Warum wollen wir keine besseren Menschen sein?

Im Kontext der Überschrift stelle ich direkt die nächste Frage: warum ist es so verpönt, wenn ich Leuten meine Meinung aufdrücken will?

Die Antwort wirkt – vor allem, wenn die Frage so formuliert wurde – relativ offensichtlich: weil ich, Sam, nicht das Anrecht habe, anderen Leuten vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Weil jeder selbst entscheiden kann, wie er zu leben hat.

In vielen Bereichen des Lebens stimme ich da auch zu: du hörst gerne Schlager? Okay, deine Sache. Du findest die Prequels von Star Wars besser als die originale Trilogie? Schwer verständlich, aber damit komme ich schon klar. Du bist homosexuell? Wenn du meinst, ich habe kein Problem damit.

„Was endlich in unsere Köpfe muss: Geld gibt dir keine Legitimation.“

Warum wird mir denn dann nachgesagt, dass ich versuche, anderen meine Meinung aufzudrücken? Wo also versuche ich, Leuten meine Meinung aufzuzwingen? Überall dort, wo die Entscheidungen des Einzelnen sich negativ auf andere Menschen auswirken können. Und das kann eine ganze Menge sein. Um nur ein paar Punkte aufzuzählen:

  • Fleischkonsum
  • Verpackungsverbrauch
  • Schadstoffausstöße
  • Unterstützung von Steuerhinterziehung und Lohnsklaverei durch den Kauf bei:
    • Amazon
    • Ikea
    • Starbucks
  • Unterstützung von Kinderarbeit durch den Kauf bestimmter:
    • Textilien
    • Lebensmittel
    • Elektronikware

Ich könnte die Liste noch viel länger und ausführlicher gestalten – aber es geht mir ums Konzept. Wir können nicht einfach so behaupten: „Ist doch meine Sache! Wie ich lebe, geht sonst niemanden was an!“, wenn wir in einer Welt leben, die so sehr von der Wirtschaft gelenkt wird. Jeder versteht das Prinzip von Nachfrage und Angebot. Wenn du dir einen SUV mit schlechter Umweltbilanz kaufst, dann bleibt es nicht nur dabei, dass du jetzt mit einer Drecksschleuder durch die Gegend fährst, sondern du hast der Automobilindustrie auch signalisiert: bitte weiter so. Stellt noch mehr von den Dingern her, denn offensichtlich werden sie euch abgenommen. Darüber hinaus gehörst du nun zu den Leuten, auf die andere Interessenten zeigen, wenn sie mit dem Argument kommen: „der hat sich doch auch so nen Wagen gekauft!“.

Was endlich in unsere Köpfe muss: Geld gibt dir keine Legitimation. Als wir noch Kinder waren, wurde uns eingebläut, dass wir nicht mit Lebensmitteln spielen sollen. Um mein Argument zu unterstreichen, hoffe ich, dass diese Regel noch in euch sitzt und weiterhin so empfunden wird. Wenn jemand in den Supermarkt geht, Stapelweise Milch und Eier kauft, nur, um danach alles in die Mülltonne zu werfen, dann spricht man doch gemein läufig von „Verschwendung“. War das in Ordnung, nur weil der Typ offenbar genug Geld hatte, um so einen Unsinn zu machen? Gesetzlich ja, wenn er auf Mülltrennung geachtet hat. Moralisch sicherlich nicht, vor allem, wenn man bedenkt, was für eine Hungersnot weltweit herrscht (und das Thema Ethik und Tierhaltung will ich hier erst gar nicht öffnen, auch, wenn es ebenfalls sehr interessant wäre).

Nun kann man sagen, dass man sein Rindersteak doch nicht in die Mülltonne wirft, sondern selbst isst. Stimmt schon, aber wenn man bedenkt, dass man alleine für ein Kilogramm Rindfleisch schon 15.000 Liter Wasser benötigt (und das war nur der Wasserverbrauch…), dann sollte die Frage doch erlaubt sein, warum man nicht auf eine vegetarische Alternative umsteigt.

