Donnel Drumpf & die Truhe des Bösen (Teil 1)

Kao wischte sich seufzend das Blut von der Klinge. Er hatte ein schlechtes Gewissen, dass es ihm schon fast Spaß gemacht hatte, die Gewerkschafter niederzumähen. Doch irgendwo im Gefecht begann bei ihm stets der Punkt, an dem er sich gehen ließ und die Bedeutung seiner Taten irgendwo in den Hinterkopf seines Meerschweinchenschädels zurückgedrängt wurden, während (etwas weiter vorne im Kopf) plötzlich bunte Clowns zu pulsierender Musik und rot blinkendem Licht „Töten! Töten!“ riefen und dazu atemberaubende Breakdance-Einlagen vollführten. Es war wie mit einer durchzechten Nacht. Zunächst hatte man Spaß, danach war das Gefühl der Reue da und der Mageninhalt war auf dem Boden verteilt. Nur war es nicht Kaos Mageninhalt. Und nicht nur der Inhalt. Er steckte sein Langschwert zurück in die Scheide und wandte sich schweren Herzens von der Fabrik ab.

Draußen wartete bereits Donnel auf ihn, der beherzt in einen Burger biss. „Hast du sie überzeugen können, meine Fabrik in Ruhe zu lassen?“, fragte er mit vollem Mund.
„Überzeugen, mhm…“, murmelte Kao. „Boss… war das wirklich nötig?“
„Das habe ich sie auch gefragt. Aber nein, sie ließen sich nicht zur Vernunft bringen!“
„Naja, ich meine, sie zu töten. Sie haben doch niemandem etwas getan!“
„Was? Doch, natürlich haben sie das! Niemand hat sie gezwungen, bei mir zu arbeiten, aber sie haben darauf gepocht, besser bezahlt zu werden!“
„Muss man sie deshalb gleich töten?“
Donnel zerknüllte das Papier, in das der Burger gepackt war, nachdem er ihn fertig gegessen hatte und warf es ins Gebüsch.
„Nur, wenn sie mit Gewalt meine Einrichtungen besetzen. Dafür gibt es Gesetze. Und du hast es als vorbildlicher Kap’Talist auch vollstreckt. Du solltest Stolz auf dich sein.“
„Ich verstehe aber auch ihren Ärger“, meinte Kao, sammelte das Papier auf und warf es als vorbildlicher Bürger Kap’Talis‘ in das nächstgelegenste Müllfass. „Immerhin haben sie von dem Gehalt kaum leben können, während du dir von ihrer Arbeit eine goldene Nase verdient hast.“
Donnel lachte.
„Nein, du verstehst das falsch. Dadurch, dass ich ihnen Arbeit gebe, kurbel ich den Fortschritt an! Mein Geld fließt in neue Entwicklungen, welche die Gesellschaft vorantreiben!“
„Wie zum Beispiel Düngermittel, die zufälligerweise Nährboden für riesige, fleischfressende Pflanzen sind?“, fragte Kao und schüttelte sich bei der Erinnerung.
„Selbst der Fortschritt kann Fehler machen! Niemand ist perfekt, selbst ich nicht. Außerdem, wenn sie unzufrieden sind, können sie sich doch auch einfach selbstständig machen.“
Donnel sah für einen Augenblick etwas nachdenklich aus.
„Wenn sie die Schulden, die sie wahrscheinlich alle bei mir hatten ab bezahlt haben, selbstverständlich. Nein, ich will sogar, dass sie sich selbstständig machen! Dadurch entsteht dann Konkurrenz und die belebt das Geschäft! Aber das werden sie nie tun, wenn ich sie zu gut bezahle, verstehst du? Warum dann das Risiko eingehen, ein Unternehmen zu gründen?“
Kao seufzte gequält. Das ergab irgendwo Sinn.
„Du hast ja Recht, Boss“
Natürlich habe ich Recht!“, lachte Donnel und schlenderte mit ihm in Richtung Steckenpferdhalter. „Aber ich finde es schön, dass du dich fast genauso sehr wie ich um das Wohlergehen der Gesellschaft sorgst. Nun, lass uns aufbrechen. Ich muss noch meinen Anwalt anrufen und die Familien der Hinterbliebenen verklagen. Seit dieser verrückte Gelehrte nicht mehr in der Stadt ist, der die Arbeiter kostenlos verteidigt, gewinne ich jeden Fall.“
Kaos Nase zuckte, als Donnel den Gelehrten, Schack Rossoh angesprochen hatte. Dieser Mann mit den verrückt gelockten, weißen Haaren hat einen bleibenden Eindruck bei dem Meerschweinchen hinterlassen.
„Wo ist er jetzt eigentlich?“
„Ach, er ist verrückt geworden!“, antwortete Donnel grinsend. „Nachdem er einen Fall gegen mich verloren hatte, sprach er davon, ein Heilmittel gegen die Bosheit der Welt zu finden. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihm gehört.“
„Meinst du, ihm ist etwas zugestoßen?“, fragte Kao.
„Und wenn schon“, antwortete Donnel. „Es ist nicht so, dass er der Gesellschaft… oh nein… nicht schon wieder…“
„Was? Die Hand?“
„Ja. Taube Finger. Zeit für ein Abenteuer. Ich überlasse den Anwaltskram meinen Angestellten. Wobei… warum eigentlich, ich habe doch sowieso genug Geld. Hast du einen Vorschlag, was wir machen könnten? Drachen aus den Händen böser Jungfrauen befreien? Sie dazu zu bringen, einen Arbeitsvertrag mit mir zu unterzeichnen?“
„Wir könnten uns auf die Suche nach Schack Rossoh machen“, schlug Kao vor. Er konnte nicht genau sagen, weshalb, weil Donnel ja die besseren Argumente hatte, aber irgendwo fand er es sympathisch, dass jemand ohne Gegenleistung die Interessen der Armen unterstützte.
„Was? Wieso das denn? Soll er bei seiner lächerlichen Suche doch umkommen. Die Gesellschaft ist nicht böse! Wenn überhaupt ist er böse, dass er meinen Wohl… dass er den Wohlstand und Fortschritt aufhalten will, indem er fiese, juristische Tricks anwendet!“
„Er handelt aus Überzeugung“, meinte Kao. „Er verlangt nicht mal Geld.“
„Ja, das finde ich auch sehr rätselhaft. Komischer Typ, was?“
„In der Tat.“
„Nun, aber so ist das mit den Verrückten. Es gibt einige Personen, die nach nichts Rationalem, wie Geld suchen. Sie können nicht gekauft oder überzeugt werden und mit ihnen kann man nicht verhandeln.“
Donnel blickt Kao mit finsterer, ernster Miene an.
„Mancheiner will die Welt einfach nur brennen sehen!“
Kao schluckte.
„U… und das ist genau der Grund, weshalb wir ihn suchen sollten, meinst du nicht auch?“
Donnel erhob seinen Kopf in Richtung der untergehenden Sonne und hielt sich die Hände in heldenhafter Pose an die Hüfte.
„So ist es, Kao. So ist es.“
Er zog sein Schwert und hielt es dem Horizont entgegen.
„Nun, du hast mich überzeugt! Lass uns diesen finsteren Schurken aufspüren, vernichten und die Welt einmal mehr vor ihrem Untergang bewahren!“
„Sehr gut“, meinte Kao. „Zu unseren Steckenpferden geht es aber in die andere Richtung.“

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