Topophobie – Idiotie ist relativ

Als ich aufwachte, lag Manni mit ausgestreckten Armen neben mir im Bett, ich wäre beinahe von der Kante gefallen. Starrsinniger Idiot. Ich wusste, ich habe gestern keine Glanzleistung vollbracht, aber man kann mich doch wenigstens in Ruhe schlafen lassen. Ich schob Mannis Arm von meinem Bauch, stand auf und rieb mir die Augen. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Mordskater, aber das lag wahrscheinlich an der abgestandenen Luft im Hotelzimmer und den daraus resultierenden Kopfschmerzen. Die anderen schienen dem Schnarchen zufolge auch noch zu schlafen – da ich nichts Besseres zu tun hatte und mein Magen knurrte, zog ich mich an und ging hinunter in den Speisesaal, um zu schauen, ob etwas zum Frühstück angeboten werden würde. Ich hatte mich gar nicht erkundigt, ob wir auch etwas zu Essen bekommen würden, also ging ich einfach auf gut Glück. An der Kuckucksuhr, die im Treppenhaus hing, konnte ich erkennen, dass es bereits 10:30 Uhr war, aber offensichtlich war das Frühstücksbuffet immer noch offen, als ich den geräumigen, immer noch gut gefüllten Speisesaal betrat. Als ich zu meinem Erstaunen Lukas alleine an einem Tisch sitzen sah, vor ihm ein halb verzehrtes Brötchen, eine Schüssel Müsli, zwei Gläser Saft und ein Croissant, nahm ich das einfach als Bestätigung, dass ich mich auch bedienen durfte. Als ich meinen Teller und die Teetasse gefüllt hatte, sah ich mich nach einem Platz um. Ich wusste nicht, ob es Lukas Recht wäre, wenn ich mich zu ihm setzen würde, also schlenderte ich einfach an ihm vorbei, tat so, als würde ich ihn nicht sehen und verzweifelt nach einem Sitzplatz suchen, obwohl es auch noch andere Tische mit unbesetzten Stühlen gab.

Ein Mann, ebenfalls auf der Suche nach einem Platz kam mir etwas zuvor und wollte sich zu Lukas setzen, der ihn daraufhin scharf anfuhr: „Hey, was soll das? Das ist mein Tisch!“
„Oh, Verzeihung, er sah so frei aus…“
„Und das ist auch gut so. Machen sie sich vom Acker.“
Gut, soviel dazu. Ich bewegte mich weiter.
„Hey, du da, Nat oder so, setz dich ruhig.“
Ich drehte mich um und versuchte, ein erstauntes Gesicht aufzusetzen.
„Oh – hey, Lukas! Eh… auch schon wach, wie?“
„Ein ganz Schneller, was?“
Ich setzte mich, beäugte ihn dabei skeptisch.
„Naja“, fuhr er fort. „Wenigstens kannst du Spielen, das muss man dir lassen.“
„Findest du?“, fragte ich verunsichert. Er sah mich genervt an, schwieg einen Augenblick, schüttelte dann den Kopf.
„Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist das Fishing for Compliments. Entweder du bist gut oder nicht, fertig. Musst du daraus unbedingt eine Show machen?“
Er meinte das tatsächlich ernst! Ich lächelte und nickte heftig.
„Ja, du hast Recht, sorry. War eine überflüssige Frage. Du hast gestern auch gut gespielt, übrigens!“
„Mhm.“

