Topophobie – Kein Eis für Tanja

Der Film war richtig, richtig mies und selbst das IMDb-Rating von Fünf Komma Neun Punkten war noch viel zu gut für diesen billigen Streifen. Er hatte keinen nennenswerten Plot und die Dialoge waren so bescheuert, dass man den Schauspielern ihre Lustlosigkeit schon beinahe verzeihen mochte. Tanja lachte mehrmals trocken auf, wenn irgendwelche Szenen eigentlich hätten dramatisch sein müssen und niemand der anderen elf Kinobesucher beschwerte sich darüber. Einige gingen schon nach der ersten halben Stunde. Zu etwa dieser Zeit begann Nayara die Fehler des Films zu kommentieren, etwas, was normalerweise ich tat. Nur hatte ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich mir das nicht erlauben konnte, war ich doch derjenige gewesen, der „unbedingt“ den Film ansehen wollte.

„Also, ich weiß ja nicht wie’s dir geht, Nayara“, sprach Tanja. „Aber ich wäre stark dafür, dass Nathan nachher das Eis bezahlt, alleine schon dafür, dass wir Geld dafür ausgegeben haben, uns diesen Schwachsinn anzusehen.“
Ich erwartete ein empörtes „Schhh, leise!“ oder „Halt die Klappe, ich will den Film sehen!“, aber stattdessen kam nur zustimmendes Kichern von der hinteren Bankreihe.
„Du hättest ja nicht mitkommen brauchen“, knurrte ich halblaut. Wie kam es, dass ich so viele von Nayaras Bekannten schon nach kurzer Zeit nicht ausstehen konnte? Unter anderen Umständen hätte ich Tanja zugestimmt, ich wäre erst gar nicht in diesen Film gegangen oder derjenige gewesen, der sich mit ihr über ihn lustig gemacht hätte.
„Bitte lass deine schlechte Laune nicht an deinen Mitmenschen aus“, sprach Nayara in diesem Tonfall, der sich anhörte, als würde eine Mutter ihr ungehorsames Kind tadeln, was mich nur noch mehr aufregte.
„Ja genau, weil du das nämlich nie tust!“
„Was willst du mir denn damit sagen?“, fragte mich Nayara scharf.
„Was wohl? Du wirst ständig emotional und lässt das dann die ganze Welt wissen!“
„Hat jeder Popcorn?“, fragte Tanja grinsend und drehte sich im Kinosaal um.
„Halt die Klappe!“, herrschte ich sie an, woraufhin sie nur müde lächelte, was mich nur noch mehr zur Weißglut trieb.
„Achja, ich bin also diejenige, die emotional wird und es an ihren Mitmenschen auslässt?“, fragte Nayara mit aufgesetztem Lächeln. Dann drehte sie sich kurz zu Tanja. „Aber echt, halt dich dabei raus, das geht dich nichts an.“
Dann widmete sie sich wieder mir, während im Hintergrund Panzer in die Luft gejagt wurden und ein Hund dem vermeintlichen Helden des Films das Leben rettete. „Du findest also, ich sei zu emotional?“
Sie sah mich mit einem Gesicht an, das wohl gefasst und beherrscht wirken sollte, doch ich sah in ihren Augen eine Wut brennen, die tausendmal heißer war als der Napalmangriff der Kampfflieger im Film. Ich wusste, dass ich mich auf dünnes Eis begab, als ich antwortete.
„Manchmal“, sprach ich. „Ehrlich gesagt oft. Du musst deine Emotionen nicht so häufig jedem überstülpen.“
„Oh Gott, wenigstens habe ich welche!“, rief sie. Spätestens jetzt war ich enorm überrascht, dass sich niemand beschwerte. Im Gegenteil. Wir schienen interessanter als der Film geworden zu sein und ich spürte die neugierigen Blicke der anderen Kinogäste in meinem Nacken.
„Du frisst immer nur alles in dich hinein und erwartest, damit klarzukommen!“, fuhr Nayara fort. „Aber so bewältigt man keine Probleme!“
„Das stimmt nicht!“, schoss ich zurück und im Film schrie ein feindlicher Soldat, der getroffen wurde laut auf, rief nach seiner Mutter. „Jedes Mal, wenn ich dir meine Probleme mitteile, sagst du mir, ich solle mich zusammenreißen, nicht alles so negativ sehen und mich nicht so runtermachen!“
„Was du auch nicht tun sollst!“
„Tue ich auch nicht! Ich bin bloß realistisch!“
„Bist du nicht, du bist eine Heulsuse!“
Ich sah Nayara entgeistert an. Dachte sie wirklich so über mich?
Ein Mann im Saal lachte laut auf und klatschte in die Hände. Der Held im Film gab dem Soldaten einen Gnadenschuss. „Du hast recht. Ich brauche mich tatsächlich nicht runtermachen, dafür habe ich ja schon dich!“
Jetzt war es Nayara, die mich schockiert ansah. Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Ich versuche immer, dich aufzubauen! Meine Komplimente, die ich dir mache, meine ich ernst, das kannst du mir glauben.“
„Das gerade eben“, wandte ich ein. „Das hat sich ernst angehört. Dass ich eine Heulsuse sei.“
„Das nimmst auch nur du so wahr, weil es etwas negatives war! Die schönen Dinge im Leben nimmst du nicht wahr!“
Ich wollte gerade antworten, dass ich sie, Nayara, doch wahrnehmen würde, aber in genau diesem Moment entschied sich Tanja dazu, zu intervenieren.

