Intovertiertes Fühlen

Dieser Blogeintrag ist anders. Denn er wird nicht von Sam, sondern von mir,
seiner Frau geschrieben. Das ist auch der Grund dafür, dass er erst so spät
auftaucht. Sam dachte aber, dass es passender sei diesen Eintrag von einem
introvertierten Fühler schreiben zu lassen, in diesem Fall von einer INFP.
Introvertiertes Fühlen, oder kurz FI (englisch: Feeling Introverted) ist die
Funktion, welche sich auf die eigene Emotionalität bezieht. Sie ist am meisten
ausgeprägt bei den Typen ISFP und INFP und steht an zweiter Stelle bei den
extrovertierten Pendants: ESFP und ENFP.

Individualität des FI

„Menschliche Leidenschaften haben mysteriöse Wege, bei Kindern und
Erwachsenen. Diejenigen, die von ihnen betroffen sind, können sie nicht erklären,
und diejenigen, die sie nicht kennen, haben gar kein Verständnis dafür.“
-Michael Ende, Die Unendliche Geschichte

Das schwierige daran FI zu erklären ist, dass jeder Introvertierte Fühler sein
eigenes FI so individuell wahrnimmt. Es fällt Ihnen daher schwer ihre Gefühle
nach außen zu übersetzen. Das heißt nicht, dass sie keine Emotionalität nach
außen tragen. Emotionalen Reaktionen können sehr heftig und überraschend,
sowohl für den Gegenüber als auch für den FI’ler selbst, herausbrechen. Es
genügt FI’lern aber häufig nicht einfach zu sagen: „Ich bin traurig“. Viel eher
wird er oder sie ihren Gemütszustand vielleicht beschreiben mit: „Heute fühle
ich ich mich als wäre es ein grauer Herbsttag. Eigentlich noch nicht richtig
kalt, aber weil es so farblos ist, friert man trotzdem.“ So wie im oben
angeführten Zitat von Michael Ende fällt es schwer, sich dem introvertierten
Fühlen zu nähern, das eher einem Flaschengarten, einem geschlossenen
Ökosystem ähnelt. Darin wachsen Leidenschaft, Moralvorstellungen und
Mitgefühl.
Dieses Ökosystem macht jeden FI’ler sozusagen zu einer eigenen Kreatur. Die
in seinem Innern verankerten Moralvorstellungen kann der FI’ler selbst so
schwer überwinden, wie ein Fisch einen Baum hochklettern kann. Zwar
werden manche von ihnen durch Lebensumstände dazu gezwungen ihren,
oftmals sehr anspruchsvollen Moralkodex zu verbiegen. Das stellt für sie
jedoch einen enormen emotionalen Stress dar.
Gleichzeitig entfacht FI aber auch das, was man als Leidenschaften bezeichnen
kann. Das kann eine ausgeprägte Liebe zu Romanen, Märchen und
Lyrik (typisch für INFP) oder zur Kunst, Tanz, Musik (typisch für ISFP) sein.
Neben diesen dem Klischee entsprechenden Beispielen kann FI aber auch
Leidenschaft für alle möglichen Themen entwickeln. Selbst für Dinge, die
anderen absolut mondän erscheinen. So kenne ich etwa eine ISFP, die sich für
Metallbearbeitung begeistert. Für die glänzenden Formen und wie
unterschiedlich Materialien sich verhalten, wenn sie aufeinander treffen. Sie
könnte tagtäglich darüber sprechen, wie kleinste Zahnräder sich in einer
Maschine bewegen und sich dann ein Fräser über mehre Ecken zu ihnen
bewegt. An sich könnte man sagen, es sei ein recht uninteressantes Thema.
Aber ihre Faszination, wenn Sie darüber spricht. lässt mich immer gespannt
zuhören.
Man könnte also vielleicht sagen, das man FI in einer Person am Besten
beobachten kann. wenn man sie über ihre Leidenschaften sprechen oder sie
direkt ausleben lässt.

Ähnlichkeit zu Introvertiertes Denken
Introvertiertes Denken nimmt die sachlichen Kategorien, mit der unsere Welt
oberflächlich geordnet wird auseinander und prüft sie auf ihre logische
Konsistenz. Introvertiertes Fühlen nimmt die gesellschaftlichen Kategorien
mit der unsere Sozialstruktur oberflächlich geordnet ist auseinander und prüft
sie auf ihre moralische Konsistenz. Insofern haben TI und FI eben doch viel
gemeinsam. So zum Beispiel, dass sie von ihrem extrovertiertem Gegenpart
gerne als nerviger, pedanter Klotz am Bein wahrgenommen werden.

