Topophobie – Schlechter Kriegsfilm klingt doch interessant

Es ging mir schlechter als zunächst erwartet. Ich schätzte, es lag nicht mal nur daran, dass Felix‘ Ausstieg die Auflösung von unserer Band bedeutete, die stolze sechs Jahre ein Teil unseres Lebens gewesen war und der Grund, weshalb Nayara und ich uns überhaupt kennen lernen konnten, sondern auch, weil er wahrscheinlich die Auflösung einer langwährenden Freundschaft bedeutete.
„Nat…“, sprach Nayara mit ruhiger Stimme und fuhr mir mit ihrer Hand durchs Haar. „Ich weiß, es tut vielleicht weh das zu hören, aber ist es so vielleicht nicht besser?“
„Was?“
Obwohl es nur ein Wort war, überschlug sich meine Stimme. „Tut mir leid, aber ich habe nicht so viele Freunde wie du!“
Sie war vernünftiger als ich und ging nicht auf meine abfällige Betonung ein.
„Vielleicht ist es an der Zeit, neue zu machen. Und du hast immer noch mich.“
Ich wollte keine neuen Freunde. Ich wollte den alten besten Freund, der mich im Sandkasten verprügelt hatte und danach die anderen Kinder verprügelte, die mich ebenfalls verprügeln wollten, weil er meinte, nur er dürfe das. Ich wollte den alten besten Freund, der sich Jahre später als das größte Weichei herausstellte, das es auf der Welt gab und sich immer bei mir ausheulte, wenn ihn irgendjemand seiner Meinung nach falsch behandelt hatte. Das gab mir das Gefühl, zumindest den Ansatz von Sozialkompetenzen zu besitzen. Ich wollte den alten besten Freund, dem es egal war, wenn sich bei einer 30.000 Punkte Tabletop-Partie bereits nach wenigen Runden abzeichnete, dass ich ihn gnadenlos fertig machen würde. Eine, für die wir das ganze Wochenende über mit unseren handbemalten Ork- und Zwergenfiguren den Esszimmertisch meiner Eltern beschlagnahmt hatten. Und ich wollte den alten besten Freund, der neben Nayara die einzige Person in meinem Leben war, bei der ich den Eindruck hatte, dass sie sich für mein Leben interessierte. Und ja, es war mir vollkommen egal, dass das ausschließlich egoistische Gründe waren.

Nayara schien meine ablehnende Haltung zu spüren und redete weiter, was es nicht besser machte.
„Wenn wir ganz ehrlich sind, habt ihr doch auch schon in den ganzen vergangenen fünf Jahren nicht mehr häufig miteinander zu tun gehabt. Wird sich wirklich so viel verändern?“
Ich wollte nicht melodramatisch wirken, deshalb wechselte ich meinen Diskussionspunkt. Auch, weil sie recht hatte. Würde es, von den Bandproben abgesehen, denn tatsächlich einen Unterschied machen?
„Nun, den Wettbewerb können wir uns jedenfalls abschminken.“
„Wir holen uns eben einen anderen Schlagzeuger!“, meinte Nayara. „Glaub nicht, dass es mich nicht auch traurig macht, aber wenn er sich so von seiner Frau einlullen lässt? Ich meine, kaum hat sie zu Flennen angefangen, waren alle guten Gründe wie weggeweht!“
Sie hatte Recht. Es war ein Trauerspiel. Ich hoffte, dass es bei mir nicht genauso leicht war, mich so einfach beeinflussen zu können.
„Also, wenn wir dann groß rauskommen“, begann Nayara und versuchte mich mit ihrem Lächeln anzustecken. „Dann hat er, wenn wir ehrlich sind, doch auch nichts von unserem kommenden Ruhm verdient, was?“
Ich hob meine Mundwinkel müde an.
„Ja. Aber wenn wir dann unsere Preise abräumen, werden wir ihn bei unseren Dankesreden erwähnen, das sind wir ihm schuldig.“
Nayara grinste, doch es war ein wehmütiges Grinsen. Selbst sie war realistisch genug, um zu wissen, dass ein gewonnener Contest noch lange keine Garantie für ein Karrieresprungbrett war. So leicht war es im Musikgeschäft nicht. Lange nicht. Aber es war eine Chance, zumindest irgendwohin zu kommen.
„Jetzt müssen wir nur noch einen neuen Schlagzeuger finden“, erklärte ich. Ich hätte nicht erwartet, dass es so wehtun würde, das auszusprechen. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich so sentimental wurde.
„Rufen wir Leon an“, schlug Nayara vor. „Er kennt bestimmt ein paar fähige Drummer. Und du kannst den Trommler von den Major Five fragen.“
Ich dachte an Lukas mit seinem lustlosen Gesichtsausdruck und stellte mir vor, wie er in unserer Probe in seiner viel zu engen Hose auf dem Hocker sitzen und mit seinem Smartphone spielen würde.
„Ich weiß nicht, ob er motiviert genug wäre“, murmelte ich.
„Frag ihn einfach mal!“, empfahl mir Nayara.
Sie hüpfte aus dem Bett und griff nach dem Telefon. „Ich gebe Leon Bescheid.“
Während sie Leon dann über die Leitung – immer noch nackt – und wild mit den Händen gestikulierend den heutigen Vorfall mit vielen Adjektiven beschrieb, fragte ich mich, ob ihr Felix‘ Ausstieg so nahe ging, wie sie beteuerte. Sie war aufgebracht, doch schien es sie mehr aufzuregen, dass Alina ihren Mann so sehr an der Strippe hatte, als dass Felix ausgestiegen ist. Es hörte sich ganz danach an, dass Leon gar nicht mal zu Wort kam. Ich würde selbst nochmal mit ihm sprechen müssen.

