Topophobie – Sehr unromantisch

„Wie viele Bassisten braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?“
„Ach, halt die Klappe“, raunte Tillmann, Bassist der Major Five, aber Manfred, oder Manni, wie er lieber genannt werden wollte, plapperte munter weiter.
„Fünf! Einer hält die Glühbirne fest und die anderen trinken Bier, bis die Decke sich dreht!“
Mir entzog sich der Sinn, weshalb es ausgerechnet vier Biertrinker sein mussten, aber mir kam es ohnehin so vor, dass niemand mehr Mannis Bassistenwitzen sonderlich viel Aufmerksamkeit schenkte. Ein Kommentar von mir wäre also genau so irrelevant gewesen. Der beleibte Trompetist kicherte dennoch über seinen Witz und Richard, der am Steuer des Minibusses war, drehte die Musik lauter. Ich hatte schon jetzt, nach einer Stunde Fahrt keine Lust mehr auf Bassistenwitze oder Charlie Parkers Saxophongedüdel. Dazu kam die Tatsache, dass ich zwischen Manni und Lukas auf der Rückbank ziemlich gequetscht saß, es ziemlich heiß war und mir von der Klimaanlage schlecht wurde. Die Fahrt war unangenehm, aber dennoch eine willkommene Fluchtmöglichkeit. Als ich am vorigen Abend gut angetrunken nach Hause kam, es war bereits kurz vor Mitternacht, lag Nayara schon im Bett und schlief. Ich habe versucht, auf dem Sofa zur Ruhe zu kommen, konnte aber lange kein Auge zumachen. Ich habe vielleicht drei Stunden Schlaf bekommen, wachte dann inmitten der Nacht wieder auf und wälzte mich nur noch hin und her, bis ich mich dazu entschied, schon etwas früher meinen Koffer zu packen und mich schon zum vereinbarten Abfahrtspunkt aufzumachen. Ich hielt es einfach nicht mehr daheim aus. Ich wollte um keinen Preis noch im Haus sein, wenn Nayara aufwachte, wusste nicht, wie ich mich ihr gegenüber hätte verhalten sollen. In diesem Moment hätte ich viel dafür gegeben, einfach mit Felix darüber sprechen zu können. Man konnte ja über Alina sagen, was man wollte, aber sie und er hatten wenigstens eine Beziehung, die nicht von solch enormen Hochs und Tiefs geprägt war, wie die zwischen Nayara und mir und ich hätte einen guten Ratschlag gerne gehört. Oder gerne einfach nur eine Weile herumgejammert. Doch mit Felix schien mich auch nichts mehr zu verbinden und Leon war definitiv nicht die richtige Person, mit der man über solcherlei Dinge sprechen wollte. Erst auf halber Strecke zum Treffpunkt, fiel mir auf, dass ich mein Handy vergessen habe. Ich überlegte mir, kehrt zu machen, um es mitzunehmen, immerhin hatte ich noch genug Zeit dafür, entschied mich jedoch dagegen. Ich kannte mich. Nach spätestens drei Tagen hätte ich versucht, meine Vielleicht-Noch-Freundin anzurufen, hätte mich entschuldigen wollen und meiner eigenen Würde damit einen Tritt in die Eier verpasst. Zum ersten Mal war ich glücklich darüber, dass ich unsere Telefonnummer nach all der Zeit immer noch noch nicht auswendig konnte, so waren auch öffentliche Telefone keine Option.
Ich war jetzt auf Tour, hatte keine Verbindung mehr nach Hause und würde mich voll und ganz auf die Musik konzentrieren können – zumindest nahm ich mir das vor. Ich nahm mir vor, die Person zu sein, die ich schon seit meinem neunten Lebensjahr sein sollte: ein Musiker. Jemand, der davon lebt, andere Leute mit seiner Musik zu unterhalten. Ein Künstler.

