Topophobie – Immer in die Augen schauen

Als die erste Band anfing zu spielen, war das Büffet zwar eröffnet, aber mein Magen fühlte sich so verschlossen an, dass ich es, aus Angst, mich auf der Bühne übergeben zu müssen, nicht einmal anrührte. Die erste Combo bestand aus einer Sängerin, begleitet von Schlagzeug, Kontrabass und Klavier. Und der Pianist verstand etwas von seinem Handwerk. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, ihn nach dem Auftritt einfach zu fragen, ob er meinen Part des heutigen Abends einfach übernehmen könne, aber so verkrampft, wie ich gerade an einem der vielen rundlichen Tische saß, merkte ich, dass ich erstmal damit zu kämpfen haben würde, überhaupt aufzustehen. Ich sah mich um und versuchte, anhand der Gesichtsausdrücke im Publikum zu analysieren, was es von der Band hielt. Einige unterhielten sich leise, andere sahen mit gleichgültigem Gesichtsausdruck zu Band, während andere dabei wiederum ein leises Lächeln auf den Lippen hatten. Gefiel es ihnen? Oder schmunzelten sie über die Band, weil sie sie für Amateure hielten? Nach meinem Standard bestand das Quartett keinesfalls aus Amateuren, aber wer wusste schon, was dieses Publikum so gewöhnt war? Und wenn es diesen Pianisten schon für einen Amateur hielt, was…

„Na? Freust du dich auch schon auf die Headliner?“
Unsanft wurde ich von Manni, der sich mit einem vollbeladenen Teller zu mir setzte, aus meinen Grübeleien gerissen. „Du weißt schon, dass ich damit uns meine, gell?“
Er rieb sich freudig die Hände und griff nach dem Besteck, um gierig in der eigens komponierten Mischung aus Kartoffelsalat, Austern, Rindersteak, Tomaten, Nudelsalat, Shrimps, Knoblauchsoße und irgendeiner Wurst herumzustochern. „Willft du nifts?“, fragte er mich direkt nach seinem ambitionierten ersten Bissen.
„Nein, danke… vielleicht nachdem wir gespielt haben.“
„Haha!“, lachte er und etwas vom Kartoffelsalat fiel ihm dabei aus dem Mund. „Wenn if dir danach noch waf übrig gelaffn habe!“
Ich kniff meine Lippen zusammen um ein Schmunzeln zu simulieren. Endlich schluckte Manni mit einem würgenden Geräusch das Essen hinunter.
„Du bist nervös, was?“
„Wie kommst du denn darauf…“
„Du isst nix! Das Essen ist richtig gut! Und ich halte dich für nen gescheiten Kerl! Wenn du also auch nur ansatzweise Appetit hättest, würdest du reinhauen!“
Nun musste ich tatsächlich etwas lächeln. „Gratulation, Sherlock.“
„Weißt du…“, begann Manni und bereitete sich eine weitere Portion vor. „Ich habe damit auch damit zu kämpfen gehabt. Aber dann habe ich mir gedacht: die Leute hier kommen her und bezahlen dafür, gute Musik zu hören!“
„Das macht es wirklich nicht besser…“
„Lass mich doch ausreden!“
Ironischerweise schob er sich nun die voll beladene Gabel in den Mund, wobei ich darüber staunte, wie weit er diesen öffnen konnte. Er hob den Zeigefinger und kaute, die Band beendete ihr Lied und das Publikum applaudierte verhalten. Warum? Weshalb so spärlich? Die Band war gut! Hatten sie Angst, dass ihnen die Hände abfallen könnten?
„Weißt du…“, begann Manni erneut. „Sie zahlen nicht dafür, dich zu sehen! Sie kommen nicht wegen dir! Sonst könntest du dich einfach nur hinsetzen und beobachten lassen. Sie kommen wegen der… Musik!“
Ach du meine Güte. Ich nickte und stand auf.
„Vielen Dank“, murmelte ich. „So habe ich das ja wirklich noch nie betrachtet.“
Bevor Manni mich mit den Weisheiten, die ihm rätselhafterweise und angeblich dabei geholfen hatten, seine Auftrittsangst zu überwinden noch weiter demoralisieren konnte, ging ich zum Terrassengeländer.

