Ist hier irgendjemand Istanbul?

Oder ist nur euer soziales Netzwerk kaputt? Möglicherweise seht ihr hinter einer roten Flagge einfach nicht so gut aus. Das passt nicht so schön zu eurem Teint, wie wenn auch noch etwas blau und weiß dazugemischt wird, was? Ja, geht mir auch so… wobei mir auch die französische Flagge nicht steht, das war ja der Grund, warum ich das auch schon damals nicht getan habe und mich bis heute dafür schäme, weil es ja wirklich einen großen Unterschied macht, wie das Profilbild auf Facebook aussieht.
Aber wo sind all die tollen Leute, die bei dieser sinnvollen Aktion schon immer dabei waren? Die ihre Solidarität mit ihren bunten Avatar ausdrücken wollten?

Ich glaube, während der EM 2016 gibt es aber auch wirklich wichtigere Themen. Ich meine, hallo? Island hat England geschlagen, wie krass ist das denn? Darüber sollte man schreiben. Nicht über unschuldige Türken, die zerfetzt über den ganzen Flughafen verteilt liegen. Damit verderbe ich euch doch allerhöchstens nur den Appetit. Denken wir an die niedergeschlagenen englischen Fans! Wie gedemütigt sie sein müssen, eigentlich müssten wir nun britische Flaggen in unser Profilbild integrieren. Ja. Wir denken an dich, England. Unsere Gebete widmen wir dir.

Mal ganz ehrlich, wie komme ich nur dazu, uns aufzufordern, an die Türkei zu denken? Tut mir leid. Ich meine, Frankreich ist unser direkter Nachbar! Das war was ganz anderes! Wisst ihr wieso? Je weiter die Menschen weg von uns sind, desto wertloser sind sie. Es sei denn, sie sind schwul. Boah, was für ein Glück, dass keine Deutschen unter den Opfer waren, gell? Und nein, wir sind natürlich keine Heuchler.

Advertisements

4 thoughts on “Ist hier irgendjemand Istanbul?

  1. Ich verstehe gut die genannten Punkte sowie den Vorwurf an die Medien mit ungleichen Maßen zu messen, auch die fragliche Beileidsheuchelei des einzelnen sowie die Tendenz zu „Beileid als Trend“ in den sozialen Medien.

    Aber ist es nicht ein Schritt zuviel Anteilnahme zu vergleichen?

    Gefällt 1 Person

    1. Ich weiß jetzt nicht genau, was du damit sagen möchtest, daher korrigier mich bitte, wenn ich dich einfach nur falsch interpretiere… aber willst du mir mit „[…] ist es nicht ein Schritt zuviel Anteilnahme zu vergleichen?“ sagen, dass man Anteilnahme, da es letztlich ein Gefühl ist, nicht vergleichen kann? Im Sinne von: „Während Frankreich habe ich mich sehr traurig gefühlt, jetzt hält sich meine Trauer in Grenzen, so fühle ich mich eben“?

      Sorry, aber genau diese Art zu denken stelle ich mit meinem Kommentar ja an den Pranger. Ich hab das Gefühl, dass die Leute gerade denken: „Ja, schon traurig, aber es ist gerade einfach nicht an der Zeit, da jetzt AUCH noch Solidarität zu zeigen.“ Warum? Wenn sie’s davor doch so brav getan haben? Warum?

      Gefällt mir

      1. Tatsächlich meine ich mit meiner Aussage, dass „Anteilnahme“ sich nicht mechanisch in eine Formel pressen und auszählen/vergleichen lässt.

        Ein Terrorakt mit Grausamkeit X sowie der Todesopferzahl Y müsste folgende Reaktion Z bei den Menschen erzeugen. Das funktioniert so nicht. Ansonsten müsste jeder der die Anschläge in Paris ehrlich betrauert das Profilbild nicht nur mit der französischen- nein auch mit der syrischen- , ukrainischen- , somalischen Flagge behängen. Überall dort sterben leider ständig Menschen einen gewaltvollen Tod. Täglich. Jetzt.