Unterschied zu extrovertiertem Fühlen
Die größten, schmerzhaften und am längsten andauernden Konflikte hatte ich
nicht mit Denkern, sondern mit FE’lern. Ein FE und ein FI Benutzer können
jahrelang Bekannte, Freunde, ja sogar Familienmitglieder sein ohne, dass ein
Konflikt zwischen ihren entsteht. Wenn allerdings der Tag kommt, an welchemder
ahnungslose FE’ler über die unsichtbare Grenze der Moralvorstellung des
FI’lers tritt, wird er sich wohl vorkommen, als sei er gerade auf einer Tretmine
gelandet. Nun wird diese extrovertierte Person unverständlich reagieren, wenn
ihr sonst so einfühlsames, ruhiges und aufopferungsbereites Gegenüber sich
in eine Art wilde Bestie verwandelt, die einen bestimmten Standpunkt
bitterlich verteidigt, ohne auf die Gefühle irgendeiner anwesenden Person zu
achten. Das passiert, wenn ein FI’ler bisher nur nebulöse oder gar keine
Informationen über bestimmte Teile seiner inneren Gefühlswelt preisgegeben
hat.
Es kann aber auch zu Problemen zwischen FI und FE kommen, wenn offen
über Gefühle, Leidenschaft, Moral und Empathie gesprochen wird. Das liegt
daran, dass FI und FE sich wie magnetische Pole verhalten, die an sich beide zu
einem Gegenstand gehören, sich aber gegenseitig abstoßen. Sowohl FI als
auch FE fühlen intensiv mit anderen Menschen. Während FE sehr gut darin ist,
die Stimmung in Gruppen aufzufassen und zu verändern, kann sich FI in einen
einzelnen Menschen quasi hinein graben und dabei alles andere ausblenden.
FE versteht unter Aufopferungsbereitschaft individuelle Bedürfnisse zu
Gunsten der Gemeinschaft zurückzustecken. FI versteht darunter, mit aller
Kraft Gemeinschaft aufzubrechen, wo sie dem einzelnen keinen Freiraum für
Individualität lässt. Der Albtraum von FE ist, dass jeglicher sozialer
Zusammenhalt verloren geht und die Welt im Chaos versinkt (zB. „The Road“
von Cormac McCarthy). Dagegen ist die absolute Horrorvorstellung von FI ein
totalitärer Überwachungsstaat in dem kein Patz für Individualität bleibt (zB.
„1984“ von George Orwell.)

Ist FI egozentrisch?
Das werden FI Benutzer nicht gerne hören. Auch ich habe lange Zeit mit der
ehrlichen Antwort auf diese Frage gekämpft. Denn ja, FI ist egozentrisch. Und
wie! Lasst mich erklären.
Wie alle introvertierte Funktionen ist FI zutiefst subjektiv. Am leichtesten fällt
es mir vielleicht, introvertiertes Fühlen mit einer kleinen Analogie zu beschreiben. In unserem Wohnzimmer hängen mehrere Akustikgitarren. Wenn über unsere Boxen ein
bestimmter Ton abgespielt wird, gibt es in diesen Gitarren eine Resonanz und
sie beginnen selbst zu schwingen. Dabei geben sie einen eigenen Ton von sich
der natürlich von ihrem eigenem Resonanzkörper geprägt ist. Er wurde zwar
durch die Boxen ausgelöst, was aber in ihm für ein Ton entsteht, ist etwas ganz
eigenes.
Ähnlich verhält es sich mit FI. Es greift Gefühle auf, nimmt sie wahr und
reagiert darauf. Was FI dann aber fühlt, sind eigene Gefühle, nicht die des
Anderen. Daher kann FI auch nur Fühlen, was innerhalb der eigenen Palette
von Gefühlen existiert und reagiert mit völligem Unverständnis darauf wenn
jemand anders etwas fühlt, das außerhalb dieser Palette liegt (besonders oft
kommt das bei tertiären und quartären FI’lern vor). Da introvertierte
Fühler (primäre und sekundäre) zwar häufig eine sehr ausgeprägte Gefühlswelt
aufweisen, fällt das nur selten auf. Wenn es jedoch passiert, ist der Fall häufig
umso gravierender, da von ihnen eine ausgeprägte Einfühlsamkeit erwartet
wird.
Was ist daran egozentrisch? Nun, im Grunde genommen wird ein FI Benutzer
im Zweifelsfall zunächst seine eigenen Gefühle wahrnehmen. Wenn, um auf das Beispiel mit der Gitarre zurückzugreifen, das Instrument bereits selbst schwingt, wird es nur schwer einen anderen Ton resonieren können. Außerdem neigen introvertierte Fühler
dazu, wortwörtlich alles, was ihnen ein anderer Mensch erzählt, an sich selbst
und den eigenen Erfahrungen zu messen. In diesen Situationen zeigt sich die
egozentrische Natur eines FI Benutzers deutlich.
Warum haben FI Benutzer ein Problem damit egozentrisch zu sein? Das liegt
daran, was introvertierte Fühler eigentlich erreichen möchten.

