Wenn unser Kind dann auf der Welt ist…

…und es sind nur noch knapp vier Monate bis dahin, dann werde ich zusehen, dass es nach allen Regeln der deutschen Kunst erzogen wird, damit es sich in unserer Heimat wohlfühlen kann und schön angepasst ist.

Die Menge und Qualität des Essens wird sich dann später in der Leistung wiederspiegeln: eine 4 in Mathe? Hier hast du zwei Scheiben Toastbrot mit einem großen Blatt Salat. Die Gesellschaft soll wieder etwas tun, für ihr täglich Brot und nicht, wie ein Parasit vom Geld des schwer schaffenden Steuerzahlers leben! Aber bevor jetzt jemand verächtlich die Nase rümpft – die Noten sind natürlich relativ. Eine 4 in Mathe bedeutet Toast mit Salat, wenn es im Gymnasium ist. In der Hauptschule wird das bereits das Höchste der Gefühle sein. Ich will nicht, dass mein Kind so desillusioniert, wie unsere Gesellschaft sein wird: natürlich ist sozialer Aufstieg möglich! Du musst nur hart genug arbeiten! Und wenn es eine geistige Behinderung hat, fragst du mich? Na und? Forrest Gump hat ein erfolgreiches Unternehmen gegründet! Und nicht nur das. Was? Ist mir doch egal, dass Forrest Gump fiktiv ist. Wichtig ist die Ideologie, die hinter dem Film steckt: keine Ausreden. Wer nicht erfolgreich ist, der ist selbst schuld.

Und schiebe mögliches Versagen dann bloß nicht auf die Eltern – weder die finanziellen Mittel, noch der Bildungsstand oder die Zeit der Eltern fürs Kind spielen eine ernst zunehmende Rolle beim Werdegang des Nachzüglers. Nur, weil ich ein dummes, asoziales Arschloch bin, bedeutet das nicht, dass mein Kind dadurch weniger Chancen im Leben haben wird.

Oh – und besonders interessant wird es, sollte dann ein kleines Geschwisterchen kommen. Ich werde nicht den Fehler machen, den so viele Eltern tun – denn wie heuchlerisch ist es, seine Kinder „gleich zu behandeln“? Gleichheit ist eine sozialistische Lüge. Niemand ist gleich – jeder ist individuell, bringt individuelle Leistung und wird entsprechend individuell behandelt! Tendenziell werden Mädchen weniger Taschengeld bekommen, sonst wird später die große Ernüchterung kommen, dass es im „echten Leben“ (umgangssprachlich für „Berufsleben“) ja anders sei. Das größte Zimmer bekommt aber trotzdem das Kind, das die besten Leistungen erbringt. Das andere zieht in den Geräteraum. Und wehe, jemand sagt dann, das sei unmenschlich. Wir werden die Geräte, die davor dort standen ja auch irgendwohin räumen müssen. Das kostet genauso Platz, wie sozialer Wohnungsbau Geld kostet, das eigentlich dafür ausgegeben werden sollte, unsere Leistungsträger noch mehr zu fördern. Aber nur, weil ich kein Gutmensch bin, bin ich ja nur ein Schlechtmensch, kein Unmensch.

Und deshalb werde ich am 24. September CDU, FDP oder AfD wählen, damit mein Kind meine Erziehung im späteren Leben dann auch praktisch umsetzen kann. SPD und Grüne könnte man sich mittlerweile auch überlegen, langsam scheinen sie auch zu verstehen, wie der Hase hier läuft.

Aber auf keinen Fall wähle ich die Linke.

*Ironiemodus aus. Und ich habe nicht einmal über das Gesundheitssystem geschrieben.

