„Mein INTP funktioniert nicht mehr“ – Warum dieser Persönlichkeitstyp so unorganisiert ist

Ich habe lange Zeit nichts mehr von mir hören lassen – zumindest abseits der Kommentarfunktion, was auch daran lag, dass es bei mir Anfang 2018 Nachwuchs gab, was mein Leben hier und dort ganz schön umgekrempelt hat. In Retrospektive gab mir das auch einige interessante Erkenntnisse.

Ich hätte mich nicht direkt als unorganisiert bezeichnet, aber auf Außenstehende muss ich wohl häufig genau diesen Anschein machen – und da es in dieser Serie vor allem um die Fremdwahrnehmung von INTPs geht, was davon tatsächlich wahr ist, woran es liegt und was man dagegen tun kann, dachte ich mir, dass ich mich diesem Aspekt meines Persönlichkeitstypes einmal widme.

Ich habe in diesem Beitrag bereits schon erklärt, dass (und warum) NP’s Probleme damit haben, räumliche Ordnung zu halten, was für viele schon Grund alleine ist, uns als unorganisierte Chaoten abzutun. Es hört hier allerdings nicht auf. Alleine ein angeregtes Gespräch mit uns kann schon zu Überforderung führen und das liegt nicht an etwaiger Tiefsinnigkeit, für die wir uns gerne und oft fälschlicherweise rühmen, sondern einfach daran, dass unsere Gedanken (NE-bedingt) sehr sprunghaft sind und wir das unsere Gesprächspartner, wenn wir nicht aufpassen, auch direkt mitbekommen lassen. Wir könnten gerade noch über unser letztes Kinoerlebnis gesprochen haben und im nächsten ganz unvermittelt über Politik sprechen, um dann wieder einen Bogen zu gemeinsamen Anekdoten aus der Vergangenheit zu schlagen und das in einem Tempo, dem nur schwer zu folgen ist, vor allem, da noch weitere Sprünge in unserem Kopf geschehen – und das ist der springende Punkt (no pun intended), von denen unser Gesprächspartner überhaupt nichts mitbekommt. Sicher, jeder Mensch macht Gedankensprünge, aber ich wage einmal zu behaupten, dass NTPs geradezu hyperaktiv sind, was das angeht.

Hier kann es für den INTP hilfreich sein, sein extrovertiertes Fühlen etwas stärker zu benutzen und das „Tempo“ anzupassen. Eigentlich sieht man schon schnell am Gesichtsausdruck des Gegenübers, ob es einem folgen kann oder nicht. Und wenn man, wie ich, nicht besonders gut darin ist, Gesichtsausdrücke zu lesen, dann kann man auch immer mal wieder Zwischenfragen einwerfen, wie: „kannst du mir folgen?“ oder „weißt du, was ich meine?“
Die Sache ist nämlich die, dass die schnellen Wechsel von einer zur nächsten Idee häufig gar nicht beeindruckend auf andere wirken, sondern eher das Gefühl vermitteln, dass der INTP selbst nicht so richtig weiß, was er eigentlich vermitteln will. Wenn man hier einfach mal auf die Bremse tritt, kann das hilfreich sein, denn manchmal ist dieser Eindruck nicht völlig ungerechtfertigt und das Tempo zu drosseln, kann auch den ständig halb ausformulierten Sätzen vorbeugen, die nicht beendet werden, weil immer noch ein Nebensatz eingeschoben werden muss, um… ihr versteht, was ich meine. Mehr Punkt, weniger Komma.

Darüber hinaus haben wir öfters Mal Probleme mit Terminen. Zeit ist etwas, worüber wir keine direkte Kontrolle haben, weshalb wir Zeit manchmal sehr negativ betrachten.

