Kinder & Typologie

Interessant ist die Frage, inwiefern Kinder, deren Persönlichkeit sich erst entwickelt und gefestigt werden muss, überhaupt einzuordnen sind – oder ob man sie überhaupt einordnen kann. In der Regel kann man das bis zu einem gewissen Punkt, aber, wenn man sich schon bei Erwachsenen nie absolut sicher sein kann, sollte man das bei Kindern noch viel weniger sein. Inwiefern lässt sich die Typologie also auch auf Kinder anwenden?

Wie bereits erwähnt, verfügt jeder Mensch über einen sogenannten Primaten, also die Funktion, die am stärksten ausgeprägt ist und dementsprechend häufig und natürlich zum Einsatz kommt. In meiner pädagogischen Tätigkeit habe ich bei einigen Kindern, mit denen ich arbeite, auch den Primaten ausmachen können.

Extrovertiertes Denken
Kinder mit stark ausgeprägtem extrovertierten Denken sind sehr lebendig, laut und alles andere als schüchtern. Zwar erscheinen sie häufig als frech, aber tun sie das eher, um auszuloten, was sie sich bei verschiedenen Personen erlauben können, beziehungsweise, um hierarchische Gesellschaftsstrukturen erkennen zu können und weniger, um einfach nur Spaß an Dreistigkeiten zu haben. Sie nehmen in Kindergruppen häufig die Rolle des Anführers an oder versuchen das zumindest. Sie zeichnen sich durch einen starken Willen aus und man weiß bei ihnen schnell, woran man ist, was sie wollen und wie die Welt ihrer Meinung nach tickt. Sie schauen zu Erwachsenen hoch und sind, trotz des manchmal rebellischen Verhaltens in gewisser Weise sehr autoritätsgläubig, insofern, dass sie Dinge, die ein (ernst zu nehmender) Erwachsener sagt, nur sehr selten in Frage stellen.

Introvertiertes Denken
Diese Kinder halten sich bevorzugt in kleineren Gruppen oder alleine auf, in der Regel fixieren sie sich jedoch stets auf Objekte, wie Spielzeug, nicht auf andere Menschen. Genau wie Kinder, die extrovertiertes Denken bevorzugen, sind sie sehr wissbegierig. Und während die Frage: „Warum?“ typisch für Kinder im Allgemeinen ist, stellen introvertierte Denker diese Frage besonders häufig. Kinder mit diesem Primat sind selten mit einer simplen Antwort zufrieden zu stellen und machen häufig einen misstrauischen Eindruck. Es kommt vor, dass sie selbst für viele Erwachsene die Dinge verkomplizieren, weil sie häufig versuchen, durch Diskussionen ihren Willen umzusetzen. Auch mit anderen Kindern geraten sie häufig in Diskussionen und nicht selten kommt es vor, dass sich diese durch die analytische, direkte Art auf den Schlips getreten fühlen. Jedoch passiert das in der Regel nie beabsichtigt seitens des introvertierten Denkerkindes.

Extrovertiertes Fühlen
Extrovertiertes Fühlen äußert sich bei Kindern sehr offensichtlich. Sie sind meistens noch anhänglicher als andere und äußerst gesellig. Während extrovertierte Kinder in der Regel zwar ohnehin gesellig sind, sind extrovertierte Fühler das nicht, um etwa über Ideen zu sprechen, bzw. diese gemeinsam umzusetzen oder um gemeinsam aktiv zu sein, weil Fußball spielen alleine eben langweilig sind, sondern weil es ihnen tatsächlich um ihre Freunde geht. Und davon haben sie in der Regel viele oder wollen zumindest möglichst viele haben. Extrovertierte Fühlerkinder zeichnen sich durch ihre Herzlichkeit aus und können sich leicht einer Gruppe anpassen. Häufig identifizieren sie sich auch durch ihre Freunde, Familie, Schulklasse, etc. Auf der anderen Seite sind andere Menschen jedoch wiederum ihre Schwachstelle. Extrovertierte Fühler sind besonders anfällig gegenüber Kritik an ihrer Person.

Introvertiertes Fühlen
Stille Gewässer sind tief, sagt man, und das trifft vor allem auf introvertierte Fühlerkinder zu. Sie sind meistens sehr unscheinbar, halten sich eher zurück und wirken häufig von ihrer Umwelt etwas überfordert, was daran liegt, dass sie aufgrund ihres sensiblen Wesens sehr empfindlich gegenüber Kritik, zu vielen lauten Geräuschen oder Menschenmassen sind. Geschieht das, neigen diese Kinder zu extremen Verhalten und sie fangen entweder an, zu weinen, oder sogar aggressiv zu werden. Wie die meisten introvertierten Kinder sind sie fremden Eindrücken eher skeptisch gegenüber eingestellt. Kinder mit introvertiertem Fühlen als Primat zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Gefühlswelt sehr intensiv wahrnehmen und schon früher als andere das Konzept von Gut und Böse begreifen. Sie sind meistens sehr einfühlsam und werden daher häufig als „liebe Kinder“ empfunden. Introvertierte Fühlerkinder haben eher wenige Freunde, aber dafür sind ihre Freundschaften umso tiefgehender. Authentizität ist ihnen sehr wichtig und es ist schwierig, ihnen etwas vorzumachen.