„Man sollte wenigstens dazu stehen und zugeben können, dass man zu verwöhnt ist.“

Ich stelle hier mal eine dreiste Behauptung auf: Menschen, die… sagen wir, kein Fleisch essen und ihr Auto nur dann benutzen, wenn es wirklich notwendig ist und ansonsten zu Fuß gehen oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen, richten an ihrer Umwelt (ergo an ihren Mitmenschen) weniger Schaden an. Eigentlich gar nicht so dreist, die Behauptung, oder? Wenn mir jemand widersprechen will, unten gibt’s die Kommentarfunktion. Wenn wir uns bei der Behauptung also auf einen Nenner einigen können, dann gibt es doch eigentlich nur zwei Begründungen, wenn ein Mensch nicht auch versucht, so zu leben. Die erste Begründung: es ist ihm schlichtweg egal. Andere Menschen, Nachhaltigkeit, die Umwelt sind ihm im Allgemeinen egal. Und die zweite… nein, es gibt nur eine Begründung. Ich wollte gerade schreiben, dass er seinen inneren Schweinehund, seine Gewohnheiten nicht überwinden kann, aber seien wir ehrlich – wenn der Arzt dir die Diagnose ausstellen würde: „Sie leiden an einer seltenen Krankheit, was für sie bedeutet, dass Fleischverzehr den Hirntod herbeiführen wird“, dann würdest du sicherlich nicht sagen: „Aber es schmeckt so gut“ und dir ein Schweineschnitzel braten.

Sicher, es gibt bestimmt einige Individuen da draußen, die tatsächlich glauben, Kinderarbeit sei ja nicht so schlimm und wir hätten auf den Klimawandel keinen Einfluss, aber so gerne ich diskutiere, werde ich es langsam leid, diesen Menschen, die es offensichtlich nicht besser wissen wollen, mehr Aufmerksamkeit als nötig zu widmen. Benennen wir das Kind also beim Namen. Von eben besagten Menschen abgesehen, weiß jeder, dass es viele Punkte gibt, bei denen man das eigene Konsumverhalten zum Wohle einer besseren Welt optimieren könnte. Wenn man es nicht tut, dann sollte man wenigstens dazu stehen und zugeben können, dass man zu verwöhnt ist. Wenn eine Person das erkannt und zugegeben hat, dann höre ich auch auf, auf sie einzureden. Mehr kann ich dann auch nicht tun, wenn ich den gesetzlichen Rahmen nicht verlassen will.

Ich weiß, ich mache mich mit diesem Artikel furchtbar unsympathisch, komme als autoritär und besserwisserisch daher, aber es ist mir wichtig, diese Dinge einmal loszuwerden. Ich mache selbst noch viele Dinge falsch – in meinem Haushalt entsteht beispielsweise immer noch viel zu viel Plastikmüll, weil ich bisher zu bequem war, mich hier und dort nach Alternativen um zusehen oder teilweise einfach keinen Kopf dafür hatte. Ich will das allerdings nicht als permanente Ausrede nutzen. Gerade ich, ein Meister der Prokrastination, habe es geschafft, von einem Tag auf den anderen auf meinen Fleischkonsum und Amazon zu verzichten. Ich bin mir sowas von sicher, dass das auch jeder andere Mensch kann, der auch nur ansatzweise über Willenskraft verfügt. Verzicht sollte eigentlich nicht so schwer sein. Und wenn mir jemand mitteilen kann, wie ich meinen Lebensstil durch weiteren Verzicht – ohne daran selbst Schaden zu nehmen – optimieren könnte, dann bin ich für solche Hinweise dankbar.

„Ohne daran selbst Schaden zu nehmen“ will ich übrigens nochmal hervorheben, um zu Relativieren: Tierversuche sind schrecklich, aber teilweise schrecklich notwendig. Wenn das Überleben von Menschen davon abhängig ist, dann steht von mir das Menschenleben an vorderster Stelle. Aber Kosmetikprodukte? Abgastests an Affen? Ich bitte euch. Und bevor ihr mich als den klassischen Moralapostel verteufelt, definieren wir diesen Begriff zunächst, einverstanden? Ein Moralapostel stellt den Anspruch, alleine zu wissen, was gut ist und sich so aufführt, als wüssten es seine Mitmenschen nicht. Ich bin mir ganz sicher, dass das, was ich hier geschrieben habe, lediglich eine Erinnerung ist – Fakten, die jeder weiß.

