Wiedergeburt (Teil 3/3)

(Letzte Woche gab’s nichts, deshalb heute ein bisschen mehr… viel Spaß beim Abschluss der Geschichte!)

„Haut ab, ihr Idioten“, brummte Khyosei und Tsura konnte sich einen leisen Seufzer nicht verkneifen. Ein Wort, eine Geste von Khyosei und das hätte soeben sein letzter Atemzug gewesen sein können.
„Ich habe alles unter Kontrolle“, brummte der Hüne.
Der Druck an Tsuras Nacken ließ nach, doch davon abgesehen rührten sich die Räuber nicht.
„Wenn ihr noch einmal frei und ohne meinen direkten Anweisungen eingreift“, fuhr Khyosei mit leiser, aber scharfer Stimme fort. „Dann werde ich eure Herzen ausreißen, und mit den Hunden ein Festmahl zu mir nehmen!“
„Wie ihr befehlt!“, rief der Ninjatoträger mit militärischem Zack, doch es schwang auch etwas Unsicherheit in der Stimme mit. Tsura spürte, wie er schließlich das Stahl von seinem Hals entfernte. Dann vernahm er hinter sich Schritte, die sich von ihnen entfernten. Er ging davon aus, nur noch mit Khyosei auf der Straße zu sein, der seinen Kopf schüttelte.

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Wiedergeburt (Teil 2/3)

Die Prachtstraße von Shi-Zei war die einzige Straße, die durch und durch sauber war, nicht stank und durch die schönsten Häuser der Stadt oder zumindest dessen Frontfassaden geziert wurde. Auf eben jener Straße ging Khyosei mit gefesselten Händen vor Tsura Shin her, welcher, die linke Hand an der Schulter des Verbrechers, die andere am Knauf seines Schwertes. Khyosei hatte sich nicht gewehrt, als der im Vergleich zu ihm geradezu schmächtige Tsura ihm die Handfesseln angelegt hatte. Zuvor hatte er seine Kameraden angewiesen, die Stadt zu verlassen, mit der Begründung, er könne nicht für ihre Freiheit garantieren, aber da war etwas in Khyoseis Stimme, das Tsura hellhörig werden ließ. Der Schattengardist hatte einen Grund, weshalb er den Umweg zur Prachtstraße in Kauf genommen hatte – die Straßen hier waren selbst in der Nacht beleuchtet und durch Wachleute geschützt. Man konnte in dem dichten Nebel zwar keine zwanzig Schritte weit sehen, abgesehen von dem dämmrigen Licht der nächsten Straßenlaterne und daher schien selbst die Sicherheit der großen, breiten Straße trügerisch, aber bei jedem anderen Weg wären Tsura und sein Gefangener höchstwahrscheinlich gefährlichen Kriminellen über den Weg gelaufen. Und nicht einmal zwangsläufig Leuten von Khyosei.

Beide schwiegen den Weg über, Khyosei, der in stoischer Ruhe mit dem Blick sicheren Schrittes weiterging und Tsura, der vorsichtig in jeden Gasseneingang spähte, ab und an anhielt, wenn er entfernte Schritte hörte oder eine Person – bislang zu seinem Glück nur Einheiten der Garde – aus dem Nebel traten.

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Wiedergeburt (Teil 1/3)

Als Tsura Shin die Türe zum Gasthaus öffnete, kam ihm ein Schwall von Gestank entgegen. Alkohol, Schweiß, Fett und – es konnte auch noch von der Straße kommen – Pisse. An jedem der runden Tische waren alle Stühle besetzt, teilweise teilten sich auch die Dirnen einen mit den Tagelöhnern in ihren zerschlissenen Gewändern. Als Schattengardist  passte Tsura zwar nicht in diese Gesellschaft – niemand tat das, der hier ein anständiges paar Stiefel und einen eleganten Mantel tragen würde, aber durch die dunkle Farbe seiner Kleidung, stach er auch nicht aus der Menge heraus –
alles war hier grau, braun oder schwarz.
Tsura ging auf die Schankmagd, ein junges, knochiges Ding mit verschwitztem, schmalen Gesicht zu und hob fragend die Augenbraue. Er war sich kaum sicher, ob sie ihn überhaupt registriert hatte, aber sie machte eine knappe Kopfbewegung, mit der sie auf einen Nebenraum deutete. Ohne zu zögern bog Tsura nach links ab, schob den vergilbten Stoffvorhang zur Seite und betrat den Nebenraum.

