Wiedergeburt (Teil 1/3)

Als Tsura Shin die Türe zum Gasthaus öffnete, kam ihm ein Schwall von Gestank entgegen. Alkohol, Schweiß, Fett und – es konnte auch noch von der Straße kommen – Pisse. An jedem der runden Tische waren alle Stühle besetzt, teilweise teilten sich auch die Dirnen einen mit den Tagelöhnern in ihren zerschlissenen Gewändern. Als Schattengardist  passte Tsura zwar nicht in diese Gesellschaft – niemand tat das, der hier ein anständiges paar Stiefel und einen eleganten Mantel tragen würde, aber durch die dunkle Farbe seiner Kleidung, stach er auch nicht aus der Menge heraus –
alles war hier grau, braun oder schwarz.
Tsura ging auf die Schankmagd, ein junges, knochiges Ding mit verschwitztem, schmalen Gesicht zu und hob fragend die Augenbraue. Er war sich kaum sicher, ob sie ihn überhaupt registriert hatte, aber sie machte eine knappe Kopfbewegung, mit der sie auf einen Nebenraum deutete. Ohne zu zögern bog Tsura nach links ab, schob den vergilbten Stoffvorhang zur Seite und betrat den Nebenraum.

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Die moralische Zwickmühle als Blogger

„Im Übrigen bin ich dafür , den Islam in Deutschland (Europa) zu verbieten und alle Muslime auszuweisen“

„mal ganz ehrlich, sind nicht alle Moslems psychisch krank???“

„Angst. Ich finde es so dermaßen zum K ot zen, dass man als „normaler“ Mensch inzwischen auf der Straße schon fast zusammenzuckt, wenn einem dunkelhäutige Menschen, vorzugsweise junge Männer, entgegen kommen.“

Diese Kommentare kursieren heutzutage auf Yahoo News und erhalten fast ausschließlich Upvotes. Was ist mit unserer Gesellschaft los? Mal davon abgesehen, dass man mit solchen Einstellungen Terrororganisationen direkt in die Hände spielt und Deutschland schlicht und ergreifend einfach nicht mehr funktionieren wird, wären alle Moslems plötzlich weg, was ist das bitte für eine Einstellung seinen Mitmenschen – seinen Nachbarn gegenüber? Aber ich will gar nicht weiter auf diesen Punkt eingehen.

Wenn ich so etwas lese, vor allem, wenn ich eigentlich vorhatte, an meinem Roman weiterzuschreiben, spüre ich schon fast körperliches Unwohlsein. Wie kann ich jetzt anfangen, seichte Unterhaltung zu schreiben? Die Geschichte von irgendeinem Musiker erzählen, der an Bühnenangst leidet und mit einem Auftritt zu kämpfen hat, während so viele meiner Mitbürger so sehr mit ihrer eigenen Dummheit kämpfen müssen? Und von den Menschen, die darunter tatsächlich zu leiden haben ganz zu schweigen.

Ich bekomme kein Geld für’s Bloggen, werde ich auch nicht, und habe es nicht vor. Ich mache das aus rein idealistischen Gründen, wie viele von uns. Wenn es anders wäre, könnte ich mich auch besser rechtfertigen. Aber so? Wenn ich an besagter Geschichte weiterschreibe, kommt es mir so vor, als würde ich an einem ertrinkenden Kind vorbeilaufen, mit der Begründung, ich will mir noch ein Eis kaufen und die Eisdiele hat nur noch fünf Minuten offen.

Man kann sich jetzt darüber streiten, ob ich mich tatsächlich gut mit Worten ausdrücken kann. Ich rede es mir jedenfalls gerne ein, auch, dass ich, zumindest, wenn ich schreibe, Emotionen im Leser entfachen kann. Dann kommt es mir wie eine Verschwendung von Zeit und Mühen vor, wenn ich nicht wenigstens versuche, meine Mitmenschen zu mehr Solidarität anzuregen! Oder wenigstens ein klein wenig zu eigenständigem Denken.

Keine Sorge. Wie in meinem Vorwort versprochen, für die wenigen, die Gefallen an meinem Blogroman finden – und letztlich ja auch für mich – werde ich Topophobie weiterschreiben und auch weiterhin Kurzgeschichten verfassen. Ich habe nicht die Verantwortung, die Welt zur Besinnung zu bringen, so überheblich bin ich nicht. Mir ist total klar, dass ich selbst oft genug nicht richtig nachdenke und ich Denkzettel wie jeder andere auch benötige und das muss ich, das muss sich jeder auch vor Augen halten. Es ist gut, wenn man die Welt auch mit „schönen Künsten“ bereichert. Außerdem kann ein Unterhaltungsblog nicht alles gleichzeitig sein.