Der Moralapostel sagt: „Du weißt es nicht besser, glaube mir, denn ich habe Recht.“

Ich versuche zu sagen: „Wir wissen beide, was Sache ist. Handeln wir nach diesem Wissen.“

Advertisements

Bist du ein mündiger Verbraucher?

Die Frage ist bewusst provokativ – und um nicht vom hohen Ross herabzupredigen, will ich gleich Eines vorwegnehmen: ich bin es jedenfalls nicht. Ich mache eine Menge falsch. Viel unbewusst und viel auch in wissentlich. Kann man mich dafür tadeln? Nunja, wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Mich höflich und frei von Wertung auf bestimmte Fehltritte hinweisen ist wiederum ist eine ganz andere Geschichte. Dinge, die ich heute bewusst falsch mache, nagen eventuell lange genug an meinem Gewissen, dass ich sie morgen richtig (oder zumindest richtiger) angehe. Oder ich habe am nächsten Tag genug Kraft und/oder Zeit dafür, mich besser zu verhalten und mache eine gute Angewohnheit daraus. Aber ich muss erst einmal wissen, um nach neuen Erkenntnissen handeln zu können. Viele Dinge überraschen und sind alleine, weil sie so erstaunlich sind bereits wissenswert. Hier sind einige solcher Informationen:

Wusstest du, dass in einem Kilogramm Rindfleisch, mal ganz abgesehen von der benötigten Weidefläche und der Arbeit, die ein Farmer zu leisten hat, um die 15.000 Liter Wasser erforderlich sind? Bei so hohen Zahlen fällt es einem schwer, sich vorzustellen, wie viel das eigentlich ist: mehr als zehn gefüllte Badewannen Wasser. Und das ist nur das Wasser. Weideland, Getreide und Arbeitskraft braucht das Kilogramm Rindfleisch ebenfalls.

Wusstest du, dass Kohlekraftwerke für 7% des gesamten Wasserverbrauchs verantwortlich sind? Davon könnte man eine Milliarde Menschen mit Wasser versorgen. Wusstest du, dass du standardmäßig Strom über einen Kohlekraftanbieter erhältst, bis du auf eine Alternative wechselst?

Wusstest du, dass jährlich über 200 Millionen Tonnen Plastik hergestellt werden? Auf einer Fläche, so groß wie Zentraleuropa schwimmt im Pazifik ein Meer aus Plastik. Müssen wir tatsächlich in Plastik abgepacktes Obst und Gemüse kaufen? Plastikflaschen? Plastik scheint uns überall im Alltag zu begleiten, aber es gibt in der Regel genügend alternative Optionen, bei denen wir die Nachfrage an Plastikprodukten verringern können.

Wusstest du, dass der durchschnittliche deutsche Haushalt jährlich mittlerweile mindestens 21 Kilogramm Elektroschrott wegwirft? Wir können auch versuchen, Dinge zu reparieren, statt sie wegzuwerfen. Nicht immer auf das neueste Mobilfunkgerät anspringen, wenn das alte doch auch noch funktionstüchtig ist. Oder Haushaltsgeräte kaufen, die vielleicht ein wenig teurer sind, aber dafür langlebiger. Am Ende ist es doch so auch weniger umständlich. Vor allem, wenn man weiter und global denkt.

Es geht weiter. Es gibt viele Dinge, die ich hier noch aufzählen könnte, aber ich will dich nicht mit Informationen erschlagen. Ich will dir zeigen, dass es sich lohnt, über alles, was du tust, nachzudenken. Was brauchst du tatsächlich? Wo kannst du besser investieren? Worauf kannst du verzichten?