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Pen & Paper – Was ist das für ein Hobby?

Aufgepasst, liebe Leser – vor allem liebe Co-Autoren. Also zumindest dann, wenn euch der Begriff „Pen & Paper“ nichts sagt, vor allem, wenn ihr gleichzeitig auch noch gerne Fiktion schreibt. Dieses Hobby müsste eigentlich ziemlich interessant für euch sein. Deshalb – und weil ich in diesem Blog meine narzisstischen Züge ausleben kann, würde ich euch diese interessante Freizeitbeschäftigung gerne näher erklären. Und wenn ihr bereits mit dem Thema vertraut seid, würde es mich total interessieren, welche Rollenspielerfahrungen ihr bereits so gemacht habt.

„Pen & Paper“, auf deutsch also Stift & Papier ist ein Hobby, das man (normalerweise) in einer Gruppe aus 3-6 Personen spielt und neben gerade aufgezählten Materialien braucht man ansonsten im Grunde genommen nur noch Würfel und eine Menge Fantasie und Zeit.

Um was geht es?

Das hängt ganz davon ab, für welches Modul, also für welche Rollenspielwelt und Regelsystem man sich entscheidet. Es gibt mittlerweile unzählige Module, welche alle möglichen fiktive Szenarien abdecken. Das geht von klassischen Fantasyszenarien in Mittelaltersetting (Dungeons & Dragons, Pathfinder, Das Schwarze Auge) über Sci-Fi (Shadowrun, Warhammer 40K, Star Wars) bis hin zu Horror (Call of Cthulhu, Vampires: The Masquerade). Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Möglichkeiten. Jedes dieser Module besitzt über eigene Hintergrundgeschichten und Spielregeln, wobei beides den individuellen Bedürfnissen und Vorstellungen der Spielgruppe angepasst werden kann.

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Donnel Drumpf & die Truhe des Bösen (Teil 1)

Kao wischte sich seufzend das Blut von der Klinge. Er hatte ein schlechtes Gewissen, dass es ihm schon fast Spaß gemacht hatte, die Gewerkschafter niederzumähen. Doch irgendwo im Gefecht begann bei ihm stets der Punkt, an dem er sich gehen ließ und die Bedeutung seiner Taten irgendwo in den Hinterkopf seines Meerschweinchenschädels zurückgedrängt wurden, während (etwas weiter vorne im Kopf) plötzlich bunte Clowns zu pulsierender Musik und rot blinkendem Licht „Töten! Töten!“ riefen und dazu atemberaubende Breakdance-Einlagen vollführten. Es war wie mit einer durchzechten Nacht. Zunächst hatte man Spaß, danach war das Gefühl der Reue da und der Mageninhalt war auf dem Boden verteilt. Nur war es nicht Kaos Mageninhalt. Und nicht nur der Inhalt. Er steckte sein Langschwert zurück in die Scheide und wandte sich schweren Herzens von der Fabrik ab.

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Abenteuer mit Drumpf! (Teil 6)

