentlich mit ihnen anstellt. Und so haben wir stets sowohl Bedarf an Soldaten, als auch an jenen, die sie wieder zusammenflicken, wenn sie kritische Wunden abbekommen. Und ich? Ich bin eine äußerst schlechte Krankenschwester. Meine Patienten sterben. Es fällt nicht sonderlich auf, denn trotz all der hoch gepriesenen Ordnung und der Regeln verläuft im Krieg alles anders. Hier ist man über jede noch so schlechte Krankenschwester glücklich. Selbst über die eine, die einen Patienten verliert, der nur sein Augenlicht verloren hat. Entzündung, das ist immer eine gute Begründung. Die Splitterwunde war verschmutzt, die Infektion hat sich ausgebreitet. Anfangs war es schwierig. Vor allem, da mein Verstand auch heute noch versucht, mich davon zu überzeugen, dass meine Morde keinen Unterschied machen, sondern nur Märtyrer. Dass ich nicht der Gerechtigkeit diene, sondern nur meinem rebellischen Feuer, das ich verzweifelt versuche, am Leben zu halten. Aber es wurde leichter. Heute habe ich einem verblutendem Soldaten eine Tablette Aspirin gegeben und ihm gesagt, das würde die Blutung stoppen. Gestern den Schlauch des Beatmungsgerät eines weiteren Soldaten für einen kurzen Zeitraum zugedrückt.
Tagein, Tagaus mache ich Arbeit im Namen unserer Nation und werde dafür hoch geachtet, obwohl ich sie so schlecht erledige, dass es mehr Überlebende ohne mich gäbe. Eine Jugendliche, in dem Alter, in dem ich damals war, als ich dem Widerstand beitrat, brachte mir heute sogar eine Packung Pralinen als Dankeschön für meine harte Arbeit, im Namen der Nation, wie sie sagte. Nein, das System hat keinen Platz für das Individuelle. Der Einzelne wird assimiliert, mit all den Mängeln, die er mit sich bringt in einen bestimmten Tätigkeitsbereich gepresst. Der Einzelne wird nicht gehört, doch genauso wenig fällt er auf. Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß, dass es so auch den Soldaten geht. Viele stecken nicht freiwillig in ihrer Uniform. Es könnte ein alter Kamerad von mir sein. Aber ich bin auch wütend auf alte Kameraden, die der Kampfgeist verlassen hat und nun paradoxerweise ihr Leben für den Staat aufs Spiel setzen. Damit verdränge ich Gedanken des Zweifels und der Reue. Ich weiß nicht mehr genau, für was ich kämpfen soll. Ich weiß nur noch, dass ich kämpfen soll. Alles andere wäre Heuchelei und Unterordnung in ein korruptes System – ich will kein Teil davon sein.

Ich merke, dass in einer Praline etwas Seltsames steckt, als ich sie zerkauen will. Ich ziehe einen Streifen von dünnem Plastik aus meinem Mund. Es steht eine Nachricht darauf: „Du stirbst für eine Lüge“. Ich habe schon den seltsamen Geschmack bei den anderen Pralinen bemerkt und muss lächeln, als mir jetzt bewusst wird, dass das unangenehme Rumoren in meinem Magen kein Zufall ist. Ich weiß, dass ich in wenigen Minuten tot sein werde, doch mich überkommt ein Gefühl der Zufriedenheit. Dieses Gefühl vernichtet mein schlechtes Gewissen vollends. Ich lächele und esse eine weitere Praline. Und während ich sterbe, fühle ich mich nicht mehr alleine.

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