 

 

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Topophobie – Der lächelnde Tanzbär

Auf einmal machte es „Klick“ und die Show ging los. Das ist wie, wenn man den Fehler gemacht hat, sich in die Achterbahn zu trauen, vor der man am meisten Angst hat: Die Sicherheitsbügel drücken dich an deinen Sitz und die Fahrt geht los. Es gibt kein zurück, auch, wenn du wieder aussteigen willst. Es geht nicht. Du kannst dich nicht einmal umdrehen. Die Zeit wird immer abstrakter: zunächst kommt es dir alles wie eine Ewigkeit vor, danach rast die Situation an dir vorbei und eigentlich ist alles, was du wahrnimmst nur noch die Aufregung. Das Adrenalin, das durch deinen Körper pumpt lässt dich vergessen, wie es sich überhaupt anfühlt, auf festem Boden zu stehen. Man möchte schreien, aber es funktioniert nicht. Die Kehle ist wie zugeschnürt. Schweiß tritt aus. Alles verkrampft.

Ich stand neben mir. Sah zu, wie die Finger über die Tastatur huschten, zitternd, unkontrolliert, mit feinen, winzigen Schweißtropfen. Nathan, der Neue. Der begabte Musiker. Ich beneidete ihn. Schon immer wurde ihm zugesprochen, er hätte eine große Begabung. Er sei etwas ganz Besonderes. So talentiert. Für Großes Vorbestimmt. Hm. Hat er sich da gerade verspielt? Es konnte doch nicht sein, dass sich dieser grandiose Pianist mit seinen Zauberhänden gerade einen Fehler erlaubt hat. Dieses Wort – „Fehler“, es dürfte ihm ja überhaupt ein Fremdwort sein. Nein, nein, Nathan, deiner einer verspielt sich nicht. Spiel weiter. Lass dich nicht von russischen Wunderkindern und internationalen Berühmtheiten einschüchtern. Du gehörst dazu. Das hat man ja damals auch immer gesagt. Halte diese Finger in Bewegung. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn sie auf einmal damit aufhören? So ein schnelles Lied… und das Klavier klingt dabei so voll und tragend. So verantwortungsvoll, dieses Lied als Pianist zu begleiten, nicht wahr? Was wäre nur, wenn…

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INFJ – Der Berater

Allgemeine Beschreibung & Klischees

INFJ, der Liebling der MBTI-Community. Wenn man sich im Internet lange genug mit dem Thema auseinandersetzt, kann man kaum glauben, dass INFJ mit etwa 2% angeblich der Typ ist, der unter der westlichen Bevölkerung am seltensten Vertreten ist. Aber ich traue solchen Statistiken nicht, alleine deshalb schon, weil sie auf Tests mit plumpen „Ja/Nein“ und „Sehr/Überhaupt nicht/neutral“-Fragen basieren. Kommen wir aber zurück zum INFJ.

Mystiker wird dieser Typ genannt, Berater, Guru, Fanatiker, Kontrollfreak, Philanthrop und Visionär. Wenn wir uns die Funktionen ansehen, können wir alleine von den Tendenzen schon festmachen, warum gerade diese Beschreibungen fallen:

Die erste Funktion des INFJs ist das introvertierte Intuieren, was den INFJ introvertiert macht – deshalb wird er auch eher als Berater, denn als Anführer wahrgenommen, auch, wenn sie in leitenden Rollen auch glänzen können. Außerdem sagt introvertiertes Intuieren an erster Stelle ebenfalls aus, dass sie die Tendenz zur Intuition statt zum Empfinden haben. Das heißt, sie sind mehr mit dem „großen Bild“ und Konzepten beschäftigt, als mit (materiellen) Details. Und hieraus entspringt auch das Bild des „entweltlichten“ Gurus und Mystikers. Die zweite Funktion ist das extrovertierte Fühlen, was dem INFJ sowohl die Tendenz Fühler statt Denker, sowie Planer (Urteiler) statt Beobachter einbringt. Daher auch das Bild vom Philanthrop und dem Kontrollfreak.

Nun schauen wir uns diese Dinge aber mal im Detail an.

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Mein kleiner Bär

Kuschelig. Flauschig. Mein kleiner Bär.
Eigentlich will ich dich ja gar nicht mehr.
Mit deinen süßen Augen guckst du mich anklagend an.
So gut man mit Knöpfen so gucken kann.
„Warum?“, fragen sie mich ganz empört.
„Warum willst du vergessen? Was hat dich so gestört?“

Und ich weigere mich, dir Antwort zu geben.
Ich habe schon genug Probleme im Leben
Das gefüllt ist mit den Zweifeln, die in mir wohnen
Und du bist ein Plüschtier, gefüllt nur mit Bohnen!

