Geschlechterrollen & Typologie

Man kann und sollte nicht abstreiten, dass wir auch heute in Europa, das sich generell gerne als aufgeklärt und modern betrachtet, trotz aller emanzipatorischen Bewegungen immer noch klar definierte Geschlechterrollen haben. Wie stark, das hängt von verschiedenen Faktoren ab, so ist die Rolle der Frau, die sich um die Kinder und das Heim kümmert, zum Beispiel tendenziell eher in einem schwäbischen Dorf ausgeprägt, als in Berlin.

Dennoch dürfte immer noch jeder verstehen, was, in Bezug auf Persönlichkeit die Klischees von Mann & Frau ausmachen. Stereotypische Aussagen, wie: „Frauen sind einfach empathischer als Männer“ oder „Männer können besser einparken“ müsste ja jeder schon einmal gehört haben. Meine Frau wurde zum Beispiel mal gefragt, ob sie mal bei einer großen Veranstaltung, bei der ich mitgewirkt habe, auf eine Gruppe von Kindern aufpassen könne, mit der Begründung: „das könne sie ja bestimmt gut“. Der Veranstalter, die sie angefragt hat konnte sich bei der Begründung allerdings nicht auf irgendwelche Erfahrungen berufen, meine Frau und er kannten sich nämlich kaum. Er ging einfach mal davon aus – und ich vermute stark, das lag an der Kombination, dass meine Frau zum einen eher in sich gekehrt ist, also nicht unbedingt eine Persönlichkeit, die Kinder erschreckt und zum anderen eben eine Frau ist.

Isabel Myers, die gemeinsam mit ihrer Mutter die MBTI-Theorie aufgestellt hat, hat viele Statistiken erstellt, unter anderem auch, wie die Verhältnisse in der Typologie zwischen den Geschlechtern aussehen. Interessant ist dabei, dass in jenen Statistiken alle Präferenzen ziemlich ausgeglichen sind, außer der Fühler/Denker-Präferenz. So sind unter Frauen deutlich mehr Fühler ausgemacht worden und unter Männern mehr Denker. Ich will mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen und die Statistiken grundsätzlich in Frage stellen – auch, wenn es gute Gründe dafür gibt, denn Tests in solchen Massen kann ich einfach nicht als wissenschaftliche Fakten ansehen. Ich glaube, um seinen Typen zu finden, benötigt es schon mehr, als 50 Ja/Nein Fragen. Aber, um zurück zum Thema zu kommen, es gibt traditionelle Bilder von Männern und Frauen und sollten die Statistiken wahr sein, dann würden diese die klassischen Persönlichkeitsrollen unterstützen: die Frau als mitfühlende Seele, die den Mann aufpeppelt und versteht, die gut und gefühlsbetont mit Kindern umgehen kann und dem Mann, der zwar nicht so gut in zwischenmenschlichem Quarks und Gefühlszeug ist, aber davon Ahnung vom „Rest der Welt“ hat und mit diesen Kenntnissen Frau und Kinder ernährt.

Solche Klischees haben allerdings Potential überaus schädlich zu sein für Männer mit Fühler-Präferenz und Frauen mit Denker-Präferenz. Es kann in ihnen das Gefühl entstehen, dass sie nicht normal seien, bzw dem Anspruch, den die Gesellschaft an sie hat, nicht gerecht werden. Jene Männer haben das Gefühl, sie müssen ihre Emotionen zurückstellen und die Frauen werden auf geschäftlicher Ebene nicht richtig ernst genommen. Glücklicherweise gibt es einige gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, die gerade letzteres Problem etwas auszuhebeln versuchen, aber das Bild bleibt trotzdem in dem Archetyp der Frau verwurzelt. Eine unsichere Denkerfrau kann, selbst, wenn sie es zum Beispiel in eine einflussreiche Führungsetage geschafft hat, immer noch glauben, sie sei keine richtige Frau, weil sie „gewisse weibliche Seiten“ nicht habe.

