Projekt: Pseudo-Vegetarismus (1. Monat)

In gewisser Hinsicht ist mein Leben eine Abfolge von verschiedenen Projekten, dieser Blog ist ein schönes Schaubild dafür. Nun ein weiteres ehrgeiziges Projekt: ich will aufhören, Fleisch zu essen. Vegetarier werden.

Ich habe etwas über einem Monat damit angefangen, aber um es nicht unnötig kompliziert zu machen, sage ich jetzt einfach: ab November habe ich aufgehört, Fleisch zu essen. Ich habe davor auch schon meinen Fleischkonsum stark eingedämmt, aber ungefähr drei Mal die Woche Gerichte mit Fleisch (Flammkuchen mit Speck, Maultauschen, Brot mit Pfefferbeißern) genommen, ungefähr alle zwei Woche ein gutes Stück Rindersteak. Ich bin ganz ehrlich. Alleine, wenn ich das alles aufzähle, läuft mir wieder das Wasser im Mund zusammen. Das habe ich von heute auf morgen eingestellt – eine ziemliche Herausforderung, sehr spannend für mich. Vielleicht auch für euch, deshalb dokumentiere ich das auch. Eventuell spielt auch jemand von euch Lesern mit den Gedanken, auf Fleisch zu verzichten und wir können uns diese Gewohnheit gemeinsam abgewöhnen, bzw. es hilft, wenn man sieht, dass man da gerade nicht alleine durchgeht.

Wieso eigentlich? Ehrlich gesagt, alleine mein letzter Satz mit Phrasen wie „da muss man durchgehen“, ist abscheulich. Ich bin 26 Jahre alt und habe mein ganzes Leben Fleisch gegessen. Mir war klar, dass Tiere dafür sterben mussten, aber das nahm ich in Kauf. Jeder in meiner Familie tat das selbe. Es war also eine Art Gewohnheit, die man nicht hinterfragte und dazu verdammt lecker schmeckt. Mit 19 habe ich meine Ehefrau kennen gelernt, die schon ewig Vegetarierin ist. Sie hat mich nie versucht, ebenfalls dazu zu bringen, mich auch nie verurteilt dafür, dass ich Fleisch esse. Manchmal habe ich mich ein klein wenig über sie lustig gemacht. Nie ernsthaft, sie hat es mir auch nicht wirklich übel genommen. Ich habe sie auch andererseits offen für ihren Vegetarismus bewundert, da ja eigentlich nichts verwerflich daran ist – aber ich war der Meinung, es sei doch schon „etwas extrem“. Offen gestanden schäme ich mich heute für mein Verhalten. Auch sich „ein bisschen“ über Vegetarismus lustig zu machen, ist absolut heuchlerisch, vor allem, wenn man Fleisch aus der Massentierhaltung isst, was ich getan habe. Dazu gehört nicht nur das halbe Kilo Putenfleisch für 2,50€, sondern natürlich auch in der Regel die Salami und der Schinken vom Pizzabelag oder die Weißwurst. Jetzt habe ich immer noch nicht wirklich die Frage beantwortet: während ich an meiner Kurzgeschichte „Abenteuer mit Drumpf“ schrieb, welche sich, wenn auch nur scherzhaft, mit der Frage beschäftigt, ob es gerechtfertigt ist, Menschen zu essen, wenn diese aus einer anderen, unbekannten Dimension stammen und sich nicht mitteilen können, habe ich mich gefragt: mit welcher Berechtigung töten wir noch Tiere? In Indien ernährt sich fast die gesamte Bevölkerung vegetarisch und die ist im Schnitt gesünder als wir, reichen, verwöhnten Deutschen! Wir sind lange über den Punkt hinaus, an dem wir auf Tierverzehr angewiesen sind. Wie rechtfertigen wir diese Massentötung? Ich will kein Teil mehr an dieser grausamen und obendrein umweltzerstörerischen Industrie mehr sein. Als Konsument bin ich mit verantwortlich.