Natürlich stellte sich heraus, dass Leon das ganze Wochenende keine Zeit hätte. Noch am selben Tag würde er Besuch von „Freunden“ bekommen, wobei ich mich fragte, woher die denn plötzlich kamen. Abends hätte er einen Gig und am nächsten Tag gleich zwei. Also keine Möglichkeit, über den Fortbestand unserer Band zu sprechen, außer, dass er auch mir sagte, er würde die Augen nach einem neuen Drummer offen halten. Ich hatte das Gefühl, dass ausgerechnet ich der einzige war, der tatsächlich noch aufrichtige Ambitionen hatte, sie am Leben zu halten. Leon war, wie ich vermutete, nur daran interessiert, diesen Contest zu gewinnen und eigentlich nur darauf fixiert, in irgendein berühmtes Orchester zu kommen, Nayara schien sich mehr über Alina aufzuregen und Felix hatte ja allen Anscheins nach auch die Motivation verloren. Ich verstand das einfach nicht. Möglicherweise hätte ich früher damit anfangen sollen, meine Geschichte zu erzählen, einfach nur um zu schildern, wie toll wir klangen, wie innovativ unser Sound, wie tiefsinnig unsere Texte und wie passend unser Zusammenspiel war. Aber das war doch seit jeher das Problem mit der Musik. Sie erklingt –  sie ist vorbei. Schwingungen, die im Raum verklingen. Und wenn man, wie wir keine Aufnahmen hat, dann ist die eigene Erinnerung der letzte, unzuverlässige Zeuge davon. Und wenn man davon spricht, kann man alles erzählen. Wenn man uns hört, bekommt man den Drang zu Tanzen, eine Gänsehaut, einen Orgasmus – ich könnte alles erzählen, aber je mehr Zeit verstreicht, desto unterschiedlicher werden wir diese Erinnerungen wahrnehmen. Ich befürchtete, dass es bereits so war. Und dass Nayara, Felix und Leon sich nur noch schemenhaft daran erinnerten, wie gut wir eigentlich waren. Unsere letzte Probe, zu der wir tatsächlich produktiv waren, lag fast einen Monat zurück. Unser letzter Auftritt mehr als zwei Monate. Ich wollte mir einreden, dass das doch kein Problem wäre, immerhin hätte ich nun eine andere Band gefunden. Eine, die wie ein Uhrwerk funktionierte, sich bereits in der Szene etabliert und auch schon CDs aufgenommen hatte. Warum also ging mir das so verdammt nah? Ich gehörte nicht zu den gefühlsduseligen, sentimentalen Leuten. Oder etwa doch?

