4 Gründe, warum wir Christen nicht ernst genommen werden

Wenn man sich heute als Christ outet, was bedeutet das dann noch? Ich vermisse schon beinahe das spöttische, müde Lächeln oder die sarkastischen Kommentare. Darauf wird gar nicht mehr eingegangen, warum auch? Macht es einen Unterschied? Für mich, klar, meine Seele ist gerettet und alles. Aber sonst so?

In meinen Augen gibt es vor allem vier Punkte, die meiner Beobachtung nach ausschlaggebend für unseren vermeintlichen Status als dämliche Heuchler stehen. Und bevor jetzt einige empört Capslock anschalten und zum Schreiben ansetzen… wenn ich von „wir Christen“ spreche, dann beziehe ich mich selbstredend auf die Mehrheit, nicht auf die individuellen Ausnahmen, die es glücklicherweise gibt und auf die Ansichten über uns, womit ich nicht sage, dass die Ansichten über uns zwangsweise stimmen. Außerdem beziehe ich mich hier explizit auf uns Christen in Deutschland, ich weiß, dass es in anderen Ländern teilweise stark abweichende Haltungen gibt.

1. Keine „Liebesausstrahlung“
Es wird ja oft gepredigt, „Die Liebe Jesu wird durch den Christen ausgestrahlt!“ und „Wir können ja gar nicht anders, als Gottes Liebe durch uns fließen zu lassen!“. Ich will das jetzt nicht abstreiten. Aber nicht jeder Mensch wird mit seiner Bekehrung automatisch zum flauschi Kuschelbären. Man könnte sagen, wenn jemand, der das sowieso schon ist, zum Christ wird, dann wird er zum flauschi super knuddeligen, happy-go-lucky Kuschelbären. Ich war das vorher nicht und bin es auch jetzt nicht – Gott hat ne‘ Menge in mir verändert, aber nach menschlichen Maßstäben in Sachen „Liebesausstrahlung“ habe ich dadurch maximal das Adjektiv“flauschi“ bekommen, wenn überhaupt. Oder, um es abstrakt zu halten: wenn wir das, was wir als „Liebesausstrahlung“ bezeichnen in Werte fassen, dann ist doch auch vor einer Bekehrung nicht jeder Mensch gleich. Vielleicht hatte Bernd zu dem Zeitpunkt einen Wert von 115, aber Rita nur einen Wert von 23. Wenn wir jetzt sagen, Rita nach ihrer Bekehrung auf einmal einen von 100 hat, dann wäre Bernd selbst vor seiner Bekehrung ein Mensch gewesen, der mehr Liebe ausstrahlt als Rita. Versteht ihr?

Wenn jetzt jemand empört aufschreit: „Aber die Liebe Gottes im Menschen kann man nicht in Zahlen messen!“, dann muss ich dem zustimmen. Bei den Bereichen „Herzlichkeit“, „Marathonlächeln“ und „Interesse am letzten Wochenendsausflug meines Gesprächspartners“ geht das allerdings schon, aber sobald wir registrieren, wie wichtig diese Dinge im Gemeindealltag werden, haben wir lange schon wieder vergessen, dass das ja gar nicht die Art von Liebe ist, für die wir eigentlich propagieren. Es kommt aber oft so herüber und dadurch wirken wir verkrampft und oberflächlich.

2.) Der Tellerrand ist die Grenze
Vielleicht einer der nervigsten Punkte, wenn man Nichtchristen fragt, die regelmäßig mit altklugen Sprüchen und Bibelstellen von ihren christlichen Arbeitskollegen, Nachbarn oder Familienangehörigen bombardiert werden. Da hätten wir Dinge, wie: „In Jesaja steht geschrieben, dass Gott seine Arme weit ausgebreitet hält, damit Menschen, die ihn verachten wieder zu ihm umkehren! Das gilt auch für dich! Er wartet auch auf Dich! Es ist allein DEINE Entscheidung, ob DU umkehrst!

Da schwingt ein bisschen das „…Und wenn du’s nicht tust, dann bist du ein Depp und ich brauche mir keine Vorwürfe mehr zu machen“ mit. Oder : „Die gute Saat, die ich und die anderen Geschwister in dir säen, wird aufgehen! Und ich hoffe, es wird dir dann wieder einfallen. So war es bei vielen! Ich segne dich mit offenen Ohren, Augen und mit dem, was Gott dir an Gutem schenken will!
Hallo, geht’s noch?

