Was Christen von der Band „A Perfect Circle“ lernen können

Ich muss das Album der Band, das heute erschienen ist – und ganz besonders ein Lied, das schon vor einigen Wochen als Single ausgekoppelt wurde unbedingt etwas promoten. „A Perfect Circle“ erfreut sich in Deutschland nicht unbedingt all zu großer Bekanntheit, dabei sollte die Band meiner Meinung nach zumindest jeder schon mal gehört haben.

Man muss ja nicht gleich Fan werden – mir ist bewusst, dass die sehr zynischen Texte nicht jedermanns Sache sind, aber manche Passagen sprechen mir einfach so sehr aus der Seele, dass ich sie am liebsten an die Kirchentüre nageln würde, wie es Luther damals (NICHT) getan hat.

Das Lied „TalkTalk“ deckt – zumindest in meinen Augen – besonders treffend auf, was in unserem angeblich „christlich geprägten Abendland“ so heftig schief läuft. Beziehungsweise nicht läuft.

„You’re waiting on miracles – we’re bleeding out“

Mit diesen Textzeilen beginnt das Lied. Und das ist auf so viele Weisen wahr. Man muss es nicht einmal auf uns Christen beschränken, denn es spricht allgemein für unsere westliche Geisteshaltung im Angesicht der globalen Konflikte, mit denen wir es zu tun haben. Fluchtursachen entstehen nicht ohne Weiteres. Kriege passieren nicht einfach so. Und unser Planet wird ausgeschlachtet und vergewaltigt, als hätten wir noch eine Extrapackung „Erde“ auf Vorrat. All das wird durch Menschen verursacht – und kann nur durch Menschen verhindert werden. Wir wissen das, aber irgendwie tun wir kaum etwas dagegen. Stattdessen warten wir auf Wunder. Oder „unrealistische Zufälle“, wenn wir uns dem Wortschatz eines Atheisten bedienen. Und während wir warten, verbluten Menschen, verblutet die Erde. Metaphorisch und wörtlich gleichermaßen.

Dann geht es mit einer Aussage weiter, die es in sich hat:

„Thoughts and prayers – adorable. Like cake in a crisis. We’re bleeding out.“

So albern der Vergleich ist, so treffend ist er. Wie müde bin ich es, von Politikern die Worte „Wir sind gedanklich und in unseren Gebeten bei den Opfern“ zu hören. Man denke nur an Amerika und die dortigen Waffengesetze in Anbetracht der Waffengewalt, die auch vor Kindern nicht anhält. Wenn wir den Opfern von Krieg und Armut nur unsere Gedanken und Gebete schicken, aber selbst nicht dazu bereit sind, etwas zu tun, dann ist das so hilfreich, wie Kuchen während einer Krise. Hier werden bestimmt die ersten meiner Glaubensgeschwister aufschreien: „Wie kannst du die Macht des Gebetes so herabspielen? Elender Ketzer!“ – bevor man sich jetzt in solche Gedanken verstrickt, erstmal eine Gegenfrage: wenn du für etwas oder jemanden betest, gleichzeitig dazu in der Lage bist, auch deinen eigenen Teil dazu beizutragen, es aber nicht tust – meinst du das Gebet dann wirklich ernst? Und glaubst du, dass ein nicht ernst gemeintes Gebet tatsächlich irgendwelche Wirkungen hat? Nein? Ich auch nicht.

Im Pre-Chorus heißt es: „While you deliberate, bodies accumulate“, was die Strophe eigentlich gut zusammenfasst. Auf den Punkt gebracht und zugespitzt wird die Aussage dann im Refrain:

„Sit and talk like Jesus – try walking like Jesus.“

Das Lied nimmt hier Bezug zu jenen, die ständig einen auf ach so heilig machen, Jesus ganz toll zitieren können, aber erst dazu aufgefordert werden müssen, ihren Worten tatsächlich selbst Folge zu leisten. Jesus hat nicht einfach nur gesprochen. Jesus hat tatsächlich Dinge getan. Es reicht eben nicht, auf der Kanzel große Reden zu schwingen, beziehungsweise diese brav abzunicken. Es reicht nicht jeden Tag seine Stille Zeit zu halten, zu beten, aber dann wie jeder andere Mensch sonst zu leben. Ja – es reicht, das Opfer von Jesus anzunehmen, um deine Seele zu retten. Daran glaube ich auch. Aber das alleine reicht nicht aus, um diese Welt zu einer besseren zu machen. Und wenn wir uns schon „Christ“ an unsere Stirn schreiben, dann sollten wir uns auch der Aufgabe bewusst sein, die Gott uns gegeben hat: verantwortungsvoll miteinander und mit der Erde umzugehen. Und dazu gehören auch Taten.