Es knarzte zuerst leise und kaum wahrnehmbar, doch das Geräusch entwickelte sich langsam, aber stetig zu einem klagendem Ächzen von Metall. Und während Kaos Magen sich ungefähr genau so verzog, wie die Angeln der Eingangstüre, wurde Donnels Lächeln immer breiter.
„So hat er sich das bestimmt nicht vorgestellt, der gute Mister Iks… jeden Moment müssten wir frei sein.“
Mitnichten. Denn als das Tor schließlich aus den Angeln gehoben wurde, Donnel die Beammaschinerie ausschaltete und die Luke öffnete, sah er unter sich eine Grube, gefüllt mit toten, nackten Leibern.
„Dieses Abenteuer wird ja immer besser“, jammerte das Meerschweinchen, das nun auch in den fleischigen Abgrund hinuntersah. „Boss, willst du da jetzt wirklich runter?“
„Gegenfrage, mein guter Kao – willst du hier oben versauern? Ich werde mich jetzt jedenfalls nacht unten wühlen. Aber wenn du nicht willst, dann schicke ich meinem tapferen Leibwächter gerne Hilfe zu, sobald ich mich um das Problem mit meinem verrückten Angestelten gekümmert habe.“
Kao massierte sich die Nagerschläfen und seufzte, als Donnel die Luke hinunterstieg. Es war ein merkwürdiger Anblick, wie dieser sich zwischen den Leibern nach unten wühlte.
„Na großartig“, murmelte Kao und kletterte hinterher.
Sie hatten beide vergessen, dass sich die Schließmuskeln und Blasen von Menschen – egal ob mit oder ohne Antenne nach dem Tod entspannten. Als sie schließlich vor dem Turm ankamen, versprachen sie sich gegenseitig nie wieder von diesem Ereignis zu sprechen.

Nach einem Bad in Rabensburg, das sie sehr dringend nötig hatten, trafen sich Donnel und Kao wieder im Schankraum des Gasthauses, das sie für die Nacht gebucht hatten.
„Boss… ich will mich ja nicht beschweren, aber ich muss schon sagen, ich bin etwas verwundert darüber, dass wir nicht sofort aufbrechen und versuchen, den Kerl dingfest zu machen. Er wollte doch alle Beammaschinerien zerstören, sagte er!“
Donnel, der während das Meerschweinchen sprach, eine Karte studierte, sah Kao nicht einmal an, als er antwortete.
„Das ist richtig…“, murmelte er.
„Vielleicht sollte er das auch!“, quiekte Kao empört. „Ob aus einer anderen Dimension oder nicht, das sind Menschen! Oder zumindest fühlende Lebewesen, die ebenfalls Schmerz empfinden können! Es… ist falsch sie zu essen…“
Donnel legte die Karte beiseite und sah nachdenklich aus dem Fenster hinaus.
„Ja, irgendwo hast du Recht“, pflichtete er seinem treuen Begleiter bei. „Vielleicht sollte er das auch. Aber wir haben doch beide dabei übereinstimmt, dass Fleisch einfach viel zu lecker ist, als dass man komplett darauf verzichten sollte, richtig?“
Kaos Mund zuckte unruhig. Die Frage behagte ihm nicht.
„Naja“, murmelte Kao. „Ja, schon… aber man sollte es nicht einfach so essen. Es sollte nichts vollkommen Gewöhnliches sein.“
„Ja, da muss ich dir zustimmen. Aber wie gelingt es uns, dieses Bewusstsein bei all den Konsumenten hervorzurufen?“
„Indem man ihnen verbietet, öfters als einmal in der Woche Fleisch zu essen? Vielleicht nur an Feiertagen?“
„Ach du meine Güte, Kao!“, rief Donnel schockiert. „Willst du denn die Freiheit des Volkes einschränken? Bist du des Wahnsinns?“
„Aber es wäre doch das Richtige!“
„Wo bleibt denn deine Moral? Der Weg zum Ziel muss genauso richtig sein, sonst ist das Richtige am Ende nicht mehr… ach, du weißt, was ich meine. Ich habe eine viel bessere Idee. Man erhöht den Preis für Fleisch.“
Kaos Miene erhellte sich.
„Ja, gute Idee! Dann essen sie das nicht mehr so häufig!“
„Genau!“
„Aber… die Konkurrenz?“
„Kaufen wir auf. Mister Iks hat nur einen geringen Vorsprung, außerdem sind wir zu zweit. Wir werden uns trennen und den nächsten Besitzern der Beammaschinerie ein unschlagbares Angebot unterbieten. Eines, bei dem sie denken würden, ich hätte völlig den Verstand verloren.“
Kao rümpfte die Nase.
„Und die anderen Beammaschinerien lässt du absichtlich von Mister Iks zerstören?“
Donnel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Aber Boss! Das ist nicht unbedingt das, was ich mir unter Selbstlosigkeit vorgestellt habe!“
„Ich würde mir ja auch wünschen, dass es anders funktionieren würde, den Fleischkonsum einzudämmen. Aber fällt dir eine bessere Idee ein? Du warst doch erst derjenige, der mich dazu ermutigt hat, dafür einzustehen!“
Kao bekam Kopfschmerzen und stimmte Donnels Plan schließlich zu.