Also keine Sorge. Das wird kein „ihr Fleischesser seid doch alle Scheiße“-Post, in der Position befinde ich mich gar nicht. Zumal ich immer noch Fisch esse, was dem ein oder anderen immer noch als sehr heuchlerisch anmuten mag, sind Fische doch auch Tiere. Aber erstens, ich denke, ich fange schon ziemlich direkt an und irgendwo sollte man sich auch realistische Ziele setzen. Wir sprechen hier davon, jahrzehntelange (Ess-)Gewohnheiten zu bekämpfen. Zweitens schadet die Fischzucht der Umwelt nicht so stark, wie die Viehzucht (was sich als falsch erwiesen hat – danke für die Info, Cordula!). Und drittens, zugegeben ein sehr schwacher Punkt, kenne ich einfach noch nicht so viele vegetarische Gerichte, die mir schmecken, mit denen ich mich auch ausgewogen ernähren kann. Das wird aber mit der Zeit kommen, es werden bereits immer mehr. Alleine in der indischen und der libanischen Küche habe ich bisher schon viele richtig leckere Gerichte für mich entdecken können, die der fleischhaltigen Küche in Nichts nachstehen.

Richtig schwierig wurde es, als ich mit meiner Mutter, die aus Japan zu Besuch kam, indisch essen war. Sie hat sich Lammfleisch bestellt und hatte Probleme damit, ihre Portion aufzuessen. Ich habe mir eigentlich nur vorgenommen, insofern auf Fleisch zu verzichten, als dass ich die Nachfrage nicht erhöhen würde. Hätte ich von ihr gegessen, hätte ich das dadurch nicht getan. Das Lamm war ohnehin bereits bestellt. Allerdings wollte ich nicht „rückfällig“ werden, ihr wisst, was ich meine. Es würde mir ja immer noch sehr gut schmecken und beim nächsten Gang durch den Supermarkt würde ich mir dann evtll. eher denken: „Meine Güte, jetzt kaufste dir halt mal ein Lammfilet, als wenn das groß was ändern würde! Schmeckt doch gut und du isst es ja nicht mehr so häufig!“
In diesem Bewusstsein habe ich abgelehnt und meiner Mutter vorgeschlagen, dass ich den Rest ihres Fladenbrotes und Gemüses esse. Es war wirklich nur noch ein Happen, eigentlich ziemlich lächerlich und so wurde alles verputzt, ohne dass ich wieder Tier gegessen habe.

Ansonsten war es erstaunlich einfach. Der Kampf findet meistens im Supermarkt statt, oder wenn ich auswärts essen muss. Aber glücklicherweise habe ich in Ludwigsburg diesen tollen libanesischen Imbiss (El-Mina Falafel, Seestraße 9) entdeckt, dass Letzteres kein Problem darstellt. Und im Supermarkt muss ich einfach nur genauer hinschauen. Hatte schonmal Blätterteig mit Käse-Schinken-Füllung in den Händen (ich brauche jetzt ein bisschen mehr zu essen und bei meiner Figur kann ich’s mir erlauben, abends noch einen Snack zu mir zu nehmen), bis ich merkte, dass der Schinken da drin ja auch Fleisch war. Wie blöd eigentlich. Aber es ist wirklich nicht ganz so leicht. Wenn man aber wirklich bewusst einkaufen geht und sich stets die Frage stellt: „Warum eigentlich?“, dann geht das. Ich kann also sagen, der erste Monat war erstaunlich easy. Jetzt kommt allerdings die Weihnachtssaison. Wo Verwandte en masse Fleisch einkaufen und erwarten, dass alles gegessen wird. Ich freue mich schon auf die Telefonate, in denen ich Bescheid gebe, dass ich mir meinen eigenen Fraß mitbringe. Ich kann ja so gut und rücksichtsvoll mit Menschen umgehen… Hilfe.