Es gab für mich im Grunde genommen nur zwei Optionen: die erste – sich so sehr fertig machen und reinsteigern, dass ich nicht mehr im kalten Wasser landen konnte und bereits zitternd wie ein Aufziehäffchen auf die Bühne gehen würde. Und die zweite, versuchen, meine Panik so gut es ging zur Seite zu schieben, nur, dass sie mir dann auf der Bühne voll ins Maul schlagen konnte. Ich entschied mich für letztere Option und starrte hinaus auf den See, auf dem die Mondstrahlen kitschig glitzerten. Ich wollte gerade damit anfangen, über tiefsinnige Dinge wie die Unendlichkeit, warum das Huhn die Straße überquert und was der Unterschied zwischen einer Ente sei Gedanken machen, da wurde ich erneut belästigt. Dieses Mal von Richard, der mir väterlich die Hand auf die Schulter legte. Ich bekämpfte den Drang, sie fauchend abzuschütteln.
„Na?“, sagte er mit seiner warmen Stimme. „Manfred hat mir erzählt, du seist nervös?“
Ich rollte mit den Augen. „Morgen gebe ich zu diesem Thema eine Pressekonferenz, wenn du gerne dabei sein willst, kann ich das regeln.“
Der Saxophonist verstand in meiner sarkastische Anspielung entweder nicht, dass ich keinen Bedarf hatte darüber zu sprechen, oder – viel wahrscheinlicher, es kümmerte ihn nicht, denn er sprach unverblümt weiter.
„Da musste jeder von uns Bühnenmenschen mal durch. Mach dir keine Sorgen, du spielst besser, als du nervös bist.“
„Danke, glaube ich. Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstanden habe, aber danke.“
Er lehnte sich mit zufriedenem Blick ebenfalls gegen das Holzgeländer und blickte genau wie ich in die Ferne, während die Band anfing, „It Was Just One Of Those Things“ zu spielen.
„Ich habe das auch durchgemacht, kannst du dir das vorstellen?“
Als er das erzählte, hob er seine Augenbrauen an, als könne er das selbst kaum glauben. „Ja, es ist wahr! Sogar bei mir war das mal ein Thema. Auch bei Vorlesungen. Ich habe mich immer gefragt: mögen mich die Leute wirklich? Finden sie mich gut? Entspreche ich ihren Vorstellungen? Aber weißt du, das Geheimnis liegt darin, anderen Leuten in die Augen zu sehen. Weißt du auch, wieso?“
Er ließ mich nicht antworten. „Weil es um die Kommunikation geht! Egal, ob du eine Rede hältst oder musizierst – du kommunizierst mit deinem Publikum! Du musst dir dessen bewusst sein, dass ihr euch austauschen möchtet! Du hast deinen Zuhörern etwas zu sagen. Und wenn du ihnen in die Augen siehst… dann fühlst du dich auch so. Dann fühlt es sich nicht mehr so an, als würdest du auf dem Präsentierteller stehen, sondern ihr beide, das Publikum und du, ihr steht dann auf einer Wellenlänge. Und das, mein Freund…“
Er drehte sich um und zeigte auf das Publikum. „Ist der Grund, weshalb Leute immer Live-Musik bevorzugen werden!“
„Das sind heute an die hundert Menschen. Wie soll ich ihnen allen in die Augen sehen? Bekommt jeder sechsunddreißig Sekunden?“
Richard lachte, wobei ich den Eindruck nicht loswurde, dass auch etwas genervter Frust in seinem Lachen lag.
„Nein. Suche dir irgendeine sympathische Person aus dem Publikum. Lächele. Halte Kontakt zu jemandem, der zurücklächelt. Du weißt dann, dass diese Person auf deiner Seite ist! Das macht Mut.“
„Oder sie macht sich über dich lustig. Das macht nervös.“
Er grinste noch breiter, dass ich schon fast befürchtete, sein Gesicht würde zerreißen und rüttelte mich etwas an der Schulter.
„Denk positiv, Nathan! Positiv denken! Positiv denken und lächeln. Und nun komm, wir sind dran.“