Ich atmete tief die viel zu schwüle, abgestandene Luft ein.
„Geht es dir gut?“, fragte Manni und riss mich aus meinen Gedanken.
„Ja, ja…“, antwortete ich, als wäre ich eben erst aufgewacht.
„Wirklich?“, fragte mich Richard und drehte sich zu uns um. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte sich auf die schmale Bergstraße konzentriert. „Entweder du hast irgendetwas auf deinem Herzen oder du bist ziemlich müde, so wie du aussiehst.“
Wie wäre es mit beidem? Ich überlegte, ob ich anfangen sollte, mein Herz auszuschütten, vielleicht würde ich mich dann besser fühlen. Mir eine zweite Meinung über die momentane Situation holen – von Leuten, die nicht mit drin steckten.
„Ich… konnte nicht gut schlafen“, antwortete ich. „Aber vielleicht schaffe ich’s ja, noch während der Fahrt etwas Schlaf nachzuholen.“
„Solange du dabei nicht meine Schulter vollsabberst“, raunte Lukas.
„Bist du aufgeregt wegen der Tour?“, fragte Richard, der sich zu meiner Erleichterung mittlerweile wieder umgedreht hatte. Ich zögerte kurz.
„Es wäre gelogen, das zu verneinen. Ich werde das aber schaffen, keine Sorge.“
„Ich hätte mir Sorgen gemacht, wenn du nicht ein wenig nervös wärst“, antwortete Richard. „Ein wenig Aufregung hilft der Konzentration. Und zeigt, dass du das hier wichtig nimmst.“
Ja, ein wenig Aufregung hilft.
„Ich freue mich auch, dabei zu sein“, entgegnete ich. „Ihr habt mir ja einen ganz schönen Vertrauensvorschuss gegeben.“
„Nur so funktioniert das“, erklärte Richard. „Und ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl bei dir. Du erinnerst mich ein wenig an Paul, unseren ersten Pianisten.“
„Ja? Inwiefern?“
Richard schien kurz zu überlegen, bevor er mir Antwort gab. „Nun, du bist ein eher stiller, zurückhaltender Kerl. Ein ziemlicher Grübler, nicht wahr?“
„Ja, etwas zu sehr, manchmal…“
„Etwas zu sehr, das war Paul auch“, kommentierte Tillmann.
„Wie ist er denn gestorben?“, fragte ich. Erneut eine Pause, aber keine, in der groß nachgedacht wurde, sondern eher betretenes Schweigen die stickige Luft erfüllte.
„Er hat sich erhängt“, erzählte Richard knapp. Das fröhliche Getröte aus der Musikanlage passte nun überhaupt nicht mehr, was er wohl auch zu bemerken schien und die Musik abschaltete. Somit waren das Brummen des Motors und das Scheppern der Instrumente im Laderaum für einige unangenehme Sekunden das einzige Geräusch, das zu vernehmen war. Ironischerweise war es Lukas, der das Schweigen brach.
„Der nächste Pianist hat sich von einer Brücke gestürzt.“
Ich kratzte mich am Kopf. „Ich hoffe, ich werde bei euch glücklicher als meine beiden Vorgänger“, gab ich trocken zurück, schloss die Augen und freute mich darüber, dass ich keinen Charlie Parker mehr hören musste. Nach einer Weile fragte uns Manni, woran man erkennen würde, dass ein Bassist an der Türe klopft, aber niemand gab ihm Antwort oder fragte, woran denn.