Drei Monate später ist Mister Iks schließlich bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen. Er ist von einem Turm gestürzt und hat sich dabei den Hals so sehr gebrochen, dass der Kopf dadurch, so glatt und sauber wie durch einen Schwerthieb vom Hals getrennt wurde. Natürlich fand das niemand komisch, denn die Fußballweltmeisterschaft fanden im Finale Vereinte Nationen der Meerjungfrauen gegen Kap Talis ihren Höhepunkt und da war fast überhaupt nichts komisch, weil man sich für überhaupt nichts anderes mehr interessierte. Auch nicht, dass etwa zum Zeitpunkt, an dem die Achtelfinalespiele begannen, plötzlich viele Beammaschinerien zerstört wurden, aber deren Existenz war ja den meisten Leuten ohnehin unbekannt. Seltsam fanden die Leute bloß, dass die Fleischpreise enorm stiegen. Die ganze Branche schien zu kollabieren und selbst die erfolgreiche Franchisekette MacMäntsch wurde aufgekauft von einem anderen Unternehmen, welches sich MacDonnels nannte.
Kao und vor allem Donnel waren sehr zufrieden, denn der Fleischkonsum ging tatsächlich sehr stark zurück, doch die Gewinne stiegen ins Astronomische, dass Donnel seinem Leibwächter eine satte Gehaltserhöhung gönnte. Immerhin waren die Preise für dessen Lieblingsgericht entsprechend gestiegen. So kam es, dass die beiden sich beim Verzehr von Hamburger-Burger über ihr nächstes Abenteuer unterhielten.

Topophobie – Idiotie ist relativ

Als ich aufwachte, lag Manni mit ausgestreckten Armen neben mir im Bett, ich wäre beinahe von der Kante gefallen. Starrsinniger Idiot. Ich wusste, ich habe gestern keine Glanzleistung vollbracht, aber man kann mich doch wenigstens in Ruhe schlafen lassen. Ich schob Mannis Arm von meinem Bauch, stand auf und rieb mir die Augen. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Mordskater, aber das lag wahrscheinlich an der abgestandenen Luft im Hotelzimmer und den daraus resultierenden Kopfschmerzen. Die anderen schienen dem Schnarchen zufolge auch noch zu schlafen – da ich nichts Besseres zu tun hatte und mein Magen knurrte, zog ich mich an und ging hinunter in den Speisesaal, um zu schauen, ob etwas zum Frühstück angeboten werden würde. Ich hatte mich gar nicht erkundigt, ob wir auch etwas zu Essen bekommen würden, also ging ich einfach auf gut Glück. An der Kuckucksuhr, die im Treppenhaus hing, konnte ich erkennen, dass es bereits 10:30 Uhr war, aber offensichtlich war das Frühstücksbuffet immer noch offen, als ich den geräumigen, immer noch gut gefüllten Speisesaal betrat. Als ich zu meinem Erstaunen Lukas alleine an einem Tisch sitzen sah, vor ihm ein halb verzehrtes Brötchen, eine Schüssel Müsli, zwei Gläser Saft und ein Croissant, nahm ich das einfach als Bestätigung, dass ich mich auch bedienen durfte. Als ich meinen Teller und die Teetasse gefüllt hatte, sah ich mich nach einem Platz um. Ich wusste nicht, ob es Lukas Recht wäre, wenn ich mich zu ihm setzen würde, also schlenderte ich einfach an ihm vorbei, tat so, als würde ich ihn nicht sehen und verzweifelt nach einem Sitzplatz suchen, obwohl es auch noch andere Tische mit unbesetzten Stühlen gab.