Was? Ich fühlte mich so, als hätte man mich ins eiskalte Wasser geworfen und mir dabei gleichzeitig eine ordentliche Backpfeife verpasst. Nicht überrascht, nur nicht wirklich vorbereitet. Wieder einmal. Am Rande nahm ich wahr, wie man uns ankündigte.
Mit schlotternden Beinen betrat ich mit den Major Five die Bühne, während das Quartett, welches vor uns gespielt hatte, diese unter Applaus verließ.
„Und deshalb freue ich mich sehr, euch dieses Jahr hier bei uns am Bodensee zu begrüßen!“
Das Mikrofon wurde an Richard übergeben, der sein charmantestes Lächeln aufsetzte und ins Publikum strahlte.
„Sehr verehrte Freunde der gepflegten Jazzmusik“, säuselte er und erntete sich dafür eine Menge strahlende Gesichter. „Eigentlich bleibt mir nach diese schmeichelhaften Einführung ja selbst nichts mehr zu sagen. Und das sollte ich auch nicht, schließlich sind wir hier, um uns durch Klänge mitzuteilen und wie sagt man doch so schön? Musik, als Sprache des Herzens sagt mehr als tausend Worte. Aber bevor wir anfangen, will ich noch eine Anmerkung machen. Viele unter euch werden uns sicherlich schon einmal erlebt haben und vielleicht wird dabei Eines auffallen: Wir haben einen neuen Pianisten. Nathan! Wir sind uns erst letzte Woche begegnet und haben sofort erkannt, da passt die Chemie!“
Ich konnte mir einen Seitenblick zu Tillmann nicht verkneifen, doch der nickte nur breit grinsend, als ich zu ihm herüber sah.
„Eine Woche! Für solch ein Repertoire. Und er hatte überhaupt kein Problem damit, all die Lieder in solch einer kurzen Zeit einzustudieren. Wir sind wahrlich vom Glück gesegnet, dass wir ausgerechnet auf ihn gestoßen sind. Ich bitte nochmal auf einen kräftigen Applaus für ihn!“
Die Menge klatschte höflich und ich wusste nicht so recht, was ich davon halten, geschweige denn, wie ich mich verhalten sollte. Ich versuchte, so positiv wie möglich darüber zu denken. Die Erwartungshaltung an mich wurde dadurch doch eher reduziert, oder? Ich lächelte und nickte unsicher und durch die ganze Ablenkung wäre mir beinahe entgangen, wie Richard Manni auffordernde Blicke zuwarf. Manni nickte knapp und nahm unserem Bandleader das Mikro ab.
„Und noch ein kräftiger Applaus für Richard, unseren Bandleiter, der das alles so schön in die Wege geleitet hat! Richard, wir könnten das alles nicht machen, ohne dich!“
Die Menge klatschte ungefähr genau so enthusiastisch weiter, während Richards Mimik die Paletten „Verlegenheit“, „Bescheidenheit“ und „Erstaunen“ gekonnt durchging. Fast schon beneidete ich ihn um diese Fähigkeit, seine Gesichtsmuskulatur so kreativ zum Einsatz bringen zu können.
Ich war jedoch zu sehr beschäftigt damit, den gefühlt sekündlich neu austretenden Schweiß meiner Finger an meiner Kleidung abzuwischen und das Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Genug Gelaber, dachte ich mir. Bitte, lasst es uns einfach hinter uns bringen! Als ich das leise „drei, vier“ hörte, wünschte ich mir jedoch wieder das Gelaber zurück.

Hier weiterlesen: Der lächelnde Tanzbär

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5 thoughts on “Topophobie – Immer in die Augen schauen

  1. Hat nun etwas gedauert, aber das lag an äußeren Umständen. Ich hoffe, meine wenigen, aber treuen Leser sind mir in der Zeit nicht flöten gegangen. Vielleicht ist euch aufgefallen, dass der Beitrag etwas kürzer ausgefallen ist, wobei das beabsichtigt war – die kommenden Tage kommt dann quasi der „zweite Teil“. Ist es für euch angenehmer in eher kürzeren Abschnitten zu lesen? Mir ist nämlich aufgefallen, dass, wenn ich selber als Leser bei anderen Blogs unterwegs bin, lieber regelmäßig, aber dafür etwas weniger lese, statt mit ganzen Textwänden konfrontiert zu werden. Deshalb würde mich eure Meinung dazu auch sehr interessieren.

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  2. Oh, Julia hat schon recht mit dem Pfeffer: Wenn der Kartoffelsalat beim Sprechen rausspritzt. danach wieder in einen großen Mund gesteckt wird, wenn eine Pressekonferenz zum Thema Nervosität anberaumt wird oder Nat sich das Gelaber zurückwünscht, ist das schon witzig 🙂
    Und auch ich stimme zu: Kürzer ist leichter zu lesen am Bildschirm.
    Hier noch meine Tippfehler und Co-Ecke:
    „Direkt nach seinen“ (m nicht n)
    „habe damit auch damit“ (ein damit zuviel)
    „wobei ich darüber staunte, wie weit er diesen öffnen konnte, dass wirklich alles dort hinein passte.“ (kein wirklich schöner Satz mit den Anhängungen …)
    „so gut es geht“ (so gut es ging, wäre für mich stimmiger.)
    „… auffallen: Wir haben einen neuen Pianisten“ (Nach Doppelpunkt, wenn ein vollständiger Satz folgt: groß)
    So, und jetzt muss ich gleich weiterlesen 🙂

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