„Kannst du bitte irgendetwas machen?“, drängte Nayara mich schließlich am Sonntag Mittag, als sie merkte, dass ich immer noch im Bett herumlungerte. „Du bist doch schon seit zwei Stunden wach. Es ist deprimierend dich so zu sehen.“
„Dann guck doch woanders hin.“
Nayara blieb vor mir stehen, sie hatte eine Schere, ein Quietscheentchen und bunte Stofffetzen in der Hand, jagte bereits seit geraumer Weile mit derlei Gegenständen durch unsere Wohnung. Ich wollte gar nicht wissen, was sie jetzt wieder für seltsame Dinge tat.
„Du weißt, ich bin niemand, der anderen Menschen sagt, was sie zu tun haben“, begann sie. Nein, natürlich nicht, niemals, dachte ich, behielt meine sarkastischen Gedanken jedoch für mich.
„Aber“, fuhr sie fort, denn natürlich musste nun ein „Aber“ folgen. „Du steigerst dich nur noch mehr herein, wenn du jetzt einfach so den Schwanz einziehst und trauernd vor dich hinvegetierst.“
„Was schlägst du denn vor?“
„Du könntest üben.“
Doch nach zwei Stunden zerrte sie mich mit in die Stadt, weil sie die ganzen melancholischen, deprimierenden Lieder nicht mehr ertrug.
„Wir treffen uns jetzt mit ein paar Freunden vorm Kino und schauen uns einen lustigen Film an“, erklärte sie mir mit genervter Stimme. Sie musste mich nicht mehr die Straße entlang schleifen, ich kam bereits von mir aus mit. Ehrlich gesagt war es mir ganz recht, das Haus zu verlassen. Meine Freundin hatte recht, ich würde nur versauern. Dennoch, begeistert war ich nicht.
„Welchen Film?“, fragte ich.
„Irgendein lustiger Film wird schon gespielt werden.“
„Welche Freunde?“, fragte ich. Nayara zückte ihr Smartphone und blätterte durch ihre Kontakte.
„Irgendeine lustige Person wird schon Zeit haben.“
Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell Nayara irgendjemanden fand, mit dem sie abhängen konnte. Vor allem für jemanden, der mich, jemanden, den man eher als kautzigen Einsiedler bezeichnen würde als festen Freund hatte, war das schon fast bizarr. Ich fragte mich, woher sie die Zeit nahm, all diese Kontakte aufrechtzuerhalten.
„Tanja ist ziemlich komisch“, erklärte sie mir, als wir unseren Weg durch die sonntags sehr verschlafen wirkenden Straßen Ledringens zum Kino bahnten. „Oder zumindest war sie das. Ich habe sie seit mindestens drei Jahren nicht mehr gesehen.“
Soviel dazu.
„Und sie hat einfach zugesagt, sich nach so langer Zeit so spontan mit dir zu treffen?“
„Du glaubst nicht, wie gelangweilt einige Leute sind“, antwortete Nayara mit einem breiten Lächeln. „Aus irgendeinem Grund müssen all diese bescheuerten Reality-Serien im Fernsehen doch so erfolgreich sein, nicht?“
Da hatte sie recht.
„Von wo kennt ihr euch eigentlich?“, fragte ich.
Sie dachte einen Moment nach, wobei ihr Gesicht immer angestrengter wurde. Schließlich zog sie ihre Schultern hoch und schüttelte ihren Kopf.
„Keine Ahnung. Aber sie ist sehr cool. Sie arbeitet beim Tierschutz und hat Schlangen als Haustiere.“