Wir tappen im Dunkeln, gehen naiv wie Kinder durch den Supermarkt und wissen die meiste Zeit gar nicht, welchen Schaden wir anrichten. Unmündig eben. Aber wir können zumindest anfangen, erwachsen zu werden, auch, wenn der Prozess es erfordert, inne zuhalten und zu reflektieren. Sich zu bilden. Auf Dinge zu verzichten. Aber es lohnt sich. Wir haben keine Ersatz-Erde übrig, auf die wir zugreifen können, wenn wir diese zerstört haben. Um zu mündigen Vebrauchern zu werden, zu reifen Konsumenten, müssen wir nicht perfekt sein – aber wir können alleine schon beim Versuch, es zu werden, eine unglaubliche Menge erreichen!
Das Argument „wir können nicht alles richtig machen, also versuch ich es erst gar nicht“ zieht nicht. Wenn zwei Leute, die monatlich z.B. 500 Gramm Rindfleisch essen auf die Hälfte verzichten, dann ist das von den Zahlen her genau so, als hätte einer von beiden gänzlich auf Rindfleisch verzichtet.
Hoffentlich versuchst du gemeinsam mit mir gemeinsam das Ideal anzustreben. Wir werden Fehler machen, wir werden hier und dort mal nachgeben und uns wieder aufrappeln müssen – aber hoffentlich nie aufgeben. Und am Ende werden wir zu denjenigen gehören, die gekämpft haben.

Quellen:
https://www.welt.de/wissenschaft/article6012574/Ein-Kilo-Rindfleisch-kostet-15-000-Liter-Wasser.html

https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/greenpeace-report-kohlekraftwerke-verbrauchen-trinkwasser-fuer-eine

https://www.verbraucherzentrale.de/kunststoffe?i=6

https://www.welt.de/wissenschaft/article701251/Riesige-Flaeche-Plastikmuell-schwimmt-im-Pazifik.html

https://de.statista.com/infografik/2278/elektroschrott-aufkommen-in-ausgewaehlten-laendern/

Wiedergeburt (Teil 1/3)

Als Tsura Shin die Türe zum Gasthaus öffnete, kam ihm ein Schwall von Gestank entgegen. Alkohol, Schweiß, Fett und – es konnte auch noch von der Straße kommen – Pisse. An jedem der runden Tische waren alle Stühle besetzt, teilweise teilten sich auch die Dirnen einen mit den Tagelöhnern in ihren zerschlissenen Gewändern. Als Schattengardist  passte Tsura zwar nicht in diese Gesellschaft – niemand tat das, der hier ein anständiges paar Stiefel und einen eleganten Mantel tragen würde, aber durch die dunkle Farbe seiner Kleidung, stach er auch nicht aus der Menge heraus –
alles war hier grau, braun oder schwarz.
Tsura ging auf die Schankmagd, ein junges, knochiges Ding mit verschwitztem, schmalen Gesicht zu und hob fragend die Augenbraue. Er war sich kaum sicher, ob sie ihn überhaupt registriert hatte, aber sie machte eine knappe Kopfbewegung, mit der sie auf einen Nebenraum deutete. Ohne zu zögern bog Tsura nach links ab, schob den vergilbten Stoffvorhang zur Seite und betrat den Nebenraum.

Continue reading „Wiedergeburt (Teil 1/3)“

Projekt: Vegetarismus (6. Monat)

Der aufmerksame Leser hat vielleicht bemerkt, dass das „Pseudo“ aus dem Pseudo-Vegetarismus mittlerweile verschwunden ist. Nachdem mich Cordula (Hier ihr Blog) dazu angeregt hat, mich mal darüber zu erkundigen, was Fischfang mit unserem Planeten macht und wie grausam man mit den Fischen umgeht (was mir eigentlich schon immer klar war), habe ich auch einfach keine Lust mehr auf Fisch gehabt.

Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht schon früher zu diesem Thema weiter geschrieben habe, irgendwo war’s doch auch recht spannend und auch ab und an eine Herausforderung, aber erstens habe ich meistens vergessen darüber zu schreiben und wenn ich gerade mal daran gedacht habe, dann hatte ich entweder keine Zeit oder… ich geb’s zu, oder ich war zu bequem. So, hier aber meine gefühlte Zusammenfassung über das vergangene halbe Jahr (so in etwa) in Bezug auf meine Fleischabstinenz.