Also schau doch bitte irgendwo anders hin!
Als wenn du mir helfen kannst, da wo ich bin…
Ich meine, ich rede mit dir! Geht es noch schlimmer?
Und du? Starrst mich nur an, doch schweigst du noch immer.

Nun gut. Wenn du mich nicht lässt, dann vergelte ich’s dir:
Du bist eben nicht mehr mein Lieblingskuscheltier!
Ja, richtig! Das ist so! Darum brauch ich dich nicht!
…und trotzdem sitz ich hier, schreib über dich ein Gedicht…

So viel, wie ich kotzen will, könnt‘ ich nicht essen.
Und selbst Berge zu kotzen lässt mich nicht vergessen
Was du hervorbringst, wenn ich dich erblicke.
Doch werde ich dich los, entsteht dann ne‘ Lücke?

Wie die Erinnerung bist du ein Teil von mir
Wegen dir bin ich so, wie ich bin, stehe ich hier
Wo ich bin und ich bin auch zufrieden mit mir!
Eigentlich. Aber ich kommunizier‘ noch mit dir…

Du bist die Vergangenheit, doch die Zukunft liegt vorn
Und wenn wir ehrlich sind, hast du da auch nichts verloren.
Du kannst einfach nicht mit, ich… ich schäme mich zu sehr!
Ich bin ein erwachsener Mann (tu zumindest so) und du – ein Stoffbär.

Also, weg mit dir, du gemeines Biest!
Bevor du mir wieder die Laune vermiest!
Es geht nicht anders – ich muss mich von dir trennen.
Du kannst ab sofort in der Mülltonne pennen.
Du gehörst nicht mehr auf mein Lieblingsregal
Oder besser: in mein Leben, ist dir doch auch egal!
Denn du bist nur ein Stofftier ohne Emotion
Und wenn ich dich wegwerf‘, was kümmert’s dich schon.
Du hast doch eh‘ keine Liebe für mich.
Weg mit dir!

…oder?

Warum eigentlich?

Nein. Ich erkenne die Absurdität der Lage.
Und bevor ich mich später mit Reue plage
Dass ich dich wegwarf und nie wieder sehe…
Nie! Wie kann es sein, dass ich dich so sehr verschmähe?

Obwohl du mich stets getröstet hast?
Trugst meine ganze… naja… Körperlast
Als ich schluchzend und heulend auf dir lag
Wie kann ich nur sagen, dass ich dich nicht mehr mag?

Ich schaff’s einfach nicht: ich lass dich nicht gehn.
Das macht’s doch nicht besser. Wie sagt man so schön?
Das wahre Problem liegt bei mir, nicht bei dir
Wie wahr, kleiner Bär – du bleibst vorerst hier.

Topophobie – Kein Eis für Tanja

Der Film war richtig, richtig mies und selbst das IMDb-Rating von Fünf Komma Neun Punkten war noch viel zu gut für diesen billigen Streifen. Er hatte keinen nennenswerten Plot und die Dialoge waren so bescheuert, dass man den Schauspielern ihre Lustlosigkeit schon beinahe verzeihen mochte. Tanja lachte mehrmals trocken auf, wenn irgendwelche Szenen eigentlich hätten dramatisch sein müssen und niemand der anderen elf Kinobesucher beschwerte sich darüber. Einige gingen schon nach der ersten halben Stunde. Zu etwa dieser Zeit begann Nayara die Fehler des Films zu kommentieren, etwas, was normalerweise ich tat. Nur hatte ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich mir das nicht erlauben konnte, war ich doch derjenige gewesen, der „unbedingt“ den Film ansehen wollte.