Es gelang mir tatsächlich für eine gute Stunde zu dösen, bis Richard uns lautstark um unsere Aufmerksamkeit bat.
„Jungs, wir werden in einer guten halben Stunde in Konstanz sein! Ich will, dass wir einen guten Eindruck vermitteln. Das gilt vor allem für dich, Lukas. Lächele mal zur Abwechslung.“
„Mhm…“
„Auch, wenn das hier noch nicht das Jazzopen Stuttgart ist, erwarte ich von euch, dass ihr jeden Abend so spielen würdet, als hätte vor uns John Coltrane gespielt!“
„Alles klar!“, antwortete ich, fast automatisch. Ich würde sowieso so spielen, als würde mir die ganze Welt direkt auf meine verschwitzten Finger schauen, egal wo, egal vor wem. „John Coltrane wird erblassen vor Neid.“
„Wenn Coltrane noch leben würde!“, kommentierte Tillmann, das besserwisserische Arschloch.
„Zombie-Coltrane wird schneller erblassen“, antwortete ich. „Sonst würde ich das nicht so locker sagen.“
TIllmann drehte sich um und sah mir böse in die Augen. Ich überlegte mir, was er wohl dachte. „Coltrane würde sich im Grab umdrehen, wenn er dich spielen hören würde“ und „es werden eine ganze Leute vom Kotzen erblassen, wenn sie dich gehört haben“ gewonnen. Ich fand nie heraus, was er davon tatsächlich dachte. Manni lachte auf und schlug mir mit seiner fleischigen Hand auf die Schulter.
„Zombie-Coltrane, haha!“, gluckste er. „Ich will nicht wissen, welche Teile seiner Lunge dann im Saxophon hängen bleiben!“
„Hört auf, Jungs!“, fuhr uns Richard scharf an. „Coltrane war ein großartiger Mann. Er verdient es nicht, dass man sich derartig über ihn lustig macht.“
„Ja“, murmelte Lukas mit monotoner Stimme und starrte in sein Smartphone. „Er war ein guter Mensch, hört auf, euch über ihn lustig zu machen, ist euch denn nichts heilig?“
Richard seufzte. „Also, Nat! Du hast erzählt, du würdest auch in einer anderen Band spielen? Was für Musik macht ihr?“
„Schwer zu sagen“, antwortete ich. Momentan progressive Stille. „Ich mag es nicht, mich auf Genres festzulegen. Das ist alles so schwammig und hinterher gibt es immer Leute, die protestieren: Nein, das ist was ganz anderes, blablabla!“
Ich warf dabei einen verächtlichen Blick auf Tillmanns halbkahlen Hinterkopf.
„Versuch’s zumindest!“, forderte Richard mich auf. „Es ist ja immer sehr interessant, aus welchen Ecken man musikalisch inspiriert wird.“
Ich seufzte resignierend. „Eine Mischung aus Funk, Swing und Romantik.“
Tillmann prustete und ich bemerkte, dass sich Mannis Brustkorb plötzlich ruckartig bewegte, als würde er ein Lachen nur mit Mühe zurückhalten.
„Ach, ich habe ein paar Amateuraufnahmen auf meinem MP3-Player“, sagte ich lustlos und kramte ihn heraus. „Wie gesagt, ich mag es nicht, mich genretechnisch festzulegen. Es zerfließt doch sowieso alles immer wieder.“
„Nein“, protestierte Tillmann – selbstverständlich war es Tillmann. „Debussy hat ausschließlich impressionistische Musik gemacht!“
„Ja, großartig…“, entgegnete ich. „Man hat mehr oder weniger eigens für Debussy diese Bezeichnung überhaupt ins Leben gerufen.“
„Es gab auch noch andere impressionistische Musiker!“, hielt Tillmann barsch dagegen und ich merkte, dass er gleich weitersprechen wollte, um meine letzte Aussage auseinanderzunehmen.
„Ja, gab es“, gestand ich zu. „Nenn mir doch mal einen.“
„Maurice Ravel!“
Ich lächelte spitzbübisch. „Und Ravel hat ausschließlich Impressionistische Musik gemacht, wie? Keine Romantik? Kein Neoklassizismus?“
Lukas stöhnte genervt auf, ob des trockenen Themas, über das wir uns unterhielten, aber wenn Tillmann sich die ganze Zeit mit seinem platten Allgemeinwissen brüsten wollte, dann brauchte er mal dringend eine verbale Abreibung dafür.
„Der Impressionismus entstand aus der Romantik!“, plapperte er wie ein empörter Musikprofessor. „Er ist in gewissem Sinne eine Weiterbildung der…“
„Seht ihr, was für eine lästige Erbsenzählerei das alles mit den Stilrichtungen ist?“, unterbrach ich Tillmann mit etwas lauterer Stimme als beabsichtigt.
„Ja!“, stöhnte Lukas. „Haltet endlich die Klappe…“
„Gib Tillmann mal deinen MP3-Player“, forderte Richard mich auf und ich hörte an seiner Stimme, dass er sich Mühe gab, noch höflich und gefasst zu klingen. „Hören wir uns das doch einfach mal an und dann kann jeder sich seine eigene Meinung zum Stil machen.“
„Die Qualität ist echt schlecht“, warnte ich, als ich dem Kontrabassisten mein Kleinod reichte. „Wir haben kein richtiges Equipment für Aufnahmen.“
„Ja, ist gut.“ Tillmann steckte meinen Datenträger in den USB-Anschluss im Auto. Erst jetzt fiel mir ein, dass er sich erstmal durch meine Musiksammlung skippen müsste, bevor er den richtigen Ordner erwischen würde und ein Teil von mir wurde panisch.
„Was ist denn das?“, fragte Tillmann abwertend, als die seltsamen Mandala Drums im Intro von Tool’s „Stinkfist“ ertönten.
„Nein, weiter…“, drängte ich und hoffte, dass ich nichts Peinliches auf meinem MP3-Player gespeichert hatte. Wahrscheinlich wurden die Alben in alphabetischer Weise abgespielt, weshalb ich plötzlich überglücklich war, dass ich den Ordner, in dem sich unsere Aufnahmen befanden einfach nur als „Aufnahmen“ und nicht als „Unerhört“, also unseren Bandnamen oder „Ziemlich miese Aufnahmen“ betitelt hatte. Nach ungefähr einem Dutzend nervöser Angaben wie „Weiter!“ und „Halt zurück!“ von mir, fand Tillmann endlich die Aufnahmen, ohne, dass er mich dabei in ein ekelhaftes Fettnäpfchen geritten hatte.