Lukas schob sich das Crossaint in den Mund und schüttete den Orangensaft in seine Müslischüssel.
„Schmeckt das?“
Er kaute fertig, was eine Weile dauern würde, weshalb ich auch meinen ersten Bissen nahm.
„Soll ich Wasser dazugeben oder was?“, fragte er.
„Naja, es hat hier auch Milch…“
„Ich trinke keine Milch!“, rief er, so laut, dass es der ganze Saal hören konnte.
„Milchtrinker unterstützen das kapitalistische Schweinesystem!“
Ich schob vorsichtig meinen Joghurtbecher hinter die Blumenvase, die zwischen uns stand. Ein paar Leute drehten sich empört zu uns um.
„Ja, guckt nur, ihr fleischfressenden, Milch saufenden Steinzeitmenschen! Wegen euch verschwenderischen Pennern geht die Welt an den Arsch!“
Die Hotelwirtin kam eilig an unseren Tisch und lehnte sich zu Lukas vor.
„Bitte! Unterlassen sie das oder ich bin gezwungen, sie hinauszuwerfen!“
„Jaja“, maulte Lukas wieder leiser und konzentrierte sich dann auf seine Müslischale. Die Hotelwirtin bedachte auch mich mit einem mahnenden Blick, woraufhin ich unschuldig mit den Schultern zuckte und sie sich wieder zurück in die Küche begab.
„Ich… wusste gar nicht, dass du so eine sensible Seite hast“, meinte ich.
„Ich bin nicht sensibel“, schnauzte mich Lukas an. „Menschen sind nur Arschlöcher. Vor allem diejenigen, die viel Geld haben. Also die meisten Leute, die auf unsere Konzerte kommen.“
„Warum spielst du dann vor ihnen?“
„Weil ich Jazz selber mag und das der einzige gottverdammte Weg für mich ist, irgendetwas zu tun, was mir halbwegs Spaß macht und davon leben zu können.“
Meine Mundwinkel zuckten etwas, als ich versuchte, mir ein Lächeln zu verkneifen. Ich hätte nicht geglaubt, dass wir beide uns in mancher Hinsicht so ähnlich wären.
„Noch nie daran gedacht, etwas anderes zu machen?“
„Was denn? Schlagzeuglehrer? Studiomusiker? Bleibt doch das selbe Klientel.“
„Naja, vielleicht etwas, was nicht mit Musik zu tun hat.“
Er sah mich entgeistert an, als hätte ich gerade behauptet, Lars Ulrich sei ein guter Drummer.
„Was? Ich kann ohne Musik nicht leben!“
„Du kannst doch immer noch für dich musizieren, warum…“
„Vergiss es! Ich kann doch nichts anderes!“
„Es ist doch nicht zu spät, auch etwas anderes zu lernen, oder? Wenn es dich nicht glücklich macht?“
„Ich habe meinen Frieden damit geschlossen, dass ich den Feind unterhalte, um selbst am Leben bleiben zu können.“
Ich schmunzelte und sah nachdenklich zur Seite.
„Mit Protestmusik verdient man kein Geld“, meckerte Lukas. „Die Leute wollen das doch gar nicht hören.“

„Was ist mit deiner Band? Als Unterstützer des kapitalistischen Schweinesystems müsstest du uns doch eigentlich auch hassen oder?“
Lukas sah mich eine kurze Weile an und nahm dann einen Löffel Orangensaft-Müsli.
„Ihr seid Idioten“, antwortete er schließlich. „Manni ist ein unreflektierter Schwachkopf. Richard ein selbstverliebter, eitler Pfau, Tillmann markiert einen auf harter Kerl, um zu verbergen, dass er sich die ganze Zeit über aus Angst vor Veränderungen in die Hose scheißt. Und du hast keine Ahnung was du willst und bist ein kleiner Schisser.“
„Ich… schätze es, wenn man ehrlich mit mir ist“, würgte ich heraus und lief rot an. Weniger aus Zorn über die dreiste Bemerkung, sondern über ihren Wahrheitsgehalt und die Tatsache, dass man das so leicht merken konnte. Lukas ignorierte meine Wertschätzung.
„Aber es gibt noch viel größere Idioten als euch, im Vergleich ist es also immer noch angenehmer mit euch abzuhängen, als mit jemand anderem. Nimm das als Kompliment.“
„Tue ich… wissen die anderen, dass du so über sie denkst?“
„Klar, alle außer Richard, er denkt, ich würde ihn lieben.“
„Und sie haben kein Problem damit?“
„Keine Ahnung. Interessiert mich nicht. Die Band funktioniert doch trotzdem, oder?“
Etwas brummte und Lukas kramte sein Smartphone aus der Hosentasche.
„Arschloch…“, knurrte er und stand auf.
„Was ist?“
„Ich muss fremde Leute im Internet beleidigen, die nicht mit mir einer Meinung sind. Der hier hat mir doch tatsächlich widersprochen. Bis später, wird ein guter Gig heute Abend.“
„Bis später…“