„Also Leute, das war ja sehr unterhaltsam, aber ich denke, irgendwann ist auch mal gut. Wollen wir gehen?“
„Beschwer dich nicht über den Eintrittspreis, wenn du dir den Film nicht einmal zu Ende sehen willst!“, schimpfte ich und hatte plötzlich das Gefühl, dass Tanja an dem ganzen Ärger Schuld war.
„Der Film ist echt schlecht“, gab sie mit einem entspannten Lächeln zurück.
„Vielleicht wird er ja besser!“, hielt ich dagegen. Jemand lachte mich aus. Das hätte auch ich selbst sein können. Tanja musste gar nichts sagen, verschränkte nur ihre Arme vor der Brust und zog ihre Augenbrauen hoch.
„Die Musik ist nicht übel“, verteidigte ich den Film. Explosionen ertönten, Menschen schrien und MG-Geschütze ratterten. „Und der Sound. Da hat man sich Mühe gegeben.“
„Dann nimm doch eine Gitarre und geh in ein Kriegsgebiet von Somalia…“
Sie hielt inne. „Moment mal. Jetzt weiß ich, woher ich dich kenne!“
Ich sah sie fragend an. War viel zu aufgebracht und unkonzentriert, um selbst zu schlussfolgern, worauf sie jetzt kommen würde.
„Du hast doch auch mit diesem Straßensänger da draußen gespielt! An der Gitarre!“
Ich riss meine Augen weit auf.
„Was?“, lachte Nayara. „Ich glaube, du verwechselst ihn mit jemand anderem.“
„Nein!“
Tanjas Miene erhellte sich. Offenbar hatte sie mich als ziemlich amüsant in Erinnerung. „Es ist schon ein paar Tage her, ich hab nicht genau hingesehen, aber jetzt bin ich mir sicher! Er war es! Er hat auch gesungen!“
„Nein“, hielt Nayara dagegen. „Nicht Nat. Er singt nicht!“
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, wollte mich plötzlich einfach nur noch in Luft auflösen, beneidete den Soldaten schon fast, der auf der Leinwand von einem Mörser in lauter kleine Stücke zerfetzt wurde.
„Er hat gar nicht mal so schlecht gesungen!“, erinnerte sich Tanja. „Nat, sag ihr das doch!“
Ich sah Nayara an, versuchte, möglichst nachdenklich dreinzuschauen.
„Kann… sein, dass ich mal auf der Straße gesungen habe…“
„Das ist ja lustig!“, freute sich Nayara. „Du hast dich getraut, auf der Straße zu musizieren?“
Manchmal war es wirklich ein Glück, dass sie so sprunghaft war. Wie konnte sich ihre Laune nur so schnell ändern? Glückliche Wende hin oder her, unheimlich war es mir dennoch.
„Haltet die Klappe und führt eure Privatgespräche draußen fort!“, rief jemand im Saal. War ja klar. Sobald sich alle vertragen, wird’s sofort wieder langweilig. Nur der Film war ein gutes Gegenbeispiel. Sie jagten sich alle gegenseitig in die Luft und viel langweiliger konnte der Film nicht mehr werden.
„Wir sind schon leise!“, sprach ich.
„Nein!“, flüsterte Nayara, packte mich am Arm und stand auf. „Erzähl mir alles!“
Ich wollte ihr das nicht erzählen. Sie wusste noch wenig genug, um sich nicht zusammenreimen zu können, dass ich meinen Job verloren und das ihr verheimlicht habe.
„Kommt, ich will Eis essen“, sagte Tanja und stand ebenfalls auf.
„Ich… ich…“
Ich stand schließlich auf und wurde mehr oder weniger nach draußen gezogen.
„Nein, Captain“, sprach der sterbende Leutnant auf der Leinwand und berührte den strahlenden Helden mit seiner blutigen Hand im Gesicht. „Wir haben diese Schlacht verloren. Noch nicht den Krieg!“