Einer unserer eher älteren Songs ertönte, „Halt’s Maul“ und ich war mir nicht mehr ganz so sicher, ob das nicht vielleicht doch das Peinlichste war, was meine mobile Musiksammlung zu bieten hatte. Nayara hat das Lied geschrieben, als sie in einer Hip-Hop Phase war und hörte sich manchmal ziemlich… gezwungen an. Wenigstens hatte es ein groovy Orgelintro, das mich nicht ganz übel aussehen ließ.
„Hey, nicht übel!“, meinte Richard und klopfte rhythmisch auf dem Lenkrad.
Und dann setzte der Gesang ein:

„So, jetzt bin ich mal mit dem Reden dran, mein Freund
Ich weiß, du glaubst, ich check’s nicht, und du hast’s nicht so gemeint
Aber alles was du sagst, das sagst du aus einem Grund
Und wenn du denkst ich sei zu blöd, dann halt lieber mal den Mund!“

Ich fasste mir an die Stirn und wurde wahrscheinlich knallrot. Manni lachte, Richard kicherte. Die gerappte Strophe kam mir auf einmal ungefähr dreimal länger vor und ich fragte mich, welcher Teufel mich da geritten hatte, dass ich den Major Five diese Aufnahme zeigen wollte.
„Das… ist ein eher schlechterer Song von uns“, entschuldigte ich mich. „Vielleicht besser auf den nächsten, der ist auch etwas aktueller…“

Als wäre es eine Antwort, ertönte der Refrain.
„Meckern wird dir gar nichts bringen!
Kritisier’n macht dich nicht schlau!
Wenn’s dir nicht passt, dann mach’s doch selber
Halt – Ein – Fach – Dein – Maul!“

„Ja, Mann, halt einfach dein Maul!“, raunte Lukas, aber lächelte dabei. „Ich find’s witzig. Lass mal laufen.“
„Ziemlich fetzig!“, meinte Richard und drehte sich mit breitem Grinsen zu mir um. Ich wusste nicht, was ich von dem Kommentar halten sollte. Auch Manni gab seinen Senf dazu: „Eure Sängerin klingt echt süß! Ist sie zufälligerweise noch zu haben?“
Auch wenn das einfach nur als unverschämt platter Witz gemeint war, konnte ich nicht anders, als ihn finster anzusehen.
„Nein“, knurrte ich, obwohl ich mir da gar nicht mehr so sicher war. Obwohl die Reaktion auf den Song eher erstaunlich positiv ausfiel – ich meine, Tillmann hatte nichts zu meckern! – dann verfinsterte sich meine Laune trotzdem noch weiter. Ich wusste nicht, ob man sich hier gerade einfach nur über mich lustig machte. Denn über die Qualität verlor niemand ein Wort. Immerhin wollten sie alle Songs hören, die ich von uns dabei hatte und wirkten enttäuscht, als die Show nach vier Liedern bereits zu Ende war.
„War’s das schon?“, fragte Manni, nachdem die letzte Aufnahme verklang.
Tillmann schüttelte den Kopf. „Da war ganz bestimmt kein Funken an romantischer Stilistik zu hören!

Hier weiterlesen: Mehr, bitte!