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Deshalb ist dieses Spiel auch so viel besser als StarCraft…

Unterbewusst sind INTPs nämlich entgegen ihres Verhalten anderen gegenüber enorme Kontrollfreaks, allerdings nur, was sie selbst betrifft. Und Termine schneiden hier enorm in diese Kontrolle ein: wenn man um 09:00 Uhr einen Arzttermin hat, dann bedeutet das, dass man um 09:00 Uhr förmlich zu einer bestimmten Handlung von außen gezwungen wird und alle Optionen, zu dieser Zeit etwas anderes zu tun, verfallen. Dieser Gedanke ist so dermaßen unangenehm, dass wir ihn gerne verdrängen und ergo zum benötigten Zeitpunkt vergessen. Man sagt hier häufig: „Na, dann benutze doch einen Kalender oder eine Erinnerung übers Handy!“, aber zurecht erwidern wir INTPs daraufhin, dass wir ein gutes Gedächtnis hätten und keine Erinnerungen bräuchten. Ja, haben wir. Aber wir sind auch sehr gut darin, aktiv zu vergessen. Hört sich blöd an? Ist es auch. Deshalb ist der banale Ratschlag einer Erinnerung übers Handy oder den Kalender auch nicht verkehrt. Und lieber INTP – wenn dein Stolz dadurch verletzt wird, dann erinnere dich daran: du machst das nicht, weil dein Gedächtnis beschränkt ist, die Erinnerung ist nur etwa genau das selbe wie du, wenn du deinem übergewichtigen Kumpel, bevor er sich einen Hamburger mit extra Bacon kaufen will, sagst: „Sicher, dass du den willst? Bist du nicht schon fett genug?“ – er weiß es, er hat es nur „aktiv vergessen“.

Auch unser äußeres Erscheinungsbild lässt schnell vermuten, dass wir nicht sonderlich organisiert sind und demnach schlossfolgern die Leute auch schnell: „Wenn er sich nicht einmal um seine Haare kümmern kann, wie kann man ihm dann wichtigere Aufgaben anvertrauen?“ – Gerade deshalb: Prioritäten. Niemand sollte unglücklich darüber sein, wenn meine Haare ungekämmt ist, allerhöchstens meine Eitelkeit. Wir INTPs kümmern uns lieber um Dinge, die für uns relevant sind. Ihr schätzt uns dafür, dass wir nicht oberflächlich sind? Dann verlangt doch bitte auch nicht von uns, oberflächlich zu sein. Und wenn wir drei Tage lang das selbe Oberteil tragen, aber weder stinken, noch schmutzig sind, dann gibt es doch wirklich nichts zu meckern, oder? Klar, es gibt bestimmte Anlässe, zu denen von dieser ominösen Allgemeinheit (habe sie noch nie persönlich kennen gelernt) erwartet wird, sich besonders schick zu machen, aber sehen wir mal bitte davon ab.

Das waren nun allerdings alles Punkte, die uns INTPs nur bedingt an uns selbst stören. Ich behaupte mal, dass die für uns wirklich relevanten Termine auch nicht vergessen werden, selbst ohne Erinnerung. Was uns viel mehr schlaucht – und wo wir selbst auch sagen würden, dass wir tatsächlich sehr unorganisiert sind, ist unsere Inkonsistenz. Wie alle NP-Typen haben wir die Neigung dafür, uns schnell für Dinge zu begeistern, aber das Interesse auch wieder rasch fallen zu lassen. Und das hat mich wirklich gestört – ich wollte Dinge anfangen und zur Abwechslung auch mal dran bleiben. Zumindest für INTPs meine ich, dafür ein Gegenmittel gefunden zu haben. Jedenfalls funktioniert es bei mir.

Nehmen wir das leidige Thema des Wassertrinkens. Wir alle müssen es tun und wie wir auch eigentlich alle wissen, mindestens um die 2 Liter am Tag. War für mich unvorstellbar, das zu tun, bevor mir die Fingergelenke geschmerzt haben, was für mich als Musiker nicht unbedingt optimal ist. Ich habe dann gezwungenermaßen angefangen, wieder mehr zu trinken, bis die Schmerzen weg waren. Und dann hat sich das wiederholt. Wenn die Not also nicht da war, hab ich’s nicht gemacht. Warum? Weil ich wieder alles meinem Kopf überlassen habe und es mir zu anstrengend war, mir zu merken, wie viel ich schon getrunken habe. An einigen Tagen konnte ich es, an anderen habe ich es wieder vergessen. Und dann habe ich die Tage miteinander verwechselt. Es ging – wie im vorigen Punkt – also wieder gewissermaßen um meinen Stolz, mich dazu „herabzulassen“, mich Hilfsmittel zu bedienen und nicht alles meinem Kopf alleine zu überlassen. Ich habe mittels einer Excel-Tabelle angefangen, Statistiken zu führen. Und ich habe festgestellt, dass ich Statistiken mehr liebe, als zuvor angenommen – wer kann schon sagen, wie viel Wasser er im Durchschnitt pro Tag zu sich nimmt? (2,4 Liter!)