Ich wunderte mich darüber, wie schnell einem Menschen sympathisch werden konnten. Als sich Lukas entfernt hatte, zog ich die Jogurtschüssel wieder zu mir und beendete mein Kapitalismus-unterstützendes Frühstück. Ja, es wird ein guter Gig, heute Abend, dachte ich mir. Die Anspannung war wie weggeblasen. Es wäre mir allerdings ohnehin egal gewesen, denn ich beschloss, dass der kommende Auftritt mein letzter mit den Major Five werden würde. Ich hoffte nur, dass mir ein guter Grund einfallen würde, den auch die anderen verstehen würden.

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Topophobie – Der lächelnde Tanzbär

Auf einmal machte es „Klick“ und die Show ging los. Das ist wie, wenn man den Fehler gemacht hat, sich in die Achterbahn zu trauen, vor der man am meisten Angst hat: Die Sicherheitsbügel drücken dich an deinen Sitz und die Fahrt geht los. Es gibt kein zurück, auch, wenn du wieder aussteigen willst. Es geht nicht. Du kannst dich nicht einmal umdrehen. Die Zeit wird immer abstrakter: zunächst kommt es dir alles wie eine Ewigkeit vor, danach rast die Situation an dir vorbei und eigentlich ist alles, was du wahrnimmst nur noch die Aufregung. Das Adrenalin, das durch deinen Körper pumpt lässt dich vergessen, wie es sich überhaupt anfühlt, auf festem Boden zu stehen. Man möchte schreien, aber es funktioniert nicht. Die Kehle ist wie zugeschnürt. Schweiß tritt aus. Alles verkrampft.

Ich stand neben mir. Sah zu, wie die Finger über die Tastatur huschten, zitternd, unkontrolliert, mit feinen, winzigen Schweißtropfen. Nathan, der Neue. Der begabte Musiker. Ich beneidete ihn. Schon immer wurde ihm zugesprochen, er hätte eine große Begabung. Er sei etwas ganz Besonderes. So talentiert. Für Großes Vorbestimmt. Hm. Hat er sich da gerade verspielt? Es konnte doch nicht sein, dass sich dieser grandiose Pianist mit seinen Zauberhänden gerade einen Fehler erlaubt hat. Dieses Wort – „Fehler“, es dürfte ihm ja überhaupt ein Fremdwort sein. Nein, nein, Nathan, deiner einer verspielt sich nicht. Spiel weiter. Lass dich nicht von russischen Wunderkindern und internationalen Berühmtheiten einschüchtern. Du gehörst dazu. Das hat man ja damals auch immer gesagt. Halte diese Finger in Bewegung. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn sie auf einmal damit aufhören? So ein schnelles Lied… und das Klavier klingt dabei so voll und tragend. So verantwortungsvoll, dieses Lied als Pianist zu begleiten, nicht wahr? Was wäre nur, wenn…

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Topophobie – Immer in die Augen schauen

Als die erste Band anfing zu spielen, war das Büffet zwar eröffnet, aber mein Magen fühlte sich so verschlossen an, dass ich es, aus Angst, mich auf der Bühne übergeben zu müssen, nicht einmal anrührte. Die erste Combo bestand aus einer Sängerin, begleitet von Schlagzeug, Kontrabass und Klavier. Und der Pianist verstand etwas von seinem Handwerk. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, ihn nach dem Auftritt einfach zu fragen, ob er meinen Part des heutigen Abends einfach übernehmen könne, aber so verkrampft, wie ich gerade an einem der vielen rundlichen Tische saß, merkte ich, dass ich erstmal damit zu kämpfen haben würde, überhaupt aufzustehen. Ich sah mich um und versuchte, anhand der Gesichtsausdrücke im Publikum zu analysieren, was es von der Band hielt. Einige unterhielten sich leise, andere sahen mit gleichgültigem Gesichtsausdruck zu Band, während andere dabei wiederum ein leises Lächeln auf den Lippen hatten. Gefiel es ihnen? Oder schmunzelten sie über die Band, weil sie sie für Amateure hielten? Nach meinem Standard bestand das Quartett keinesfalls aus Amateuren, aber wer wusste schon, was dieses Publikum so gewöhnt war? Und wenn es diesen Pianisten schon für einen Amateur hielt, was…