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7 thoughts on “Topophobie – Sehr unromantisch

  1. Schönes Spiel mit romantisch/unromantisch. Der Rückblick ist mir ein bisschen zu lang, der Schluss sehr schön (als Leser bin ich wirklich seeehr gespannt auf die Meinung der Jungs zu Nats „anderer“ Musik. Ich drück die Daumen fürs Konzert 🙂
    Und hier die Lektorenabteilung:
    „Ich hatte schon jetzt keine Lust“ (hinten im Satz das zweite „schon“ streichen)
    „daheim habe liegen lassen“ (hatte liegen lassen. Diesen Teil würde ich insgesamt kürzen, so auch hier: Klingt ein bisserl umständlich. Einfach: Handy vergessen. Zurückgehen wolle ich nicht – damit hätte ich meiner Würde einen ritt in die Eier versetzt: Denn ich hätte sie angerufen. Oder so ähnlich halt und dann fertisch)
    „Ich überlegte mir, zurückzugehen, um es mitzunehmen, entschied mich jedoch dagegen, auch, wenn ich noch mehr als genug Zeit dafür gehabt hätte.“ (Das ist irgendwie ein merkwürdiger Satz)
    ironischerweise wird zusammen geschrieben
    progressive Stille (echt, exisitert so was? Oder sind’s Stile?)
    Liebe Grüße!

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    1. Herzlichen Dank! In gewisser Weise hat Nat ja schon eine Rückmeldung bekommen, aber ich weiß, was du meinst. Mein Prota wird auch nicht ruhen können, bis er weiß, was die Jungs denn nun tatsächlich davon halten.
      „Progressive Stille“ sollte ein Wortspiel sein… das gibt’s natürlich nicht und war eine Anspielung darauf, dass die Band ja momentan faktisch gar nicht mehr existiert und dementsprechend nur eine „sich ausdehnende Stille“ breitmacht.

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  2. Vielleicht ist es wieder die Ungeduld, die aus mir spricht, aber mir sind das zu viele Informationen. Da ich ja mit im Bus sitze und endlich ankommen will, auf den Gig warte usw, ist mir das alles zu wuchtig. Es erschlägt mich. Ich persönlich finde, an dieser Stelle wäre es ausreichend, sich auf Nat zu fokussieren, auf seinen inneren Monolog, kurze Dialoge oder ein Gespräch, welches sich auf zwei Figuren beschränkt. Das sind, wie gesagt, nur meine Empfindungen als Leser. Hielte ich das Buch in den Händen, würde ich überspringen oder überblättern.
    Worüber ich stolperte, war die Frage von Manni: „Geht’s Dir gut?“ Ein wenig amüsiert mich das. Reden Männer so miteinander? Ich kann mir das schwer vorstellen, ehrlich gesagt, dadurch wirkt das für mich nicht nachvollziehbar und etwas überzeichnet, vielleicht sogar konstruiert, weil Du ja ein Gespräch einläuten willst, welches nicht unbedingt oberflächlich ist.
    Und nochmal zu den Blumen: Spannend, dass Du immer sagst, Du willst kein blumiges Schreiben.
    …plapperte er wie ein empörter Musikprofessor… Solche Umschreibungen stehen oft hinter der wörtlichen Rede, ebenso wie erklärte, kommentierte, gluckste, seufzte. Zu viel Blumen in einem Dialog mehrerer Leute. Das lenkt ab, und ich frage mich immer, welche Absicht Du damit verfolgst. Möchstest Du Wiederholungen vermeiden? Oder haben wir hier Deine Leidenschaft, jeden Protagonisten zu beleuchten, und seine Psychologie dem Leser näher zu bringen? Das hast Du drauf, aber bitte nicht zu bemüht. Das wird trocken. Und das sagt Dir jemand, der immer an der Psycho-Taschenlampe interessiert ist 😉
    Nun bin ich gespannt, was passiert, besonders, da mir Nat etwas entglitten ist im Moment.
    Liebe Grüße, Julia!

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    1. Danke für deinen Rückblick! Jetzt kommt der schwierige Part von meiner Seite aus. ich will einerseits nicht aussehen, als würde ich die Kritik nicht zu schätzen wissen, aber an einem gewissen Punkt – das kennst du ja bestimmt – will man sich auch erklären, warum man die Dinge so schrieb, wie man es eben getan hat. Also (nur um Vorzubeugen), nimm das bitte nicht als eingeschnappte Rechtfertigung, sondern als möglichst objektive Antwort. Du hast mir ja bereits den Gefallen getan, dein Kommentar mit Fragen zu versehen.

      Ich teile es einfach mal in drei Punkte ein, dann bleibt es etwas übersichtlicher.

