„Ist das Leben nicht schön?“

Ich weiß ja nicht wie’s euch geht, aber wenn mir jemand sagt, wie schön doch das Leben ist und dabei selbstgefällig lächelt, dann weiß ich nicht, ob ich wütend oder verdammt wütend sein soll. Nicht unbedingt deshalb, weil es sein kann, dass das Gegenüber gerade vielleicht einfach eine scheiß Zeit durchmacht und es einfach nur ein bisschen rücksichtslos und selbstbezogen daherkommen könnte. Sondern weil das Leben generell nicht schön ist.

Das Leben ist hässlich, grausam und bösartig und ja, bevor jetzt jemand meckert, wir dürfen uns darüber freuen, wenn es uns auch mal seine schönen Seiten zeigt. Das ist dann in etwa so, wie wenn man sich als in Relation zur Bevölkerung reicher Tourist in Rio de Janeiro über die Copacabana freut, während sich in den riesigen Slums, nur wenige Kilometer weiter, Tag für Tag der reinste Alptraum abspielt. Ich verzichte jetzt auf unnötige Dramatik, indem ich den Alptraum detailliert schildere, denn wir wissen alle, das ich damit Recht habe. Die wohlhabenden Viertel in Rio de Janeiro sind eben schön, das ist Tatsache! Ich nehme das Beispiel mit Brasilien, obwohl es auch hier in Deutschland gute Beispiele gäbe, aber da würde mir ja keiner glauben schenken, weil wir noch nicht ganz so weit sind. Es interessiert ja kein Schwein, dass die soziale Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht, weil die Entwicklung dem Deutschen ja egal ist. Wichtig ist ja nur das Hier und Jetzt.

„Ist das Leben nicht schön?“
Das spricht man gerne auch laut aus, wenn man im Urlaub ist, am Strand mit einem Cocktail in der Hand. Ja, sag das mal in ein Mikro vor einer Weltbühne. Stell dir vor, das wird in die ganze Welt gebroadcastet, auf Leinwänden vor all den Elendsvierteln, die übrigens immer mehr werden. Wenn sie das hören, dann wollen sie auch alle nach Deutschland. Wir bekommen davon nur nichts mit, weil wir so geübt in Ignoranz sind. Wir blenden diese Bilder aus und ignorieren sie. Ich war da selbst keine Ausnahme, das gebe ich ganz offen und ehrlich zu! Meine Familie ging damals alle paar Jahre die Familie meines Vaters in Jakarta, Indonesien besuchen. Irgendwann, ich glaube, ich war da 15 Jahre alt, wollte ich nicht mehr mit. Warum? Weil ich es nicht ertragen habe, das ganze Elend zu sehen, ich Heuchler, während ich hier verhältnismäßig in Saus und Braus lebe. Ich wollte mein armes, sensibles Gewissen nicht noch weiter belasten. Und so habe ich mich selbst auch in Ignoranz geübt.

„Ist das Leben nicht schön?“
Das können wir Deutsche sagen, wenn wir kein Problem damit haben, dass ein großer Teil unseres Wohlstandes daher kommt, dass wir Waffen in Krisengebiete exportieren. Auch dein Wohlstand, ja genau, selbst, wenn du nicht direkt etwas damit zu tun hast. Denn der Staat bekommt seine Kohle auch daher. Und wenn die Finanzdefizite nicht zu groß sind, was lukrativen Geschäften wie dem Rüstungsexport zu verdanken sind, dann kann sich der Staat vielleicht hier und dort ein paar Leckerlies für den Bürger leisten. Also zum Beispiel eine relativ angemessene Gesundheitsversorgung und Steuern, die ihm noch genug Geld lassen, dass er einmal im Jahr verreisen kann.

