Topophobie – Mehr, bitte!

Ich hätte ja gerne noch eine ausführliche Schilderung gehabt, was meine neue Band so von der Musik meiner alten Band hielt, aber nachdem ich meinen MP3-Player wieder  an mich genommen hatte, beschäftigte sich die Unterhaltung mehr oder weniger nur noch mit der pseudo-wissenschaftlichen Behauptung, dass sich die Attraktivität einer Frau bereits an ihrer Gesangsstimme ablesen würde. Was natürlich absoluter Quatsch war, alleine schon, wenn man bedenkt, dass ein heftiger Gesichtsausschlag sich wohl nur in den allerwenigsten Fällen auf die Stimmbänder auswirken würde. Die Diskussion wurde etwas hitziger, da vor allem Manni und Richard immer noch der festen und eigentlich unbegründeten Meinung waren, dass an der Behauptung etwas dran war. Und ich machte mir auf einmal mehr Gedanken darum, die beiden Idioten von ihrem Irrglauben abzuleiten, als in Erfahrung zu bringen, was sie denn sonst noch so von den Aufnahmen hielten. Vielleicht war das so aber auch besser. Das Konzert stand an und ich konnte nichts gebrauchen, was meinem aufs musikalische bezogene Selbstbewusstsein einen Knacks verpassen könnte. Als Besserwisser betrachtet zu werden, war ich gewohnt und hatte ehrlich gesagt auch nichts dagegen. Ich meine, ich weiß Dinge eben oftmals besser, das ist keine Arroganz, das ist einfach eine rein objektive Tatsache. Und wenn ich mal etwas nicht besser weiß, dann komme ich damit auch klar. Nach einer Weile jedenfalls.

