Topophobie – Nicht so der singende Typ

An der Haltestelle im Herzen Ledringens stieg ich mit meiner Gitarre aus. Nayara hatte glücklicherweise nicht bemerkt, dass ich sie mit mir trug. Ich hatte das schon befürchtet und mir die Ausrede zusammengelegt, dass sie eine Reparatur benötigen würde und ich sie deshalb mit zum Musikladen nahm. Nun konnte ich mir diese Begründung noch für später aufheben. Es war ein schöner, warmer Septembermorgen. Ich schlenderte durch die Altstadt, konnte mir Zeit lassen, da ich mich mit dem alten Rob erst in einer halben Stunde treffen würde und ging bewusst langsam durch die Straßen. Wie schön es hier doch war, wenn man sich die Zeit nahm, die alten, bunten Fachwerkhäuser zu bewundern, die verträumten Gassen, das Kopfsteinpflaster, die altmodischen Straßenlaternen und den Duft von Brötchen, der aus den Bäckereien auf offene Straße strömte. Meine Laune wurde nur wieder etwas getrübt, als ich an einer solchen Bäckerei vorbeiging und einen Blick ins Schaufenster warf. Lauter leckere Köstlichkeiten, doch waren sie alle übertrieben teuer. Ich ging seufzend weiter, musste bei meinem Tempo allerdings aufpassen, nicht von den beschäftigten Menschen, die auf ihrem Weg zur Arbeit waren über den Haufen gerannt zu werden. War ich gestern früh auch noch so? Der Blick stur geradeaus, die Gedanken nur auf die Arbeit, die anstand fixiert? Schwer vorstellbar. Ich hatte es nie eilig, den vermaledeiten Laden zu betreten. Der Besitzer, Herr Kettner hat nie ein Problem damit gehabt, dass ich regelmäßig ein paar Minuten zu spät kam. Er hatte nur ein Problem mit dem ganzen Rest, was mich anging. Meine Gedanken schwankten irgendwo zwischen „Er hat ja schon irgendwo Recht gehabt, ich bin nicht der beste Verkäufer“ und „Bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“. Meine Gedanken einigten sich schlussendlich auf „Als mieser Verkäufer bin ich froh, nicht mehr in diesem Schuppen arbeiten zu müssen“, aber irgendwo rief noch eine winzige Stimme, dass ich mich schämen sollte und jetzt in riesigen, finanziellen Schwierigkeiten stecken würde. Nun, aber gegen genau dieses Problem unternahm ich ja gerade etwas.

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Stolz

Nicht alle Menschen haben die Ausdauer, an ihren Träumen festzuhalten. Einem Traum temporär nachzueifern und ein Ideal zu verfolgen, ist etwas, das jeder kann, aber es ist die Fähigkeit nicht abzulassen, die den Unterschied macht. An einem Traum festzuhalten bedeutet, dass man sich an Entbehrungen gewöhnen, Willenskraft aufbringen und Standhaftigkeit beweisen muss. Sanara besaß diese Fähigkeit und das war der Grund, der sie so tief in die Scheiße zog.

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Vergiss es einfach

Vergiss es einfach. Ja. Schön. Klar – aber wie?
Wenn es nur peinlich genug ist, vergesse ich so was nie
Mein Hirn macht dann sofort eine Sicherheitskopie
Das ist halt so das Ding mit der Topophobie

Topophobie? Keine Sorge, ich erkläre dir das Wort:
Du hast Angst, da rauf zu gehen, willst eigentlich nur noch fort
Von all dem. Deine Prioritäten sind wie weggeweht:
Deine Musik zu präsentieren, oder erzählen, was bewegt.
Vortragen, was du eifrig vorbereitet hast.
Doch vor all den Leuten brichst du zusammen unter der Last.
Unter der Last ihres Urteils, Reaktionen, ihrer Blicke.
Doch vor allem einer bemerkt all deine Missgeschicke.

Er kennt dich gut, wahrscheinlich noch am besten von allen.
Und obwohl er so ein Arschloch ist, willst du ihm doch gefallen.
Er macht dich runter und es ist egal, was du machst.
Ein kleiner Fehltritt und du wirst von ihm ausgelacht.
Ein kleiner Versprecher, eine Taste daneben –
„Oh, mein Gott!“ ruft er dann. „Willst du wirklich noch leben?
Denn alles, was du anfasst, wird zu Scheiße statt zu Gold!
Der bescheuerte König Midas!“ – Ja, dieser Freund von mir? Ein Witzbold.