In diesem Sinne:

„Talk talk talk talk – Get the fuck out of my way!“

Wenn du einfach nur zu denjenigen gehörst, die nur daherreden, aber zu bequem sind, tatsächlich etwas zu tun, dann verschwende meine Zeit nicht weiter.

In der Bridge – wenn man sie so nennen mag – wird eine Aufforderung mehrmals wiederholt:

„Dont be the problem, be the solution.“

sowie

„Talk without works is faith without works is dead“

Ein berühmtes Zitat von Gandhi lautet: „You must be the change you want to see in the world“.  Während Gandhi das Individuum in seinem Zitat erstmal als neutral darstellt, geht die Aussage des Liedes einen Schritt weiter: man kann durchaus selbst zum Problem gehören. Nichtstun bedeutet nicht zwangsläufig, die Rechnung nicht negativ zu beeinträchtigen. Schauen wir uns das Thema Umweltschutz an, um uns zu vergegenwärtigen, wie absurd unsere Lage ist. Wir sind die mit Abstand einfallsreichste und intelligenteste Spezies, die unseren Planeten bewohnt. Wieso bekommen wir es nicht auf die Reihe, den Schaden, den wir auf ihm anrichten, zumindest zu reduzieren?

Meine Frau und ich haben lange nachgedacht, wie verantwortlich es ist, ein Kind in die Welt zu setzen. Nicht nur, was das Kind angeht, das sich ja nicht selbst dazu entscheidet, geboren zu werden. Sondern auch, ob das Kind nun zum Guten oder zum Schlechten auf dieser Welt beiträgt – wir tragen als Eltern sicherlich unseren Teil dazu bei, aber diese Verantwortung überspannt sich nicht über alle Entscheidungen unseres Sohnes. Letztlich waren wir – auch, wenn es gegen die Statisik spricht – optimistisch und hoffen nun darauf, dass wir ihm ein gutes Vorbild sein werden, wenn es darum geht, ein Teil der Lösung zu sein.

Ich bin ernsthaft der Meinung, dass Glaube ohne Taten ein toter, sprich unechter Glaube ist. Die Frage ist natürlich, was jetzt unter der „Tat“ verstanden wird. Mir wurde damals ein Bild eingetrichtert, dass ein Christ, der „gute Taten“ vollbringt, anderen Menschen ganz nach dem Bild der Evangelikalen seinen Glauben näher bringt. Gewiss, als Christ bin ich der Überzeugung, dass die Weiterverbreitung des Evangeliums etwas Wichtiges ist. Aber war es das dann? Und darüber hinaus – nicht jeder ist dafür geeignet, sich auf die Straße zu stellen, Reden zu halten und locker fremde Menschen auf ihren Glauben anzusprechen. Ich habe auch schon Leute erlebt, die das auf äußerst abschreckende Art und Weise getan haben. Außerdem, wie glaubwürdig ist man, wenn man fleißig Jugendarbeit leistet, aber seinen Kindern Produkte kauft, die aus Kinderarbeit stammen? Wie ernst kann man jemanden nehmen, der auf der Straße für Heilung betet, aber Fleisch aus der Massentierhaltung kauft, das mit Antibiotika vollgepumpt ist?

In „TalkTalk“ wird die Antwort, was denn nun in der Tat verstanden wird, im abschließenden Refrain angedeutet:

„Sit and talk like Jesus – try walking like Jesus. Try braving the rain. Try Lifting the Stone. Try Extending a hand. Try walking your talk or get the fuck out of my way.“

Sich ein Beispiel an Jesus nehmen. Er kam nicht nur auf die Erde, um wegen unserer Sünde zu sterben, sondern auch, um uns ein Vorbild zu sein. Und was tat Jesus? Er kümmerte sich um die Ausgestoßenen der Gesellschaft. Um die Armen, Kranken und Schwachen. Während wir Christen häufig in unseren vergleichsmäßigen Palästen wohnen und uns schon schwer damit tun, überhaupt einen Zehnt zu spenden – etwas, was nebenher bemerkt nicht aktiv getan wird, sondern nur verrechnet wird. Machen wir uns doch mal bewusst, wer in Deutschland zu den Ausgestoßenen, Armen, Kranken und Schwachen der Gesellschaft gehört. Jesus würde mit den Flüchtlingen und den „Harzern“ abhängen. Vielleicht lehne ich mich damit für einige weit aus dem Fenster, aber ich bin mir ziemlich sicher, er würde sich für die Rechte der Frauen einsetzen, gegen Kinderarmut- und arbeit, gegen die Unterbezahlung von Pflegepersonal und denjenigen, die Verantwortlich für die Kinderbetreuung- und Erziehung sind.