Was wünscht sich FI?
Introvertiertes Fühlen möchte in erster Linie das eigene Fühlen entdecken und
ausleben. Gleichzeitig möchte es dieses Fühlen dann in der Welt für sich und
andere teilen und sichtbar machen. Es strebt aber nicht nur nach der eigenen
Individualität, sondern möchte diese auch in Anderen unterstützen. Wenn nun
also behauptet wird FI sei egozentrisch, stößt das introvertierten Benutzer aus
diesem Grund natürlich sauer auf. Denn sie möchten zwar einen Platz für ihre
eigene Gefühlswelt einnehmen, aber sie wollen das auch für andere. Daher ist
FI zwar egozentrisch, das ist aber eine Art unnötiges Übel und ehrlich und
absolut für alle Menschen einen Platz schaffen zu können in dem sie sich als
Ganzes ausleben können. Sie geben also dem Egozentrischen Dasein an sich einen
Sinn.

Nachteile von FI
Bereits angesprochen wurde das Problem von Introvertierten Fühlern, ihr
Innenleben nach außen zu transportieren. Es gibt verschiedene Faktoren die
dieses Problem noch verschärfen. Zum einen haben es vor allem tertiäre und quartäre
FI’ler natürlich schwieriger, ihr FI zu verstehen und zu übersetzen. Zum
Anderen gibt es auch Äußere Einflüsse, die das Problem verstärken können.
Etwa wenn ein Introvertierter Fühler in einem Land aufwächst, in dem seine
Muttersprache nicht gesprochen wird oder seine Art zu kommunizieren (zB.
durch Musik und Kunst), von seinem sozialem Umfeld unterdrückt wird. Sollte
dieses Problem der Kommunikation zu groß werden, kann das bei einem
Introvertiertem Fühler Depressionen oder auch Aggressionen auslösen.
Überhaupt können introvertierte Fühler ihre Gefühle schlecht kontrollieren. So
kann es zu unpassenden Zeiten passieren, dass ihnen der Gesichtsausdruck
entgleist oder ihre Gefühle plötzlich aus Ihnen herausbrechen, wie das Wasser
aus einem berstenden Staudamm. Gerade im professionellem Kontext stellt
das ein großes Hindernis da. Denn im Zweifelsfall werden FI´ler nach einem
solchem Ereignis nicht mehr Ernst genommen. Im schlimmsten Fall gelten
introvertierte Fühler sowohl in ihrem professionellem als auch in ihrem
privaten Umfeld als emotionale Wracks, denen keine Verantwortung anvertraut
werden darf und die selbst eher als ein „Pflegefall“ der Gemeinschaft gelten.

Vorteile von FI
Die Leidenschaftlichkeit von Introvertierten Fühlern ist einzigartig,
unabhängig und authentisch. Diese Eigenschaften machen sie attraktiv und
wirken inspirierend und ansteckend auf Andere. Ihr Introvertiertes Fühlen gibt
vor allem primären und sekundären FI’lern ein Durchhaltevermögen und eine
Integrität, die anderen Persönlichkeitstypen oftmals fehlt. Gerade was Moral
angeht, bleiben Introvertierte Fühler unbrüchig bis zu Äußersten. So war zB.
Sophie Scholl, Mitglied der Weißen Rose eine Widerstandsbewegung im
Dritten Reich, wahrscheinlich eine introvertierte Fühlerin, die ihre
Überzeugung selbst bis zu ihrer Hinrichtung gelebt hat.
FI Benutzer sind von Natur aus oft neugierige Menschen. Sie erkunden ihr
Leben lang ihre eigene Gefühlswelt. Mit derselben Neugier nehmen sie auch
jeden Menschen um sich herum wahr und können daher mit einer ehrlichen
Anteilnahme aufwarten. Dabei müssen sie nicht an den Interessen von
anderen Menschen anknüpfen. Sie sind vielmehr an den Gefühlen über diese
Interessen interessiert, was ihnen quasi universale Möglichkeiten für
menschliche Interaktionen eröffnet.
Introvertiertes Fühlen an den verschiedenen Stellen

