Meine Top 10 Albenempfehlungen

Da sich Weihnachten nähert, der ein oder andere vielleicht noch ein Geschenk braucht und ich mich selbst und meinen Musikgeschmack für viel zu wichtig halte, habe ich mir überlegt, meine 10 Lieblingsalben zu präsentieren.

Da sich mein Musikgeschmack nicht nur auf ein Genre beschränkt, dürfte für Viele etwas dabei sein, aber ich mache keinen Hehl daraus: am liebsten höre ich Progressive Rock, dementsprechend gibt es hier ein paar Alben mehr als in anderen Genres. Eigentlich stimmt „Lieblingsalben“ auch nicht, der Diversität (und um es unter 10 zu halten) zu Liebe, habe ich einige Alben, die ich eigentlich auch zu meinen Lieblingsalben zählen würde nicht genannt. Es handelt sich größtenteils um Künstler, die der breiten Masse eher unbekannt sind, zumindest hier in Deutschland. Nicht im Sinne von „seltsame, avantgardistische Musik“, mit denen nur Fanatiker etwas anfangen können, sondern Musik, die eben erfrischend anders oder schlicht und ergreifend unentdeckt ist.

Also hört zumindest mal rein, lasst mich wissen, wenn euch etwas gefällt, was ihr zuvor nicht gekannt habt, mich würde es freuen, wenn die vier Stunden Schreibarbeit tatsächlich auch jemandem helfen konnten.

Die Reihenfolge hat übrigens gar nichts zu sagen.

Ich habe außerdem festgestellt, dass fast alle Alben aus den 2000’er-Jahren sind. Wenn jemand anhand meines Musikgeschmacks Empfehlungen an mich hat, die vielleicht auch aus anderen Dekaden stammen, bitte her damit, ich würde mich sehr freuen!

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Topophobie – Der lächelnde Tanzbär

Auf einmal machte es „Klick“ und die Show ging los. Das ist wie, wenn man den Fehler gemacht hat, sich in die Achterbahn zu trauen, vor der man am meisten Angst hat: Die Sicherheitsbügel drücken dich an deinen Sitz und die Fahrt geht los. Es gibt kein zurück, auch, wenn du wieder aussteigen willst. Es geht nicht. Du kannst dich nicht einmal umdrehen. Die Zeit wird immer abstrakter: zunächst kommt es dir alles wie eine Ewigkeit vor, danach rast die Situation an dir vorbei und eigentlich ist alles, was du wahrnimmst nur noch die Aufregung. Das Adrenalin, das durch deinen Körper pumpt lässt dich vergessen, wie es sich überhaupt anfühlt, auf festem Boden zu stehen. Man möchte schreien, aber es funktioniert nicht. Die Kehle ist wie zugeschnürt. Schweiß tritt aus. Alles verkrampft.

Ich stand neben mir. Sah zu, wie die Finger über die Tastatur huschten, zitternd, unkontrolliert, mit feinen, winzigen Schweißtropfen. Nathan, der Neue. Der begabte Musiker. Ich beneidete ihn. Schon immer wurde ihm zugesprochen, er hätte eine große Begabung. Er sei etwas ganz Besonderes. So talentiert. Für Großes Vorbestimmt. Hm. Hat er sich da gerade verspielt? Es konnte doch nicht sein, dass sich dieser grandiose Pianist mit seinen Zauberhänden gerade einen Fehler erlaubt hat. Dieses Wort – „Fehler“, es dürfte ihm ja überhaupt ein Fremdwort sein. Nein, nein, Nathan, deiner einer verspielt sich nicht. Spiel weiter. Lass dich nicht von russischen Wunderkindern und internationalen Berühmtheiten einschüchtern. Du gehörst dazu. Das hat man ja damals auch immer gesagt. Halte diese Finger in Bewegung. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn sie auf einmal damit aufhören? So ein schnelles Lied… und das Klavier klingt dabei so voll und tragend. So verantwortungsvoll, dieses Lied als Pianist zu begleiten, nicht wahr? Was wäre nur, wenn…

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Topophobie – Immer in die Augen schauen