Nur soviel vorweg, damit es auch jeder weiß, auch diejenigen, die es eigentlich nicht interessiert und diesen Beitrag nur überfliegen: es war leichter als erwartet.

Continue reading „Projekt: Vegetarismus (6. Monat)“

Projekt: Pseudo-Vegetarismus (1. Monat)

In gewisser Hinsicht ist mein Leben eine Abfolge von verschiedenen Projekten, dieser Blog ist ein schönes Schaubild dafür. Nun ein weiteres ehrgeiziges Projekt: ich will aufhören, Fleisch zu essen. Vegetarier werden.

Ich habe etwas über einem Monat damit angefangen, aber um es nicht unnötig kompliziert zu machen, sage ich jetzt einfach: ab November habe ich aufgehört, Fleisch zu essen. Ich habe davor auch schon meinen Fleischkonsum stark eingedämmt, aber ungefähr drei Mal die Woche Gerichte mit Fleisch (Flammkuchen mit Speck, Maultauschen, Brot mit Pfefferbeißern) genommen, ungefähr alle zwei Woche ein gutes Stück Rindersteak. Ich bin ganz ehrlich. Alleine, wenn ich das alles aufzähle, läuft mir wieder das Wasser im Mund zusammen. Das habe ich von heute auf morgen eingestellt – eine ziemliche Herausforderung, sehr spannend für mich. Vielleicht auch für euch, deshalb dokumentiere ich das auch. Eventuell spielt auch jemand von euch Lesern mit den Gedanken, auf Fleisch zu verzichten und wir können uns diese Gewohnheit gemeinsam abgewöhnen, bzw. es hilft, wenn man sieht, dass man da gerade nicht alleine durchgeht.

Wieso eigentlich? Ehrlich gesagt, alleine mein letzter Satz mit Phrasen wie „da muss man durchgehen“, ist abscheulich. Ich bin 26 Jahre alt und habe mein ganzes Leben Fleisch gegessen. Mir war klar, dass Tiere dafür sterben mussten, aber das nahm ich in Kauf. Jeder in meiner Familie tat das selbe. Es war also eine Art Gewohnheit, die man nicht hinterfragte und dazu verdammt lecker schmeckt. Mit 19 habe ich meine Ehefrau kennen gelernt, die schon ewig Vegetarierin ist. Sie hat mich nie versucht, ebenfalls dazu zu bringen, mich auch nie verurteilt dafür, dass ich Fleisch esse. Manchmal habe ich mich ein klein wenig über sie lustig gemacht. Nie ernsthaft, sie hat es mir auch nicht wirklich übel genommen. Ich habe sie auch andererseits offen für ihren Vegetarismus bewundert, da ja eigentlich nichts verwerflich daran ist – aber ich war der Meinung, es sei doch schon „etwas extrem“. Offen gestanden schäme ich mich heute für mein Verhalten. Auch sich „ein bisschen“ über Vegetarismus lustig zu machen, ist absolut heuchlerisch, vor allem, wenn man Fleisch aus der Massentierhaltung isst, was ich getan habe. Dazu gehört nicht nur das halbe Kilo Putenfleisch für 2,50€, sondern natürlich auch in der Regel die Salami und der Schinken vom Pizzabelag oder die Weißwurst. Jetzt habe ich immer noch nicht wirklich die Frage beantwortet: während ich an meiner Kurzgeschichte „Abenteuer mit Drumpf“ schrieb, welche sich, wenn auch nur scherzhaft, mit der Frage beschäftigt, ob es gerechtfertigt ist, Menschen zu essen, wenn diese aus einer anderen, unbekannten Dimension stammen und sich nicht mitteilen können, habe ich mich gefragt: mit welcher Berechtigung töten wir noch Tiere? In Indien ernährt sich fast die gesamte Bevölkerung vegetarisch und die ist im Schnitt gesünder als wir, reichen, verwöhnten Deutschen! Wir sind lange über den Punkt hinaus, an dem wir auf Tierverzehr angewiesen sind. Wie rechtfertigen wir diese Massentötung? Ich will kein Teil mehr an dieser grausamen und obendrein umweltzerstörerischen Industrie mehr sein. Als Konsument bin ich mit verantwortlich.