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3 thoughts on “Projekt: Pseudo-Vegetarismus (1. Monat)

  1. Hi,

    finde ich gut, dass du es mit einer vegetarischen Ernährung versuchen möchtest. Ich finde es immer wieder toll, wenn sich Menschen mit dem Thema befassen :). Damit ist schon einiges getan.

    Was ich allerdings als kleinen Gedankenanstoß geben möchte ist, dass Fischfang der Umwelt ebenso schadet eie die Massentierhaltung.
    Derzeit sind gut alle Fischbestände achon zu 3/4 überfischt. Dazu kommt noch der ganze Beifang. Wenn wir so weiter machen, könnten alle derzeit durch den Menschen genutzten Fischbestände leer gefischt sein. Und das hat immense Folgen für die Umwelt. Gerade in bezug auf den Klimawandel.
    Näheres dazu habe ich mal in einem Blogbeitrag zusammengefasst.
    Falls es dich interessiert, hier der Linkhttps://wiressenpflanzen.wordpress.com/2016/02/17/fisch-ein-noch-immer-viel-zu-wenig-beachtetes-thema-oder-warum-wir-fisch-von-unserem-speiseplan-streichen-sollten/

    Ansonsten viel Erfolg 🙂

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    1. Hallo Cordula,

      Danke für den interessanten Beitrag. Das mit dem Phytoplankton war mir neu, wusste ich bislang gar nicht und ist ziemlich erschreckend.
      Auf lange Sicht werde ich auch versuchen, mich komplett vegetarisch zu ernähren. Aber, so blöd sich das anhören mag – und ich würde mich trotzdem nicht als einen Genussmenschen bezeichnen, aber bevor ich irgendwann so einen krassen Heißhunger auf Fleisch verspüre, dass ich mein ganzes Vorhaben über Bord werfe, begnüge ich mich vorerst zumindest mit Fisch. Klar, mein Gewissen meldet sich da auch sofort und sagt: „Toll, Sam. Sag das den Fischen“, aber eine „Entwöhnung“ funktioniert eben Schritt für Schritt und wenn ich sage, mein Weg zum Vegetarismus nur zwei Stufen hat (1. Kein „Fleisch“; 2. Kein Fisch), dann ist das, wie ich finde, bereits recht hoch angesetzt.

      Ich habe auch schon viele überzeugende Argumente gehört, warum wir Veganer werden sollten, aber wenn ich mir das als ein Stein gemeißeltes Endziel setze, dann würde mich das wahrscheinlich enorm frustrieren. Eins nach dem anderen und dann sehe ich weiter 🙂

      Einen coolen Blog hast du da übrigens. Werde mir bestimmt noch ein paar Rezepte anschauen, hört sich vieles sehr lecker an.

      Gefällt 1 Person

      1. Hi Sam,
        ich finde es muss in der Sache jeder seinen Weg finden. Denn Vegetarismus genauso wie Veganismus sollte keine Bürde sein. Wenn einem etwas wie auferlegter Verzicht erscheint, läuft man dann irgendwann Gefahr die Lust an dem ganzen zu verlieren.
        Meiner Erfahrung nach macht das sowieso jeder anders. Die einen brauchen Zeit sich umzustellen, auch zum Beispiel um entsprechende Alternativen zu vorher bekanntem zu finden (Joghurt, Milch, Käse usw.), die anderen stellen von heute auf morgen auf vegetarisch oder vegan um. Das war lediglich ein kleiner Gedankenanstoß, weil du geschrieben hast Fischkonsum sei nicht so umweltschädlich wie Massentierhaltung. Ein Aspekt, den ich in meinem Beitrag nicht erwähnt habe ist, dass unsere Nutztiere im Grunde die größten Fischkonsumenten sind. Insofern spielt alles zusammen. Egal ob auf tierethischer, ökologischer oder sozialer Ebene.

        Ach ja, und freut mich, wenn dir mein Blog gefällt ;). Danke dir. 

        ​Lg

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