        Beileid und Mitgefühl SIND nun mal eben Gefühle und diese sind zutiefst subjektiv. Wer tatsächlich vor einiger Zeit offenkundig die toten in Paris betrauert hat MUSS jetzt keinesfalls dieselbe Reaktion für die Opfer der Anschläge in Istanbul aufwarten.

        Wie du sagst (und da gebe ich dir bedingungslos recht) sollten eigentlich alle Menschen gleich sein und so sollte gleiches elend auch gleich bewertet und bedauert werden ABER so funktioniert der einerseits frei denkende und gleichermaßen doch so beeinflusste Faktor Mensch leider nicht.

        Ich denke die derzeitige Haltung der Bevölkerung und das perverse abwägen von wichtigen und unwichtigen Ereignissen (natürlich auch massiv durch die Medien beeinflusst) ist durchaus sehr bedauerlich und traurig. Und ja, definitiv habe ich vielfach mehr ehrliche Kondolenz bezüglich Bud Spencers ableben, als dem Tod von bisweilen 41 Menschen in der Türkei gelesen – das ist absolut auffällig.

        Ich wehre mich aber trotzdem dagegen, dass emotionale Regungen aufgrund einer vorrausgegangenen Reaktion „eingefordert“ werden, denn wenn diese unehrlich und nur aus der „moralischen Pflicht“ heraus geäußert werden schließt sich für mich wieder der Kreis der angemahnten Heuchelei.

        *Übrigens ist der Blogeintrag, wenn ich auch nicht ganz damit einverstanden bin, ein wirklich guter Denkanstoß.

        Gefällt 2 Personen

  2. „Wer tatsächlich vor einiger Zeit offenkundig die toten in Paris betrauert hat MUSS jetzt keinesfalls dieselbe Reaktion für die Opfer der Anschläge in Istanbul aufwarten “ .Vollkommen richtig, da bin ich der selben Meinung. MUSS niemand. Es musste ja auch niemand „Je suis Charlie!“ schreien oder nach dem jüngeren Attentat in Paris die französische Flagge ins Avatar integrieren. Die Tatsache alleine, dass es jetzt niemanden gibt, (ich habe jedenfalls niemanden gesehen) der so auf die Anschläge in Istanbul reagiert, finde ich höchst besorgniserregend.

    Du sagtest, dass Terroranschläge tagtäglich Menschenleben einfordern, auch in anderen Ländern. Vollkommen richtig, das war der Grund, warum ich bereits in erster Linie nicht an diesem Flaggengedöns teilgenommen habe. Wenn man damit nämlich anfängt, aber bei anderen Ländern nicht, dann zeigt man damit indirekt, dass Paris, bzw Frankreich einem eben näher geht, als Syrien oder Somalia. Sonst würde man da ja genau so nen Act machen.

    Nun hat das Attentat in der Türkei jedoch einen ähnlichen Charakter, wie zu den Ereignissen, bei denen „Flagge gezeigt“ wird. Und nix kommt. Diese Anmerkung *muss* meiner Ansicht nach gemacht werden. Das ist zunächst einmal eine reine Beobachtung aus der man ganz logische Schlüsse ziehen kann. Das Ableben von Türken geht den „Flaggenzeigern“ nicht so sehr an die Essenz, wie das Ableben von Franzosen. Und ja, das sind subjektive Gefühle. Darf ich subjektive Gefühle nicht kritisieren? Ich habe das subjektive Gefühl, dass das mehr oder weniger tief verbogenes rassistisches Gedanken- pardon! Ich meinte Gefühlsgut ist.

    Sind dir demletzt übrigens die vermehrten Regenbogenavatars nach dem Anschlag auf den Nieschennachtclub in Amerika aufgefallen? Hm…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s