„Ist das Leben nicht schön?“
Das hört sich plötzlich so lächerlich und hohl an, wenn man bedenkt, wie gut wir es im Vergleich mit anderen haben. Und dann unterhalte ich mich mit Freunden und Bekannten über die Flüchtlingskrise und höre, dass sie es ja schon gut nachvollziehen könnten, warum „Wutbürger“ Flüchtlingsheime in Brand setzen. Nein, nein, sie würden das selbst nie machen und finden es nicht gut, aber sie könnten es ja schon sehr gut verstehen. Warum? Wollen sie ihr schönes Leben nicht teilen? Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen, wenn man sagt: „das Leben kann so schön sein“, ja, korrekt, für dich vielleicht. Du kannst dich jetzt gut fühlen und dir auf die Schulter klopfen, dass du in einem wohlhabenden Land geboren bist. Gute Arbeit. Jetzt kannst du dich darauf berufen, dass ja auch schon, deine Vorfahren hier gewohnt haben und dir der Platz noch am ehesten zusteht.
Nein, im ernst jetzt. Ich habe es aufgegeben, daran zu glauben, dass internationale Solidarität sich tatsächlich durchsetzen könnte. Aber wenn ich noch einmal „Ist das Leben nicht schön?“ höre, dann kann ich für nichts garantieren.

PS.: Kleiner Nachtrag, wenn mich jetzt jemand vorwurfsvoll anschaut und mich fragen will, was man denn dagegen tun könnte, darf man das geeerne tun. Ich habe zwar nicht auf alles eine Antwort, aber bilde mir ein, zumindest darauf welche zu haben.

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9 thoughts on “„Ist das Leben nicht schön?“

  1. Mir ist zwar durchaus bewusst, was der betreffende Text eigentlich aussagen soll, zumal es sich ja lediglich um die Darlegung einer subjektiven Meinung respektive persönlichen Grundstimmung handelt.
    Jedoch ist die Aussage, dass das Leben schön sei, genau so treffend, wie die Aussage, dass es schlecht sei. Das Leben selbst ist lediglich ein spezifischer Zustand physikalischer Materie. Desweiteren existieren keine objektiven Kategorien für die Bewertung der Existenz. Gut und Schlecht werden stets subjektiv wahrgenommen, folglich sind beide Aussagen gleichermaßen treffend. Kurzum: Das Leben besitzt keinen intrinsischen Wert. Es entspricht immer der eigenen Wahrnehmung. Tatsächlich impliziert die beliebte Floskel, dass das Leben schön sei, nicht den Anspruch, eine objektive Aussage zu sein, als vielmehr darzulegen, dass man im Moment der betreffenden Aussage seine Existenz zu genießen weiß.
    Tatsächlich zielt deine Argumentation aber darauf ab, dass die betreffende Aussage eine gewisse Sorglosigkeit beinhaltet und eine weitere Perspektive für die Welt in ihrer Gesamtheit vermissen lässt. Ich möchte in diesem Kontext vor allem auf zweierlei hinweisen. Zum einen ist die Betrachtung des eigenen Daseins nicht zwingend von materiellen Gütern abhängig. Ich halte es für vermessen, jenen, die nicht mit unserem Lebensstandard gesegnet sind, die Freude an der eigenen Existenz abzustreiten. Gleichzeitig impliziert das Leben in einer Industrienation nicht notwendig eine glückliche Existenz.
    Weiterhin halte ich die Aussage, dass das Leben schön sei, nicht für grundlegend problematisch, da ein Mensch, welcher seine Existenz zu genießen weiß, nicht notwendigerweise blind für die Probleme der Welt sein muss. Ich persönlich halte Mitleid für eine schädliche menschliche Eigenschaft. Wer nur hilft, weil er das Leid der anderen nicht erträgt, agiert lediglich aus Eigennutz. Jener, der die Existenz jedoch positiv zu bewerten weiß und der frohen Mutes in den Tag hinein schreitet, ist dazu befähigt Großes zu vollbringen und anderen zu helfen, nicht weil er an ihrem Elend leidet, sondern weil er es für seine Pflicht hält, seinen Brüdern und Schwestern zu helfen, auf dass die Menschheit in ihrer Gesamtheit verbessert werde.
    Ich bitte die Textwand zu entschuldigen und hoffe, meine Gedanken mögen verständlich sein. Persönlich halt ich es stets so, die Existenz als annehmbar wahrzunehmen; es könnte sowohl besser als auch schlechter sein.