Als die erste Band anfing zu spielen, war das Büffet zwar eröffnet, aber mein Magen fühlte sich so verschlossen an, dass ich es, aus Angst, mich auf der Bühne übergeben zu müssen, nicht einmal anrührte. Die erste Combo bestand aus einer Sängerin, begleitet von Schlagzeug, Kontrabass und Klavier. Und der Pianist verstand etwas von seinem Handwerk. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, ihn nach dem Auftritt einfach zu fragen, ob er meinen Part des heutigen Abends einfach übernehmen könne, aber so verkrampft, wie ich gerade an einem der vielen rundlichen Tische saß, merkte ich, dass ich erstmal damit zu kämpfen haben würde, überhaupt aufzustehen. Ich sah mich um und versuchte, anhand der Gesichtsausdrücke im Publikum zu analysieren, was es von der Band hielt. Einige unterhielten sich leise, andere sahen mit gleichgültigem Gesichtsausdruck zu Band, während andere dabei wiederum ein leises Lächeln auf den Lippen hatten. Gefiel es ihnen? Oder schmunzelten sie über die Band, weil sie sie für Amateure hielten? Nach meinem Standard bestand das Quartett keinesfalls aus Amateuren, aber wer wusste schon, was dieses Publikum so gewöhnt war? Und wenn es diesen Pianisten schon für einen Amateur hielt, was…

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Topophobie – Mehr, bitte!

Ich hätte ja gerne noch eine ausführliche Schilderung gehabt, was meine neue Band so von der Musik meiner alten Band hielt, aber nachdem ich meinen MP3-Player wieder  an mich genommen hatte, beschäftigte sich die Unterhaltung mehr oder weniger nur noch mit der pseudo-wissenschaftlichen Behauptung, dass sich die Attraktivität einer Frau bereits an ihrer Gesangsstimme ablesen würde. Was natürlich absoluter Quatsch war, alleine schon, wenn man bedenkt, dass ein heftiger Gesichtsausschlag sich wohl nur in den allerwenigsten Fällen auf die Stimmbänder auswirken würde. Die Diskussion wurde etwas hitziger, da vor allem Manni und Richard immer noch der festen und eigentlich unbegründeten Meinung waren, dass an der Behauptung etwas dran war. Und ich machte mir auf einmal mehr Gedanken darum, die beiden Idioten von ihrem Irrglauben abzuleiten, als in Erfahrung zu bringen, was sie denn sonst noch so von den Aufnahmen hielten. Vielleicht war das so aber auch besser. Das Konzert stand an und ich konnte nichts gebrauchen, was meinem aufs musikalische bezogene Selbstbewusstsein einen Knacks verpassen könnte. Als Besserwisser betrachtet zu werden, war ich gewohnt und hatte ehrlich gesagt auch nichts dagegen. Ich meine, ich weiß Dinge eben oftmals besser, das ist keine Arroganz, das ist einfach eine rein objektive Tatsache. Und wenn ich mal etwas nicht besser weiß, dann komme ich damit auch klar. Nach einer Weile jedenfalls.

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Topophobie – Sehr unromantisch