„Ich bin Christ, ich will mit Politik nichts zu tun haben.“

Tut mir leid, aber du bist mit allem, was du tust, politisch. Alleine, mit welchem Klopapier du dir deinen Hintern abwischst, ist ein politisches Statement. Du liest die Bibel? Ein politisches Statement. Du bist gegen den Verbot religiöser Schriften oder zumindest dieser einen.  Jesus war enorm politisch. Die Politiker legten sich ja letztlich mit ihm an. Ein Politiker verurteilte ihn zu Tode. Den Spruch, du seist unpolitisch kannst du dir also gleich mal streichen. Du bist politisch. Ob du etwas tust oder nicht. Und wenn du Jesus nachfolgen willst, also versuchst, „wie er zu gehen“, dann strecke deine Hand nicht nur nach dem Geld aus, sondern auch nach denjenigen, die deine Hilfe benötigen.

Ja, anstrengend. Das Album heißt nicht umsonst „Eat the Elephant“.

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Meine Top 10 Albenempfehlungen

Da sich Weihnachten nähert, der ein oder andere vielleicht noch ein Geschenk braucht und ich mich selbst und meinen Musikgeschmack für viel zu wichtig halte, habe ich mir überlegt, meine 10 Lieblingsalben zu präsentieren.

Da sich mein Musikgeschmack nicht nur auf ein Genre beschränkt, dürfte für Viele etwas dabei sein, aber ich mache keinen Hehl daraus: am liebsten höre ich Progressive Rock, dementsprechend gibt es hier ein paar Alben mehr als in anderen Genres. Eigentlich stimmt „Lieblingsalben“ auch nicht, der Diversität (und um es unter 10 zu halten) zu Liebe, habe ich einige Alben, die ich eigentlich auch zu meinen Lieblingsalben zählen würde nicht genannt. Es handelt sich größtenteils um Künstler, die der breiten Masse eher unbekannt sind, zumindest hier in Deutschland. Nicht im Sinne von „seltsame, avantgardistische Musik“, mit denen nur Fanatiker etwas anfangen können, sondern Musik, die eben erfrischend anders oder schlicht und ergreifend unentdeckt ist.

Also hört zumindest mal rein, lasst mich wissen, wenn euch etwas gefällt, was ihr zuvor nicht gekannt habt, mich würde es freuen, wenn die vier Stunden Schreibarbeit tatsächlich auch jemandem helfen konnten.

Die Reihenfolge hat übrigens gar nichts zu sagen.

Ich habe außerdem festgestellt, dass fast alle Alben aus den 2000’er-Jahren sind. Wenn jemand anhand meines Musikgeschmacks Empfehlungen an mich hat, die vielleicht auch aus anderen Dekaden stammen, bitte her damit, ich würde mich sehr freuen!

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Topophobie – Immer in die Augen schauen

Als die erste Band anfing zu spielen, war das Büffet zwar eröffnet, aber mein Magen fühlte sich so verschlossen an, dass ich es, aus Angst, mich auf der Bühne übergeben zu müssen, nicht einmal anrührte. Die erste Combo bestand aus einer Sängerin, begleitet von Schlagzeug, Kontrabass und Klavier. Und der Pianist verstand etwas von seinem Handwerk. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, ihn nach dem Auftritt einfach zu fragen, ob er meinen Part des heutigen Abends einfach übernehmen könne, aber so verkrampft, wie ich gerade an einem der vielen rundlichen Tische saß, merkte ich, dass ich erstmal damit zu kämpfen haben würde, überhaupt aufzustehen. Ich sah mich um und versuchte, anhand der Gesichtsausdrücke im Publikum zu analysieren, was es von der Band hielt. Einige unterhielten sich leise, andere sahen mit gleichgültigem Gesichtsausdruck zu Band, während andere dabei wiederum ein leises Lächeln auf den Lippen hatten. Gefiel es ihnen? Oder schmunzelten sie über die Band, weil sie sie für Amateure hielten? Nach meinem Standard bestand das Quartett keinesfalls aus Amateuren, aber wer wusste schon, was dieses Publikum so gewöhnt war? Und wenn es diesen Pianisten schon für einen Amateur hielt, was…