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    1. Gleich drei lange Kommentare zu dem Post. Ich fange jetzt einfach mal chronologisch an, auf alle einzugehen. Du musst dich auf keinen Fall für deine Textwand entschuldigen, ich freue mich ja sehr darüber, wenn durch meine Artikel ein Gedankenaustausch stattfinden kann!

      Du hast natürlich recht mit deiner Aussage über die Definition des Terms „Leben“. Aber wie du selbst erkannt hast, ging es mir hier in erste Linie auf die ignorante Sorglosigkeit und Selbstbezogenheit.

      In deinem Kommentar muss ich dir in vielen Punkten zustimmen und dementsprechend meine eigene Aussage nochmal ein wenig zurechtstutzen: Mexikaner sind zum Beispiel im Durchschnitt viel ärmer, aber auch glücklicher als Deutsche. Und ich bin sehr stark auf das Materielle eingegangen. Man kann auch mit wenig glücklich sein – meine Frau und ich gehören, wenn wir unser Einkommen mit dem durchschnittlichen deutschen Durchschnittseinkommen vergleichen zur geringverdienenden Unterschicht und dennoch (auch, wenn es in meinem Blog oft anders erscheint), würde ich uns als verhältnismäßig glücklich bezeichnen. Es ging mir auch in erster Linie nicht darum, anderen das Genießen und Glücklichsein zu verbieten oder zu vermiesen, sondern darum, sich stets in Erinnerung zu halten, dass es vielen anderen nicht so gut geht. Ich würde das normalerweise auch nicht schreiben, weil ich davon ausgehe, dass es jeder weiß, aber die Richtung, in die sich unsere Gesellschaft momentan entwickelt, macht mir wirklich Sorgen.

      Mitleid halte ich mitnichten für eine schädliche menschliche Eigenschaft. Wie du schon mal in einem deiner Artikel erwähntest, ist Altruismus nicht das Allheilmittel der Welt und sorgt häufig genug dafür, dass die selbsgerechten Helfer am Ende selbst Hilfe benötigen und sich der Kreis wieder schließt. Ich könnte hier jetzt noch ganz lange über Mitleid sprechen und auch die positiven Eigenschaften davon aufzählen, aber das würde den Rahmen sprengen. Ich will auch noch den anderen antworten und außerdem ging es mir eigentlich gar nicht um Mitleid.

      Es ging mir eigentlich viel mehr darum, dass wir begreifen sollten, dass wir eine Verantwortung tragen. Ich bin nicht unbedingt wütend auf fehlendes Mitleid, sondern auf fehlende Gleichheit. Ganz ehrlich, auch, wenn mich das jetzt wieder wie einen Heuchler erscheinen lässt, aber ich leide nicht am Elend der anderen. Ich leide, wenn überhaupt an einem schlechten Gewissen und selbst das ist nicht stark genug, dass ich mich davon tatsächlich wissentlich groß beeinflussen lassen würde. Ich leide an Ignoranz, an aktivem Wegsehen und am Sich-Weigern, etwas des eigenen Glückes abzugeben. Ich wünsche mir in meiner idealistischen Naivität einfach die Bereitschaft, zumindest von meinen Mitbürgern, nicht mehr ignorant zu sein, nicht mehr wegzusehen und an der Bereitschaft (hier kommt wieder das Materielle ins Spiel), für mehr soziale Gleichheit auch etwas des eigenen Wohlstandes zu opfern.