Ich vermute, dass das Problem vor allem bei SJ-Typen auftritt. Zur kurzen Erklärung: SJ-Typen (ISFJ, ESFJ, ISTJ und ESTJ) sind Typen, die allgemein als „Bewahrer“ angesehen werden können und konservative Züge haben, das heißt, dass sie dazu neigen, bewährtes zu Bestätigen und Traditionen, Werte und Normen ihrer Eltern, bzw ihres akzeptierten Erziehungsumfeldes zu übernehmen. Dementsprechend greifen traditionelle Rollen noch stärker bei diesen Typen, da nach innen gerichtetes Empfinden (die S-Präferenz bei SJ) in verschiedene Kategorien einordnet, während nach außen gerichtetes Urteilen, sowohl Fühlen als auch Denken, sich an Normen orientiert. Insbesondere diese Typen kommen also, wenn sie eine geschlechteruntypische Fühler- oder Denkertendenz haben, in einen Rollenkonflikt. So wird Leistungsorientierung und Durchsetzungsvermögen eher maskulin eingeordnet, was zum Beispiel eigentlich natürliche Persönlichkeitszüge einer ESTJ-Frau wären. Da sie aber vom Bild geprägt sein könnte, Frauen müssten einfühlsam sein und gefühlsbetont, kann es dazu führen, dass sie krampfhaft versucht, ihre eigentlich schwach ausgeprägte Seite, in ihrem Fall das introvertierte Fühlen nach außen zu kehren. Das mag zwar auf der einen Seite auch positiv klingen, da besagte Frau an ihrer „natürlichen Schwäche“ feilt, aber eine Persönlichkeit – und dem wird jeder Psychologe zustimmen, egal, was er von der Typologie hält – kann sich nur gesund entwickeln, wenn sie nicht unterdrückt wird, alleine schon, weil es einem ESTJ viel mehr Energie kostet, die fühlende Seite herauszukehren, als die Fakten orientierte und vorwärtsgerichtete. Es kann demnach passieren, dass sich viele STJ-Frauen auf ersten Blick eher in einem Typ wiederfinden, der introvertiertes Fühlen repräsentiert, also zum Beispiel ISFP oder INFP, sich darin dann auch noch bestätigt fühlen und weiter in den Identitäts-Teufelskreislauf geraten. Noch ein Grund mehr, Online-Tests, die einfach nur auf maschinell ausgewerteten Analysen basieren, eher zu misstrauen.

Ich könnte nun auch noch Beispiele zu umgekehrten Fällen, wie männlichen ESFJs erklären, aber ich denke, die Problematik dürfte klar sein. Außerdem möchte ich nicht ausschließen, dass auch andere Typen, nicht nur SJs von diesem Rollenkonflikt betroffen sind – nur dieser wahrscheinlich am intensivsten. Ich mache mich womöglich etwas unbeliebt mit dieser These, deshalb will ich vorweg versichern, dass das nicht wertend gemeint ist: ich vermute, dass es auch einige Homosexuelle und Transvestiten gibt, die eventuell eine andere sexuelle Ausrichtung hätten, wenn sie nicht ständig von der Gesellschaft vermittelt bekommen hätten, was als „typisch weiblich“ und als „typisch männlich“ gilt. Ich denke nämlich auch, dass es kein Zufall ist, dass zum Beispiel viele schwule Männer recht emotional wirken, viele diese Seite ja geradezu zelebrieren, während Lesben im Ruf stehen, häufig einen auf „dicke Hose“ zu machen und (zumindest meiner beschränkten Erfahrung nach) recht selbstbewusst auftreten. Man sollte mich auch nicht falsch verstehen – ich bin nicht der Meinung, dass jede/r Homosexuelle in dieses Muster passt. So wird es beispielsweise bestimmt auch zB Lesben mit Fühler- und Schwule mit Denkertendenz geben und sicherlich hat es auch noch andere Gründe für Homosexualität. Ich glaube nur, dass es zumindest nicht wenige „Rollenflüchtige“ gibt, die sich aufgrund gesellschaftlicher Normen in einer bestimmten sexuellen Orientierung „zuhause“ fühlen und das Gefühl haben, sich dort auch richtig entfalten zu können.

Um mit einem weniger brisanten Fazit zu schließen, dem sich wohl jeder anschließen kann, bin ich der Meinung, dass es wichtig ist, über sich selbst nachzudenken, sich selbst besser kennen und verstehen zu versuchen und letztlich auch zu akzeptieren. Bringen wir dem Karpfen doch nicht bei zu fliegen und der Amsel zu schwimmen. Traditionelle Rollenverteilungen mögen damals in vielerlei Hinsicht ihre Gründe gehabt haben, man kann ja auch nicht leugnen, dass Mann und Frau sich auch biologisch schlicht und einfach unterscheiden, aber gerade in unserer heutigen Gesellschaft müssen wir uns nicht mehr darauf festsetzen. Wenn ein Mann Emotionen zeigt und eine Frau sachorientierte Objektivität, ist das nicht unmännlich oder unweiblich. Es sollte aber auch nicht lobend auf den Podest gestellt werden, weil damit wieder die „Besonderheit“ von etwas hervorgehoben wird, was mittlerweile eigentlich als absolute Normalität gelten sollte. Typologisches Denken sollte genau so wenig zum Monopol der Männer gemacht werden, wie typologisches Fühlen zu dem der Frauen.

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