„Wie viele Bassisten braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?“
„Ach, halt die Klappe“, raunte Tillmann, Bassist der Major Five, aber Manfred, oder Manni, wie er lieber genannt werden wollte, plapperte munter weiter.
„Fünf! Einer hält die Glühbirne fest und die anderen trinken Bier, bis die Decke sich dreht!“
Mir entzog sich der Sinn, weshalb es ausgerechnet vier Biertrinker sein mussten, aber mir kam es ohnehin so vor, dass niemand mehr Mannis Bassistenwitzen sonderlich viel Aufmerksamkeit schenkte. Ein Kommentar von mir wäre also genau so irrelevant gewesen. Der beleibte Trompetist kicherte dennoch über seinen Witz und Richard, der am Steuer des Minibusses war, drehte die Musik lauter. Ich hatte schon jetzt, nach einer Stunde Fahrt keine Lust mehr auf Bassistenwitze oder Charlie Parkers Saxophongedüdel. Dazu kam die Tatsache, dass ich zwischen Manni und Lukas auf der Rückbank ziemlich gequetscht saß, es ziemlich heiß war und mir von der Klimaanlage schlecht wurde. Die Fahrt war unangenehm, aber dennoch eine willkommene Fluchtmöglichkeit. Als ich am vorigen Abend gut angetrunken nach Hause kam, es war bereits kurz vor Mitternacht, lag Nayara schon im Bett und schlief. Ich habe versucht, auf dem Sofa zur Ruhe zu kommen, konnte aber lange kein Auge zumachen. Ich habe vielleicht drei Stunden Schlaf bekommen, wachte dann inmitten der Nacht wieder auf und wälzte mich nur noch hin und her, bis ich mich dazu entschied, schon etwas früher meinen Koffer zu packen und mich schon zum vereinbarten Abfahrtspunkt aufzumachen. Ich hielt es einfach nicht mehr daheim aus. Ich wollte um keinen Preis noch im Haus sein, wenn Nayara aufwachte, wusste nicht, wie ich mich ihr gegenüber hätte verhalten sollen. In diesem Moment hätte ich viel dafür gegeben, einfach mit Felix darüber sprechen zu können. Man konnte ja über Alina sagen, was man wollte, aber sie und er hatten wenigstens eine Beziehung, die nicht von solch enormen Hochs und Tiefs geprägt war, wie die zwischen Nayara und mir und ich hätte einen guten Ratschlag gerne gehört. Oder gerne einfach nur eine Weile herumgejammert. Doch mit Felix schien mich auch nichts mehr zu verbinden und Leon war definitiv nicht die richtige Person, mit der man über solcherlei Dinge sprechen wollte. Erst auf halber Strecke zum Treffpunkt, fiel mir auf, dass ich mein Handy vergessen habe. Ich überlegte mir, kehrt zu machen, um es mitzunehmen, immerhin hatte ich noch genug Zeit dafür, entschied mich jedoch dagegen. Ich kannte mich. Nach spätestens drei Tagen hätte ich versucht, meine Vielleicht-Noch-Freundin anzurufen, hätte mich entschuldigen wollen und meiner eigenen Würde damit einen Tritt in die Eier verpasst. Zum ersten Mal war ich glücklich darüber, dass ich unsere Telefonnummer nach all der Zeit immer noch noch nicht auswendig konnte, so waren auch öffentliche Telefone keine Option.
Ich war jetzt auf Tour, hatte keine Verbindung mehr nach Hause und würde mich voll und ganz auf die Musik konzentrieren können – zumindest nahm ich mir das vor. Ich nahm mir vor, die Person zu sein, die ich schon seit meinem neunten Lebensjahr sein sollte: ein Musiker. Jemand, der davon lebt, andere Leute mit seiner Musik zu unterhalten. Ein Künstler.

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Topophobie – Ein bisschen wie mit Schlaganfall

Auch nach der 15-minütigen Fahrt war ich noch komplett außer Atem, als ich, halb wankend, die S-Bahn verließ. Mir fiel erst jetzt auf, dass ich meine Gitarrentasche nicht geschlossen hatte und, als ich zur Haltestelle gesprintet bin, all meine Noten- und Textblätter unterwegs verloren habe. Ich schloss die Augen und nahm einmal tief Luft.
„Wird schon gut gehen“, redete ich mir ein. „Ich brauch die Noten nicht. Ich weiß ja nicht Mal, ob diese Lieder in jenen Tonarten überhaupt gespielt werden.“
Ich hatte mir, um sicher zu gehen, dieses Mal einfach Leadsheets für die geläufigsten Jazz-Standard ausgedruckt, um nicht mit heruntergelassener Hose im Dunkeln zu tappen, sollte mich meine Intuition im Stich lassen. Denn das passierte mir unter Druck häufig genug. Aber ich versuchte ruhig zu bleiben. Ich habe gestern immerhin eine Viertelstunde lang das Für und Wider abgewägt, ob ich die Noten mitbringen sollte. Es konnte ja auch sein, dass sich die Major Five über mich lustig machen würden, wenn ich in ihrer Profi-Band mit Noten auftauchen würde. Nach einer Viertelstunde war ich zwar noch nicht zu einem Entschluss gekommen, aber Nayara tauchte auf und ließ mich nicht mehr alleine. Sie meinte, sie wolle mir beweisen, dass ich keinen Grund dafür habe, eifersüchtig zu sein. Ich fühlte mich etwas schlecht für meine Lüge, aber nicht lange, dafür sorgte sie. Jetzt fühlte ich mich dafür allerdings wieder schlecht und entschied, dass es besser wäre, nicht darüber nachzudenken, so kurz vor meiner ersten offiziellen Bandprobe mit Major Five. Ich fragte mich stattdessen, weshalb sie mich einfach so, nachdem ich nur ein Lied begleitet hatte – und das nicht mal sonderlich gut – einfach so genommen haben. Machten sie vielleicht einfach nur einen auf Profi? Nein, dafür waren sie zu gut… und tatsächlich schon zu erfolgreich. Hatten sie vielleicht schon ein Dutzend Pianisten vor mir eingeladen, die erstaunlicherweise aller schlechter waren als ich und verzweifelt genug, dann letztlich mich zu nehmen, weil ich kurzfristig die beste Lösung war? Oder waren sie derart oberflächlich, dass sie so beeindruckt durch meinen zweifelhaften Ruhm als 9-jähriger Konzertpianist waren, dass sie sich dadurch so sehr haben blenden lassen? Ich hoffte, dass es nicht letzteres war. Das Erwachen würde schmerzhaft enden. Ich betrat das dämmrig beleuchtete Kellergewölbe des Rathauses durch einen Außeneingang und atmete tief die kalte, trockene Luft ein. Mit entschlossenen Schritten ging ich über den dunkelroten Teppich, der mich zum Bandraum führte. Nein, sagte ich mir selbst. Sie haben mich genommen, weil ich eben nicht so mies bin, wie ich es mir immer einrede. Ich sollte mich, so fuhr ich meinen inneren Monolog fort, auf das Urteilsvermögen von Profis verlassen können.