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      1. Diesen Aussagen kann ich zustimmen. Jedoch hättest du den Text direkt auf das zentrale Thema lenken sollen. Logische Inkohärenz lockt mich immer direkt aus der Reserve und nötigt mich dazu, Textlawinen zu entfesseln, um Dinge richtig zu stellen, die eigentlich für niemanden außer meiner Person bedeutsam sind.
        Auch ich bin dafür, einen Ausgleich zwischen den wohlhabenden Menschen und den Armen zu schaffen. Wenngleich es mir hier nicht um moralische Implikationen oder persönliches Glück geht, sondern lediglich durch das in diesem Rahmen stark gesteigerte Potential der menschlichen Spezies. Um Altruismus geht es dabei nicht. Helfe ich meinem Gegenüber, helfe ich mir selbst.
        Die von dir geschilderten Merkmale wie bspw. die Ignoranz sind lediglich ein Zeichen für die Dekadenz unserer Gesellschaft, welche in ihrer jetzigen Form zugrunde gehen muss, um Raum für etwas neues zu schaffen.

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        1. Ich kann dich SO gut nachvollziehen, was die logische Inkohärenz betrifft und wenn ich ehrlich bin, ich schätze, wenn ich das nicht selbst ständig bei anderen Menschen tun würde, wäre ich vielleicht sogar ein wenig genervt von deiner Antwort gewesen. Aber wohl auch nur, weil ich diesen Drang, die Dinge richtig zu stellen nicht nachvollziehen könnte.

          Ja. Definitiv. Die Gesellschaft in ihrer jetzigen Form zerfrisst nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Ich muss aufpassen, was ich hier schreibe, nicht, dass ich nachher noch wie ein Extremist klinge, aber ich gebe dir vollkommen recht: sie muss zugrunde gehen, damit etwas Neues daraus entstehen kann und meiner Meinung nach kann das nicht früh genug passieren.

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  2. Gute Gedankenanstöße gibst du da, rüttelst damit wach nicht länger weg zu sehen. Ich bin aber davon überzeugt das Freude eben nicht von den Lebensumständen abhängt in denen wir uns befinden.
    Hast du mal den Philipperbrief gelesen? In nur 4 Kapiteln kommt das Wort Freude 16x mal vor. Und Paulus liegt eben nicht in einer Hängematte mit nem Cocktail in der Hand sondern er befindet sich in einem römischen Gefängnis während er diesen Brief schreibt.
    In einem Punkt gebe ich dir Recht: Wir sollten nicht wegschauen von den ganzen Problemen dieser Welt, Flüchtlingssituation etc. sondern etwas dagegen tun! Jede Not läd uns ein ihr zu begegnen! Wir sollen ja Licht und Salz sein, uns ivestieren. Aber nicht aus einem frustrierten oder bitterem Herzen heraus sondern aus Liebe und Mitgefühl und mit übernatürlicher Freude um so Hoffnung zu verbreiten.
    Dafür gibts es viele positiven Beispiele. Lies doch z.B. mal die Autobiografie von Corri ten Boom die im KZ in Ravensbrück festgehalten wurde. Trotz dem ganzen Leid das sie ertragen musste hatte sie immer wieder Momente voller tiefer Freude durch die Nähe Gottes. Und Gott hat sie mega gebraucht um dort anderen zu Helfen!…

    Und um den Kreiß zu deinem Artikel zu schließen: Deshalb kann ich sagen „Ist das Leben nicht schön?“ … aber nicht aus einer ekelhaften selbstbezogenen Laune heraus die das Leid anderer ausblendet, sondern das Leben ist schön TROTZ dem ganzen Leid, weil echte Freude eben nicht von Umständen abhängt. Ich kann sagen „Ist das Leben nicht schön?“ wenn ich erlebe das gerade im Leid Gott da ist und das seine Kraft wirkt und Menschen und Umstände verändern kann…

    Die Bibel sagt uns: „Die FREUDE am Herrn ist unsere Kraft!“ – Aus dieser Freude heraus und mit übernatürlicher Kraft kann echte Veränderung passieren… Nur etwas verändern zu wollen aus eigener Kraft heraus weil man betroffen oder schockiert ist führt auf dauer nur dazu das man ausbrennt! Betroffenheit kann gut sein als ein erster Anstoß und als Augenöffner und ich hoffe das dieser Artikel auch das bewirkt!

