Wiedergeburt (Teil 2/3)

Die Prachtstraße von Shi-Zei war die einzige Straße, die durch und durch sauber war, nicht stank und durch die schönsten Häuser der Stadt oder zumindest dessen Frontfassaden geziert wurde. Auf eben jener Straße ging Khyosei mit gefesselten Händen vor Tsura Shin her, welcher, die linke Hand an der Schulter des Verbrechers, die andere am Knauf seines Schwertes. Khyosei hatte sich nicht gewehrt, als der im Vergleich zu ihm geradezu schmächtige Tsura ihm die Handfesseln angelegt hatte. Zuvor hatte er seine Kameraden angewiesen, die Stadt zu verlassen, mit der Begründung, er könne nicht für ihre Freiheit garantieren, aber da war etwas in Khyoseis Stimme, das Tsura hellhörig werden ließ. Der Schattengardist hatte einen Grund, weshalb er den Umweg zur Prachtstraße in Kauf genommen hatte – die Straßen hier waren selbst in der Nacht beleuchtet und durch Wachleute geschützt. Man konnte in dem dichten Nebel zwar keine zwanzig Schritte weit sehen, abgesehen von dem dämmrigen Licht der nächsten Straßenlaterne und daher schien selbst die Sicherheit der großen, breiten Straße trügerisch, aber bei jedem anderen Weg wären Tsura und sein Gefangener höchstwahrscheinlich gefährlichen Kriminellen über den Weg gelaufen. Und nicht einmal zwangsläufig Leuten von Khyosei.

Beide schwiegen den Weg über, Khyosei, der in stoischer Ruhe mit dem Blick sicheren Schrittes weiterging und Tsura, der vorsichtig in jeden Gasseneingang spähte, ab und an anhielt, wenn er entfernte Schritte hörte oder eine Person – bislang zu seinem Glück nur Einheiten der Garde – aus dem Nebel traten.

„Wo sind deine Gardisten?“, war die einzige Frage, die Khyosei gestellt hatte, nachdem sie das Gasthaus verlassen hatten, doch Tsura hat ihn nur angelächelt und nach vorn gestoßen.

Es waren zu dieser Zeit kaum noch Bürger auf der Straße, Trunkenbolde und Herumtreiber wurden in der Regel von den Patroullien der Stadtwache zurück in die Gassen gescheucht, aus der sie kamen. Da reisende Händler, Politiker und andere vornehmere Besucher der Stadt meist keinen Grund hatten, sich jenseits der Prachtstraße aufzuhalten, wollte man die Maske der prunkvollen Hauptstadt der großen Nation Souminzu auftrechterhalten, indem man zumindest diesen Teil Shi-Zeis mit pedantischer Gründlichkeit in Ordnung hielt. Die Stadt der Diebe, so dachte Tsura, hat schließlich einen Ruf zu verlieren.

Eine Laterne tauchte nach der anderen auf und nach einer guten Viertelstunde sah Tsura in der Ferne, wobei diese schlecht abschätzbar war, mehrere Lichter auf erhöhter Ebene flackern.
„Der Palast“, bemerkte Khyosei.
„Scharf bemerkt“, kommentierte Tsura trocken.
„Auch wenn man nachts nur die Lichter sieht“, fuhr Khyosei fort und blieb stehen. „Ein prachtvoller Anblick, was meinst du?“
„Sei still und geh weiter“, antwortete Tsura barsch und gab Khyosei mit einem Stoß die Anweisung, weiterzugehen. Dieser bewegte sich durch den Stoß kein bisschen, drehte sich nur langsam um und sah Tsura zwar mit lächelndem Mund, aber kaltem Blick an.
Durch das Licht der Laterne, die neben ihnen stand, wurde jede Falte, jede Hautunreinheit und vor allem jede Narbe – und es waren viele – des Räuberhauptmanns deutlich sichtbar.
Tsura versuchte die Fassung zu wahren und erwiderte den Blick mit seinen grauen, stechenden Augen.
„Ich könnte dich trotz meiner Fesseln hier und jetzt töten.“
„Kannst du gerne versuchen“, antwortete Tsura mit ruhiger, kühler Stimme und hielt dem Blick des Hünen stand. „Dann hätte ich eine gute Begründung für’s Protokoll, dir die Eingeweiden mit meinem Tanto zerfetzt zu haben. Tu mir doch den Gefallen.“
Khyosei tat nichts, außer seinen Kopf leicht zur Seite zu neigen und den Schattengardist wie ein Raubtier seine Beute beäugt zu betrachten.
Sein Grinsen wurde breiter und entblößte eine Reihe großer Zähne. Tsura erinnerte sich daran, wie Khyosei damit in den Nacken seines Assistenten gebissen hatte und das Blut zwischen den Zähnen dunkelrot und dickflüssig herausquoll, während Tsura selbst noch im Kampf mit einem Räuberschergen verwickelt war. Die grausige Ablenkung hätte ihm damals beinahe ebenfalls das Leben gekostet.
Er unterdrückte den Drang zu schlucken und damit die verräterische Bewegung seines Kehlenschildknorpels zu verhindern.
Khyosei drehte sich wieder um und Tsuras rechte Hand, die bis gerade eben den Griff des Kurzschwerts so stark gedrückt hatte, dass jetzt deutlich spürbar wieder warmes Blut durch die Finger floss, entspannte sich wieder, behielt aber ein taubes Gefühl.
„Nein“, meinte Khyosei. „Regeln wir das ordentlich.“