Extrovertiertes Intuieren
Wenn extrovertiertes Intuieren sehr stark in einem Kind ausgeprägt ist, dann glänzt es vor allem durch eine lebendige Fantasie. Ihr Einfallsreichtum zeigt sich dadurch, dass sie zum Beispiel selbst Spiele erfinden, selbsterfundene Witze erzählen oder sich anderweitig kreativ austoben. Sie reden gerne und viel über Ideen und/oder Dinge, die sie inspirieren, seien es Bücher, Filme oder lustige Anekdoten und sind auch interessiert daran, was andere inspiriert. Sie sind meist sehr aufgeweckte Kinder, die allerdings häufig Schwierigkeiten haben, sich längerfristig auf eine Sache zu konzentrieren, da ihre Gedanken häufig abschweifen. Auch sind sie schnell von Routine gelangweilt und auf Dauer kann es anstrengend sein, ein Kind mit diesem Primat zu unterhalten. Oftmals ist das allerdings nicht nötig, wenn man das Kind bittet, selbst die Rolle des Unterhalters einzunehmen

Introvertiertes Intuieren
Während introvertierte Funktionen eher schwierig auszumachen sind, trifft dies besonders beim introvertierten Intuieren zu. Diese Kinder sind sehr zurückgezogen, was schon mal bei jedem introvertierten Typus der Fall ist. Wie extrovertierte Intuierer sind sie sehr kreativ, wirken aber beherrschter. Wie introvertierte Denker wirken sie nachdenklich, wobei der feine Unterschied der ist, dass sie nicht so darauf aus sind, zu erfahren, wie die Dinge funktionieren und in der Regel auch nicht so diskussionsfreudig sind. Sie beschäftigen sich eher damit, über die Zukunft nachzudenken. Diese Tendenz gibt ihnen auch einen gewissen Perfektionismus. Ein introvertiertes Intuiererkind mag zwar über die Unzulänglichkeiten anderer hinwegsehen, ist aber vergleichsweise sehr streng mit sich selbst. Sie haben recht hohe Maßstäbe für sich und sind dementsprechend auch sehr ehrgeizige Kinder. Da die Zukunft etwas sehr Abstraktes und für Kinder häufig schwer verständliches ist, brauchen diese Kinder viel Zeit, sich zu entwickeln und die Welt besser zu verstehen, zum Beispiel mit Hilfe von Büchern.

Extrovertiertes Empfinden
Diese Kinder sind ständig in Bewegung. Wie auch extrovertierte Intuiererkinder sind extrovertierte Empfinderkinder meistens in Aktion zu sehen, allerdings eher in physischer Form. Auch, wenn sie gesellig und alles andere als mundscheu sind, sind sie weniger an Gesprächen interessiert, sondern daran, in der Umwelt in Aktion zu treten. Sie sind häufig für Sport zu begeistern, oft an der frischen Luft und haben in der Regel wenig Scheu. Obwohl diese Kinder sehr fröhliche und optimistische Freigeister sind, haben viele Erwachsene gerade wegen ihrem hohen Bewegungstrieb ihre Probleme mit ihnen. Verwehrt man ihnen den Aktionsraum, den sie benötigen, können sie launisch und in einigen Fällen sogar aggressiv werden. Lassen sich ihre Freiheiten mit den Bedürfnissen anderer Kinder und den Regeln der Erwachsenen vereinen, haben diese Kinder echtes Potenzial, bereits in jungen Jahren große Leistungen zu bringen und Leidenschaften zu entwickeln.

Introvertiertes Empfinden
Introvertiertes Empfinden ist bei Kindern dann offensichtlich, wenn sie sehr bezogen auf das sind, was sie bereits kennen. Sie fühlen sich dann am wohlsten, wenn es keine Überraschungen gibt und sich alles am gewohnten Ort befindet. Sie haben ein Auge für Details und sind dementsprechend sehr aufmerksam. Introvertierte Empfinderkinder werden meistens als besonders brav empfunden, halten sich im Allgemeinen an Regeln und verstehen auch deren Sinn. Sie sind meistens recht genügsam und verhältnismäßig zuverlässig. Erwachsene haben meistens wenig Schwierigkeiten mit diesen Kindern, allerdings ist es schwierig, zu erkennen, was in ihnen vorgeht, da sie in der Regel nicht sehr mitteilsam sind. Das kann sich bei einem zunehmenden Vertrauensverhältnis jedoch ändern. Mit anderen Kindern tun sie sich oft schwer, wenn diese zu „aufregend“ für sie sind, wie introvertierte Fühlerkinder bevorzugen sie ruhige Verhältnisse.

Wenn eine bestimmte Funktion bei einem Kind erkannt wurde, muss das noch nicht heißen, dass dies zwangsläufig der Primat sein muss. Zum einen sind Persönlichkeiten von Kindern noch nicht gefestigt. So kann es vorkommen, dass ein extrovertiertes Kind mit zunehmendem Alter immer in sich gekehrter wird oder andersherum. Kinder sind viel sensibler als Erwachsene und so kann es vorkommen, dass ein extrovertiertes Fühlerkind, das viel Ablehnung erfahren hat, als Schutzmechanismus verstärkt die zweite Funktion entwickeln wird. Zum anderen sind, wie bereits erwähnt introvertierte Funktionen schwieriger auszumachen. Ausgerechnet im sicheren Umfeld kann es also sein, dass ein INFP-Kind für besagtes Umfeld, zum Beispiel der Familie eher die extrovertierte Funktion auslebt, weil es weiß, dass es bei diesen Menschen sicher ist. Es kann also der Eindruck für Eltern entstehen, das Kind sei ein ENFP oder ENTP. Sobald es aber wieder im Kindergarten oder in der Schule ist, wird die extrovertierte Seite nicht mehr so stark ausgelebt.

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