Bevor irgendjemand ausfällig wurde, erreichten wir glücklicherweise den Zielort und die jämmerlichen Reste meines Welpenschutzes wurden vorerst verschont.
„So, da sind wir“, erklärte Richard, als wenn die Tatsache, dass wir an einem Parkplatz vor einem Hotel direkt am Bodensee anhielten, das nicht schon erklären würde. Das Hotel war ein breites dreistöckiges, weiß verputztes Fachwerkhaus mit einer ausladenden Terrasse direkt am See. Als wir ausstiegen ging Richard direkt auf die Bühne, die darauf stand, zu und begrüßte mit einem charmanten Lächeln und einem beherzten Händeschütteln eine Mittvierzigerin in schwarzem Abendkleid und knallroten Stöckelschuhen. Dass die nicht zu ihrem kitschig glitzernden Kleid passten, bemerkte selbst ein Modemuffel wie ich einer bin.
„Was für eine Ehre euch hier zu haben!“, sagte sie. „Die Major Five! Ein Jammer, dass ihr letztes Jahr nicht hier sein konntet. Es war wirklich wunderschön. Wunderschön, sage ich! Aber das wird es heute auch. Man muss nur das Wetter betrachten, dann wird das schon klar. Seht nur, wie hübsch die Strahlen der untergehenden Sonne sich im stillen Wasser brechen!“
„Ja, wirklich ein außergewöhnlich beruhigender Anblick!“, pflichtete Richard bei.
„Heute wird es noch geiler als letztes Jahr, weil wir mit dabei sind!“, warf Manni Augenzwinkernd ein, woraufhin ihn die Dame mit einem etwas verwirrten Blick bedachte.
„Haha, ja!“, lachte sie nervös, während Richard hustete und den Anstand hatte, für seinen vorlauten Bandkollegen zu erröten. „Hier ist übrigens der Schlüssel für das Zimmer.“
Sie kramte den Schlüssel hervor und drückte ihn dem Bandleader in die Hand.
„Um 18 Uhr wird das Büffet eröffnet. Soundcheck ist in einer halben Stunde. Wenn ihr noch irgendetwas braucht, ihr findet mich oder meinen Mann entweder hier oder an der Rezeption!“
Dann stöckelte sie davon.
„Bescheidenheit hast du wohl nicht mit Löffeln gegessen, was?“, raunte Tillmann zu Manni.
„Was denn?“, fragte dieser. „Wir sind doch gut.“
„Wer weiß“, sagte Tillmann und zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, wie gut das live funktioniert.“
Ich atmete tief durch. „Das Wetter ist tatsächlich sehr schön, nicht? Dürfen wir uns dann eigentlich am Büffet bedienen oder müssen wir hier für’s Essen bezahlen?“
„Wir dürfen uns an dem bedienen, was übrig bleiben wird“, erklärte Richard. „Das ist heutzutage mehr, als man erwarten kann.“
„Ja“, pflichtete Tillmann bei. „Damals waren die Leute höflicher. Da war das selbstverständlich, dass Musiker auch mit Speis und Trank versorgt wurden. Paul würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wie wir jetzt behandelt werden.“
Ich fragte mich, ob sich innerhalb solch kurzer Zeit wirklich so viel im Geschäft verändert hatte und kam zu dem Entschluss, dass Tillmann einfach nur gerne „Damals war alles besser“-Sprüche herausposaunte und unterdrückte mir ein Kommentar dazu.
Wir nahmen unser Gepäck aus dem Kofferraum und brachten es hinauf auf unser Zimmer. Rezeption, Treppenhaus und Flur machten bereits einen sehr rustikalen, aber auch luxuriösen Eindruck. Es roch nach frischem Holz, und gedämpfte Jazzmusik tönte aus versteckten Lautsprechern. Tillmann regte sich darüber auf, dass es keinen Pagen gab, der das Koffertragen für uns erledigte, stellte das Meckern jedoch ein, als wir unser Quartier für die Nacht betraten: es war das größte Hotelzimmer, das ich je betreten hatte. Es war ein Maisonette-Zimmer mit einem Himmel- und einem Einzelbett unten und einem Doppelbett oben. Große Fenster, die fast die gesamte Ostwand des Zimmers ausmachten ließen den Raum sehr hell wirken. Auf einem sehr teuer aussehenden, dunklen Holztisch stand eine Schüssel mit frischem Obst, eine Flasche Wein, und ich bemerkte recht schnell die Minibar. Stillleben zierten in eleganten Rahmen die Wände und Pflanzen verliehen dem größtenteils beigen Raum noch ein wenig farbliche Abwechslung.
„Fett!“, rief der beleibte Trompetist und warf sich aufs Einzelbett, welches ihn quietschend empfing. „Dibs auf dieses Bett!“
Auch Tillmann fand seine Stimme wieder.
„Hmpf“, brummte er. „Was Besseres als einen Röhrenfernseher haben sie wohl nicht für uns, was?“

Wir hatten nur noch eine gute Viertelstunde Zeit, uns ein wenig von der Fahrt zu erholen, bis wir schon zum Soundcheck auf die Bühne mussten. Es standen ein paar der Hotelgäste bereits auf der Veranda, einige tranken Wein, andere rauchten und plauderten einfach nur miteinander. Sie alle waren gut gekleidet. Ich fragte mich, warum in Deutschland hauptsächlich Menschen der oberen Einkommensschichten Jazz hören. Das Genre hatte – wobei es hier auch wieder auf die verschiedenen Stilrichtungen ankam, schon einen gewissen elitären Charakterzug. Dass ich damit nun selber auf der Bühne stehen würde, kam mir ein wenig seltsam vor. Ich mochte Jazz, auch, wenn ich mit dieser Art von Musik nicht so vertraut war, wie mit klassischer Musik, aber wenn ich bedachte, dass ich vor reichen, verwöhnten Schnöseln spielen würde, dann nahm mir das schon fast die Lust. Ich versuchte, nicht weiter darüber nach zu denken. Lukas schlug gelangweilt Viertelnoten auf all seinen Trommeln und Becken und legte, als das ganze Set gefordert wurde, ein kurzes Solo hin, genau so gelangweilt dreinblickend.
„Alles klar!“, rief der Techniker am Mischpult schließlich, ein drahtiger Mann mit Glatze und vollem Bart. „Kontrabass! Kann ich den Kontrabass bitte hören?“
Tillmann griff zu seinem Instrument, spielte zunächst jede Saite einzeln an und fing dann an, das quirlige Thema von Donna Lee zu solieren, wobei er stets noch tiefe Töne als Teppich zwischen die Noten donnerte. Ich wurde ziemlich nervös. Ich hatte nicht vor, alleine irgendetwas Eindrucksvolles spielen zu wollen. Warum mussten die beiden unbedingt so angeben? Das war doch bloß ein dämlicher Soundcheck, kein Vorspiel, oder?
„Alles klar!“, rief der Techniker und wollte gerade weitermachen, da protestierte Tillmann.
„Nein, nichts ist klar! Ich höre mich nicht! Ich brauche mich etwas lauter auf dem Monitor!“
Ich legte meine Stirn in Falten. Wirklich? Ich saß mehr oder weniger direkt neben ihm und hörte ihn mehr als deutlich. Der Techniker schob etwas an seinen Reglern herum, Tillmann spielte ein paar Noten und zuckte dann mit den Schultern.
„Ja, meinetwegen“, knurrte er und mir kam es so vor, als wäre nichts verändert worden.
„Klavier!“