Und natürlich hast du ihn mit der Beschreibung schon erkannt:
„Innerer Kritiker“ wird er gerne mal genannt.
Ja, du fragst mich: „Wieso hörst du ihm denn überhaupt noch zu?
Wenn du ihn schön ignorierst, lässt er dich irgendwann in Ruh!“
Wenn du deinen so schnell los wirst, dann freut mich das ja für dich,
Doch die Regeln, die er für dich hat, gelten wohl nicht für mich.
Kann sein, dass du mich jetzt für ne‘ Mimose und so hältst.
Doch der Kritiker ist immer nur so klug, wie man selbst.
Wenn deiner also leicht zum Schweigen zu bringen ist,
So frage ich mich, ob du genau so ohne Rückgrat bist?

Ach, verdammt, entschuldigung: das war nicht so gemeint.
Was ich damit sagen wollt‘: auch wenn’s dir leicht erscheint,
Diese innere Stimme loszuwerden, dann ist das ja ganz schön,
Aber bei mir scheint das leider eben nicht so leicht zu gehen.
Denn was sie sagt, macht durchaus Sinn und selbst wenn sie übertreibt:
Sie ist aufmerksam und es gibt nichts, was un-analysiert bleibt.

Und wenn das schon alles wäre, wär das lange nicht so schlimm.
Blöd nur, dass ich nicht nur mit dem Kritiker gestraft bin:
Rasendes Herz, ein Blackout, Frosch im Hals, verschwitzte Hände,
Liderflattern, keine Luft und all das nimmt kein Ende.
Ich weiß zwar, dass ich’s kann, doch kann ich’s nur, wenn niemand zuhört.
Interessanterweise gibt’s dann auch nichts, was den inneren Kritiker stört.
Doch es bringt mir rein gar nichts, dir das alles fein zu schildern.
Ich kann es dir auch ausschmücken mit lauter bunten Bildern
Von Gefühlen, Emotionen, doch selbst wenn du mir es glaubst,
Werd‘ ich nicht mit mir zufrieden sein, wenn du Erwartungen zurückschraubst.

Und mit jedem Mal Versagen fällt es mir schwerer und schwerer.
Dabei sagt man sich so schön, Versagen sei der beste Lehrer.
Nur blöd, wenn dieser Lehrer mich nur Hemmungen lehrt
Und mit jeder seiner Lehren mehr zum Stillschweigen bekehrt,
Dass ich mich lieber gar nicht zeige, sondern schweige, wie ein Grab,
Als würd‘ ich nicht existieren, als wenn es mich niemals gab.
So siehst du, dass sich meine Lage einfach nur verschlimmert,
Weil mich dieser Lehrer an all meine Fehltritte erinnert.

Stets heißt es: „Bringe Leistung!“ und „Wer stehen bleibt, geht rückwärts“
Und wenn man dann nicht mehr kann, dann heißt’s: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“
Mich motiviert’s nur gar nicht, Indianer wollt ich eh nie sein.
Nein, ich will doch bloß ich sein – ganz ohne Fassade, ohne Schein, Verstellung und Erwartung, nur authentisch und real,
Doch in der Leistungsgesellschaft ist das allen scheißegal.
Denn nur dafür gibt es Beifall, Anerkennung, Lob und Lohn:
Fürs Einhalten von Normen, von Gesetzen, Tradition.
Ich muss sein, was man erwartet, so auch das, was ich kreiere,
Nur blöd, dass bei all den Vorgaben den Blick ich hier verliere
Für das, was mir letztlich wichtig ist: die Meinung, Emotionen.
Doch statt dessen kommt nur Angst von mir und Zweifel, die hier wohnen
Werden dadurch nur gefüttert, denn das ist nicht, was man will.
Was ich zu bieten hab, ist falsch und anders: individuell.
Was ich habe, ist mit Makeln, menschlich, ehrlich und verdreckt.
Was man von mir will ist sauber, fehlerfrei, poliert, perfekt.

„Vergiss es einfach!“ – sag das meiner Stimme, meiner Hand,
Meinen Fingern, den Gedanken, alle steh’n sie in dem Bann
Der vergangenen Erfahrung, nicht zuletzt auch deiner selbst.
Deiner Meinung, deines Urteils, ob dir mein Werk auch gefällt.