Ein Mann, ebenfalls auf der Suche nach einem Platz kam mir etwas zuvor und wollte sich zu Lukas setzen, der ihn daraufhin scharf anfuhr: „Hey, was soll das? Das ist mein Tisch!“
„Oh, Verzeihung, er sah so frei aus…“
„Und das ist auch gut so. Machen sie sich vom Acker.“
Gut, soviel dazu. Ich bewegte mich weiter.
„Hey, du da, Nat oder so, setz dich ruhig.“
Ich drehte mich um und versuchte, ein erstauntes Gesicht aufzusetzen.
„Oh – hey, Lukas! Eh… auch schon wach, wie?“
„Ein ganz Schneller, was?“
Ich setzte mich, beäugte ihn dabei skeptisch.
„Naja“, fuhr er fort. „Wenigstens kannst du Spielen, das muss man dir lassen.“
„Findest du?“, fragte ich verunsichert. Er sah mich genervt an, schwieg einen Augenblick, schüttelte dann den Kopf.
„Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist das Fishing for Compliments. Entweder du bist gut oder nicht, fertig. Musst du daraus unbedingt eine Show machen?“
Er meinte das tatsächlich ernst! Ich lächelte und nickte heftig.
„Ja, du hast Recht, sorry. War eine überflüssige Frage. Du hast gestern auch gut gespielt, übrigens!“
„Mhm.“

Lukas schob sich das Crossaint in den Mund und schüttete den Orangensaft in seine Müslischüssel.
„Schmeckt das?“
Er kaute fertig, was eine Weile dauern würde, weshalb ich auch meinen ersten Bissen nahm.
„Soll ich Wasser dazugeben oder was?“, fragte er.
„Naja, es hat hier auch Milch…“
„Ich trinke keine Milch!“, rief er, so laut, dass es der ganze Saal hören konnte.
„Milchtrinker unterstützen das kapitalistische Schweinesystem!“
Ich schob vorsichtig meinen Joghurtbecher hinter die Blumenvase, die zwischen uns stand. Ein paar Leute drehten sich empört zu uns um.
„Ja, guckt nur, ihr fleischfressenden, Milch saufenden Steinzeitmenschen! Wegen euch verschwenderischen Pennern geht die Welt an den Arsch!“
Die Hotelwirtin kam eilig an unseren Tisch und lehnte sich zu Lukas vor.
„Bitte! Unterlassen sie das oder ich bin gezwungen, sie hinauszuwerfen!“
„Jaja“, maulte Lukas wieder leiser und konzentrierte sich dann auf seine Müslischale. Die Hotelwirtin bedachte auch mich mit einem mahnenden Blick, woraufhin ich unschuldig mit den Schultern zuckte und sie sich wieder zurück in die Küche begab.
„Ich… wusste gar nicht, dass du so eine sensible Seite hast“, meinte ich.
„Ich bin nicht sensibel“, schnauzte mich Lukas an. „Menschen sind nur Arschlöcher. Vor allem diejenigen, die viel Geld haben. Also die meisten Leute, die auf unsere Konzerte kommen.“
„Warum spielst du dann vor ihnen?“
„Weil ich Jazz selber mag und das der einzige gottverdammte Weg für mich ist, irgendetwas zu tun, was mir halbwegs Spaß macht und davon leben zu können.“
Meine Mundwinkel zuckten etwas, als ich versuchte, mir ein Lächeln zu verkneifen. Ich hätte nicht geglaubt, dass wir beide uns in mancher Hinsicht so ähnlich wären.
„Noch nie daran gedacht, etwas anderes zu machen?“
„Was denn? Schlagzeuglehrer? Studiomusiker? Bleibt doch das selbe Klientel.“
„Naja, vielleicht etwas, was nicht mit Musik zu tun hat.“
Er sah mich entgeistert an, als hätte ich gerade behauptet, Lars Ulrich sei ein guter Drummer.
„Was? Ich kann ohne Musik nicht leben!“
„Du kannst doch immer noch für dich musizieren, warum…“
„Vergiss es! Ich kann doch nichts anderes!“
„Es ist doch nicht zu spät, auch etwas anderes zu lernen, oder? Wenn es dich nicht glücklich macht?“
„Ich habe meinen Frieden damit geschlossen, dass ich den Feind unterhalte, um selbst am Leben bleiben zu können.“
Ich schmunzelte und sah nachdenklich zur Seite.
„Mit Protestmusik verdient man kein Geld“, meckerte Lukas. „Die Leute wollen das doch gar nicht hören.“