Ich weiß ja, es ist gut gemeint und alles, aber bitte, bitte, liebe Glaubensgeschwister, versetzt euch mal in die Köpfe eures Gegenübers! Wenn ihr nicht daran glaubt, dass Gott so, wie er in der Bibel steht existiert, was tun Bibelsprüche und Zusprechungen dann? Richtig, am Allerwertesten vorbeigehen. Ich weiß, es ist ein Drang da, über unseren Glauben zu sprechen. Aber bevor ihr den Mund aufmacht, denkt erstmal nach, wie das, was ihr sagt in den Ohren des anderen klingt. Wir leben als Christen quasi in einer anderen Welt, haben dadurch einen anderen Blickpunkt, nennen wir es „Einsichten“, und benutzen manchmal auch ein etwas anderes Vokabular. Man kann doch verstehen, warum man nicht an den Gott der Bibel glaubt, wenn man noch nicht mit ihm lebt, bzw ihn direkt erlebt hat. Machen wir das den Nichtchristen also nicht zum stillen Vorwurf, erinnern wir uns stattdessen besser mal daran, dass wir, jeder einzelne von uns Christen unseren Glauben repräsentiert. Manchmal ist es gar nicht so verwunderlich, warum man mit jenem Glauben nichts zu tun haben will.

3.) Wo bleibt der Unterschied?
Ich habe das bewusst als Frage formuliert, weil ich mich nicht erdreisten will, zu sagen, ein Mensch mache keinen Unterscheid. Jeder macht einen Unterschied. Alleine, weil wir in einer Demokratie leben. Und damit komme ich gleich zum Kern meines Punktes. Wie kommt es, dass keine Christen auf die Straße gehen und gegen die korrupte, gewissenslose „Christlich-Demokratische Union“ demonstrieren, die kein Problem mit Waffenexporten ins Ausland, Kriegstreiberei und Ausbeutung der Unterschicht hat? Schlimmer noch, einige Christen wählen auch noch aktiv so eine Regierung. Aber sich dann beschweren über die Moslems, die nicht offen gegen den IS demonstrieren…

Jetzt könnte man ja damit kommen, dass man sich halt einfach nicht für Politik interessiere, tja, Pech, aber du lebst nun mal in einer Demokratie, der „Herrschaft des Volkes“. Die Verantwortung liegt auch bei dir, ob es dir nun gefällt oder nicht. Die Frage ist nur, interessiert dich dein Volk oder nicht? Und als Christ sollte es noch viel mehr unsere Pflicht sein, für die Schwachen einzustehen und für diejenigen, die eben nicht ihr täglich Brot bekommen, weil ihre Heimat zerbombt wird von den Panzern, die in unserem demokratischen Land hergestellt und verkauft werden! Deren Heimat ins Chaos stürzt, weil sie mit unserer Hilfe entstaatlicht werden. Und auch in unserem eigenen Land herrschen Missstände, die bekämpft werden könnte, wenn wir nicht so ignorant wären. Wenn allein erziehende Mütter zur Tafel gehen müssen, weil das Geld nicht mehr ausreicht, aber sich der Mittelstand stattdessen über Erbschaftssteuern empört, dann läuft hier doch einiges falsch. Ich würde dieses Thema ja gerne noch mehr ausbreiten und würde dabei richtig in Fahrt kommen, aber unter Christen sollte zu diesem Punkt eigentlich schon genug gesagt sein.

Es ist schön zu sehen, dass so viele Hilfsorganisationen von der Kirche aus gestellt werden, so viele Ehrenamtliche Christen sind. Und ja, das ist ein Unterschied! Aber wie edel es auch ist, einmal in der Woche zum Nachbarn unter uns zu gehen und ihm den Boden von unserem Wasserrohrbruch zu wischen, ist es nicht eigentlich unsere Aufgabe, den Rohrbruch mal endlich zu reparieren? Wir sind so viele Christen, fangen wir doch an, etwas zu verändern!