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Topophobie – Mehr, bitte!

Ich hätte ja gerne noch eine ausführliche Schilderung gehabt, was meine neue Band so von der Musik meiner alten Band hielt, aber nachdem ich meinen MP3-Player wieder  an mich genommen hatte, beschäftigte sich die Unterhaltung mehr oder weniger nur noch mit der pseudo-wissenschaftlichen Behauptung, dass sich die Attraktivität einer Frau bereits an ihrer Gesangsstimme ablesen würde. Was natürlich absoluter Quatsch war, alleine schon, wenn man bedenkt, dass ein heftiger Gesichtsausschlag sich wohl nur in den allerwenigsten Fällen auf die Stimmbänder auswirken würde. Die Diskussion wurde etwas hitziger, da vor allem Manni und Richard immer noch der festen und eigentlich unbegründeten Meinung waren, dass an der Behauptung etwas dran war. Und ich machte mir auf einmal mehr Gedanken darum, die beiden Idioten von ihrem Irrglauben abzuleiten, als in Erfahrung zu bringen, was sie denn sonst noch so von den Aufnahmen hielten. Vielleicht war das so aber auch besser. Das Konzert stand an und ich konnte nichts gebrauchen, was meinem aufs musikalische bezogene Selbstbewusstsein einen Knacks verpassen könnte. Als Besserwisser betrachtet zu werden, war ich gewohnt und hatte ehrlich gesagt auch nichts dagegen. Ich meine, ich weiß Dinge eben oftmals besser, das ist keine Arroganz, das ist einfach eine rein objektive Tatsache. Und wenn ich mal etwas nicht besser weiß, dann komme ich damit auch klar. Nach einer Weile jedenfalls.

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Topophobie – Kein Eis für Tanja

Der Film war richtig, richtig mies und selbst das IMDb-Rating von Fünf Komma Neun Punkten war noch viel zu gut für diesen billigen Streifen. Er hatte keinen nennenswerten Plot und die Dialoge waren so bescheuert, dass man den Schauspielern ihre Lustlosigkeit schon beinahe verzeihen mochte. Tanja lachte mehrmals trocken auf, wenn irgendwelche Szenen eigentlich hätten dramatisch sein müssen und niemand der anderen elf Kinobesucher beschwerte sich darüber. Einige gingen schon nach der ersten halben Stunde. Zu etwa dieser Zeit begann Nayara die Fehler des Films zu kommentieren, etwas, was normalerweise ich tat. Nur hatte ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich mir das nicht erlauben konnte, war ich doch derjenige gewesen, der „unbedingt“ den Film ansehen wollte.

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Topophobie – Schlechter Kriegsfilm klingt doch interessant