Noch im Foyer, bevor eine weitere Frage gestellt wurde, drehte sich Nayara plötzlich mit nachdenklichem Gesicht um. „Hä?“, machte sie. Ich sah sie mit einem Gesicht, dessen Mimik die selbe Frage stellte, an. „Aber…“, murmelte sie und rieb sich den Kopf. „Wann hast du das denn gemacht? Abends warst du immer daheim, musstest du sonst nicht arbeiten?“
Ich hätte nicht erwartet, die Katze so früh aus dem Sack lassen zu müssen.
Tanja sah mich jetzt auch irritiert an. Natürlich. Die Idiotin wusste ja auch nicht, was sie angerichtet hatte. „Ich… habe diesen Monat bezahlten Urlaub“, antwortete ich. Das war ja auch richtig, von einem gewissen Standpunkt aus.
„Was?“, fragte Nayara skeptisch. „Warum hast du mir nichts davon erzählt? Du hättest zur Abwechslung vielleicht auch mal ein bisschen was im Haushalt machen können!“
Mir fiel doch sonst immer so schnell eine gute Antwort auf alles mögliche ein. Weshalb jetzt nicht? „Ich…“, stammelte ich. „Ich wollte nicht… dass…“
„Nat? Was ist los?“
Ihre Stimme überschlug sich. Mir fiel auf, wie banal die ganze Situation eigentlich war – ich habe Musik auf der Straße gemacht, war zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Arbeit. Nichts, wofür man sich keine überzeugende Ausrede einfallen lassen könnte. Aber ich habe mein Pokerface bereits aufgegeben, bin zu schnell panisch geworden. Nayara wusste, dass ich versuchte, sie hinters Licht zu führen. Es hatte keinen Zweck mehr, um den heißen Brei zu reden. „Es… gab eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Ladeninhaber und mir“, begann ich und fügte kleinlaut hinzu: „Er hat mich entlassen.“
Nayara sah mich an, ihr Gesicht wie eine Maske. Ich hatte ehrlich keinen Schimmer, was in ihr vorging.
„Oh“, machte Tanja, offensichtlich auch überrascht. „Dann bezahle ich das Eis selber.“
Niemand schenkte ihr weiter Beachtung.
„Warum?“, fragte mich Nayara. „Warum erzählst du mir das nicht?“
Ich hatte einen Frosch im Hals, versuchte ihn herunterzuschlucken, was nur ein glucksendes Geräusch von sich gab, das aber keine Besserung bewirkte.
„Ich hatte Angst, dass…“
Ich sah die Enttäuschung in ihren Augen. Genau davor hatte ich Angst. Ich atmete tief durch. Jetzt bloß nicht emotional werden, sagte ich mir. So etwas passiert. Wie Puzzlestücke bewegte ich meine Gedanken, schob sie zusammen, drückte sie ineinander, mit aller Gewalt, dass sie zumindest etwas Sinn ergaben. „Ich hatte Angst“, fuhr ich fort. „Dass ich dich damit voll aus der Bahn werfe. Du warst in letzter Zeit so… wankelmütig, dass ich befürchtete, du würdest dem mehr Bedeutung zusprechen, als… ich meine… weißt du, es ist ja alles gut, ich gehe morgen mit den Major Five auf Tour! Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen, weißt du? Und dann… ich mach das schon! Bitte, mach dir keine Sorgen!“
Während ich sprach, wurde Nayaras Blick kalt. In mir zog sich alles zusammen. Mir wurde klar, dass ich gerade fast nichts dümmeres hätte sagen können.
„Ich meine“, begann ich, in dem Versuch, das gerade gesagte wieder zu relativieren, doch der Gesichtsausdruck meiner Freundin brachte mich immer wieder aus dem Konzept. „Ich wollte nicht sagen, dass du… das habe ich nicht ganz so gemeint. Ich meine, es ist ja meine Schuld und ich wollte es nicht so darstellen, als wenn…“
„Nat“, sprach sie ruhig, doch es lag keine Wärme in ihrer Stimme. „Ist schon okay. Geh morgen, geh mit deinen Jungs weit weg, tob dich aus, versuch das Leben zur Abwechslung mal zu genießen.“
Ich sah sie an, in der Erwartung, dass gleich noch etwas kommen würde. Ich lag richtig.
„Und lass mich bitte mit deiner scheiß Negativität und deinen Lügen in Ruhe. Ich meine, vielleicht ist es ja auch mal besser so. Du sagtest ja selber, dass ich dich ständig runtermachen würde. Wenn das tatsächlich so ist, dann dürftest du alleine ja super zurecht kommen.“