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Topophobie – Der Alte Rob

Das war es. Mehr musste nicht gesagt werden – ich sagte nichts mehr und ging. Nicht, weil ich beleidigt war oder die Lust am Diskutieren verloren hätte. Es gab nichts zum Diskutieren. Ich richtete mehr Schaden als Gewinne an, das war einfach eine Tatsache. Meine melodramatische Seite wühlte sich aus mir hervor und versuchte mir einzureden, dass ich diese Aussage auch auf meine ganze Existenz beziehen könnte, aber ich konnte sie mit glücklicherweise wieder niederringen. Ich richtete keine Gewinne an, mochte ja sein, dachte ich mir, aber ich hätte auch nicht gewusst, was ich denn überhaupt gewinnen wollen würde. Ich war weder auf aus ein großes, schickes Haus mit Swimming Pool, noch auf eine Anstellung bei irgendeinem Orchester oder einer Band. Natürlich, es war gut, dass mich die Major Five genommen hatten, aber ich riss mich jetzt auch nicht sonderlich um den Posten. Und was den Schaden anging, fielen mir nur finanzielle Schäden auf und durch die kam ich irgendwie immer hinweg. Mal davon abgesehen, dass ich gerade meinen ohnehin beschissenen Job verloren hatte, sagte ich mir selbst, ging es mir doch prima. Ich schlenderte pfeifend durch die Straße. Die strahlende Sonne schuf einen herrlich warmen, klaren Herbsttag und ich genoss den Geruch von welkenden Blättern, der durch den Wind zog. Ich schloss meinen MP3-Player an und ließ die Musik laufen. Es war noch die Musik darauf, die ich mir bis zum auditiven Erbrechen reingezogen habe, um das Genre besser zu verstehen und vertrauter mit der Musik zu werden. Jazzstandards, die mit jedem Mal anhören langweiliger wurden, dudelten sedierend wie Aufzugsmusik durch die Kopfhörer. Mir wurde klar, dass ich dennoch nie so gut spielen würde, wie Keith Jarret, Oscar Peterson oder Duke Ellington. Ich bewunderte sie und verachtete sie gleichermaßen. In diesem Moment verachtete ich sie aber größtenteils.

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Topophobie – Der Wilde Vagabund

