Wiedergeburt (Teil 1/3)

Als Tsura Shin die Türe zum Gasthaus öffnete, kam ihm ein Schwall von Gestank entgegen. Alkohol, Schweiß, Fett und – es konnte auch noch von der Straße kommen – Pisse. An jedem der runden Tische waren alle Stühle besetzt, teilweise teilten sich auch die Dirnen einen mit den Tagelöhnern in ihren zerschlissenen Gewändern. Als Schattengardist  passte Tsura zwar nicht in diese Gesellschaft – niemand tat das, der hier ein anständiges paar Stiefel und einen eleganten Mantel tragen würde, aber durch die dunkle Farbe seiner Kleidung, stach er auch nicht aus der Menge heraus –
alles war hier grau, braun oder schwarz.
Tsura ging auf die Schankmagd, ein junges, knochiges Ding mit verschwitztem, schmalen Gesicht zu und hob fragend die Augenbraue. Er war sich kaum sicher, ob sie ihn überhaupt registriert hatte, aber sie machte eine knappe Kopfbewegung, mit der sie auf einen Nebenraum deutete. Ohne zu zögern bog Tsura nach links ab, schob den vergilbten Stoffvorhang zur Seite und betrat den Nebenraum.

Langsam trat er die zwei Treppenstufen hinab, die Hand am Griff seines Kurzschwerts, das er an der Seite trug. Obwohl Tsuras Blick den stämmigen Mann, der die Statur eines Ochsens hatte, fixierte, konzentrierte er sich auch auf den Rest des eher kleinen Raumes. Eine junge Frau mit einem Tuch, dass sie sich um den Mund gebunden hatte, beäugte Tsura missträuisch. Sie stand gegen die rechte Wand gelehnt und ließ ein Wurfmesser mit filigranen Fingerbewegungen über ihre Hand wandern.
Und die Hand des hageren, schlanken Mannes mit der Glatze wanderte sofort zur Pistole, die in seinem Gürtel steckte, als er den Neuankömmling bemerkte. Er trug eine abgenutzte, dreckige Uniform, die Tsura keiner souminzischen Stadt zuordnen konnte, aber der Mann sah auch mit seiner blassen Haut so aus, als käme er nicht einmal von diesem Kontinent.
Der Schattengardist lächelte trotz der angespannten Situation. Alleine seine bloße Existenz schien dem Gesichtsausdruck der meisten Anwesenden nach eine Beleidigung zu sein. Aber dennoch handelte niemand hastig. Der Anführer der kleinen Gruppe, der am großen Tisch saß und an einem Hühnchenschenkel knabberte, schaute seelenruhig zu Tsura hoch und nickte ihm zu.

„Hab ich dich“, sprach Tsura lächelnd und setzte sich an die linke Tischkante.
Der Hüne leckte sich die fettigen Finger ab und strich sie sich an seinem verdreckten, grauen Leinenhemd ab.
„Ja“, antwortete dieser ruhig. Er griff nach dem Holzbecher und nahm einen tiefen Schluck. Er stellte ihn wieder ab, rülpste und blinzelte.
„Dieses Mal habe ich wohl gewonnen, Khyosei“, fuhr Tsura fort, als er merkte, dass der Hüne nichts mehr sagen würde.
„Einen Scheiß hast du, Ijin!“, brach der Kahlkopf aus, Tsura nahm ein Klicken wahr und sah, wie die Pistole auf seinen Kopf gerichtet wurde.
Er rührte sich nicht, sah nur langsam zu Khyosei, der seinen Gefolgsmann und den Gesetzeshüter nur desinteressiert beobachtete und sah wieder zurück zum Kahlkopf.
„Dir ist bewusst“, sprach Tsura ruhig. „Dass ich nicht blöd genug bin, hier alleine aufzukreuzen. Wenn du mich jetzt abknallst, werden meine Leute, die draußen stehen, einen Grund haben, euch zu töten. Dann schützt euch auch Shachyn Rhyucho nicht mehr.“