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Agnes Obel – Riverside

Mit der Musik ist es manchmal wie mit einem Jahrmarkt. Wenn ich mir die Zeit nehme, wühle ich hier und dort ein wenig herum, erwarte eigentlich nicht, dass ich irgendetwas Ansprechendes finde und plötzlich halte ich diesen einen, besonderen Gegenstand in meiner Hand und frage mich, wie mir dieses Kleinod die ganze Zeit über verborgen blieb. Und viel mehr, warum ich es nicht vermisst habe. Aber nun habe ich es gefunden und kann mich darüber freuen.

Genau so ist es mir ergangen mit „Riverside“, einem Lied einer mir bis heute ebenfalls unbekannten Künstlerin namens Agnes Obel. Ich bin heute bei meinen Streifzügen durch die Weiten des Internets auf diesen Titel gestoßen und war beim ersten Mal bereits hin und weg.

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Topophobie – Kein Eis für Tanja

Der Film war richtig, richtig mies und selbst das IMDb-Rating von Fünf Komma Neun Punkten war noch viel zu gut für diesen billigen Streifen. Er hatte keinen nennenswerten Plot und die Dialoge waren so bescheuert, dass man den Schauspielern ihre Lustlosigkeit schon beinahe verzeihen mochte. Tanja lachte mehrmals trocken auf, wenn irgendwelche Szenen eigentlich hätten dramatisch sein müssen und niemand der anderen elf Kinobesucher beschwerte sich darüber. Einige gingen schon nach der ersten halben Stunde. Zu etwa dieser Zeit begann Nayara die Fehler des Films zu kommentieren, etwas, was normalerweise ich tat. Nur hatte ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich mir das nicht erlauben konnte, war ich doch derjenige gewesen, der „unbedingt“ den Film ansehen wollte.

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Topophobie – Nicht so der singende Typ

An der Haltestelle im Herzen Ledringens stieg ich mit meiner Gitarre aus. Nayara hatte glücklicherweise nicht bemerkt, dass ich sie mit mir trug. Ich hatte das schon befürchtet und mir die Ausrede zusammengelegt, dass sie eine Reparatur benötigen würde und ich sie deshalb mit zum Musikladen nahm. Nun konnte ich mir diese Begründung noch für später aufheben. Es war ein schöner, warmer Septembermorgen. Ich schlenderte durch die Altstadt, konnte mir Zeit lassen, da ich mich mit dem alten Rob erst in einer halben Stunde treffen würde und ging bewusst langsam durch die Straßen. Wie schön es hier doch war, wenn man sich die Zeit nahm, die alten, bunten Fachwerkhäuser zu bewundern, die verträumten Gassen, das Kopfsteinpflaster, die altmodischen Straßenlaternen und den Duft von Brötchen, der aus den Bäckereien auf offene Straße strömte. Meine Laune wurde nur wieder etwas getrübt, als ich an einer solchen Bäckerei vorbeiging und einen Blick ins Schaufenster warf. Lauter leckere Köstlichkeiten, doch waren sie alle übertrieben teuer. Ich ging seufzend weiter, musste bei meinem Tempo allerdings aufpassen, nicht von den beschäftigten Menschen, die auf ihrem Weg zur Arbeit waren über den Haufen gerannt zu werden. War ich gestern früh auch noch so? Der Blick stur geradeaus, die Gedanken nur auf die Arbeit, die anstand fixiert? Schwer vorstellbar. Ich hatte es nie eilig, den vermaledeiten Laden zu betreten. Der Besitzer, Herr Kettner hat nie ein Problem damit gehabt, dass ich regelmäßig ein paar Minuten zu spät kam. Er hatte nur ein Problem mit dem ganzen Rest, was mich anging. Meine Gedanken schwankten irgendwo zwischen „Er hat ja schon irgendwo Recht gehabt, ich bin nicht der beste Verkäufer“ und „Bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“. Meine Gedanken einigten sich schlussendlich auf „Als mieser Verkäufer bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“, aber irgendwo rief noch eine winzige Stimme, dass ich mich schämen sollte und jetzt in riesigen, finanziellen Schwierigkeiten stecken würde. Nun, aber gegen genau dieses Problem unternahm ich ja gerade etwas.

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