Vor dem Kino angekommen, meinte ich Tanja schon recht schnell erkennen zu können. Nayara hatte die Vorliebe, sich mit seltsamen Personen anzufreunden, ich war da keine Ausnahme und Tanja sah mindestens seltsam aus. Sie hatte blaue Haare, trug eine viel zu große Sonnenbrille und ein weißes, langes Kleid, das aussah wie jenes, das Blumenkinder tragen, nur eben für Erwachsene. Ein wenig unheimlich sah sie schon aus. Ich sagte nur recht beiläufig Hallo, denn die Begrüßung der beiden jungen Damen dauerte gute zehn Minuten und wurde rasch ziemlich schrill, hauptsächlich von Nayaras Seite aus, aber trotzdem genug, dass ich einmal mehr die alte, bröckelnde Fassade des Cinestar-Kinos betrachtete. Diese Szene, nur eben mit anderen Personen spielte sich ungefähr einmal alle zwei Monate ab und mittlerweile war mir jede Ecke und Kante des Gebäudes vertraut. Es sollte mit den vielen Säulen und den antik wirkenden Elementen wohl nach klassizistische Architektur aussehen, wurde aber schon lange nicht mehr renoviert. Deshalb war die ehemals weiße Farbe mittlerweile graugelb und die vielen Verzierungen, die ja eher simpel und elegant hätten scheinen sollen, wirkten durch die vielen Macken und die Taubenscheiße eher rustikal, um es noch möglichst positiv auszudrücken. Ich versuchte, das Gebäude möglichst nicht mit meiner Karriere als Musiker in Verbindung zu setzen und wie traurig es war, dass man sich als Musiker so oft als etwas geben musste, was man in Wirklichkeit nicht war. Abrupt wurde ich aus meinem Pathos gerissen, als Nayara mich an meiner Hand nahm.

„Hörst du überhaupt zu?“
„Nein, worum geht es?“
Sie seufzte, während Tanja darüber aus irgendeinem Grund trocken kicherte.
„Es läuft nur ein Kriegsfilm, der, wie Tanja sagt, überaus schlecht sein soll und ein Animationsfilm, den ich aber schon zweimal gesehen habe. Willst du ihn sehen? Es geht um Lebensmittel, die aus einem Supermarkt fliehen. Ziemlich lustig eigentlich, aber auch makaber, hier und dort.“
„So wie Realityshows? Nein danke.“
„Wir können auch auf die Siebzehnuhr-Vorstellung warten“, schlug Tanja vor. „Dann läuft ein Drama über einen Musiker. Ihr spielt doch in einer Band, oder?“
„Momentan? So ein bisschen“, antwortete ich. Und der Film hörte sich Genretechnisch schon interessanter an, deshalb fügte ich hinzu: „Der Film würde mich auch mehr interessieren.“
„Nein, keine Dramen!“, sprach Nayara in einem Tonfall, der keine Widerrede duldete. „Wir gehen zur Eisdiele. Keine Dramen.“
„So schlecht geht es mir nun wirklich nicht“, raunte ich.
Nayara sah mich mit großen Augen an.
„Ich will nicht, dass es mir nachher so wie dir geht! Keine Dramen!“
Die Eisdiele war es also. Tanja hatte nichts dagegen einzuwenden, selbst, wenn das Wetter recht frisch war. Aber wer bei bewölktem Himmel mit Sonnenbrille durch die Stadt spazierte…
„Sag mal, kennen wir uns nicht?“, fragte sie mich unvermittelt, als wir das Cinestar bereits hinter uns gelassen hatten.
Ich drehte mich zu ihr, zog meine Augenbrauen hoch.
„Du siehst so seltsam aus, ich würde mich an dich erinnern“, antwortete ich trocken.
Sie grinste, Nayara stöhnte. Aber Blauhaar beschwerte sich nicht, was hieß, dass sie tatsächlich zu der Art ihrer Bekannten zählte, die mein Kommentar eher als Kompliment empfanden.
„Doch, du kommst mir verdammt vertraut vor“, meinte die Tanja und ich sah, wie ihre Augenbrauen immer wieder zwischen nachdenklichem und amüsiertem Ausdruck wechselten. Ich lächelte unsicher zu meiner Freundin herüber, die auch etwas erstaunt aussah.
„Nat? Höchst unwahrscheinlich. Es sei denn, du stehst seit neuestem auf Jazz. Und unsere Band hast du ja bisher auch noch nie gehört.“
„Nein, tut mir leid. Ich hab’s dir ja schon damals gesagt, ich kann mit der Musik nicht sonderlich viel anfangen“, rechtfertigte sich Tanja schulterzuckend. „Da will ich lieber gleich ehrlich sein.“
„Was hörst du denn für Musik?“, fragte ich sie.
Sie zuckte erneut mit den Schultern, was mir auf diese Frage bezogen gleich eher unsympathisch vorkam.
„Metal, Trip-Hop und Country hauptsächlich.“
Ich verschluckte mich und Nayara lachte kurz auf, doch Tanja verzog keine Miene.
„Dann solltest du uns erst Recht hören“, grinste ich. „Wir machen eine Mischung aus diesen Stilistiken.“
Tanja zog ihre Augenbrauen hoch.
„Hört sich ziemlich übel an.“
Doch das Grinsen verflog mir, als ich aus der Ferne kräftigen Männergesang hörte.