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Topophobie – Die Waffen einer Frau

„Mettelbach, hallo?“, ertönte eine säuselnde Frauenstimme blechern aus der Sprechanlage des vierstöckigen Blockhauses.
„Wir sind’s. Oder besser gesagt ich.“
Das unfreundliche „NÄÄÄÄÄÄ“, signalisierte, dass die Eingangstüre ins Treppenhaus bereits entriegelt wurde, bevor ich den zweiten Satz beenden konnte. Seufzend drehte ich mich noch einmal zu Nayara um, die immer noch, wild gestikulierend auf der Straße stand und mit dem Mann diskutierte. Nein, zankte, wem will ich etwas vormachen. Meine Hoffnung, dass sie diesen albernen Streit einfach beenden würde, hatte sich in die Hoffnung verwandelt, dass niemand die Polizei rufen würde.
Ich öffnete schließlich die Türe und betrat das Gebäude, das nach Putzmittel roch. Ich überlegte für einen kurzen Moment, ob es schneller wäre, zu Fuß oder mit dem Aufzug in den zweiten Stock zu kommen, aber schließlich siegte meine Faulheit.
Als sich die Türe des Lifts öffnete, stand Alina bereits mit einem breiten, falschen Lächeln in der Türschwelle. Ich lächelte fast genauso breit, aber mindestens genau so falsch zurück.

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Topophobie – Traditionswähler

Nayara und ich waren auf dem Weg zu Felix und Alina. Ich hätte mir zwar gerne noch eine Strategie ausgedacht, wie wir das Gespräch genau angehen wollen, aber Nayara war der festen Überzeugung gewesen, dass es besser wäre, das Gespräch ganz ungezwungen und damit auch ganz ohne Plan anzugehen. Bevor ich meine Erwiderung auch nur zu Ende aussprechen konnte, fragte sie mich, wer denn von uns besser darin wäre, mit Menschen umzugehen, was mich zum Schweigen brachte. Es war ein unfaires Argument, das sie immer Mal wieder einbrachte, weil es eben tatsächlich so war, dass sie – allgemein – besser mit Menschen umgehen konnte, als ich. In diesen Momenten fragte ich mich manchmal, mit was ich denn überhaupt gut umgehen konnte, aber das konnte ich dann auch nicht sagen, weil mir Nayara sonst wieder eine Standpauke über ein realistisches Selbstbewusstsein und Depressionen gehalten hätte. Die ich nicht nötig hatte. Denn ich hatte weder ein unrealistisches Selbstbewusstsein – ich empfand es nur als hilfreich, sich über die eigenen Schwächen bewusst zu sein, noch litt ich an Depressionen. Ich litt nur hin und wieder an der Realität, doch wer tut das nicht?
Ich sagte schon gar nichts mehr, doch Nayara sprach weiter und strich mir dabei sanft über die Wange.
„Ich kann zwar besser allgemein mit Menschen umgehen, aber dafür kann kein Mensch besser mit mir umgehen, als du.“
„Ja, weil es dich nicht zweimal gibt“, scherzte ich trocken und sah sie belustigt an. Sie dachte einen Moment lang nach und schüttelte dann mit einem Anflug von Ekel ihren Kopf.
„Nein, selbst wenn“, antwortete sie. „Ich würde mich ständig mit mir streiten.“
„Zum Beispiel darüber, wer von euch zweien besser mit Menschen umgehen kann?“

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Typologie – Wie fällen wir unser Urteil?

In meinem letzten Beitrag schrieb ich über die wahrnehmenden Funktionen, die beschreiben sollen, mit welchem Blick wir die Welt auffassen. Heute soll es um die urteilenden Funktionen gehen, die uns dazu veranlassen, bestimmte Entscheidungen zu treffen und Einstellungen gegenüber unserer Umwelt einzunehmen. Dabei ziehen wir entweder das Fühlen oder das Denken vor. An dieser Stelle sei vorsichtshalber gesagt, dass in der Theorie der Typologie keines Falles behauptet wird, dass Fühler etwa weniger denken oder gar unintelligenter sind. Dinge werden nur weniger nach der Frage „Was funktioniert?“ oder „Was ist wahr?“, sondern viel mehr nach der Frage „Was ist gut für uns?“ oder „Was ist moralisch vertretbar?“ beantwortet. Und während wir uns im folgenden Text mit diesen beiden Tendenzen beschäftigen, hoffe ich auch, vielleicht einige Vorurteile über Verhalten, das man allgemein Männern oder Frauen zuspricht, abzubauen.