Aber ich wollte nur nochmal daran erinnern, dass jeder von uns – insbesondere diejenigen, die gut mit Worten umgehen können – eine Verantwortung trägt, die Gesellschaft kritisch zu hinterfragen! Wenn man die Gabe hat, dann sollte man sie auch für etwas Gutes einsetzen. Diejenigen, die hasserfüllte Parolen durchs Land posaunen, Prediger der Panik und rassistische Demagogen gibt es viel zu viele. Es ist schon lange, lange an der Zeit, dass sich Gegenstimmen erheben. Die Meinungen, die ihr öffentlich kund tut, beeinflussen auch eure Mitmenschen. Eure Meinungen machen einen Unterschied. Bezieht Stellung!

Topophobie – Mehr, bitte!

Ich hätte ja gerne noch eine ausführliche Schilderung gehabt, was meine neue Band so von der Musik meiner alten Band hielt, aber nachdem ich meinen MP3-Player wieder  an mich genommen hatte, beschäftigte sich die Unterhaltung mehr oder weniger nur noch mit der pseudo-wissenschaftlichen Behauptung, dass sich die Attraktivität einer Frau bereits an ihrer Gesangsstimme ablesen würde. Was natürlich absoluter Quatsch war, alleine schon, wenn man bedenkt, dass ein heftiger Gesichtsausschlag sich wohl nur in den allerwenigsten Fällen auf die Stimmbänder auswirken würde. Die Diskussion wurde etwas hitziger, da vor allem Manni und Richard immer noch der festen und eigentlich unbegründeten Meinung waren, dass an der Behauptung etwas dran war. Und ich machte mir auf einmal mehr Gedanken darum, die beiden Idioten von ihrem Irrglauben abzuleiten, als in Erfahrung zu bringen, was sie denn sonst noch so von den Aufnahmen hielten. Vielleicht war das so aber auch besser. Das Konzert stand an und ich konnte nichts gebrauchen, was meinem aufs musikalische bezogene Selbstbewusstsein einen Knacks verpassen könnte. Als Besserwisser betrachtet zu werden, war ich gewohnt und hatte ehrlich gesagt auch nichts dagegen. Ich meine, ich weiß Dinge eben oftmals besser, das ist keine Arroganz, das ist einfach eine rein objektive Tatsache. Und wenn ich mal etwas nicht besser weiß, dann komme ich damit auch klar. Nach einer Weile jedenfalls.

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Ist hier irgendjemand Istanbul?

Oder ist nur euer soziales Netzwerk kaputt? Möglicherweise seht ihr hinter einer roten Flagge einfach nicht so gut aus. Das passt nicht so schön zu eurem Teint, wie wenn auch noch etwas blau und weiß dazugemischt wird, was? Ja, geht mir auch so… wobei mir auch die französische Flagge nicht steht, das war ja der Grund, warum ich das auch schon damals nicht getan habe und mich bis heute dafür schäme, weil es ja wirklich einen großen Unterschied macht, wie das Profilbild auf Facebook aussieht.
Aber wo sind all die tollen Leute, die bei dieser sinnvollen Aktion schon immer dabei waren? Die ihre Solidarität mit ihren bunten Avatar ausdrücken wollten?

Ich glaube, während der EM 2016 gibt es aber auch wirklich wichtigere Themen. Ich meine, hallo? Island hat England geschlagen, wie krass ist das denn? Darüber sollte man schreiben. Nicht über unschuldige Türken, die zerfetzt über den ganzen Flughafen verteilt liegen. Damit verderbe ich euch doch allerhöchstens nur den Appetit. Denken wir an die niedergeschlagenen englischen Fans! Wie gedemütigt sie sein müssen, eigentlich müssten wir nun britische Flaggen in unser Profilbild integrieren. Ja. Wir denken an dich, England. Unsere Gebete widmen wir dir.

Mal ganz ehrlich, wie komme ich nur dazu, uns aufzufordern, an die Türkei zu denken? Tut mir leid. Ich meine, Frankreich ist unser direkter Nachbar! Das war was ganz anderes! Wisst ihr wieso? Je weiter die Menschen weg von uns sind, desto wertloser sind sie. Es sei denn, sie sind schwul. Boah, was für ein Glück, dass keine Deutschen unter den Opfer waren, gell? Und nein, wir sind natürlich keine Heuchler.