Scheiße. Wie auf Signal brach ich in Schweiß aus und meine Hände zitterten. Die Lichttechnik fing ausgerechnet jetzt an, auch ihre Einstellungen auszutesten und richtete die Scheinwerfer auf mich. Oder taten sie das schon die ganze Zeit und ich habe es davor nicht gemerkt? Es war so heiß… warum drehten sich auf einmal so viele der Gäste zu mir um? Das haben sie doch bei Lukas und Tillmann nicht gemacht!
„Klavier bitte!“
Verdammt, sagte ich mir. Reiß dich zusammen! Das ist nur ein einfacher Soundcheck! Spiel was!
Ich sah meine Finger an. Sie zitterten, als ich sie ausstreckte. Ich spielte einen A-Moll-Sieben Akkord und ließ ihn einfach liegen. Mehr war gerade nicht drin.
„Mehr, bitte!“, tönte es von der Technik herüber. Ich schlug den Akkord einfach ein paar mal an. Plump, wie jemand, der gerade erst das Instrument lernte.
„Einfach mal ein paar Läufe!“
Ich versuchte es. Unterdrückte das plötzlich aufkommende Gefühl, einfach nur „Alle meine Entchen“ zu spielen. Meine Finger zitterten gefühlt Zentimeterweise hin und her und mein Herz klopfte so stark, dass ich mir sicher war, dass man meine Halsschlagader pulsieren sehen konnte. Ich spielte die Moll-Pentatonik über die Tasten hinunter. Meine verschwitzten Finger rutschten aus. Ich lächelte nervös.
„Ups“, machte ich und biss mir auf die Unterlippe, versuchte cool zu wirken, aber meine Augen gaben da ganz bestimmt andere Signale von sich. Man sah mich erwartungsvoll an. Ich sollte weiterspielen. Konnte man die Einstellungen nicht einfach lassen? Bitte? Ich stolperte weiter über meine Finger, Blut schoss mir ins Gesicht und ich verband Harmonien miteinander, die nicht zusammenpassten. Warum tat ich mich so schwer damit? Ich hatte doch auch mit meiner alten Band keine Probleme mit den Soundchecks. War das war anderes, hier? Oder wurde meine Bühnenangst einfach nur schlimmer?
„Okay, passt“, knurrte der Techniker. „Viel Glück, nachher. Saxophon!“
Ich starrte auf meine Hände, blinzelte verwirrt. Viel Glück? Danke, du Arsch. Ich würde es brauchen. Als Richard irgendeine Melodie, die ich nicht zuordnen konnte ins Mikrofon dudelte, sah ich mich um. Lukas schaute wie immer auf sein Smartphone, mit einem Blick der besagte, dass er – wohl, wie ich gerade – überall sein wollte, nur nicht hier. Als ich zu Manni sah, schaute dieser schnell zur Seite, mit einer Scheu, die ich ihm nicht zugetraut hätte. In der einen Sekunde, in der sich unsere Augen trafen, lag ein Hauch von Besorgnis und Mitleid. Nichts davon fand ich im schelmischen Lächeln von Tillmann.