      1.) Warum sollten Männer einander nicht fragen, ob’s einem gut geht? Nat sitzt im Auto zwischen Manni und Lukas, er schläft nicht („als *wäre* ich eben erst aufgewacht“) und stiert höchstwahrscheinlich nachdenklich irgendwohin. Manni babbelt ununterbrochen vor sich hin. Früher oder später, in diesem Fall später, fällt ihm auf, dass Nat nichts sagt und nur komisch guckt. Ich meine, jeder von uns wurde sicherlich schon mal angesprochen, ob es einem gut geht, ob man wütend sei oder irgendetwas schlechtes gegessen hat, während man eigentlich nachgedacht hat. Also ich jedenfalls schon, gleichermaßen habe ich auch selbst schon oft gesagt: „Was ist mit dir los, alles klar?“ und mein Gegenüber war einfach nur im Grübeln versunken. Ich bin hier etwas zwiegespalten. Einerseits denke ich, dass du vollkommen Recht damit hast, dass ich hier und dort kürzen sollte, andererseits scheint es mir, gerade bei solchen Stellen, dass ich vielleicht sogar doch noch mehr erklären sollte, damit diese Szenen eben nicht konstruiert wirken.
      Ich finde es interessant, dass du fragst, ob spezifisch Männer so etwas fragen und dass es konstruiert wirken würde. Warum sollten so etwas bei Frauen normal sein, aber bei Männern nicht?

      2.) Von den Umschreibungen hatten wir’s ja schon. Ich sehe das Problem vor allem darin, dass es dem Leser zu wenig Spielraum gibt und ihm zu viel vorkaut. Auf der anderen Seite, ja, ich will vermeiden, dass die ganze Zeit nur „sagte“ gelesen wird. Mich nervt so etwas tierisch, wenn ich Dialoge lese. Wenn der Dialog nur zwischen zwei Personen stattfindet, dann ist das leicht zu beheben. Dann ist es ein Hin- und Her und eigentlich müsste klar sein, wer gerade spricht. Nicht so bei fünf Personen. Wenn ich nicht schreibe: „stöhnte Lukas“, dann weiß niemand, wer gerade das „Halt die Klappe“ von sich äußerte, vor allem, wenn zuvor zwei andere Charaktere gesprochen haben. Und unter „blumiger Aussprache“ verstehe ich etwas anderes. Bildhafte, metaphorische Vergleiche, wie zum Beispiel „Ein Gefühl wie kalter Morgenfrost legte sich wie ein eisiger Teppich über mein Herz“. Meine Beschreibungen sind nur Mittel zum Zweck, unter blumiger Aussprache verstehe ich Wortakrobatik um ihrer selbst Willen.
      Und, wie bei deiner Geschichte bereits erwähnt: ich erzähle ja nur aus der Perspektive eines Charakters. Wenn das als auktorialer Erzähler von allen fünf Leuten im Auto tun würde, würde man als Leser komplett den Faden verlieren.
      Was ich hier machen *könnte*, wäre, dass Nat sich, wie von dir vorgeschlagen, tatsächlich nur mit einer Person unterhält, aber gerade das empfände ich als stark konstruiert. Wie mache ich so etwas? Warum sollten sich in einem engen Bus, in dem fünf Charaktere sitzen, die alle was zu sagen haben, nur zwei unterhalten? Erste Möglichkeit: Alle bis auf Nat und Richard, der ja fährt, schlafen. Das wäre meines Erachtens nach jedoch ein Bilderbuchbeispiel für Plot Convenience. Zweite Möglichkeit: die Band macht eine Pinkelpause, zwei gehen Rauchen, einer geht Pinkeln, einer bleibt übrig, mit dem sich Nat unterhalten kann. Das wäre tatsächlich eine Option, mit der man das entschlacken könnte.