Geständnis einer Krankenschwester

Mein Idealismus ist es, der mich einsam macht. Meine Hoffnung, mein Glaube an eine bessere Welt. Und vor allem meine Wut. Man könnte meinen, ich hätte genügend Wege gefunden, meinen Zorn zu kanalisieren, mich auszutoben, aber dem ist nicht so. Mit jeder weiteren Tat, die ich hasserfüllt begehe, erhitze ich nur die Flammen der lodernden Abscheu, die ich gegen unsere Gesellschaft begehe. Und es wird immer schwieriger. Ich weiß nicht mehr, wer dazu gehört und wer in die Rolle gedrängt wurde. Aber das ist egal. Es muss mir egal sein. Sonst kann ich nicht weitermachen.

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Topophobie – Schlechter Kriegsfilm klingt doch interessant

Es ging mir schlechter als zunächst erwartet. Ich schätzte, es lag nicht mal nur daran, dass Felix‘ Ausstieg die Auflösung von unserer Band bedeutete, die stolze sechs Jahre ein Teil unseres Lebens gewesen war und der Grund, weshalb Nayara und ich uns überhaupt kennen lernen konnten, sondern auch, weil er wahrscheinlich die Auflösung einer langwährenden Freundschaft bedeutete.
„Nat…“, sprach Nayara mit ruhiger Stimme und fuhr mir mit ihrer Hand durchs Haar. „Ich weiß, es tut vielleicht weh das zu hören, aber ist es so vielleicht nicht besser?“
„Was?“
Obwohl es nur ein Wort war, überschlug sich meine Stimme. „Tut mir leid, aber ich habe nicht so viele Freunde wie du!“
Sie war vernünftiger als ich und ging nicht auf meine abfällige Betonung ein.
„Vielleicht ist es an der Zeit, neue zu machen. Und du hast immer noch mich.“
Ich wollte keine neuen Freunde. Ich wollte den alten besten Freund, der mich im Sandkasten verprügelt hatte und danach die anderen Kinder verprügelte, die mich ebenfalls verprügeln wollten, weil er meinte, nur er dürfe das. Ich wollte den alten besten Freund, der sich Jahre später als das größte Weichei herausstellte, das es auf der Welt gab und sich immer bei mir ausheulte, wenn ihn irgendjemand seiner Meinung nach falsch behandelt hatte. Das gab mir das Gefühl, zumindest den Ansatz von Sozialkompetenzen zu besitzen. Ich wollte den alten besten Freund, dem es egal war, wenn sich bei einer 30.000 Punkte Tabletop-Partie bereits nach wenigen Runden abzeichnete, dass ich ihn gnadenlos fertig machen würde. Eine, für die wir das ganze Wochenende über mit unseren handbemalten Ork- und Zwergenfiguren den Esszimmertisch meiner Eltern beschlagnahmt hatten. Und ich wollte den alten besten Freund, der neben Nayara die einzige Person in meinem Leben war, bei der ich den Eindruck hatte, dass sie sich für mein Leben interessierte. Und ja, es war mir vollkommen egal, dass das ausschließlich egoistische Gründe waren.

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Ist Leid die wahre Ressource unserer Unterhaltungskultur?

Wir ergötzen uns am Leiden. Vor allem, wenn wir es nicht sind, die leiden müssen, finden wir das Leiden super interessant. Schon mal in einen Stau geraten, der nur dadurch so richtig lang wurde, weil alle, die am Unfallort vorbeigefahren sind, langsamer wurden, um zu schauen, was da genau passiert ist? Es ist ja nicht so, dass wir die Person kennen würden. Und in der Regel hat man am nächsten Tag wieder vergessen, was da genau passiert ist. Aber trotzdem halten so viele Leute an und gaffen.

Unter den Top 5 Rated TV Series auf IMDB befinden sich unter anderem Band of Brothers, eine Serie über den zweiten Weltkrieg, Breaking Bad, eine Serie über einen krebskranken Chemielehrer, der sich immer mehr in kriminelle Machenschaften verwickelt und… naja, Game of Thrones eben. Erstere Serie habe ich zwar, um ehrlich zu sein noch nicht gesehen, aber von all dem, was ich bereits gehört habe, kann sie sich in einer Hinsicht bei den anderen beiden einreihen: der Zuschauer erfährt durch das Zusehen einen Strudel negativer Emotionen (oder zumindest das, was allgemein als „negativ“ gilt): Furcht, Enttäuschung, Trauer, Wut. Aber warum tun wir uns das an? Warum suhlen sich so viele von uns – und da schließe ich mich selbst auch ein – in dem Leid?

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