Ich habe das quasi das gesamte vergangene Jahr gemacht – nach einer Weile wurde auch das anstrengend, ich habe es aber weitermachen können, da es mir zu einer Gewohnheit wurde. Ich habe mir also gedacht, ich könne das Wassertrinken auch zur Gewohnheit machen und mit der japanischen Wasserkur angefangen. Ich werde nicht im Detail darauf eingehen, was das jetzt wieder ist, jedenfalls trinkt man da zu bestimmten Zeiten vor dem Essen bestimmte Mengen und danach erstmal gar nichts mehr. Ich habe mir das jetzt so angewöhnt und trinke meine 2,4 Liter sehr zuverlässig, ohne, dass ich dabei Hilfe brauche, weil es mir zur Gewohnheit wurde. Ich hätte es aber bestimmt nicht so einfach ohne den Statistiken geschafft. Das selbe gilt für mein Üben. Als Musikschullehrer, der Klavier, E-Bass und (E-)Gitarre unterrichtet und dazu noch für sich selbst mit Gesang angefangen hat, gibt es wahrlich genug zu üben, für meinen eigenen Geschmack bin ich in keinem der Instrumente gut genug, aber trennen will ich mich von keinem. Wenn man dann am Tag im Schnitt weniger als 2 Stunden übt, dann muss man kein harter Kritiker sein, um zu sagen: für einen Berufsmusiker ist das zu wenig. Auch hier haben meine Statistiken mir enorm geholfen. Wenn es 21:00 Uhr ist und auf meiner Liste popelige 30 Minuten stehen, dann weiß ich, wofür nun Zeit ist: Kopfhörer aufsetzen und Gitarre üben. Manchmal zwingt man sich dazu, weil man keine Lust hatte, wenn man aber erst dabei ist, ist es viel angenehmer als erwartet. Und meistens lag es nicht einmal daran, ich hatte nur einfach noch andere Dinge im Kopf. Die Statistiken sagen einem die ungeschönte Wahrheit, die wir INTPs so sehr schätzen: du hast diese Woche einen Übedurchschnitt von 3,5 Stunden. Jetzt beginnt das Wochenende und du hast wieder mehr Zeit. Wenn du deinen Schnitt von 4 Stunden halten willst, dann tu was dafür.

Natürlich gehört mehr zum Üben, als einfach nur die Zeit abzusitzen und es sollte auch nicht darum gehen, hinterher sagen zu können, wie viel man geübt hat, weil es viel mehr auf das wie ankommt, aber was ich letztlich sagen will: Statistiken haben mir enorm geholfen, mehr Transparenz und dementsprechend mehr Organisation in mein Leben zu bekommen. Mit einem kleinen Sohn wurde Zeit zu einer zunehmend wichtigen Ressource und ich musste lernen, besser damit umzugehen. Das Aufschreiben kostete Zeit, ja, aber nur sehr wenig, verglichen mit der Energie, die ich bisher immer aufwenden musste, mir zu merken, was ich schon alles getan habe. Ich habe es auf viele andere Bereiche des Alltags ausgeweitet – meistens habe ich die Statistiken auch nicht all zu lange geführt – ich habe mich darum gesorgt, Gewohnheiten anzutrainieren, also bestimmte Tätigkeiten zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten auszuführen, was sich ziemlich J-typisch anhört, aber dennoch machbar für mich war und mir letzten Endes sehr half. Mittlerweile bekomme ich selbst von J’lern (teilweise fragwürdige) Komplimente, wie ich mit meiner Zeit umgehe und würde mich mittlerweile, ohne mit der Wimper zu zucken, als organisiert bezeichnen. Meine Zutaten waren dafür, um es noch einmal zusammenzufassen, geführte Statistiken, antrainierte Gewohnheiten und das Anzapfen und „Kultivieren“ meiner Sturheit. Ja, ich bin nicht mehr ganz so frei mit meiner Zeit, wie zuvor. Aber ich weiß sie mehr zu schätzen und fange schlussfolgernd mehr damit an. Außer, was den Blog angeht. Eigentlich hätte ich vor einer halben Stunde anfangen sollen, Gitarre zu üben.

 

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