Es ging mir schlechter als zunächst erwartet. Ich schätzte, es lag nicht mal nur daran, dass Felix‘ Ausstieg die Auflösung von unserer Band bedeutete, die stolze sechs Jahre ein Teil unseres Lebens gewesen war und der Grund, weshalb Nayara und ich uns überhaupt kennen lernen konnten, sondern auch, weil er wahrscheinlich die Auflösung einer langwährenden Freundschaft bedeutete.
„Nat…“, sprach Nayara mit ruhiger Stimme und fuhr mir mit ihrer Hand durchs Haar. „Ich weiß, es tut vielleicht weh das zu hören, aber ist es so vielleicht nicht besser?“
„Was?“
Obwohl es nur ein Wort war, überschlug sich meine Stimme. „Tut mir leid, aber ich habe nicht so viele Freunde wie du!“
Sie war vernünftiger als ich und ging nicht auf meine abfällige Betonung ein.
„Vielleicht ist es an der Zeit, neue zu machen. Und du hast immer noch mich.“
Ich wollte keine neuen Freunde. Ich wollte den alten besten Freund, der mich im Sandkasten verprügelt hatte und danach die anderen Kinder verprügelte, die mich ebenfalls verprügeln wollten, weil er meinte, nur er dürfe das. Ich wollte den alten besten Freund, der sich Jahre später als das größte Weichei herausstellte, das es auf der Welt gab und sich immer bei mir ausheulte, wenn ihn irgendjemand seiner Meinung nach falsch behandelt hatte. Das gab mir das Gefühl, zumindest den Ansatz von Sozialkompetenzen zu besitzen. Ich wollte den alten besten Freund, dem es egal war, wenn sich bei einer 30.000 Punkte Tabletop-Partie bereits nach wenigen Runden abzeichnete, dass ich ihn gnadenlos fertig machen würde. Eine, für die wir das ganze Wochenende über mit unseren handbemalten Ork- und Zwergenfiguren den Esszimmertisch meiner Eltern beschlagnahmt hatten. Und ich wollte den alten besten Freund, der neben Nayara die einzige Person in meinem Leben war, bei der ich den Eindruck hatte, dass sie sich für mein Leben interessierte. Und ja, es war mir vollkommen egal, dass das ausschließlich egoistische Gründe waren.

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Topophobie – Ein bisschen wie mit Schlaganfall

Auch nach der 15-minütigen Fahrt war ich noch komplett außer Atem, als ich, halb wankend, die S-Bahn verließ. Mir fiel erst jetzt auf, dass ich meine Gitarrentasche nicht geschlossen hatte und, als ich zur Haltestelle gesprintet bin, all meine Noten- und Textblätter unterwegs verloren habe. Ich schloss die Augen und nahm einmal tief Luft.
„Wird schon gut gehen“, redete ich mir ein. „Ich brauch die Noten nicht. Ich weiß ja nicht Mal, ob diese Lieder in jenen Tonarten überhaupt gespielt werden.“
Ich hatte mir, um sicher zu gehen, dieses Mal einfach Leadsheets für die geläufigsten Jazz-Standard ausgedruckt, um nicht mit heruntergelassener Hose im Dunkeln zu tappen, sollte mich meine Intuition im Stich lassen. Denn das passierte mir unter Druck häufig genug. Aber ich versuchte ruhig zu bleiben. Ich habe gestern immerhin eine Viertelstunde lang das Für und Wider abgewägt, ob ich die Noten mitbringen sollte. Es konnte ja auch sein, dass sich die Major Five über mich lustig machen würden, wenn ich in ihrer Profi-Band mit Noten auftauchen würde. Nach einer Viertelstunde war ich zwar noch nicht zu einem Entschluss gekommen, aber Nayara tauchte auf und ließ mich nicht mehr alleine. Sie meinte, sie wolle mir beweisen, dass ich keinen Grund dafür habe, eifersüchtig zu sein. Ich fühlte mich etwas schlecht für meine Lüge, aber nicht lange, dafür sorgte sie. Jetzt fühlte ich mich dafür allerdings wieder schlecht und entschied, dass es besser wäre, nicht darüber nachzudenken, so kurz vor meiner ersten offiziellen Bandprobe mit Major Five. Ich fragte mich stattdessen, weshalb sie mich einfach so, nachdem ich nur ein Lied begleitet hatte – und das nicht mal sonderlich gut – einfach so genommen haben. Machten sie vielleicht einfach nur einen auf Profi? Nein, dafür waren sie zu gut… und tatsächlich schon zu erfolgreich. Hatten sie vielleicht schon ein Dutzend Pianisten vor mir eingeladen, die erstaunlicherweise aller schlechter waren als ich und verzweifelt genug, dann letztlich mich zu nehmen, weil ich kurzfristig die beste Lösung war? Oder waren sie derart oberflächlich, dass sie so beeindruckt durch meinen zweifelhaften Ruhm als 9-jähriger Konzertpianist waren, dass sie sich dadurch so sehr haben blenden lassen? Ich hoffte, dass es nicht letzteres war. Das Erwachen würde schmerzhaft enden. Ich betrat das dämmrig beleuchtete Kellergewölbe des Rathauses durch einen Außeneingang und atmete tief die kalte, trockene Luft ein. Mit entschlossenen Schritten ging ich über den dunkelroten Teppich, der mich zum Bandraum führte. Nein, sagte ich mir selbst. Sie haben mich genommen, weil ich eben nicht so mies bin, wie ich es mir immer einrede. Ich sollte mich, so fuhr ich meinen inneren Monolog fort, auf das Urteilsvermögen von Profis verlassen können.