Bongo, bongo, bongo, I don’t wanna leave the Kongo, oh no no no no nooo…

Ich versuchte zu orten, aus welcher Richtung er kam und überlegte rasch, welche Möglichkeit es gäbe, nicht über die Hauptstraße in Richtung Eisdiele zu gehen.
„Hey“, sprach ich. „Wollen wir kurz beim… Schreibwarenhändler vorbei? Ich brauche noch Druckerpatronen, habe so viele Noten ausgedruckt in letzter Zeit.“
„Es ist Sonntag“, kommentierte Tanja ohne dabei eine Miene zu verziehen. Verdammt.
„Stimmt“, meinte ich. „Ich will nur mal im Schaufenster nachsehen, ob sie dort Druckerpatronen ausgelegt haben, denn wenn nicht, kann ich mir den Weg dorthin dann morgen auch sparen!“
„Sie werden ganz bestimmt Druckerpatronen dort haben“, meinte Nayara mit beschwichtigender Stimme und tätschelte mir die Schulter. Ich wurde alles andere als beschwichtigt.
„Übrigens!“, bellte ich schon fast. „Es gibt einen neuen Waffelstand am anderen Ende der Stadt! Soll ziemlich gut sein!“
„Echt?“, fragte Nayara. Sie liebte Waffeln. Damit hatte ich sie.
„Super! Wollen wir nach dem Eis noch Waffeln essen? Tanja?“
„Nur Eis für mich“, erklärte sie und runzelte dann ihre Stirn, während sie Nayara musterte. „Wie hältst du deine Figur bei?“
Der Plan ging nicht auf, ich hatte Nayaras Verfressenheit unterschätzt. Der Gesang wurde immer lauter und schien definitiv direkt auf unserem Weg zu liegen. Nervös sah ich auf meine Uhr. In zehn Minuten würde die Kinovorstellung der anderen beiden Filme beginnen. Ich räusperte mich und blieb stehen.
„Also, ehrlich gesagt… schlechter Kriegsfilm klingt doch interessant oder nicht?“
Beide Frauen sahen mich verwirrt an.
„Wie jetzt, also doch?“, fragte Nayara.
„Ich habe mich nie dagegen ausgesprochen!“, entschuldigte ich mich.
„Der soll echt schlecht sein“, leierte Tanja, erneut, ohne eine Miene zu verziehen.
„Sagt wer?“, fragte ich.
„Sagt IMDb“, antwortete Tanja. „Fünf komma neun Punkte.“
Ich grummelte leise vor mich hin. Ich verbrachte nicht selten genau so viel Zeit im Internet darüber, ob ein Film es wert war, ihn anzusehen, wie damit, ihn dann letztlich anzusehen und die International Movie Data Base zählte ich dabei oft zu meinem Referenzmaterial.
„Na, da haben sich ja zwei gefunden“, stöhnte Nayara, die genau wusste, was ich da stundenlang vor meinem Bildschirm tat.
„Nun“, begann ich, während wir kurz vor der Abbiegung waren, die uns höchstwahrscheinlich auf die Straße führen würde, auf der der Straßensänger sich befand. „Fünf komma neun ist ja immer noch überdurchschnittlich und bei Kriegsfilmen muss man ja auch dazu sagen, dass die Bewertung vor allem durch jene nochmal stark verfälscht wird, die politisch auf der antagonisierten Seite des Filmes stehen! Ich habe auch Rezensionen gelesen, die besagen, dass der Streifen ziemlich raffiniert gemacht ist und ihn viele einfach nur nicht verstehen.“
„Mann, schon gut“, sprach Tanja und der genervte Unterton war kaum zu überhören. Ich vermutete, dass sie spätestens jetzt nicht mehr sonderlich viel von mir hielt.
„Ich wollte euch nur warnen. Du musst nicht erklären, weshalb du dir einen schlechten Film reinziehen willst.“