Mir wurde schwindelig. Das habe ich doch gar nicht so gemeint, wollte ich sagen, merkte jedoch nur, dass ich die Worte nur dachte. Und dann wusste ich nicht einmal mehr, ob ich sie vielleicht doch so gemeint hatte.
„Willst du…“, fragte ich unsicher. Ich wollte es gar nicht aussprechen. Wollte sie mich loswerden? Alleine der absurde Gedanke warf mich schon aus der Bahn.
Nayara atmete tief durch.
„Hey, hör zu“, begann sie. „Ich gehöre ja echt nicht zu den Leuten, die behaupten, dass man sich für den Partner verändern sollte. Das würdest du sowieso nicht tun. Verändere dich bitte um deiner selbst willen. Ich kann dir nicht mehr helfen, ich hab’s echt versucht.“
Meine Gefühle vermischten sich zu einem gefährlichen Cocktail aus Wut, Angst und Verwirrung. „Was hast du versucht?“, fragte ich, nun mit lauter Stimme. „Mich zu einem besseren Menschen zu machen? Mich zu erziehen? Bist du meine Ersatzmutter oder was?“
Nayara schien über meinen plötzlichen Widerstand recht erschrocken zu sein, was ich an ihrem Gesicht ablesen konnte. Schließlich zuckte sie mit ihren Schultern. „Ich kam mir oft genug so vor!“, antwortete sie. „Und ich habe keine Lust mehr darauf! Hatte ich noch nie!“
„Ich habe dich nie darum gebeten!“
„Aber du bekommst dein Leben nicht auf die Reihe, ohne, dass dir ständig jemand in den Hintern tritt!“
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Mein Herzschlag raste und ich wusste ganz genau, dass mich diese Aussage vor allem deshalb so traf, weil sie wahr war.
„Ja…“, murmelte ich, versuchte wütend zu klingen, aufgebracht, wie jemand, der versucht, mit rechtschaffenem Zorn seine Ehre zu verteidigen, doch als ich weiter sprach, war nur noch müde Resignation in meiner Stimme. „Vielleicht, wäre es besser, wenn ich dir beweise, dass ich mein Leben auch alleine im Griff habe.“
Nayaras Lächeln war freudlos und frustriert. Sie schüttelte den Kopf und ich sah Tränen in ihren Augen. „Meine Güte, du verstehst es immer noch nicht, was?“, sprach sie. „Du musst mir nichts beweisen. Ich weiß, was du kannst. Es geht hier nicht um mich. Die Situation, in der du steckst… deine Musik, der Job, sogar wir beide. Es geht um dich. Du musst dich vor dir selbst beweisen.“
In diesem Moment gingen mir die Antworten komplett aus. Ich wusste nicht, ob Nayara versuchte, mir etwas zu erklären oder ob sie immer noch dabei war, mich fertig zu machen.
„Ich… wollte keinen Streit anfangen“, kommentierte Tanja, die zumindest den Anstand besaß, nicht mehr ganz so kühl und lässig zu sprechen. Sie fuhr sich mit ihrer Hand durch ihre blauen Haare und verzog ein Gesicht, das zeigte, dass sie mit der Situation wohl ebenfalls überfordert war. „Also, kein Eis mehr?“
Nayara sah sie müde an, schüttelte den Kopf und ging. Tanja und ich blieben zurück, wohl aufgrund der Tatsache, dass wir beide nicht wussten, ob Nayara wollte, dass wir ihr folgten oder gefälligst unserer eigenen Wege ziehen sollten.
„Tut mir leid“, murmelte die Blauhaarige. Ich antwortete nichts, fing an, langsam wieder die Umgebung um mich wahrzunehmen. Die Sonne ging unter, der Geruch von Pizza lag in der Luft, der aus einer Dönerbude in der Nähe durch die Straßen strömte und in der Ferne hörte ich den alten Rob, der „All of Me“ sang.
„Warum trägst du eigentlich die ganze Zeit diese bescheuerte Sonnenbrille?“, fragte ich Tanja, als mich diese fragend durch die getönten Gläser ansah. „Willst du versuchen hip zu wirken?“
„Mann, ich wollte mich doch nur entschuldigen!“, blaffte diese zurück, schüttelte den Kopf und ging. Nicht in Nayaras Richtung und ihr Appetit auf Eis schien auch vergangen zu sein. Sie will wohl hip wirken, dachte ich mir.