Erste/Zweite Funktion FI (ISFP,INFP,ESFP,ENFP)
„Tut mir Leid, dass ich gerade so emotional bin aber ich kann gerade nicht anders.“

„Ich weiß genau was du meinst! Genauso habe ich mich auch gefühlt als ich
damals…“

„Das Gesetz ändert sich. Das Gewissen nicht.“

„Ja, ich weiß, dass es nicht so viel Sinn gemacht hat, aber ich habe mich nun mal danach gefühlt. Lass mich.“

„Das… fühlt sich nicht richtig an. Ich will das nicht tun.“

Dritte/Vierte Funktion FI (ISTJ,INTJ,ESTJ,ENTJ)

„Wenn du was Konkretes brauchst, bin ich für dich da.“

„Das ist dein Projekt, lass dir da nicht reinreden.“

„Ich habe hart für mein Geld gearbeitet. Jetzt ist es nur richtig das ich selber
bestimmen kann was damit gemacht wird.“

„Meine Überzeugungen sind sehr stark, aber ich denke auch nicht häufig über sie nach.“

„Es fällt mir schwer, irgendjemanden bedingungslos zu mögen, sofern er sich nicht zuerst meinen Respekt verdient hat.“

post scriptum
Danke an Alle, die diesen langen Post durchgelesen haben. Wenn ihr noch
Fragen habt, schickt sie gern an Sam. Vielleicht komme ich dazu, nochmal
etwas zu diesem Blog beizutragen. Wie wäre es mit: Mein INFP ist kaputt xD

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8 Antworten auf „Intovertiertes Fühlen

  1. Ich habe es mir gewünscht, jetzt muss ich ja was dazu schreiben 😛
    Guter Artikel. Ich kann mich wieder finden.
    Fi ist das, was der Welt gefühlt fehlt. Ich bin besonders in letzter Zeit (und auch früher schon) sehr häufig in Konflikt mit konservativen Meinungen (Mein Vater ein ESTJ…) gekommen. Viele Menschen befolgen einfach das, was gerade gesagt wird. Die Regierung sagt, Juden sind böse? Na, dann glaubt auch das Volk daran. Die Regierung sagt, Juden sind doch nicht so böse und eine arme Minderheit? Ja, die haben recht. Ich will jetzt nicht radikal werden, aber mich provoziert es, dass einige einfach nur nachreden und das sagen, „was sich gehört“, also man müsse Minderheiten tolerieren und akzeptieren, während sie sich im gleichen Moment umdrehen und eben die, bei denen sie meinten, man solle sie beschützen, beleidigen.
    Deswegen kann ich Nationaldenken auch nicht ausstehen. Viele stolzieren durch die Gegend und sagen „Wir Deutsche sind so gut“. Mich provoziert es aber, dass sie 1. „wir“ sagen, obwohl sich weit nicht jeder in Deutschland so fühlt und 2. Mit „Wir Deutsche“ restliche Länder ausschließen, als seien sie keine Menschen, als seien sie es nicht wert. Warum kann man nicht gerecht mit ALLEN teilen? Ist das zu viel verlangt?

    Sorry, falls das hier nicht erwünscht ist, aber irgendwie hat mich das daran erinnert. Ich will jetzt auch nicht sagen, dass jeder SJ oder Fe’ler so ist oder gar falsch. Das wollte ich damit nicht gesagt haben. Wahrscheinlich hat es seine Ordnung und Gleichgewicht mit jeden Typen. Aber es kommt zu häufig vor, auch oder besonders in der Politik. Deswegen sollte man eher auf Moral setzten und nicht auf die Gesetzte, denn die können (was auch die Geschichte – um damit zu argumentieren- oft genug gezeigt hat) falsch sein. Ich denke eher: Was anderen nicht schadet, das ist wohl okay. Viel schlimmer aber: Was anderen schadet, kann sicherlich nicht richtig sein.