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Topophobie – Nicht so der singende Typ

An der Haltestelle im Herzen Ledringens stieg ich mit meiner Gitarre aus. Nayara hatte glücklicherweise nicht bemerkt, dass ich sie mit mir trug. Ich hatte das schon befürchtet und mir die Ausrede zusammengelegt, dass sie eine Reparatur benötigen würde und ich sie deshalb mit zum Musikladen nahm. Nun konnte ich mir diese Begründung noch für später aufheben. Es war ein schöner, warmer Septembermorgen. Ich schlenderte durch die Altstadt, konnte mir Zeit lassen, da ich mich mit dem alten Rob erst in einer halben Stunde treffen würde und ging bewusst langsam durch die Straßen. Wie schön es hier doch war, wenn man sich die Zeit nahm, die alten, bunten Fachwerkhäuser zu bewundern, die verträumten Gassen, das Kopfsteinpflaster, die altmodischen Straßenlaternen und den Duft von Brötchen, der aus den Bäckereien auf offene Straße strömte. Meine Laune wurde nur wieder etwas getrübt, als ich an einer solchen Bäckerei vorbeiging und einen Blick ins Schaufenster warf. Lauter leckere Köstlichkeiten, doch waren sie alle übertrieben teuer. Ich ging seufzend weiter, musste bei meinem Tempo allerdings aufpassen, nicht von den beschäftigten Menschen, die auf ihrem Weg zur Arbeit waren über den Haufen gerannt zu werden. War ich gestern früh auch noch so? Der Blick stur geradeaus, die Gedanken nur auf die Arbeit, die anstand fixiert? Schwer vorstellbar. Ich hatte es nie eilig, den vermaledeiten Laden zu betreten. Der Besitzer, Herr Kettner hat nie ein Problem damit gehabt, dass ich regelmäßig ein paar Minuten zu spät kam. Er hatte nur ein Problem mit dem ganzen Rest, was mich anging. Meine Gedanken schwankten irgendwo zwischen „Er hat ja schon irgendwo Recht gehabt, ich bin nicht der beste Verkäufer“ und „Bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“. Meine Gedanken einigten sich schlussendlich auf „Als mieser Verkäufer bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“, aber irgendwo rief noch eine winzige Stimme, dass ich mich schämen sollte und jetzt in riesigen, finanziellen Schwierigkeiten stecken würde. Nun, aber gegen genau dieses Problem unternahm ich ja gerade etwas.

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Topophobie – Unerwarteter Besuch