Also keine Sorge. Das wird kein „ihr Fleischesser seid doch alle Scheiße“-Post, in der Position befinde ich mich gar nicht. Zumal ich immer noch Fisch esse, was dem ein oder anderen immer noch als sehr heuchlerisch anmuten mag, sind Fische doch auch Tiere. Aber erstens, ich denke, ich fange schon ziemlich direkt an und irgendwo sollte man sich auch realistische Ziele setzen. Wir sprechen hier davon, jahrzehntelange (Ess-)Gewohnheiten zu bekämpfen. Zweitens schadet die Fischzucht der Umwelt nicht so stark, wie die Viehzucht (was sich als falsch erwiesen hat – danke für die Info, Cordula!). Und drittens, zugegeben ein sehr schwacher Punkt, kenne ich einfach noch nicht so viele vegetarische Gerichte, die mir schmecken, mit denen ich mich auch ausgewogen ernähren kann. Das wird aber mit der Zeit kommen, es werden bereits immer mehr. Alleine in der indischen und der libanischen Küche habe ich bisher schon viele richtig leckere Gerichte für mich entdecken können, die der fleischhaltigen Küche in Nichts nachstehen.

Richtig schwierig wurde es, als ich mit meiner Mutter, die aus Japan zu Besuch kam, indisch essen war. Sie hat sich Lammfleisch bestellt und hatte Probleme damit, ihre Portion aufzuessen. Ich habe mir eigentlich nur vorgenommen, insofern auf Fleisch zu verzichten, als dass ich die Nachfrage nicht erhöhen würde. Hätte ich von ihr gegessen, hätte ich das dadurch nicht getan. Das Lamm war ohnehin bereits bestellt. Allerdings wollte ich nicht „rückfällig“ werden, ihr wisst, was ich meine. Es würde mir ja immer noch sehr gut schmecken und beim nächsten Gang durch den Supermarkt würde ich mir dann evtll. eher denken: „Meine Güte, jetzt kaufste dir halt mal ein Lammfilet, als wenn das groß was ändern würde! Schmeckt doch gut und du isst es ja nicht mehr so häufig!“
In diesem Bewusstsein habe ich abgelehnt und meiner Mutter vorgeschlagen, dass ich den Rest ihres Fladenbrotes und Gemüses esse. Es war wirklich nur noch ein Happen, eigentlich ziemlich lächerlich und so wurde alles verputzt, ohne dass ich wieder Tier gegessen habe.

Ansonsten war es erstaunlich einfach. Der Kampf findet meistens im Supermarkt statt, oder wenn ich auswärts essen muss. Aber glücklicherweise habe ich in Ludwigsburg diesen tollen libanesischen Imbiss (El-Mina Falafel, Seestraße 9) entdeckt, dass Letzteres kein Problem darstellt. Und im Supermarkt muss ich einfach nur genauer hinschauen. Hatte schonmal Blätterteig mit Käse-Schinken-Füllung in den Händen (ich brauche jetzt ein bisschen mehr zu essen und bei meiner Figur kann ich’s mir erlauben, abends noch einen Snack zu mir zu nehmen), bis ich merkte, dass der Schinken da drin ja auch Fleisch war. Wie blöd eigentlich. Aber es ist wirklich nicht ganz so leicht. Wenn man aber wirklich bewusst einkaufen geht und sich stets die Frage stellt: „Warum eigentlich?“, dann geht das. Ich kann also sagen, der erste Monat war erstaunlich easy. Jetzt kommt allerdings die Weihnachtssaison. Wo Verwandte en masse Fleisch einkaufen und erwarten, dass alles gegessen wird. Ich freue mich schon auf die Telefonate, in denen ich Bescheid gebe, dass ich mir meinen eigenen Fraß mitbringe. Ich kann ja so gut und rücksichtsvoll mit Menschen umgehen… Hilfe.