      3.) Aber eigentlich… *duck* … will ich das gar nicht. Ich wollte in diesem Abschnitt folgende Dinge haben, vielleicht wird dann ersichtlich, warum:
      A – Es wird noch rückgeblendet, wie Nat mit dem Kram am Vortag umgegangen ist, wie da seine emotionale Ausgangslage ist (kaum geschlafen, „Angst“ vor Nayara, kein Handy, früher losgezogen)
      B – Ein etwas beklemmendes, klaustrophobisches Gefühl: Enger Bus mit fünf Leuten, stickig, unangenehm, nervige Musik, schlechte Witze werden erzählt.
      C – Da es in den vorigen Abschnitten eher um andere Dinge ging, sollen sowohl die Gedanken des Lesers als auch die von Nat wieder auf die Tour gelenkt werden, das bisher für beide (Nat/Leser) eher in den Hintergrund gerückt ist. Nun, da Nat aber „daheim“ quasi nichts mehr hat, wird die Tour plötzlich wieder wichtiger. Nats Bühnenangst soll einen kurzen Schatten voraus werfen.
      D -Es soll vermittelt werden, dass sich Nat nicht unbedingt wohl fühlt in der Band. Show don’t tell und wie sollte so etwas besser funktionieren, als durch eine Diskussion? An dieser Stelle wollte ich Nat gegenüber dem Leser auch wieder etwas aufbauen. Er scheint ja nicht wirklich jemand zu sein, der momentan viel auf die Reihe bekommt, dann darf er sich wenigstens gegen ein abschätzendes Bandmitglied behaupten.
      E – Die Band sollte sich schon für ihr neuestes Mitglied interessieren. Der Leser interessiert sich hoffentlich auch etwas über Nathans musikalische Vergangenheit. Ein paar Aufnahmen von seiner alten Band, die unbedingt gehört werden wollen schaffen es, beides zu integrieren. Außerdem wird dem geneigten Leser durch das Lied vielleicht auch ein interessanter Blickwinkel auf die Beziehung von Nat und Nayara gezeigt, je nachdem, wie interpretationswütig man ist, kann man das aber auch einfach nur als das nehmen, was es ist: eine Low-Fi-Aufnahme, die eben momentan abgespielt wird.

      Soviel dazu… aber wie gesagt, wenn man Einzelheiten erst erklären muss, dann deutet das in der Regel eher darauf hin, dass der Autor sich ungeschickt ausdrückt, dementsprechend… keep it going.

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      1. Na klar kenne ich das! Man will ja seine Schützlinge verteidigen; die Mühe, die in ihnen steckt, die Arbeit, die man mit ihnen hatte! Und Absichten erklären – nun ja, das ist ja Sinn und Zweck – Wir führen hier doch eine Diskussion, die die Absicht des Austausches verfolgt, oder? Also, alles gut.
        Okay, die Antwort steht in Deiner Aussage: „Was ist los mit Dir?“ – Nehme ich sofort ab. Das ist anders als „Geht es dir gut?“ Naja, vielleicht Du denkst Du jetzt, Hä, was reibt die sich an Kleinigkeiten auf? Aber wie gesagt, Männer unter sich … Ich als Leserin bin da schon neugierig, wie sie miteinander reden, wenn keine Frau dabei ist. Eine Frau würde fragen, ob es Dir gut geht, und zwar genau mit diesen Worten. Von einem Mann habe ich das noch nie gehört. Da nehme ich einen knappes „Alles klar?“ ab, aber keine sensible Nachfrage. Oh, wohin führt mich diese Ausführung … Verstehst Du irgendwie, was ich meine?
        Alles andere: Stimmt haargenau, wie malt man einen Dialog unter mehreren Figuren? Ich habe es selten erlebt, dass es funktioniert, es gibt aber viele Bücher, bei denen man die wörtlichen Reden einfach so hingeworfen bekommt, manchmal eine Erklärung, wer grade redet. Etwas, was sehr schwierig ist, deswegen mache ich auch immer einen Bogen drum, wenn es geht 😉 Und übrigens stört es mich als Leser nicht, wenn ich grad nicht weiß, wer das sagt. Das kann man sich schon erschließen, und falls es ist dauernd vorkommt, nehme ich das überhaupt nicht übel.
        Vorkauen – Himmel! Ich weiß, dass viele Leser sich das wünschen, ich aber nicht.
        Das mit den Blumen sehe ich anders. Alles kann blumig sein, auch ein Einkaufszettel. Das, was Du schilderst, ist schwulstig, und wenn ich sowas lesen will, stöbere ich im Diana Verlag. Nicht, dass ich das wollte … Es ist eben meine Meinung, dass Adjektive hinter der wörtliche Rede wenig zu suchen haben. Wir können es dabei belassen, dass unsere Meinungen hierbei verschiedene Wege gehen.*fg*
        Ach, Punkt Nummer 3 ist ja amüsant … Es geht ja auch nicht darum, dass Du schreibst, was andere wollen, sondern was Du willst. Das hast Du doch schön klar ausgedrückt. Deine Argumentation ist absolut verständlich, ich bin mir aber sicher, dass … und jetzt ducke ich mich … ich sie auch ohne weniger Worte verstanden hätte. Man sollte dem Leser schon etwas zutrauen.
        Wie schon bereits erwähnt, ist mir Nat ein wenig entglitten, das finde ich schade für mich und ungünstig für die Geschichte. Empathisches Schreiben und Empathie beim Leser wecken, kannst Du. Ich also bin in dem Protagonisten. Und das letzte Kapitel hat mich ein wenig rausgeschüttelt.