Tsura hoffte, dass sie ihm diese Lüge abkauften, denn in Shi-Zei, der Hauptstadt des Landes Souminzu hatte er keine Befehlsgewalt über die örtlichen Gardisten und es wäre zu auffällig, kostenintensiv und umständlich gewesen, Assistenten aus Dharynis mitzunehmen. Tsura versuchte möglichst selbstsicher und unerschrocken zu erscheinen und befürchtete, nachdem er eine Miene gezogen hatte, die dies möglichst ausdrückte, schon fast überheblich und arrogant zu wirken.
Der Kahlkopf verengte seine großen Augen. Er hatte weiß-graue Haut, eine große, hakenförmige Nase und sprach mit starkem Akzent. Und er nannte Tsura einen Ijin? Tsura war ein Ausländer, ja. Er stammte aus Lothay, der Insel südlich von Souminzu, doch der temperamentvolle Pistolenheld hier schien ohne Zweifel von Jenseits des Meeres zu stammen. Ein Tornischer, allen Anschein nach.
Erst jetzt hob Khyosei seine große, grobe Hand und deutete seinem Gefährten die Waffe zu senken, was dieser auch zögerlich und mit sichtbarem Widerwillen tat.

„Wie kommst du denn an diesen tornischen Kampfhund?“, fragte Tsura und atmete langsam aus, nachdem er die letzten Sekunden angespannt die Luft angehalten hatte.
Khyosei wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab, blinzelte und sah Tsura ins Gesicht. Seine glasigen, braunen Augen sahen leer und müde aus, aber der Schattengardist wusste, dass Khyosei nie zu unterschätzen war.
„Tamlock, ein Deserteur der tornischen Marine, hab ihn bei mir aufgenommen“, antwortete dieser. „Schießt sehr gut.“
Lächelnd steckte Tamlock seine Waffe wieder in den Gürtel. Er ist leicht zu kontrollieren, vermutete Tsura. Gib dem wilden Kampfhund ein Leckerli und er wedelt freudig mit dem Schwanz.
„Weiß er, was Ijin bedeutet?“
„Lieber Herr Shin“, begann Khyosei. „Ich glaube, du bist nicht zu mir gekommen, um mit mir über die Sprachkenntnise meines Gefährten zu plaudern. Was willst du?“
„Liegt das nicht auf der Hand? Ich nehme dich fest.“
„Mit welcher Berechtigung?“
Die dumpfe, tiefe Stimme hörte sich schon fast ausdruckslos an, fast wäre es nicht einmal eine Frage gewesen, hätte nicht etwas Neugier im Tonfall mitgeschwungen.
Tsura lächelte und seufzte.
„Ich gehöre zur souminzischen Schattengarde, ich brauche keine Berechtigung, um jemanden festzunehmen. Und mal davon abgesehen wirst du wegen Totschlag, Sabotage und Raub in ganz Souminzu gesucht.“
Khyosei rülpste erneut und hielt sich etwas zu spät die Handaußenfläche vor den Mund. Tsura presste die Lippen zusammen und drehte seinen Kopf zur Seite.
„Tschuldigung“, murmelte Khyosei. Es schien ihn also doch nicht im Geringsten zu interessieren, was Tsura sprach.