    Übrigens: Ist das nicht auch so ein Fi Ding? Dass man stark auf Gerechtigkeit setzt und sogar wütend werden kann, wenn man ungerechtes sieht? (Um hier auch was mehr themenbezogenes zu posten).

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    1. Du hast Recht, viele FI’ler haben einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Viele ausgeglichene xSTJs haben diesen allerdings auch häufig, gerade bei diesen kommen dann ab und an interessante Unterscheidungen zwischen den Begriffen „Gerechtigkeit“ und „Fairness“ auf – letzteres kann dann manchmal etwas zu kurz kommen, weil die Regeln, um die Gerechtigkeit einzuhalten etwas zu vehement und grob durchgesetzt werden.
      Um mal ein sehr plattes Beispiel zu nennen: die ESTJ-Kontrolleurin, die auch dem offensichtlich dementen Rollstuhlfahrer einen Strafzettel fürs Schwarzfahren gibt, weil er seinen Ausstieg verpasst hat und nun über die Zone hinausgefahren ist. Das ist dann in der Regel nicht einmal eine böse Absicht, sondern im Gegenteil, der Versuch, alle gleich zu behandeln. Spannendes Feld. Was ich jedenfalls damit sagen will: FI ist nicht prinzipiell „gut“, sondern erstmal völlig neutral. Ein Selbstmordattentäter kann genauso von leidenschaftlicher Hingabe getrieben werden, wie ein enthusiastischer ehrenamtlicher Jugendsozialarbeiter.

      Was das Nationaldenken angeht, teilen wir die Ansicht. Ich kann nur müde darüber lächeln und die Augen verdrehen, wenn jemand so verallgemeinert, dass man glauben müsse, er würde jeden einzelnen Mensch der Welt gut genug kennen, um solch pauschalisierende Aussagen treffen zu können.

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    2. Hier solltest Du differenzieren. Nationalismus macht erstmal keine Aussage über andere Länder, er beschreibt lediglich die Liebe zum eigenen Vaterland. Vergleichbar ist dies mit einer Familie, in welche man hineingeboren wird. Wenn man nun diese Familie liebt, bedeutet das lange noch nicht, dass man alle anderen Familien hasse. Was Du kritisierst, ist Chauvinismus, welcher die eigene Nation über alle anderen stellt.
      Dein Vorschlag, Gesetze durch Moral zu ersetzen, ist insofern widerlegbar, als dass Gesetze einen Minimalkonsens über alle divergierenden Moralvorstellungen darstellen. Würde man also die Moral aller Bürger mitteln, so erhielte man etwas ähnliches wie das Grundgesetz, wie ich schätze. Von daher wäre es vollkommen absurd, Gesetze abzuschaffen und in jedem Fall nach Moral zu entscheiden, zumal Moral subjektiv und nicht klar definiert ist, anders als ein Gesetz. Wenn ich diese Vorschläge so lese, würde ich mir eher – vorausgesetzt diese seien repräsentativ für Fi – weniger Fi in der Politik wünschen. xD
      In dem Punkte, dass zu viele Menschen Dogmen einfach übernehmen, anstatt diese kritisch zu hinterfragen und eigenständig zu denken, kann ich Dir vollends zustimmen. Da sehe ich auch die Gefahr, dass der freiheitliche Geist, aufgrund mangelnden Interesses der Bevölkerung vermutlich, eingeschränkt und der Pluralismus dadurch behindert werden kann.

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      1. Der Vergleich mit der Familie hinkt aber ziemlich. Die Familie ist etwas Persönliches, etwas, was es schon seit Anbeginn der Menschheit gab, während das Konzept des Nationalismus verhältnismäßig enorm jung ist. Ich persönlich würde zwar auch nicht sagen, dass Moral die Gesetze *er*setzen sollte, aber dass bei der Gesetzgebung und vor allem der Durchführung an sich Moral mehr berücksichtigt werden muss. Beispielsweise steht im Grundgesetz auch, dass „Eigentum verpflichtet“ und man danach handeln sollte. Dennoch stehen trotz großer Wohnungsnot viele Häuser leer, Rentner leben alleine in viel zu großen Häusern, die sie gar nicht mehr ordentlich in Schuss halten können, etc., um nur mal ein Beispiel zu nennen, wo wir (im Grundgesetz) ein gutes Gesetz haben, das aber kaum von praktischen Gesetzen gestützt wird.