Wir saßen im Dubliner, unserer Lieblingskneipe in der ganzen Stadt, nicht zuletzt, weil die rustikale Einrichtung mit den ganzen alten Holzmöbeln, die dämmrige Beleuchtung, sowie die irische Folkmusik zu einer gemütlichen Atmosphäre beitrugen, sondern auch, weil die Auswahl an Biersorten betrachtlich und die Preise erstaunlich fair waren. Ehrlich gesagt wunderte ich mich, dass Leon mit in den Irish Pub kam. Erstens trank er keinen Alkohol und zweitens unternahm er in der Regel abseits der Bandprobe nie etwas mit uns. Er unternahm grundsätzlich selten irgendetwas, das nicht irgendeinem höheren Zweck diente und Besuche in die Kneipe gehörten grundsätzlich dazu. Wir lernten uns damals noch während dem Studium kennen, als er bereits im vierten und ich im zweiten Semester war. Nachdem er mich zufälligerweise einmal an der Universität üben gehört hat, kam er auf den Gedanken, mit mir eine Band zu gründen und hat mir seine Idee gleich vorgeschlagen. Eine Art Poprock/Klassikband. Coversongs mit klassischem Einschlag, um das Studium mit Gigs besser finanzieren zu können. Mit nichts, so sagte er damals, macht man schneller leichte Kohle, wie mit billigen Coversongs. Und wenn man die auch noch originell präsentieren würde, sowieso. Ich habe darin eine Gelegenheit gesehen, meinen besten Freund Felix wieder etwas regelmäßig zu sehen, der schon mit sieben Jahren angefangen hatte, Schlagzeug zu spielen. Zwar nur als Hobby, aber dafür solide. Wir nahmen noch Florian, einen Kommilitonen von Leon als Sänger mit an Bord, wobei Leon ihn nach einem halben Jahr wieder aus der Band warf. Florian verlangte, mit der Begründung, er sei der Sänger und damit der Frontmann, einen größeren Anteil unserer Gage für sich, was für Leon schon Grund genug war, ihn rauszuwerfen. Ich hatte kein Problem damit, da ich Florian ohnehin nicht gut leiden konnte und im Nachhinein hatte ich schon doppelt kein Problem damit, da wir während der Suche nach einem neuen Sänger auf Nayara trafen. Sie brachte zwar das Problem mit, dass sie sich nach einem Jahr weigerte, Cover zu machen, weil sie selbst leidenschaftliche Songwriterin war, aber da ihre Lieder wirklich gut waren und keine Lust auf einen neuen Sängerwechsel hatten, akzeptierten wir das.

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Topophobie – Identität des Landes

„Man kann es dir echt nicht recht machen, was?“
Wütend stapfte Nayara in das große, ehemalige Bürogebäude, das vor einigen Jahren in eine Ansammlung von dutzenden Proberäumen zur Vermietung umfunktioniert wurde. Genau wie das umliegende Gelände, war es im Inneren des Gebäudes sehr leer. Weiße, sterile Wände erstreckten sich über den ganzen Flur. Es war jedoch nicht so, dass wir etwas anderes gebraucht hätten. Es funktionierte, also war es genug. Die Wände hatten eine gute Schallisolation, denn obwohl momentan wahrscheinlich mehrere Bands in den Räumlichkeiten probten, hörte ich nur Nayaras stramme Schritte durch den Korridor hallen. Ich wäre in diesem Moment gerne genau so wütend wie meine Freundin gewesen, war aber zu müde dafür.
„Jetzt mach mal halblang“, beschwerte ich mich, während sie energisch auf die Aufzugstaste drückte und sich wahrscheinlich wünschte, das Knopfdrücken wäre eine Aktion gewesen, der man mehr Dramatik verleihen könnte.
„Ich versuche einfach nur realistisch zu bleiben. Das hat nichts mit Pessimismus zu tun.“
Nayara stöhnte laut auf und wandte sich mir zu.
„Wenn du den Unterschied zwischen Realismus und Pessimismus erkannt hast, reden wir über diese Aussage weiter, ja?“, schnauzte sie mich an.

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Topophobie – Mission Debriefing

Ich würde mich als einen sehr selbst-reflektierten Menschen bezeichnen. Vielleicht war das ja allerdings auch gerade das Problem – wenn man zu viel über etwas nachdenkt, vermischen sich so viele unterschiedliche Gedanken, dass man keine Chance mehr hat, zu erkennen, welche davon überhaupt ernst genommen werden sollten. Das ist wahrscheinlich so ähnlich, wie mit Parfum. Als ich mich einmal über Nayaras Parfum beschwert hatte, nahm sie mich bei ihrem nächsten Abstecher in den Drogeriemarkt kurzerhand einfach mit und forderte mich auf, dann solle ich doch eines für sie aussuchen. Ich hatte zunächst vermutet, dass sie alle gleich riechen würden, doch wurde schnell eines Besseren belehrt. Nach einer Weile hatte ich so viele unterschiedliche Gerüche in meiner Nase, dass mir schlecht wurde. Letztlich, als ich schon gar keine Gerüche mehr differenzieren konnte, entschied ich mich für das günstigste Parfum. Nun saßen wir beide in der Straßenbahn und alles roch nach diesem vermaledeiten Duftöl.

„Jetzt sag schon, wie war es?“, fragte mich Nayara und ihre helle, neugierige Stimme klang wie die eines Kindes.
„Naja, sie haben mich genommen. Glaube ich. Ich soll übermorgen nochmal zur Probe kommen.“
Sie verdrehte ihre großen, braunen Augen.
„Kannst du mal bitte etwas genauer sein? Mann, immerhin habe ich dich überhaupt darauf gebracht!“

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