Ich trottete die Hauptstraße entlang, fühlte mich wie in einem Traum. Was ist gerade passiert, fragte ich mich. Was ist das ganze verdammte Wochenende über passiert? Der alte Rob saß direkt vor der Eisdiele und sang, obwohl kaum noch Leute durch die Straßen zogen. Ich ließ mich neben ihm nieder, während er fröhlich das Lied zu Ende trällerte.
„So why not take aaall ooof meee!“
Ein kurzer Blick auf den grünen Plastikbecher ließ mich wissen, dass er zumindest mehr Geld hatte, als zu dem Zeitpunkt, an dem er einfach nur gelangweilt dreinblickend am Straßenrand saß.
„Hey, Junge!“, lachte Rob mit seiner volltönenden Stimme. „Gut dich zu sehen! Hab dich schon vermisst!“
„Wirklich?“, fragte ich, nicht wirklich überzeugt und auch nicht sonderlich interessiert. Stattdessen fiel mein Blick auf seinen Flachmann. „Kann ich einen Schluck haben?“
Er reichte mir den Fusel grinsend. „Nen schlechten Tag gehabt?“, fragte er mich.
„Eher eine schlechte Woche“, nuschelte ich und nahm einen tiefen Schluck. Der Alkohol brannte in meiner Kehle und selbst als Musiker hatte ich keine Ahnung, was genau das überhaupt für ein Zeug war, aber das war mir in dem Moment egal.
„Aha“, machte Rob. „Aber Kopf hoch, was auch immer es ist, durch solche Zeiten muss jeder Mal. Du hast mir selbst gezeigt, dass es wieder weitergehen kann!“
„Mhm.“
„Es ist so gut wieder zu singen!“, rief er, wobei er selbst das schon fast wieder sang, so melodisch und laut er die Worte säuselte. „Ich weiß nicht, was mich die ganze Zeit davon abgehalten hat, zu singen! Achja… meine Exfrau, dieses untreue Flittchen.“
Er nahm den Flachmann wieder an sich, nahm ebenfalls einen Schluck. „Probleme mit einem Mädchen, nicht wahr?“, fragte er mich. Als ich nicht antwortete, lachte er. „Es sind immer Probleme mit einem Mädchen! Oder mehreren… oder mit dem Job, aber du scheinst ja keinen zu haben, wenn du die Woche über mit mir auf der Straße sitzt und Gitarre spielst.“
Ich atmete tief durch und überlegte, weshalb ich so blöd war, mich in meinem Frust neben einem Alkoholiker zu setzen, der vom Leben verbittert war. Wollte ich auch so enden?
„Aber lass mich dir einen Ratschlag geben!“, bot mir der alte Rob mit vom Alkohol geschwängerter Stimme an. „So wie du mir geholfen hast, wieder mit dem Singen anzufangen! Scheiß drauf! Scheiß auf die Weiber, scheiß auf auf deinen Job! Wenn du Musiker bist, dann mach weiter damit! Man bleibt im Leben nicht glücklich, aber was dir bleibt, ist die Musik!“
Ich sah ihn skeptisch an. „Du hast mir dem letzt noch etwas ganz anderes geraten. Warst du da zu nüchtern oder bist du es jetzt?“
Er lächelte breit und entblößte dabei eine Reihe abgefaulter Zähne und schüttelte dann den Kopf. „Musik verändert dich“, sprach er, schon fast mehr zu sich selbst, dann blickte er mir wieder in die Augen. „Willst du einem Penner glauben oder einem verdammt guten Jazzsänger?“