        Darüber kann man sich jetzt jedenfalls je nach politischer Ausrichtung streiten, ein Libertarist würde mir sicher heftig widersprechen. Um zum Nationalismus und der Familie zurück zu kommen: eine Nation ist im Grunde genommen eine Absteckung von Grenzen und Gesetzen. Ersteres wird häufig durch die Ergebnisse von blutigen Konflikten bestimmt und Letzteres ist nicht sonderlich beständig, da abhängig vom politischen Klima des Landes. Und wie wir aus der Geschichte lernen können, kann sich das sehr schnell verändern. Es ist ein bisschen so, wie wenn man sagt: „Ich liebe die Form dieser einen Wolke.“

        Anderer Punkt: „Heimatliebe“, im Sinne von „Ich liebe das, was ich gewohnt bin“. Wenn jemand die Landschaften liebt, in der er aufgewachsen ist, das Essen, das er schon immer bei Mama gegessen hat und die Volksfeste, auf denen er schon als Kind war. Aber da musst du nur ans andere Ende von Deutschland fahren (nicht mal so weit) und auf einmal ist all das weg, also können wir hier nicht wirklich von Nationalismus sprechen.

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  2. Hallo liebe Blogleser (-und schreiber!) , ich habe nach dem Lesen aller Funktionen und dem Zusammenspiel dieser noch Schwierigkeiten, die Auswirkungen der Funktionsweisen auf meinen Denkprozess (bzw mentale Prozesse allgemein) einzuschätzen. Ich kann nicht wirklich sicher sagen, ob eine von mir getroffene Aussage bezüglich eines zukünftigen Ereignisses auf einer „gefühlten“ Einschätzung (à la Fi), eines intuitiven Einfalls (wie Ne,Ni) oder einer Art vorurteilenden Haltung (vlt Si?) aufgrund ähnlicher Ereignisse in der Vergangenheit beruht und wie man diese Möglichkeiten tatsächlich unterscheiden kann?
    Vielleicht liege ich jetzt auch komplett daneben und Urteilsbildungen laufen überhaupt nicht so ab sondern ganz anders…aber wenn jemand mit einer primären oder sekundären Funktion F oder In über Sachverhalte nachdenkt und sich eine Meinung bildet (man hat ja nicht zu allen Dingen auf dieser Welt sofort eine Stellungnahme), dann müssen doch eigentlich die gleichen geistigen Prozesse ablaufen, wie jemand der ein T in den vorderen Funktionen hat? Bei so vielen Menschen auf dieser Welt kann ja nicht die Hälfte Probleme im strukturierten bzw. logischen Denken haben?
    Ich hoffe, meine Frage ist verständlich 🙂

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    1. Das lässt sich nicht so einfach Pauschalisieren. Nur, weil jemand intensiv fühlt, bedeutet das nicht, dass sein Verstand dabei ausgeschaltet wird. Da spielen viele Faktoren gleichzeitig eine Rolle.
      Ich ziehe einfach mal ein fiktives Beispiel herbei.

      Wir haben ein Unternehmen, in dem ein Mitarbeiter kürzlich entlassen wurde, weil er den Arbeitsanforderungen einfach nicht gerecht wurde. Mehr und mehr trifft das auf einen weiteren Mitarbeiter zu, der seit Kurzem Vater von Zwillingen geworden ist und völlig entkräftet und übermüdet zur Arbeit kommt. Nehmen wir jetzt zwei verschiedene Abteilungsleiter, die über die Situation entscheiden würden:

      Ein ESFP sieht zunächst einmal den Ist-Zustand, sieht die Engpässe, die durch die mangelnde Leistung entstehen – sein SE versorgt ihn hier mit einem realistischen Blick. Auf der anderen Seite kann er sich, selbst, wenn er selbst nie in der Situation war, dank FI gut in den Mitarbeiter hineinversetzen, weiß, dass er das Geld braucht und wird ihn nur schweren Herzens entlassen können. Andererseits meldet sich hier auch sein extrovertiertes Denken, das zwar nur an dritter Funktion steht, aber ihn mit einer Hartnäckigkeit daran erinnert, dass seine Rolle (die des ESFPs) darin besteht, den Laden am Laufen zu halten und das geht nicht mit so einer Leistung. Außerdem ist TE auch sehr Gerechtigkeitsliebend, was nicht das gleiche wie Fairness bedeutet, sondern: gleiche Maßstäbe für alle. Vor allem wurde zuvor ein anderer Mitarbeiter entlassen, es wäre diesem gegenüber nicht gerecht, wenn man jetzt mit zweierlei Maß misst – dieses Urteil kann sogar von FI mit angefeuert werden. Er entlässt den Angestellten, nachdem seine Fristzeit abgelaufen ist, wird sich aber, jenachdem, wie das Verhältnis war, möglicherweise regelmäßig nach ihm erkundigen, ihm ein gutes Arbeitszeugnis geben und versuchen, auf anderem Wege zu helfen, z.B. nach alternativen Jobs für ihn suchen.

      Der INTP (ein eher ungeeigneter Typ für administrative Jobs) würde hier möglicherweise völlig anders handeln. Er schert nicht über einen Kamm, sondern betrachtet jede Situation individuell, was seinem analytischen TI zu verdanken ist und wird hier möglicherweise sagen, dass es unverantwortlich und kalt wäre (FE), den Mitarbeiter zu entlassen. Er wäre sich sicher, dass es sicherlich eine Option gibt, ihn nicht zu entlassen (NE) und sich zur Not eine aus dem Nichts schaffen, Regeln möglicherweise kurzum ändern, sofern er dazu die Befugnis erhält. Es würde wahrscheinlich eher zu einem seltsamen Kompromiss hinauslaufen, der für den INTP, nicht aber unbedingt für den Rest der Beteiligten Sinn macht, wie: „Der Mitarbeiter arbeitet nur noch an vier Tagen oder nur fünf Stunden am Tag und wird entsprechend dafür bezahlt“ oder: „Der Mitarbeiter bekommt ein Kindermädchen und eine Haushaltshilfe vom Unternehmen bezahlt, muss aber später (?) die Hälfte der dadurch entstandenen Kosten durch Überstunden abarbeiten.“.

      Das ist jetzt stark vereinfacht und ich habe natürlich keine Garantie, dass sich jeder INTP/ESFP so verhalten würde, aber zumindest mal habe ich die möglichen Denkprozesse verbildlicht. Ich hoffe, das beantwortet deine Frage.

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      1. Hey, entschuldige die späte Reaktion, ich musste erstmal darüber nachdenken und dann ist mir auch nicht sofort eine sinnvolle Antwort eingefallen. Aber ich glaube ich habe das Prinzip verstanden und auch meinen Denkfehler erkannt…das war zu viel Schwarz-Weiß-Denken (:

        Ich weiß auch nicht, ob mein Themenanstoß in diese Rubrik gehört, aber die Antwort lädt dazu ein. Was denkst du/ihr allgemein bezüglich Denkprozessen und den Abläufen, wie Menschen (vielleicht aufgrund ihrer unterschiedlichen Funktionen) sich in ihrer Art unterscheiden, über eine spezifische Fragestellung, zukünftige und vergangene Ereignisse, Gespräch mit anderen Menschen oder Triviales nachzudenken? Oder weniger kryptisch und mit persönlichem Beispiel ausgedrückt: Ich ertappe mich häufig dabei, wie ich in meinem Kopf die Rolle des „Zuschauers“ annehme und mich selbst in verschiedenen Situationen sehe und mir dabei erst klar wird, wieso ich manche Sachen so gemacht habe / machen werde / sagen werde und so weiter..(ich hoffe das klingt nicht allzu verrückt). Genauso kenne ich jemanden, der bei Problemen anfängt, Debatten mit sich selbst und manchmal auch recht laut zu führen. Und das bedeutet schließlich für mich, dass es wahrscheinlich noch viel mehr verschiedene „Denkarten“ gibt und deswegen auch viele Menschen zwangsläufig nicht zu den gleichen Erkenntnissen kommen können, da ihre Perspektiven grundverschieden sind. Inwiefern diese unterschiedlichen Prozesse nun mit den einzelnen Funktionen zusammenhängen (wenn sie das überhaupt tun), kann ich nicht gut einschätzen. Vielleicht gibt es dazu Meinungen?

        Viele Grüße, Eric

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