4.) Der Mut fehlt
Möglicherweise ist das die Antwort auf Frage 3. Wir haben Angst, von den anderen ausgestoßen zu werden. So, wie die Moslems, die Angst haben, offen gegen den IS zu protestieren, weil sie nicht wissen, wie ihre Mitmoslems darauf reagieren würden. Wir haben entweder Angst davor, anders zu sein oder davor, unseren Wohlstand (der uns nicht zusteht, egal, wie hart und lange wir arbeiten) oder den unserer Kinder zu Teilen aufzugeben. Das wäre verständlich, immer noch scheiße, aber verständlich, wenn wir keine Christen sind. Wenn wir uns aber als Christen bezeichnen, dann bezeichnen wir uns als Nachfolger von Jesus. Schlechte Neuigkeiten Leute, aber Jesus war sich nicht zu bequem, eitel oder konservativ, das Establishment zu kritisieren, sich vor allen zum Gespött zu machen, indem er unbequeme Wahrheit aussprach oder seine Komfortzone aufzugeben. Achja, und die Kinder werden es schon verkraften, wenn wir nicht jedes Jahr ein mal zum Strand fliegen. Es wird ja nicht gleich von uns verlangt, die eigenen Kinder ans Kreuz zu nageln.

Wir müssen ja nicht gleich mit einem „I Love Jesus“-Shirt ins Büro gehen oder jeden auf der Straße mit „Hast du schon die Gute Nachricht gehört?“ anquatschen. Aber handeln wir nach dem Vorbild von Jesus. Dann werden uns die Leute schon früh genug von alleine anquatschen und wir werden die Gelegenheit haben, uns zu erklären.

Hören wir auf, zu denken, „anders“ sei schlecht. Ja, einige werden so weiterhin denken (Haters gonna hate…) – na und? Johannes, Kapitel 15, Vers 18: „So euch die Welt haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat“. Jesus war anders, Jesus war interessant. Wenn ihr nicht interessant sein wollt, dann werdet ihr mit einem echten, authentischen Christsein Probleme bekommen, denn – echt jetzt! – dann seid ihr nicht mehr normal. Und ihr werdet feststellen, wenn ihr durch deine Beziehung zu Jesus interessant seid, dann wird es euch auch nicht mehr so vorkommen, als wenn ihr euren Glauben anderen aufdrängen müsst, um Zeugnis zu geben. Mutige Leute sind spannend. So etwas macht neugierig.

Denkt mach darüber nach. Amen, Shalom chaverim, Peace out.

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5 thoughts on “4 Gründe, warum wir Christen nicht ernst genommen werden

  1. Mit solch einem Thema hatte ich von deiner Seite aus nun wahrlich nicht gerechnet, ich bin positiv überrascht….auch wenn ich selbst mehr an die Wissenschaft als an Gott glaube, vielleicht aber auch an beide. Es wäre schön, wenn dort jemand wäre…aber ich schweife ab, interessante Worte, danke.

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      1. Weil du ein Mann der FAKTEN bist, zumindest habe ich dich bis jetzt immer so wahrgenommen. Es wäre schön wenn es so etwas wie einen Gott gibt der auf uns aufpasst. Als 10 jährige habe ich die Kinderbibel verschlungen…..immer und immer wieder gelesen. Mich haben die Geschichten fasziniert von Adam und Eva, der Arche Noah oder der Turmbau zu Babel. Ich liebe es an Wunder zu Glauben, Übersinnliches oder andere Wesen dort draußen, aber „Gott“ ist wohl für einen jeden von uns anders und so gar nicht erklärbar.

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        1. Schmeichelhaft. Aber warum schließt es sich aus oder verwundert zumindest, an Gott zu glauben, wenn man ein „Mann der Fakten“ ist? Wissenschaftlich kann man seine Existenz weder widerlegen noch bestätigen. Es haben sich jedenfalls eine ganze Menge Dinge aus der Bibel bewahrheitet, die man so eigentlich nicht hätte wissen können, ich habe schon Lahme wieder gehen gesehen, selber und bei meiner Frau übernatürliche Heilung erlebt und allgemein macht die Bibel für mich mehr Sinn, als zu sagen, das sei alles ein großer Zufall. Aber ich kann es total gut nachvollziehen, wenn man das alles immer noch als zu unwahrscheinlich erachtet und erdreiste mich nicht, generell klüger, weiser oder besser als Andersgläubige zu sein. Nenn mich einen agnostischen Christ, so lustig das auch klingen mag.

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          1. Ich will offen sein, hinterfrage aber auch gerne mal genauer ^^ Nein du hast natürlich recht, das eine schließt das andere nicht aus. Solche Erfahrungen wie du habe ich jedoch noch nie machen dürfen, freue mich natürlich sehr für „Euch“. Religion ein Thema das auf jeden Fall Spaß macht. Jede hat auf seine eigene Art etwas unglaublich anziehendes.

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