Hier weiterlesen: Sehr unromantisch

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7 thoughts on “Topophobie – Kein Eis für Tanja

  1. Nun bin ich auch eingestiegen 😉
    Aha, Sinnkrise und Musik, schon mal sehr gut …
    Die Dialoge sind mir persönlich zu blumig, das heißt, nicht die wörtliche Rede an sich, sondern das zugehörige Handeln der Protagonisten, Gestik und Mimik. Es ist ja ein Schlagabtausch, teilweise lakonisch, da stolpere ich über die vielen Umschreibungen hinter dem Komma. Ich finde auch, dass meine eigene Vorstellungskraft damit eingeschränkt wird. Ich male mir nämlich gern aus, wie die Personen etwas sagen. Aber nur mein persönliches Leseempfinden …
    Was mir noch auffiel, ist die Form: Nach der wörtlichen Rede springst Du im Ansatz, das irritiert, weil man dann davon ausgeht, dass der andere spricht.
    Nayara ist blöd, arrogant und übergriffig 😉 Ich hoffe, dass war ein bisschen Deine Absicht, sonst steh ich jetzt dumm da.
    Nun bin ich gespannt, was passiert.
    Liebe Grüße, Julia

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    1. Danke für dein Kommentar! Das mit den zu blumigen Dialogen ist interessant. Ich habe oft gehört, ich würde zu sehr mit Beschreibungen sparen, aber wahrscheinlich bezog sich das ausschließlich auf Umgebungs- und Personenbeschreibungen. Jetzt, wo ich nochmal darüberlese, macht das Sinn. Hab ein paar Umschreibungen herausgenommen und achte in Zukunft mal ein wenig mehr darauf.

      Was die Form angeht… ich gehe nach dem Muster:
      „AAAAA“, sagte A. „AAAAAA“
      „BBBBBBBBB“ (Person B)
      „AAAAAAAAA“
      Das fand B sehr lustig.
      „BBBBBBB“, lachte er. „BBBBBBBBB.“

      Macht man das anders? Oder hast du was anderes gemeint? Oder habe ich mich irgendwo ganz peinlich vertan?