„Was ist mit deiner Band? Als Unterstützer des kapitalistischen Schweinesystems müsstest du uns doch eigentlich auch hassen oder?“
Lukas sah mich eine kurze Weile an und nahm dann einen Löffel Orangensaft-Müsli.
„Ihr seid Idioten“, antwortete er schließlich. „Manni ist ein unreflektierter Schwachkopf. Richard ein selbstverliebter, eitler Pfau, Tillmann markiert einen auf harter Kerl, um zu verbergen, dass er sich die ganze Zeit über aus Angst vor Veränderungen in die Hose scheißt. Und du hast keine Ahnung was du willst und bist ein kleiner Schisser.“
„Ich… schätze es, wenn man ehrlich mit mir ist“, würgte ich heraus und lief rot an. Weniger aus Zorn über die dreiste Bemerkung, sondern über ihren Wahrheitsgehalt und die Tatsache, dass man das so leicht merken konnte. Lukas ignorierte meine Wertschätzung.
„Aber es gibt noch viel größere Idioten als euch, im Vergleich ist es also immer noch angenehmer mit euch abzuhängen, als mit jemand anderem. Nimm das als Kompliment.“
„Tue ich… wissen die anderen, dass du so über sie denkst?“
„Klar, alle außer Richard, er denkt, ich würde ihn lieben.“
„Und sie haben kein Problem damit?“
„Keine Ahnung. Interessiert mich nicht. Die Band funktioniert doch trotzdem, oder?“
Etwas brummte und Lukas kramte sein Smartphone aus der Hosentasche.
„Arschloch…“, knurrte er und stand auf.
„Was ist?“
„Ich muss fremde Leute im Internet beleidigen, die nicht mit mir einer Meinung sind. Der hier hat mir doch tatsächlich widersprochen. Bis später, wird ein guter Gig heute Abend.“
„Bis später…“

Ich wunderte mich darüber, wie schnell einem Menschen sympathisch werden konnten. Als sich Lukas entfernt hatte, zog ich die Jogurtschüssel wieder zu mir und beendete mein Kapitalismus-unterstützendes Frühstück. Ja, es wird ein guter Gig, heute Abend, dachte ich mir. Die Anspannung war wie weggeblasen. Es wäre mir allerdings ohnehin egal gewesen, denn ich beschloss, dass der kommende Auftritt mein letzter mit den Major Five werden würde. Ich hoffte nur, dass mir ein guter Grund einfallen würde, den auch die anderen verstehen würden.

Abenteuer mit Drumpf! (Teil 4)