Bis 18:00 Uhr hätte ich normalerweise noch im Musikladen gearbeitet. Bis dahin machte ich mir Gedanken darüber, ob ich Nayara einfach erzählen sollte, dass ich meinen Job schon wieder verloren habe, oder es einfach für mich behielt. Es war nicht so, dass sie mir jemals einen spontanen Überraschungsbesuch bereitet hat, da sie selbst zu ähnlichen Zeiten arbeiten war. Und nachdem ich für die vergangenen drei Stunden einen Straßenmusiker beobachtet und immer mal wieder mit Stielaugen das Geld in seinem Gitarrenkoffer gezählt hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass sich das Gehalt eines Straßenkünstlers nur marginal von dem eines Instrumentenfachhändlers unterschied. Natürlich würde ich das Geld auch noch durch zwei teilen müssen, allerdings würden der alte Robert und ich auch doppelt so gut spielen und singen, als mein Beobachtungsobjekt. Und dementsprechend, hoffentlich, auch doppelt so viel Geld bekommen. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich zumindest für den Rest des Monats, den ich ja noch bezahlt wurde, nichts sagen würde. Vielleicht lief es gut, vielleicht musste Nayara überhaupt nichts davon erfahren. Ich hatte etwas Bauchschmerzen bei dem Gedanken, ihr das zu verheimlichen, gerade ich, der sich stets für Ehrlichkeit und Direktheit rühmte. Aber ein schlimmeres Gefühl als nur Bauchschmerzen überkamen mich, wenn ich daran dachte, ihr zu erzählen, dass ich einen weiteren Job losgeworden bin. Schon wieder versagt habe. Ich nahm mir vor, mich ab dem nächsten Tag auch nach einem anderen Job zu erkundigen. Sollte es mit dem Straßenmusizieren nicht funktionieren, konnte ich einfach mit etwas anderem anfangen und Nayara erzählen, ich hätte für einen besseren Job den alten im Musikladen gekündigt. Im Idealfall würde es einfach mit den Major Five funktionieren. Es war mittlerweile 19:00 Uhr und ich machte mich auf zur S-Bahnhaltestelle. Ich seufzte, als ich mich auf die kalte Holzbank setzte. So viel zum Thema Ehrlichkeit, dachte ich mir. Ich versuchte mir einzureden, dass ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte, wenn ich meine Freundin ja nicht anlog. Ich enthielt ihr lediglich Informationen vor, die vollkommen irrelevant waren, wenn sich unterm Strich nichts ändern würde.

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Topophobie – Der Alte Rob

Das war es. Mehr musste nicht gesagt werden – ich sagte nichts mehr und ging. Nicht, weil ich beleidigt war oder die Lust am Diskutieren verloren hätte. Es gab nichts zum Diskutieren. Ich richtete mehr Schaden als Gewinne an, das war einfach eine Tatsache. Meine melodramatische Seite wühlte sich aus mir hervor und versuchte mir einzureden, dass ich diese Aussage auch auf meine ganze Existenz beziehen könnte, aber ich konnte sie mit glücklicherweise wieder niederringen. Ich richtete keine Gewinne an, mochte ja sein, dachte ich mir, aber ich hätte auch nicht gewusst, was ich denn überhaupt gewinnen wollen würde. Ich war weder auf aus ein großes, schickes Haus mit Swimming Pool, noch auf eine Anstellung bei irgendeinem Orchester oder einer Band. Natürlich, es war gut, dass mich die Major Five genommen hatten, aber ich riss mich jetzt auch nicht sonderlich um den Posten. Und was den Schaden anging, fielen mir nur finanzielle Schäden auf und durch die kam ich irgendwie immer hinweg. Mal davon abgesehen, dass ich gerade meinen ohnehin beschissenen Job verloren hatte, sagte ich mir selbst, ging es mir doch prima. Ich schlenderte pfeifend durch die Straße. Die strahlende Sonne schuf einen herrlich warmen, klaren Herbsttag und ich genoss den Geruch von welkenden Blättern, der durch den Wind zog. Ich schloss meinen MP3-Player an und ließ die Musik laufen. Es war noch die Musik darauf, die ich mir bis zum auditiven Erbrechen reingezogen habe, um das Genre besser zu verstehen und vertrauter mit der Musik zu werden. Jazzstandards, die mit jedem Mal anhören langweiliger wurden, dudelten sedierend wie Aufzugsmusik durch die Kopfhörer. Mir wurde klar, dass ich dennoch nie so gut spielen würde, wie Keith Jarret, Oscar Peterson oder Duke Ellington. Ich bewunderte sie und verachtete sie gleichermaßen. In diesem Moment verachtete ich sie aber größtenteils.

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