Agnes Obel – Riverside

Mit der Musik ist es manchmal wie mit einem Jahrmarkt. Wenn ich mir die Zeit nehme, wühle ich hier und dort ein wenig herum, erwarte eigentlich nicht, dass ich irgendetwas Ansprechendes finde und plötzlich halte ich diesen einen, besonderen Gegenstand in meiner Hand und frage mich, wie mir dieses Kleinod die ganze Zeit über verborgen blieb. Und viel mehr, warum ich es nicht vermisst habe. Aber nun habe ich es gefunden und kann mich darüber freuen.

Genau so ist es mir ergangen mit „Riverside“, einem Lied einer mir bis heute ebenfalls unbekannten Künstlerin namens Agnes Obel. Ich bin heute bei meinen Streifzügen durch die Weiten des Internets auf diesen Titel gestoßen und war beim ersten Mal bereits hin und weg.

Alleine das unaufdringliche, fast schüchtern wirkende Klavierintro hat mich in seinen Bann gebracht und das gelingt nicht viele Songs in den ersten Sekunden. Durch den ungewöhnlichen, wechselnden 5/8- und 7/8-Takt hat es trotz der sehr eingängigen, simplen Melodie einen geheimnisvollen Charakter. Schon da hat mich das Lied begeistert, obwohl ich noch nicht einmal die Stimme der Sängerin gehört habe.

Down by the river by the boats
Where everybody goes to be alone
Where you won’t see any rising sun
Down to the river we will run

…und die hat mich auch sofort überzeugt, auch, wenn ich finde, dass man die Taktart des Intros ohne Weiteres hätte beibehalten können. Ich meine, ich kannte davor gar nichts von der Interpretin, das Lied war mir komplett fremd, genau so der Text. Wahrscheinlich interpretieren ihn viele anders, aber für mich wirkt es so, als wenn es um die eigene Gedankenwelt geht. Vor allem durch das „Where everybode goes to be alone“. Das dunkle Bild, das durch den Text vermittelt wird, wird durch die sanfte, einfühlsame Stimme von Agnes aber auch wieder stark relativiert. Es klingt eher nachdenklich, grüblerisch als depressiv.

When by the water we drink to the dregs
Look at the stones on the river bed
I can tell from your eyes
You’ve never been by the riverside

Dieser Abschnitt spricht mich fast am meisten an. Der Fluss, die Gedanken. Ich „konsumiere“ so viele Gedanken, dass ich den Grund des Gewässers erkennen kann, während andere kaum hinterherkommen, mich nur verwirrt anschauen, während ich wieder in meine Gedankenwelt abdrifte.

Down by the water the riverbed
Somebody calls you somebody says
Swim with the current and float away
Down by the river everyday

Jetzt verzieren noch hohe Töne die Melodie. So simpel und doch machen sie eine ganze Menge aus, bei dem Lied das so minimalistisch gehalten wird. Diesen Textabschnitt würde ich als die „Gefahren des Grübelns“ ansehen. Es kann sein, dass man sich komplett gehen lässt, dass man fortgerissen wird, aus der „echten Welt“ und nur noch in den eigenen Gedanken bleibt.

Oh my God I see how everything is torn in the river deep
And I don’t know why I go the way down by the riverside

Die Harmonie verändert sich während des Refrains kaum, aber genug, um einen Unterschied zu machen, während das plötzlich eher treibend wirkende Klavier, wie kleine Wellen im Fluss aufschlagen. Die zweite Gesangsspur fügt sich wunderbar an, eher verspielt als streng geordnet und passt so wunderbar zu dem Thema. Man erkennt, dass die eigenen Gedanken zerrissen, nicht vollständig, nicht zu Ende gedacht sind. Wenn man sich zu tief in den Gedanken verliert, dann kommt nichts dabei heraus. Und dennoch verirre ich mich immer wieder an diesem Ort. Wunderschöne Auflösung der Akkorde zurück zur Strophe. Ich genieße es auch immer wieder, wenn kurze Taktwechsel nicht aufgesetzt wirken, sondern sich schön organisch ins Gesamtbild fügen.

When that old river runs pass your eyes
To wash off the dirt on the riverside
Go to the water so very near
The river will be your eyes and ears

I walk to the borders on my own
To fall in the water just like a stone
Chilled to the marrow in them bones
Why do I go here all alone?

 

Für mich bedeutet diese Passage, dass die Selbstinvolviertheit mehr oder weniger die Sinne ersetzt. Ich nehme die Welt an einem Punkt nicht mehr objektiv wahr, alles geht durch den Filter der eigenen Subjektivität – „The river will be your eyes and ears“. Letztlich sind die eigenen Gedanken wie ein Weg, den man zunächst alleine beschreitet. Die Frage: „Why do I go here all alone?“ ist für mich gleichzeitig auch ein hoffnungsvolles Ende, sich zu wagen, die eigenen Gedanken mit anderen zu teilen. Sich der Welt zu öffnen, den Fluss auch in andere Richtungen strömen zu lassen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Agnes Obel für jede einzelne Zeile eine tiefere Bedeutung hat. Wahrscheinlich ist vieles auch einfach nur eine Zierde aus Wörtern. Kleine Details in einem Bild, die diesem mehr Leben verleihen. Und jeder könnte dafür eine eigene Interpretation haben. Was ja allgemein das Tolle bei solcher Musik ist. Bei jedem entstehen möglicherweise völlig andere Impressionen und damit verbundene Gedanken, Emotionen. Ich kann dieses Lied richtig genießen, nicht zuletzt wegen seines herrlich melancholischen, sphärischen Charakters. Düster, ein wenig schwermütig, aber eher auf eine faszinierende, denn auf eine beklemmende Weise. Wie ging es euch damit? Wie würdet ihr den Text interpretieren? Interpretiert ihr solche Texte überhaupt?

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One thought on “Agnes Obel – Riverside

  1. Ja, Riverside ist auch eins der ersten Lieder, die mir von ihr in die Finger gekommen sind, und es hat mich genauso stark angesprochen. Freut mich, dass sie dir gefällt!

    Ich muss gestehen, dass ich bisher nicht auf den Text gehört habe, vor allem auch, weil die Stimmung so gut zu meinem momentanen Romanprojekt passt, dass ich das Lied erst mal nicht in seine Einzelteile zerlegen (analysieren) wollte. Meistens beginne ich mich erst für den Text zu interessieren, wenn ich einzelne Wörter oder Phrasen heraushöre, die mich neugierig machen.

    Gefällt 1 Person

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