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  3. Dann ist ja alles gut! 🙂
    Okay, das mit dem „Alles klar?“ oder „Geht es dir gut?“ verstehe ich. Man würde Männern eher ein „Was ist los?“ als Letzteres zuschreiben, wobei ich nicht viel von Aussagen „typisch Mann/Frau“ halte. Ich denke da eher „typisch Typ“ und kenne eine ganze Menge Frauen, die eher „Was ist los?“ und Männer, die „Geht es dir gut?“ fragen. Aber das sind nicht die Rollenklischees, da hast du Recht.

    Was die Adjektive angeht… da haben wir wahrscheinlich tatsächlich unter’m Strich verschiedene Ansichten. Ich kann dein Problem damit aber gut nachvollziehen und beim erneuten Durchlesen fallen mir auch in diesem Abschnitt wieder einige Adjektive auf, die ich getrost streichen könnte. Aber wahrscheinlich nicht so viele, wie, wie du es wohl machen würdest Und ich vermute, wir haben auch etwas andere Auffassungen von dem Wort „blumig“ 😉

    Und zu Punkt 3, da hast du Recht. Weniger würde es auch tun. Und jetzt widerspreche ich mir ein wenig, ich habe ja schon irgendwann zuvor geschrieben, dass ich gerne „zum Kern der Sache“ komme. Hast du Reservoir Dogs gesehen? Einer meiner Lieblingsfilme. Da geht es im Grunde genommen um Gangster, einen eingeschleusten Cop und einen verbockten Diamanten-Coup. Ich bin jemand, der in Filmen gerne und viel interpretiert, bin aber immer noch der Meinung, dass diese Szene: https://www.youtube.com/watch?v=Z-qV9wVGb38 im Grunde genommen nichts mit der Handlung zu tun hat, außer, dass sie einige der vielen Charaktere eben etwas besser beleuchtet. Man hätte sie aber rein theoretisch weglassen können. Die Handlung würde eigentlich nicht in einem anderen Licht stehen, die Charaktere würden hinterher wahrscheinlich nicht anders handeln, aber trotzdem gehört diese Szene zu meinen Lieblingsszenen. Warum? Zum einen, weil es mich amüsiert, Diskussionen – und seien sie noch so blöd – zu beobachten. Zum anderen, wie gesagt, weil man danach einfach ein deutlicheres Bild von bestimmten Charakteren, hier eben von Mr. Pink hat.

    Das ist möglicherweise ganz ähnlich mit diesem Abschnitt – ich kann es verstehen, wenn jemand die Diskussionsszene in Reservoir Dogs langweilig findet, ich kann es auch verstehen, dass du diesen Abschnitt im Buch überfliegen würdest (wobei ich behaupten würde, dass meine Szene mehr Storyrelevanz als mein cineastisches Beispiel enthält). Aber die Szene erfüllt in ihrer Ausführung eigentlich genau das, was ich haben will. Sie fängt einen Moment ein, ein Gespräch, unverfälscht, wie ich sie oft in Gruppen führe. Der Inhalt ist belanglos. Wen interessiert’s, wie Impressionismus interpretiert wird? Es geht darum, warum darüber gesprochen wird und wie darüber gesprochen wird.

    Und gerade weil ich so überzeugt davon bin, bin ich umso dankbarer für deine ehrliche Kritik. Denn nur dadurch wird mir bewusst, dass die Szene eigentlich ziemlich an Tempo einbüßt. Ich vielleicht nicht noch solch eine Szene hintendran hängen sollte, wenn ich bestimmte Lesergruppen nicht verlieren will. Ansonsten merke ich so etwas gar nicht …

    Der nächste Beitrag wird etwas handlungsorientierter und ich hoffe, dich damit auch wieder „einzufangen“! 😉

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