Die beiden Gefolgsleute hingegen sahen ziemlich aufgebracht auf – die junge Dame, die im Gegensatz zu ihrem Kamerad bestimmt aus Souminzu stammte, hatte inzwischen aufgehört mit ihrem Messer zwischen den Fingern zu spielen und hielt es die Klingenspitze zwischen Daumen und Zeigefinger, während sie Tsura mit kalten, grausamen Augen betrachtete und der Tornische ihn mit unheilvoller Vorfreude anlächelte.
Niemand sprach auch nur ein Wort, der Gestank des Rülpsers verflüchtigte sich und der Schattengardist sah wieder zu Khyosei herüber, abwartend und geduldig, stets lächelnd, doch seine Wangen schmerzten.
Was für eine Erlösung, als die junge Kellnerin mit einem Tablett in den Raum trat.
„Noch ein Bier, Herr Rhikio?“, fragte sie säuselnd und stellte das Tablett auf den großen Tisch, neben die Kerze, die den Raum erhellte.
Auf dem Tablett standen vier Holzbecher und ein Tonkrug.
„Danke“, antwortete Khyosei nickend und strich sich über seinen Kinnbart.
Die Kellnerin schenkte in jeden Becher ein und gab zuerst Khyosei, danach Tsura einen und zwinkerte dem Schattengardist dabei zu.
„Danke, Liebes!“, antwortete Tsura und sah ihr hinterher, als sie den Raum wieder verließ. „Süßes Ding, nicht wahr?“
Khyosei nickte und roch an seinem Bier. „Ja.“
„Rhikio nennst du dich hier also, was?“
„Mhm.“
„Die Leute scheinen dich hier ja wirklich zu schätzen.“
„Weshalb es sinnlos ist, mich einzusperren. Du hast nichts gegen mich.“
„Weil dich die Bürger Shi-Zeis schätzen?“, fragte Tsura spöttisch. „Die schätzen dich solange, bis du vor dem Richtblock kniest. Und dann werden sie dich für eine letzte, gute Vorstellung schätzen. Und dann… hat es sich für dich ausgeschätzt. Schätze ich.“
Meine Güte, dachte Tsura und schalt sich innerlich für sein grausiges Wortspiel.
„Halt’s Maul!“, fauchte Tamlock. „Wenn du noch einmal das Wort „schätzen“ in dein dummes Maul nimmst, dann schieß ich dir dein verdammtes Maul weg!“
„Ganz ruhig, Großer!“, sprach Tsura beschwichtigend und sah dann Khyosei mit gespieltem Entsetzen an.
„Ich schätze, du solltest deinem Kampfhund einen Maulkorb anlegen, Khyosei.“
Khyosei ging nicht darauf ein, musste es auch gar nicht, denn Tamlock schien nur zu bellen, jedoch nicht zu beißen. Der Große sprach stattdessem da weiter, wo er aufgehört hatte.

„Es ist sinnlos, weil Shachyn Rhyucho mich schätzt. Du magst mich festnehmen, aber ich werde wieder freikommen. Er schuldet mir noch einen Gefallen oder zwei.“
Tsura zuckte mit den Schultern und machte ein wehleidiges Gesicht.
„Ich gehe nur meiner Aufgabe als treuer Gesetzeshüter nach. Wenn du frei kommst, dann geht das Spiel weiter und ich buchte dich wieder ein.“
Erst jetzt verzog Khyosei sein Gesicht.
„Wieso, wenn du weißt, dass es nichts bewirkt?“
Tsura legte sein Lächeln ab und schaute am Tisch hinab ins Leere, dachte nach.
Ja, wieso eigentlich, fragte sich Tsura.
„Ich habe dich schon einmal gefangen genommen“, antwortete er schließlich. „Aber nur einen Tag später bist du mir ausgebüchst.“
Khyosei lächelte.
„Ich habe deinen Assistenten getötet. Hat gequiekt wie ein Schwein dabei. Hat auch so geschmeckt, hab ihn nach Kyoshi-Art zubereitet, mit scharfen Pfefferschoten und in Reisweinsoße.“
Tsuras Gesicht verdüsterte sich.
„Ja, das hast du wohl“, entgegnete er mit fester Stimme.
„Und irgendwann, bei Jôtei, das schwör ich dir, wirst du dafür und für all deine anderen Vergehen bezahlen.“
„Irgendwann, ja“, bestätigte Khyosei und hob seinen Becher.
„Trinken wir darauf und dann kannst du mich abführen. Tamlock, Hira, nehmt euch gefälligst auch einen Becher, hier trinken alle mit!“
Die beiden taten wie ihnen gehießen wurde und hoben ihren Becher ebenfalls feierlich an, ihre Mienen blieben dabei jedoch steinhart.
„Auf meine gerechte Strafe!“, grölte Khyosei und trank seinen Becher mit großen Schlücken aus. Tsura lächelte und nahm ebenfalls einen Schluck aus seinem.
Auf deine gerechte Strafe, dachte er. Bald wirst du sie erhalten.
„PAAAH!“, brüllte Khyosei und knallte seinen Becher wieder auf den Tisch, stand daraufhin auf und sah auf Tsura hinab.
„Auf was wartest du, Schattengardist? Trink aus und lass uns gehen! Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit!“
Als Tsura den Räuberhäuptling grinsen sah, erwiderte er das mit einem schiefen Lächeln, trank aus und erhob sich.

Hier geht’s zu Teil 2

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