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Ist Leid die wahre Ressource unserer Unterhaltungskultur?

Wir ergötzen uns am Leiden. Vor allem, wenn wir es nicht sind, die leiden müssen, finden wir das Leiden super interessant. Schon mal in einen Stau geraten, der nur dadurch so richtig lang wurde, weil alle, die am Unfallort vorbeigefahren sind, langsamer wurden, um zu schauen, was da genau passiert ist? Es ist ja nicht so, dass wir die Person kennen würden. Und in der Regel hat man am nächsten Tag wieder vergessen, was da genau passiert ist. Aber trotzdem halten so viele Leute an und gaffen.

Unter den Top 5 Rated TV Series auf IMDB befinden sich unter anderem Band of Brothers, eine Serie über den zweiten Weltkrieg, Breaking Bad, eine Serie über einen krebskranken Chemielehrer, der sich immer mehr in kriminelle Machenschaften verwickelt und… naja, Game of Thrones eben. Erstere Serie habe ich zwar, um ehrlich zu sein noch nicht gesehen, aber von all dem, was ich bereits gehört habe, kann sie sich in einer Hinsicht bei den anderen beiden einreihen: der Zuschauer erfährt durch das Zusehen einen Strudel negativer Emotionen (oder zumindest das, was allgemein als „negativ“ gilt): Furcht, Enttäuschung, Trauer, Wut. Aber warum tun wir uns das an? Warum suhlen sich so viele von uns – und da schließe ich mich selbst auch ein – in dem Leid?

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Topophobie – Unerwarteter Besuch

Bis 18:00 Uhr hätte ich normalerweise noch im Musikladen gearbeitet. Bis dahin machte ich mir Gedanken darüber, ob ich Nayara einfach erzählen sollte, dass ich meinen Job schon wieder verloren habe, oder es einfach für mich behielt. Es war nicht so, dass sie mir jemals einen spontanen Überraschungsbesuch bereitet hat, da sie selbst zu ähnlichen Zeiten arbeiten war. Und nachdem ich für die vergangenen drei Stunden einen Straßenmusiker beobachtet und immer mal wieder mit Stielaugen das Geld in seinem Gitarrenkoffer gezählt hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass sich das Gehalt eines Straßenkünstlers nur marginal von dem eines Instrumentenfachhändlers unterschied. Natürlich würde ich das Geld auch noch durch zwei teilen müssen, allerdings würden der alte Robert und ich auch doppelt so gut spielen und singen, als mein Beobachtungsobjekt. Und dementsprechend, hoffentlich, auch doppelt so viel Geld bekommen. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich zumindest für den Rest des Monats, den ich ja noch bezahlt wurde, nichts sagen würde. Vielleicht lief es gut, vielleicht musste Nayara überhaupt nichts davon erfahren. Ich hatte etwas Bauchschmerzen bei dem Gedanken, ihr das zu verheimlichen, gerade ich, der sich stets für Ehrlichkeit und Direktheit rühmte. Aber ein schlimmeres Gefühl als nur Bauchschmerzen überkamen mich, wenn ich daran dachte, ihr zu erzählen, dass ich einen weiteren Job losgeworden bin. Schon wieder versagt habe. Ich nahm mir vor, mich ab dem nächsten Tag auch nach einem anderen Job zu erkundigen. Sollte es mit dem Straßenmusizieren nicht funktionieren, konnte ich einfach mit etwas anderem anfangen und Nayara erzählen, ich hätte für einen besseren Job den alten im Musikladen gekündigt. Im Idealfall würde es einfach mit den Major Five funktionieren. Es war mittlerweile 19:00 Uhr und ich machte mich auf zur S-Bahnhaltestelle. Ich seufzte, als ich mich auf die kalte Holzbank setzte. So viel zum Thema Ehrlichkeit, dachte ich mir. Ich versuchte mir einzureden, dass ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte, wenn ich meine Freundin ja nicht anlog. Ich enthielt ihr lediglich Informationen vor, die vollkommen irrelevant waren, wenn sich unterm Strich nichts ändern würde.

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