Donnel klopfte an der Holztür des großen, finsteren Steinhauses. Es war nicht allzu schwierig gewesen, Mister Iks‘ Wohnung im Aristokratenviertel zu finden, blöd nur, dass ihr Besitzer nicht öffnete.
„Das ist ja merkwürdig…“, brummte Kao. „Niemand daheim?“
„Gut so! Dann ist er wohl arbeiten, so wie es sein sollte. Ich sollte nicht immer so misstrauisch sein und meinen Angestellten Faulheit vorwerfen.“
Kao sah kurz zu Donnel hoch und nickte zustimmend.
„Dann sollten wir wohl diese Beammaschinerie aufsuchen“, schlug das Meerschweinchen vor. „Was hat es eigentlich mit damit auf sich? Ich habe noch nie etwas davon gehört.“
Donnel klopfte noch einmal an, um sicherzugehen.
„Na, was gibt es da groß zu erzählen? Aus dem Beamapparat fällt das Fleisch heraus und es wird nach…“
„Da fallen Menschen heraus!“, unterbrach ihn Kao. „Und die sterben dann? Einfach so?“
„Ja“, antwortete Donnel knapp. „Ach, weißt du was? Du hast Recht. Hier ist niemand. Gehen wir.“
Kao ließ aber nicht vom Thema ab, als er Donnel hinterher hüpfte.
„Das hört sich aber nicht sehr… wissenschaftlich an! Wie funktioniert das denn?“
„Naja, mittels Beamtechnologie!“
„Und wie funktioniert die?“
„Soll ich denn alles wissen?“, antwortete Donnel gereizt. „Ich bin zwar Experte für eine ganze Menge, aber ich kann nicht von allem eine Ahnung haben. Deshalb suchen wir ja Mister Iks oder etwa nicht?“
Kao verzog seine Äuglein zu Schlitzen.
„Da ist aber keine… Magie im Spiel, oder, Boss?“
Donnel sah seinen Leibwächter gar nicht an, während sie sich in Richtung Steckenpferd-Stallung bewegten.
„Nein, nein.“
„Boss?“
„Nein! Und jetzt halt endlich die Klappe, du tanzendes Wollknäuel!“
„Tut mir leid“, gab Kao kleinlaut zurück. Weil Donnel und er eine eher kumpelhafte Beziehung hatten, vergaß er manchmal, professionell zu sein und keine Fragen zu stellen. Aber ein ungutes Gefühl blieb – jetzt erst recht.

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Abenteuer mit Drumpf! (Teil 3)

„Ich glaub‘, ich werd‘ nicht mehr! Kao! Unser Essen hat uns angegriffen!“
„Unser Essen?“, Kao sah zunächst Donnel und danach die toten Nackten verwirrt an. „Das… sind doch Menschen!“
Donnel rollte mit den Augen.
„Also ist es wahr, was die ganzen Verschwörungstheoretiker sagen?“
„Ja natürlich ist es wahr!“, antwortete Donnel. „Was glaubst du denn, von wo wir unser Fleisch bekommen?“
Kao kratzte sich am Kopf.
„Aus… dem Supermarkt?“
„Und woher bekommt der Supermarkt das Fleisch?“
„Äh… um so viele Ecken habe ich noch nie gedacht, Boss…“
„Ach Kao, das ist doch nur eine Ecke.“

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Abenteuer mit Drumpf! (Teil 1)

Donnel biss mit Elan in den Krautburger, dass das Fett nur so herausspritzte und sich auf seinem neuen, goldbestickten, langen grünen Gewand verteilte, welches ihm Mutter erst vor Kurzem zu seinem dreiunddreißigsten Geburtstag geschenkt hatte. Jetzt hatte er genau fünfzehn grüne, goldbestickte Gewänder. Mutter sagte immer, sie würden so gut zu seiner blonden Lockenpracht und den grünen Augen passen. Mutter sagte eine ganze Menge. Auch, dass er kleinere Bissen nehmen solle, da er sonst noch irgendwann an seinem Essen ersticken würde. Donnel grinste in sich hinein, als er einen weiteren Happen nahm und sich seine vollgefetteten Hände an der Kleidung abrieb. Ersticken, das wäre wohl die unwahrscheinlichste Todesursache, wegen der er ins Gras beißen würde. Wenn er nicht durch das Schwert, einen Armbrustbolzen, Untote oder Killerroboter umkommen würde, dann würde ihn diese vermaledeite Krankheit letztlich holen. An einem Krautburger ersticken, pah. Donnel schob sich den Rest seiner Mahlzeit in den Rachen und stand auf.

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