      Du stehst mit deiner Absicht über Nayara nicht dumm da, in gewisser Hinsicht ist sie in dieser Szene ja so etwas wie eine Antagonistin, allerdings bin ich tatsächlich etwas verwundert darüber, dass sie wohl durch und durch unsympathisch wirkt, in dem Ausmaß war das nicht mal beabsichtigt. Aber da steht dann wohl eher der Autor als der Leser dumm da 😀

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      1. … Ich wusste, dass ich mich auf dünnes Eis begab, als ich antwortete.
        „Manchmal“, sprach ich. „Ehrlich gesagt oft. Du musst …
        Das gehört meiner Meinung nach zusammen, also nicht mit Absatz. So etwas meinte ich. …Sie schüttelte langsam den Kopf.
        „Ich versuche immer, dich aufzubauen! Meine …

        Das haut mich immer raus, wenn in die nächste Zeile gesprungen wird.
        Es ist etwas flüssiger jetzt, dürfte aber ruhig noch dürftiger sein 😉
        Hm, das mit der Sympathie rührt vielleicht daher, dass ich mich in Deinen Helden viel besser hineinversetzen kann als in N… Den Namen habe ich noch nicht abgespeichert 🙂 Wer ist schon gern strukturiert und so, statt sich planlos der Kunst hinzugeben. Ich finde das psychologisch interessant, dass Nathan (so heißt er doch, richtig?) von sich selbst sagt, er brauch jemand, der ihm in den Hintern tritt. Das nenne ich mal reflektiert!
        Im Übrigen bin ich baff über Deine tadellose Rechtschreibung.
        Schreibende Grüße, Julia

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  2. Hm, okay, das ist seltsam, denn da habe ich eigentlich Absätze drin. Muss wohl ein technisches Problem von der Seite selbst sein, dass es bei uns anders dargestellt wird. Schau ich mir demnächst mal von einem anderen PC aus an.

    Korrekte Rechtschreibung fällt auch nur jenen auf, die sie selbst beherrschen 😉
    Vielen Dank! Mit solch aufmerksamen Lesern bleibe ich motiviert, weiterzuschreiben!

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  3. Tolle Szenen. Die Parallel-Schaltung zwischen dem Dialog der drei im Kino und den Kriegsfilmszenen gefällt mir gut. Auch Tanjas Einwurf „Dann zahl ich mein Eis selber“ 🙂
    Was Julia (zurecht) mit den Absätzen meint: Es sind zuviele. Zum Beispiel die letzten drei Sätze:

    Er lächelte breit und entblößte dabei eine Reihe abgefaulter Zähne und schüttelte dann den Kopf.
    „Musik verändert dich“, sprach er, schon fast mehr zu sich selbst, dann blickte er mir wieder in die Augen.
    „Willst du einem Penner glauben oder einem verdammt guten Jazzsänger?“

    Nach jedem Satz einen Absatz. Als Leser erwartet man dann einen anderen Sprecher. Aber es ist dreimal derselbe. In einem Buch würde all das deshalb in einem einzigen Absatz stehen:

    Er lächelte breit und entblößte dabei eine Reihe abgefaulter Zähne und schüttelte dann den Kopf. „Musik verändert dich“, sprach er, schon fast mehr zu sich selbst, dann blickte er mir wieder in die Augen. „Willst du einem Penner glauben oder einem verdammt guten Jazzsänger?“

    Jetzt noch ein bisserl Sprache:
    „wollte plötzlich einfach nur noch in Luft auflösen“ (fehlt ein „mich“)
    „doch als ich weiter sprach, hörte man nur müde Resignation“ („man“ klingt komisch, weil aus Nats Perspektive geschrieben. Für mich wäre so etwas wie „aber ich hörte nur/aber ich meinte nur zu hören“)
    „Die Sonne ging langsam unter“ („langsam“ schon im Satz zuvor, außerdem als Adjektiv für einen Sonnenuntergang doch recht vage. Es sei denn in den Tropen, wo sie schneller untergeht :-))
    „und selbst als Musiker hatte ich keine Ahnung“ (Wieso „selbst“? Ist das ein Insiderwitz, weil Musiker sich so gut mit Alkohol auskennen?)

    Liebe Grüße – und jetzt bin ich mal gespannt…

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    1. Okay… wie’s aussieht, bin ich echt doch nicht so ein schneller Lerner. Hab jetzt mal ganz radikal jeden Absatz gestrichen, bei dem derselbe Akteur weiter spricht. Und den Rest auch nochmal korrigiert. Vielen Dank für die Mühe, schön zu wissen, dass der Text ansonsten gefällt 🙂

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