They got things like the atom bomb, so I think I’ll stay where I am…

„Der Film muss ja nicht schlecht sein, nur weil…“
„Überdurchschnittlich, Propaganda, versteckte Nachrichten. Ist schon okay.“
„Danke. Ich würde nur wirklich gerne diesen Film sehen. Wir können ja danach Eis essen, ja?“
„Und Waffeln“, freute sich Nayara.
„Und Waffeln…“, wiederholte ich murmelnd und seufzte innerlich, als wir Kehrt machten. Auch, wenn mein Verhalten alles andere als unauffällig war, hat es funktioniert.
„Dieser Sänger da hinten“, meinte Nayara und drehte sich noch einmal um. „Der hat echt eine interessante Stimme.“
„Ja“, bestätigte Tanja. „Der singt schon seit einigen Tagen hier in der Stadt.“
„Kommt, beeilen wir uns“, drängte ich. „Sonst verpassen wir die Werbung. Ich liebe Kinowerbung, sie ist so schön bescheuert!“
„Ohja!“, pflichtete mir Nayara bei. „Zu viel Fernseh gesehen, dass die Augen schmerzen? Dann lieber ins Kino! Sie können das Bild nicht erkennen, weil es unscharf scheint? Dann kommt zu Baumgarten, eurem Optiker, direkt neben dem Kino! Baumgarten! Der Optiker ihres Vertrauens!“
„Ihr Opfer des Kapitalismus…“, murmelte Tanja abfällig und schüttelte lächelnd den Kopf.

Hier weiterlesen: Kein Eis für Tanja

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5 thoughts on “Topophobie – Schlechter Kriegsfilm klingt doch interessant

  1. Na wenn Tanja Nat nicht als Straßenmusikanten gesehen hat 🙂
    Diesmal nur ein paar Kleinigkeiten:
    “ … nach einem neuen Drumme …“ (da ging das r verloren)
    „Welchen Film?“, fragte ich. „Irgendein lustiger Film wird schon gespielt werden.“ (Der zweite Dialogsatz stammt doch von Naya, oder? Dann in die nächste Zeile, sonst verwirrt das.
    „… und elegant wirkten, wirkten durch …“ (Wortwiederholung).
    Übrigens: Wenn ich mit der Maus auf Deinen Reiter „Roman „Topophobie“ gehe, klappt bei mir nur die Liste bis Kapitel 10 auf – vielleicht ist sie mittlerweile zu lang, die Liste?
    Dein Text gefällt mir immer noch sehr gut, wobei mir noch nicht klar ist, wo er eigentlich hin will. Ich wünschte mir da bald mal ein deutliches Richtungszeichen, sonst bestünde vielleicht die Gefahr, dass er nur so „dahinplätschert“. Was immer noch gut genug, aber sehr schade wäre.

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    1. Danke erneut für dein Feedback und die Hinweise! Die Szene geht eigentlich noch weiter, aber ich wollte sie, um die paar Gelegenheitsleser, die hoffentlich ab und an mal wieder vorbeischauen und ein bisschen weiterlesen wollen, nicht abzuschrecken, in gewohnter Länge halten.
      Hast du das Gefühl, dass nicht klar ist, wo es eigentlich hingeht generell oder empfindest du das nur konkret bei diesem Text? Ich habe nämlich selbst das Gefühl, dass ich die Handlung möglicherweise etwas zu langsam weiterbringe, um den Charakteren mehr Spielraum zu geben.

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      1. Generell würd‘ ich sagen. Zumal Du 1. Deinen Protagonisten ja eher passiv zeichnest und 2. Du schon viele Handlungsstränge aufgemacht hast: Die neue Band, die alte Band und der Wettbewerb, Nats Jobverlust, der Penner-Sänger und jetzt Tanja. Aber wie gesagt: Das kannst nur Du entscheiden, bist Du doch der Einzige, der weiß wo die Reise hingeht 🙂

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  2. Der Text ist mir zu lang, besonders in der Mitte. Zu viel Fleisch. Und ich stimme Simon zu, an dieser Stelle fragt man sich, wohin die Reise geht. Wäre es ein Buch, wäre ich jetzt ungeduldig und würde vielleicht weiterblättern.

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