    Liebe Grüße
    Dani

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    1. Schön, von dir einen Kommentar zu lesen, Dani 🙂
      Den Philipperbrief habe ich gelesen, aber ich muss das bei Zeiten wahrscheinlich echt mal wieder nachholen, ich glaube, ich kann 16x Freude momentan ganz gut gebrauchen, um meinen Ärger zu übertünchen. Und ich wollte auch nicht selbstgerecht erscheinen – dass ich meinen Beitrag aus frustriertem *und* bitterem Herzen geschrieben habe, wird wohl recht eindeutig, das will ich gar nicht leugnen.

      Aber ich wollte mich gar nicht gegen die Freude an sich beschweren. Ich will kein Umfeld aus griesgrämigen Zynikern, die sich über nichts freuen können, weil es mehr Gründe gibt, die Welt zu verachten, als sie zu lieben. Das wäre in gewissem Sinne sogar biblisch (Johannes Kapitel 2, Vers 15, wobei ich hier natürlich nicht den gesamten Kontext berücksichtige), aber trotzdem freue ich mich gerne und kann mich auch mit anderen freuen. Es ging mir, wie gesagt, um die Aussage, dass das Leben schön sei. Ganz Allgemein. Ich will da etwas genauer werden: rein theoretisch könnte ich selbst für mich sagen: „Mein Leben ist schön“, weil es das ist. Auch aus den von dir genannten Gründen. Ich würde allerdings nicht weiter gehen und sagen: „DAS Leben ist schön“, weil ich mich damit auf die ganze Menschheit beziehen würde. Und erst recht würde ich keine Frage formulieren, die auf eine Antwort meines Gegenübers wartet.

      Ich hätte meinen Artikel wohl in engeren Kontext stellen müssen. Ich komme einfach nicht klar mit der Ungerechtigkeit, die auf der Welt herrscht und wie wenig dagegen protestiert, geschweige denn unternommen wird. Wie sehr sich so viele von uns auf ihrem Glück ausruhen und sich deshalb zu bequem sind, mal ihren Arsch vom Sofa zu heben, um zu begreifen, dass sie die ganze Zeit über nicht auf einem Sofa, sondern auf anderen Menschen gesessen zu haben. Ich begreife zB auch nicht, weshalb so viele Christen die CDU wählen.

      Um zurück auf dein Kommentar zu kommen: ich stimme dir, bis auf den Punkt, dass ich eben nicht „Ist das Leben nicht schön?“ sagen kann, vollkommen zu. Ich will nicht gegen die Freude propagieren sondern gegen wachsende Ungleichheit.

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  3. Ach, Sam, warum tut Dir die Welt so weh? …Ist in die Top 5 der Sätze gerutscht, mit denen ich mal einen Roman beginnen will.
    Du hast mit vielem recht, aber -mit Verlaub- finde ich Deine Sichtweise auch etwas einseitig. Du sprichst von denen, die am Strand mit einem Cocktail sitzen und diesen Satz sprechen. Was ist mit denen, die mit Zelt und Auto durch Großbritannien fahren und sich dort mit den Menschen über die Flüchtlingskrise unterhalten? Was ist mit denen, die auf Konzerte gehen und mit den nicht deutschen Künstlern über Bildungs- und Gesundheitswesen sprechen oder diskutieren? Auch diese Leute können abends zu Bett gehen und sagen: Das Leben ist schön.
    Ich weigere mich, das Leben nicht zu genießen. Und ich verschließe nicht die Augen vor dem, was in der Welt geschieht. Wir brauchen nur zur Tür rausgehen und die Augen öffnen. Ich müsste meinen Job kündigen, würde ich resignieren. Denn das deutsche Gesundheitssystem … möchte ich hier nicht weiter ausführen. Und auch, wenn ich sehe, was Kindern angetan wird, möchte ich manchmal einfach nichts mehr wissen, nichts mehr kennen. Doch ich will nicht resignieren. Ich will meine Kinder zur Nachhaltigkeit erziehen, sie dazu erziehen, sparsam zu sein; die Augen offen zuhalten für die Ungerechtigkeiten dieser Welt, aber auch für das Schöne.
    Ich habe in meinem Freundeskreis niemanden, der mit der Gewalt gegen Menschen sympathisiert. Dass es bei Dir der Fall ist, tut mir sehr leid, doch es ist keine Pauschale.
    Die (Abwärts)Spirale wird angetrieben durch Hass, Gewalt, Machtgier. Aber einen kleinen Teil trägt auch Pessimismus bei. Das ist kein persönlicher Angriff, ich denke, das weißt Du 🙂
    Liebe Grüße, Julia

