ESTJ – Der Aufseher

Allgemeine Beschreibung & Klischees
ESTJs gelten als konservative Leistungsmenschen,  die sich akribisch an Regeln und Vorschriften halten, als Workaholics, die ihre Selbstkritik auch auf andere übertragen, man achtet sie als treue Seelen, Bewahrer von Traditionen, Loyalisten und verachtet sie als oberflächliche Wichtigtuer und paranoide Geizkragen. Was ist wahr daran? Wo verstehen wir sie (oder sie selbst sich) falsch? Diese Typenbeschreibung soll etwas Licht ins Dunkel bringen und erörtern, wie Wahrnehmung und Urteil dieses Typs zusammenarbeiten und sich von anderen unterscheidet.

Zunächst schauen wir uns an, was „ESTJ“ überhaupt bedeutet: „E“ es steht für extrovertiert, das heißt, er hat wenig Scheu vor anderen Menschen und braucht nicht so viel Zeit für sich alleine, wie Introverten, um sich geistig zu erholen. „S“ steht für „Sensing“, also „empfindend“ – er nimmt die Welt nüchtern mit seinen Sinnen wahr, so wie sie ist und kann als knallharter Pragmatiker mit verträumten Gedankenspielereien weniger anfangen. „T“ steht für „Thinking“, auf deutsch „denkend“, was ihn als jemanden kennzeichnet, der versucht, Entscheidungen eher unpersönlich und objektiv zu treffen, während „J“ = „Judging“, also „urteilend“ ihn zu den Typen erklärt, die klare Vorstellungen von der Welt, wie sie ist und wie sie sein sollte haben, anders, als die eher alles anzweifelnden P-Typen.

Erste Funktion – Extrovertiertes Denken („Thinking Extroverted, kurz TE“)
Es gibt wenige Typen, die so selbstbewusst und entschlossen auftreten, wie der ESTJ. Das liegt unter anderem daran, dass er durch sein extrovertiertes Denken ein klares Bild davon hat, wie die Dinge anzugehen sind. TE ist verantwortlich dafür, alles in ein System einzuordnen und dort nüchtern nach Brauchbarkeit einzuordnen. Dabei versucht der ESTJ ein nüchternes, unparteiisches Bild zu bewahren, was wiederum bedeutet, dass sein Weltbild weniger auf Gefühlen, sondern im Grunde auf Logik aufgebaut ist.

Schon als Kinder zeichnen sich ESTJs aus, das Konzept von Regeln und Normen schnell zu begreifen und übernehmen gerne verantwortungsvolle Rollen, um diese aufrecht zu erhalten. ESTJs tendieren zu der Neigung, dass Ordnung ein hohes Gut ist, das es zu bewahren gilt, auch, wenn das auf Kosten der Individualität des Einzelnen geht. Denn nur, wenn alles in geordneten Bahnen läuft, hat man Kontrolle – und wenn man Kontrolle hat, ist es auch möglich, sich um die Bedürfnisse des Einzelnen zu kümmern, nicht andersherum. Das muss man immer dabei bedenken, bevor man den ESTJ als unselbstständig denkenden Systemling bezeichnet.

Vor allem introvertierte P-Typen ecken allerdings aus diesen Gründen schnell mit ESTJs an: introvertierte Denker sind der Meinung, man könne die Welt nicht einfach so beurteilen, so tun, als hätte man sie verstanden und demnach im Recht, allen Gesetze und Regeln überzustülpen. Es ist jedoch nicht so, dass ESTJs tatsächlich glauben, sie wären Allwissend und könnten alles optimal bewerten – als leistungsorientierte Menschen wissen sie bloß, dass man nirgendwohin kommt, wenn man sein ganzes Leben damit verbringt, nur über die Welt nachzudenken, man muss auch handeln, wenn man etwas erreichen will – und wenn die Regeln etwas grob und allgemein sind, nun, dann ist das eben so, aber besser, als wenn es gar keine gäbe oder man sich darüber den Kopf zermartert. In a nutshell: Introvertiertes Denken fragt „wie funktioniert das?“ und extrovertiertes Denken fragt „wie kann ich das nutzen?“.

Introvertierte Fühler haben auch des Öfteren ihre Probleme mit ESTJs, da sie oft das Gefühl haben, diese seien rücksichtslos, egoistisch und würden sich nicht um das Wohl ihrer Mitmenschen sorgen. Nun muss man sich vor Augen halten, dass der ESTJ ebenfalls introvertiert fühlt, wenn auch diese Funktion nur an vierter Stelle und damit schwach ausgeprägt ist. Dennoch erkennt man, wenn man weit genug denkt, auch moralische Motivationen hinter dem leistungsorientierten Denken des ESTJs: wie bereits erwähnt, hat er ein klares Ideal davon, wie die Welt zu sein hat und am besten funktioniert. Dieses Ziel kann jedoch nur erreicht werden, wenn jeder sein Bestes gibt und sich nicht von Wenn und Aber ablenken lässt – hier zeigt sich auch die verbissene Selbstkritik: der ESTJ ist sehr hart mit sich, was ihn so ehrgeizig erscheinen lässt. Er misst nicht mit halbem Maß, weiß ganz genau, wozu er in der Lage ist und dementsprechend, wie viel Leistung er bringen kann. Wenn er weniger leistet, als er seiner Meinung nach könnte, ist er unzufrieden mit sich. Problematisch wird es vor allem dann für andere, wenn er diesen Anspruch auch auf andere überträgt. Ausgeglichene ESTJs, die ihre fühlende Seite nicht ganz ignorieren, hören jedoch auch auf ihre eigenen Bedürfnisse und sind auch in der Lage dazu, auf die ihrer Mitmenschen zu achten. Wenn das vorausgesetzt ist, können sie hervorragende Führungskräfte abgeben, die das Meiste aus sich und ihrem Team herausholen können.