Sie sprachen kein Wort mehr und auch auf der Straße begegneten sie keiner Menschenseele mehr. Tsuras Herz hörte einfach nicht auf, wie wild zu schlagen und er erwartete, dass jederzeit ein Bolzen aus der nächsten Gasse geflogen käme, der ihn töten würde, doch nichts dergleichen geschah. Erst jetzt, da alles nach seinem Plan verlief, fragte sich Tsura, ob Khyosei ein Spiel mit ihm trieb – dabei hatte dieser ja schon erwähnt, weshalb er sich so sicher fühle. Wegen seiner freundschaftlichen Beziehung zu Shachyn Rhyucho, die ihn seiner Meinung nach garantiert wieder aus dem Kerker holen würde.
Die Hinrichtung wird früher geschehen, noch bevor Shachyn Rhyucho zurückkehrt und ein gutes Wort für seinen Freund, den Verbrecherlord einlegen kann, sprach sich Tsura zu.

„Moment“, sprach Tsura und nun blieb er stehen. „Hier stimmt was nicht. Was ist mit der nächsten Laterne?“
Das nächste Licht war viel zu weit entfernt, als wären die Laternen zur rechten und linken Straßenseite, die als nächstes erscheinen sollten gar nicht entzündet – oder gelöscht worden.
„Was soll damit sein?“, brummte Khyosei.
„Woher soll ich das wissen?“
Tsura zog seine Klinge aus der Scheide.
„Langsam. Weiter.“
Khyosei gehorchte Schulterzuckend und ging weiter.
Der Nebel schien mit dem fehlenden Licht dichter und schon fast greifbar zu sein.
„Was geht hier vor?“, fragte Tsura, hob seine Klinge leicht an und führte Khyosei wie einen Schild vor sich. Er hörte seinen Gefangenen amüsiert grunzen.
„Du siehst Gespenster.“
Und tatsächlich zeichneten sich zwei Gestalten wie formlose Schemen im Nebel ab und kamen näher.
„Keinen Schritt weiter!“, rief Tsura mit fester Stimme und setzte die Klinge an die Kehle Khyoseis.
„He, vorsichtig damit!“, beschwerte sich dieser. Hatte er die Gestalten nicht bemerkt?
Tatsächlich blieben sie stehen und schienen in der Dunkelheit wieder zu verschmelzen. Nichts rührte sich.
„Wer seid ihr? Antwortet und gebt euch zu erkennen, sonst schneide ich Khyosei die Kehle durch!“
„Wenn wir uns zu erkennen geben wollen“, antwortete eine kratzige, kehlige Männerstimme.
„Dan müssen wir aber einen Schritt weiter!“
„Na schön, aber nur einen Schritt – oder zumindest so viele, dass ich euch sehen kann. Und keine schnelle Bewegung! Eine bedrohliche Geste und…“
Er spürte kaltes Metall auf seinem Nacken, der einen eisigen Schauer über seinen Rücken jagte. Die beiden Gestalten vor ihm traten vor – eine mit einer Armbrust, direkt auf ihn gerichtet, die andere mit einem Ninjato, dessen kurze Klinge im Laternenlicht aufblitzte. Beide waren in Lederrüstungen gekleidet, trugen Kopftücher, welche bis auf die Augen das ganze Gesicht abdeckten und ihre Gesten schienen mehr als bedrohlich zu wirken.
„Und was?“, fragte die Gestalt mit dem Ninjato, die wohl auch vorhin die Stimme erhoben hatte.

„Meister, soll ich ihn töten?“, fragte eine rauchige Stimme hinter Tsura und er spürte, wie das kalte Metall, offenbar äußerst spitz, enger an seine Haut gedrückt wurde.
„Wenn ihr mich tötet, dann ist es aus mit der Neutralität, ihr Narren…“, knurrte Tsura.
„Halt deine Stimme unten, dich hat niemand gefragt!“, hauchte die Person hinter ihm.
„Und wenn ihr nicht sofort die Waffen senkt“, fuhr Tsura einfach fort, wobei seine Stimme sich überschlug. „Wenn ihr sie nicht sofort senkt, schneide ich ihm die Kehle durch! Ich meine es ernst!“
Ein kratziges Kichern ertönte aus Khyoseis Richtung.
„Wenn du das tust“, sprach dieser mit einer beunruhigenden Belustigung in der Stimme. „Dann werden wir uns in wenigen Augenblicken in der Hölle wieder sehen, Tsura.“
Tsura spürte, wie ihm das Herz bis zum Halse schlug und sich feine Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten.
„Ich lass es drauf ankommen. Pfeif sie zurück, Khyosei und du wirst ein ordentliches Gerichtsverfahren bekommen, statt auf offener Straße wie ein Schwein hingerichtet zu werden.“
Für eine gefühlte Ewigkeit rührte sich niemand und niemand sprach etwas. Tsura überlegte, ob er überhaupt noch dazu in der Lage wäre, den Verbrecher mit in den Tod zu nehmen, wenn dieser den Exekutionsbefehl geben würde…

Hier geht’s zum Finale…

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