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    1. Den Roman würde ich lesen 🙂

      Um auf deine Fragen einzugehen: klar können diese Menschen sagen: „Mein Leben ist schön“. Das kann jeder Mensch sagen, ob reich oder arm, ob er etwas für die Allgemeinheit tut oder nicht. Wie in obigem Kommentar von mir erklärt, tue ich mich nur mit der Formulierung: „Ist *das* Leben nicht schön?“ schwer.
      Ich weiß, du hast das nicht so gemeint, aber so, wie du das geschildert hast, kann es einem so vorkommen, als könne man es sich verdienen, solche Aussagen zu machen. Kann man aber meiner Meinung nach nicht, weil es – ebenfalls meiner Meinung nach – eben einfach so ist, dass man nicht sagen kann, das Leben sei schön. Und dann eben auch noch als Frage formuliert, die bestätigt werden will…

      Du hast aber vollkommen recht damit, dass man die Augen auch für das Schöne in der Welt offen halten sollte. Etwas, was ich mir auch öfters zu Herzen nehmen sollte…
      Mir geht es nur einfach so, dass ich das Gefühl hätte, ich wäre mit meiner Wut auf die ganze Ungerechtigkeit alleine. Und dann könnte ich manchmal kotzen, wenn mir bewusst wird, wie gut ich es eigentlich habe und andere Leute mich bemitleiden, dass ich ja im Vergleich so wenig hätte. Und sich dann aber selbst wieder darüber aufregen, dass sie ihrer Meinung ja Anspruch auf noch viel, viel mehr hätten, wie ungerecht doch alles wäre, sich dabei aber SELBST als Opfer darstellen, obwohl sie eigentlich so viel mehr abgeben sollten. Genau so, wie ich auch, wohlgemerkt! Aber sie können sich ja teilweise nicht einmal vorstellen, in den Verhältnissen zu leben, in denen ich lebe, wobei ich mich selbst oft fühle wie die Made im Speck! Was für Forderungen haben diese Menschen bitte? Das ist unglaublich! Und dann, wenn dieses selbstgefällige „Ist das Leben nicht schön?“ durchsickert, in dem sie sich in einem winzigen, seltenen Augenblick der Selbstreflektion darüber bewusst werden, dass sie es verdammt gut haben, aber nicht dazu in der Lage oder bereit dazu sind, weiter zu denken und darüber, was das eigentlich, wenn man global denkt, bedeutet…

      Weißt du, als Lehrer bemerke ich auch oft, wie verwöhnt die Kinder werden. Es gibt Eltern, die bombardieren ihre Kinder mit Geld und teuren Dingen, die keine Sau braucht. Und haben dann aber nichts dagegen, wenn Kinder in anderen Ländern mit Bomben bombardiert werden. Und wählen alle vier Jahre die selbe Regierung, die das auch schön weitermacht. Warum? Weil es gewährleistet, dem eigenen Kind weiterhin im Überfluss Wohlstand in den Arsch zu schieben. Der Wohlstand, in dem wir leben, ist schmutzig und blutbesudelt. Aber wenn man das ignoriert, dann fällt es einem leicht, zu sagen, dass das Leben schön sei. Ehrlich gesagt, ich fürchte mich ein wenig davor, Vater zu werden, wenn das bedeutet, dass ich dann anfange, das Wohl meines Kindes über das der ganzen restlichen Welt zu stellen.

      Aber jetzt fange ich wieder an, wütend zu werden und wiederhole mich. Konzentrieren wir uns mal wieder ein wenig mehr auf das Schöne, sonst kann man, wie du so treffend sagtest, ja gleich frustriert resignieren und bewirkt auch nichts.

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