Zweite Funktion – Introvertiertes Empfinden („Intuition Introverted, kurz SI“)
Anders als der ENTJ ist der ESTJ eher auf die Vergangenheit und weniger auf die Zukunft fixiert. Das kommt daher, dass seine wahrnehmende Funktion das Gegenwärtige mit bereits erlebten Erfahrungen oder Berichten von Vertrauenspersonen vergleicht. Dementsprechend ist er Neuem gegenüber erst einmal misstrauisch eingestellt, weil er noch keinen Vergleich hat – um sich das vorzustellen, nehmen wir einen Steinzeitmenschen, der gerade auf der Jagd nach erlegbaren Tieren ist. Nehmen wir an, er erblickt einen Eber und weiß, entweder von seinen Stammesmitgliedern oder aus eigener Erfahrung, was das für eine Kreatur ist. In diesem Falle wird er zwar Respekt vor diesem gefährlichen Tier haben, sofern er allerdings die Lage so einschätzt, dass er vorbereitet genug ist, wird er den Eber dennoch und ohne zu zögern als Beute anvisieren. Kann er sich unter dem Eber nichts vorstellen, wird sich der Steinzeitmensch eher vorsichtig verhalten und dazu tendieren, nach einer Alternative zu suchen.

Es liegt also auf der Hand, dass der ESTJ tatsächlich eher konservativ eingestellt ist – warum etwas Neues einführen, wenn das Alte und Bewährte doch auch funktioniert? Der ESTJ fühlt sich wohler und sicherer, wenn er auf Wegen wandelt, die vor ihm schon erprobt und als gut befunden worden sind. Sein extrovertiertes Intuieren, die dritte Funktion lässt ihn zwar auch neue Optionen wahrnehmen, soll heißen, wenn sich neue Möglichkeiten, Gelegenheiten bieten, kann er diese durchaus erkennen, aber das bedeutet nicht, dass er sich deshalb darauf einlässt. Dafür muss es erst gute Gründe geben. Das ist ein wichtiger Grund, den man beachten sollte, bevor man dem ESTJ vorwirft, langweilig und unkreativ zu sein: kreative Ideen sind ihm nicht fremd und er kann auch den Sinn revolutionärer Gedanken verstehen – als einer der verantwortungsbewusstesten Typen will er einen funktionierenden Status Quo jedoch nicht aufs Spiel setzen.

Das ist einer der Gründe, weshalb ESTJs auch oft von politisch eher konservativer Gesinnung sind. Hier sei auch nochmal angemerkt, dass die Erziehung eine große Rolle spielt – wenn das Elternhaus zum Beispiel sehr liberal eingestellt ist und diese Einstellung mit fundierten Argumenten rechtfertigt, kann auch ein politisch „progressiver“ denkender ESTJ möglich sein. Tendenziell lässt sich jedoch ein starker Hang zum traditionsbewussten Konservatismus feststellen. Einige werfen ihm Ausländerfeindlichkeit vor, was daran liegen könnte, dass der ESTJ häufig in kulturellem Rahmen denkt, was daran liegt, dass er die Normen, Sitten und Bräuche der Kultur, in der er aufgewachsen ist, auch stärker als die meisten anderen Typen verinnerlicht hat und dementsprechend wertschätzt – Immigranten bewegen sich in Normen, Sitten und Bräuchen, die dem ESTJ noch unbekannt und dementsprechend eher von nebulöser Natur sind. Man muss dabei beachten, dass, sobald ein ESTJ sich mit einer fremden Kultur auseinandergesetzt und sie als positiv erachtet, auch sehr wahrscheinlich dafür einstehen wird, Menschen aus diesem Kulturkreis vor Ausländerfeindlichkeit zu verteidigen.

Fazit & Beispiele
Man sieht, dass also nicht nur Leistung, sondern auch Vertrauen ein Leitmotiv in der Persönlichkeit des ESTJs ist – schwer zu erlangen, aber dann hoch geschätzt. Das überträgt sich auf Familie und Freunde. Selbst, wenn sie oft barsch und etwas ruppig erscheinen, stehen ESTJs mutig für Menschen und Werte ein, die ihren Respekt, bzw ihre Zuneigung verdient haben. Wenn man sie nicht mit unnötigen Details nervt, fair nach Regeln spielt und gemeinsame Werte hat, kann man prima mit den ESTJs zurechtkommen. Denn wenn alles um sie herum in Ordnung ist, können sie sich auch entspannen, unkomplizierte Spaßvögel sein mit denen man sich im Garten ein Bier gönnt und (zum Beispiel) über die guten alten Zeiten schwärmt. Und selbst, wenn man nicht mit ihnen warm wird, weiß man doch zumindest immer, wo man bei ihnen steht.

Hier ein paar fiktive Beispielpersonen, die meiner Meinung nach dem ESTJs sind:

  • Walter (The Big Lebowski, siehe Titelbild)
  • Hank (Breaking Bad)
  • Rabbit (Winnie Pooh)
  • Applejack (My Little Pony)
  • Tony Soprano (The Sopranos)
  • Gunnery Sergeant Hartmann (Full Metal Jacket)
  • Hermione Granger (Harry Potter)
  • Boromir (Lord of the Rings)
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