„Und alle!“, rief der Techniker schließlich. Der Soundcheck von Manni muss irgendwie an mir vorbeigegangen sein.
„Giant Steps“, entschied Richard. Ich hatte das Gefühl, dass er nur mich dabei ansah. Ich hörte vier Tacks der Drumsticks im Hintergrund. Meine Finger hetzten schnell über die Tasten. Falscher Akkord, falscher Akkord, richtiger Akkord, richtiger Akkord, falscher Akkord. Was war nur los?
Die Band hörte auf zu spielen. Der Techniker sah fragend zu uns hoch.
„Ich glaube, er hört sich nicht richtig“, meinte Tillmann. „Mehr Piano auf dem Monitor!“
Wollte er mir helfen oder nur eins reinwürgen? Als der Techniker mich ansah, nickte ich.
„Ja…“, murmelte ich. „Ich höre mich nicht richtig.“
„Hättest du auch vorher sagen können!“, tönte es genervt zurück.
„Ja! Tut mir leid!“
Tack, tack, tack, tack…
Das Klavier war mir viel zu laut auf dem Monitor. Aber immerhin, dieses Mal spielte ich die Akkorde richtig. Ein kleiner Sieg, sagte eine Stimme in mir. Dann sagte mir eine andere höhnisch, dass ich heute Abend noch viele, viele Siege zu erringen hätte…

Hier weiterelesen: Immer in die Augen schauen

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5 thoughts on “Topophobie – Mehr, bitte!

  1. Schön. Macht sehr neugierig auf das Konzert – deshalb lese ich gleich mal weiter 🙂 Upps, geht ja noch gar nicht weiter. Menno. Dann also warten.
    Nur zwei Mini-Kleinigkeiten:
    Es roch nach frischem Holz und (Komma vor „und“)
    Flasche Wein und ich (noch ein Komma vor „und“)

    Gefällt 1 Person

  2. Freut mich! 🙂
    Wobei ich gerade ein wenig nen Durchhänger habe… aber ab nächsten Mittwoch habe ich Urlaub, dann darf man viel Produktivität von mir erwarten!

    Jetzt muss ich aber mal kurz nachfragen. „Es roch nach frischem Holz und gedämpfte Jazzmusik tönte aus versteckten Lautsprechern.“
    Vor dem „und“ ein Komma, echt? Es ist ja theoretisch eine Aufzählung und meines Wissens kommt bei Aufzählungen kein Komma mehr beim „und“.
    zB: „Er trat um sich, fluchte und schrie“.

    Bei der Flasche Wein ist es schon komplizierter, aber die Begründung, weshalb sich auch hier ein Komma vor dem „Und“ befindet, entzieht sich mir: „Auf einem sehr teuer aussehenden, dunklen Holztisch stand eine Schüssel mit frischem Obst, eine Flasche Wein und ich bemerkte recht schnell die Minibar.“
    Hier fällt mir aber auch auf, dass das mies formuliert ist. Als Leser könnte man denken, die Minibar befände sich auf dem Holztisch 🙂

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    1. Die Regel mit „und“ ist ganz simpel: Immer wenn danach ein vollständiger Satz kommt (also SPO), kommt davor ein Komma. Dann isses keine Aufzählung. „Es roch nach frischem Holz und verschüttetem Rotwein“ – Aufzählung, weil kein Subjekt und Verb kommt. „Es roch nach frischem Holz, und ich hörte der Musik zu“ – zwei Sätze. Auch Dein „Gedämpfte Jazzmusik tönte aus den Lautsprechern“ ist ein vollständiger Satz, der ja auch alleine stehen könnte.
      Dann wünsch ich schon mal viel Erholung und Kreativität im Urlaub 🙂

      Gefällt 1 Person

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