Nächtlicher Besuch

Ermittler Jarvel schloss leise die Holztüre, durch die er gekommen war und sah sich verstohlen um. Die Kerze auf dem Holztisch im Erker, sowie das Licht, das unter der Türe zum Badezimmer durchstrahlte, waren die einzigen Lichtquellen im Wohnzimmer. Auf leisen Sohlen schlich er auf das Bad zu, der rote Teppich mit den goldenen Stickereien von Löwen und Schwertern dämpften seine Schritte.
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Ermittlers, denn diese Stickereien waren Symbole der Rondra, der Göttin des Krieges.
Es tut mir leid, göttliche Leuin, murmelte Jarvel. Ich weiß, du verabscheust Heimlichtuerei, aber es bietet sich einfach an, auf diesem Teppich zu schleichen.
Vor dem Badezimmer angekommen, presste Jarvel sein grobes, unrasiertes Gesicht an die Türe und spähte durch das Schlüsselloch. Er verspürte keine Scham mehr, als er zusah, wie die Herrin des Hauses sich vor dem Badezuber entkleidete, nur Herzrasen und ein Aufbegehren im Lendenbereich. Die Scham würde später kommen, das wusste Jarvel, aber es kümmerte ihn nicht. Er würde sie mit seinen Gedanken wieder tot argumentieren.
Seit ich nach Menzheim stationiert wurde, um diese mysteriösen Mordfälle aufzuklären, habe ich einfach keine Zeit mehr für ein Privatleben, würde er sich einreden oder
Ich kenne andere in meinem Berufsfeld, die sich der Flasche ergeben, immerhin funktioniert mein Verstand noch!

Als die Schlafstörungen angefangen haben, hatte Jarvel begonnen, nächtliche Spaziergänge durch die Straßen zu unternehmen, in der Hoffnung, dabei eventuell eine heiße Spur des Mörders zu finden, der in Menzheim und der Umgebung mittlerweile schon für fünf blutleere Leichen mit Kehlenschnitt verantwortlich war. Oh, und er hat etwas entdeckt: den Bäckerslehring zwischen den Beinen der Frau seines Meisters. Später die Frau des Bürgermeisters beim Umkleiden. Und dabei ging es ihm anfangs gar nicht einmal hauptsächlich um die Reize des Auges, sondern vielmehr um den Rausch des Augenblicks. Die Spannung, das Risiko, die Euphorie der schieren Entdeckung der Dinge, die nicht für sein Auge bestimmt waren. Aber was war schon nicht für das Auge eines Ermittlers bestimmt?


Jarvel wusste jedoch, was man als Einbrecher für Fehler machen konnte und achtete peinlichst darauf, keine davon selbst zu begehen. Das wusste er und nahm ihm mit den Monaten auch die anfängliche Spannung, jedenfalls bis zu dem Moment, als er Lorane Wiedbrück das erste Mal eine Visite abstattete. Im Gegensatz zu all den anderen Frauen, bekam Lorane seitdem auch viel regelmäßiger Besuch von Jarvel und seit den letzten Wochen war sie das ausschließliche Ziel für seine nächtlichen Ausflüge geworden. Er glaubte zunächst, es würde nur an ihrem wohlgeformten und durchtrainierten Körper liegen, doch es war alles an Lorane, das ihn so anzog: ihre kräftige, aber dennoch weiche Stimme. Ihr schiefes, süßes Lächeln. Ihr nachdenklicher, verträumter und sorgenvoller Blick. Auch jetzt schaute sie mit diesem melancholischen Gesichtsausdruck an die Decke und seufzte.
An was denkst du?
Jarvel hätte ihr so gerne das Haar aus dem nassen Gesicht gestrichen, sie geküsst und ihre Sorgen vertrieben. Sie schien immer so stark, so unverletzlich und souverän, wenn sie ihrer Arbeit nachging, sobald sie sich jedoch in ihren eigenen vier Wänden befand, schien es, als würde sie eine Maske abstreifen. Jarvels Blick glitt zu ihrem Arm, auf dem blaue Flecken prangten, als hätte sie dort jemand zu stark gedrückt. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dies während ihrer Kampfübungen passiert war.
Jarvel hegte nun schon seit längerem den Verdacht, dass Bosper Wiedbrück, der Ehemann der Rondrageweihten, seine Frau misshandelte. Er war ein kräftiger Mann von grobschlächtigem und, wie Jarvel fand, unkultiviertem Verhalten. Laut und unfreundlich, sprach er auch mit seiner Frau selbst daheim nur wie mit einer Tempelbediensteten, die sie zwar auch war, doch nie, wie mit einer Ehefrau. Er liebte sie nicht, das wusste Jarvel. Wer würde sich nächtens so lange herumtreiben, wenn er solch ein prächtiges Weib im eigenen Heim hatte, das auf ihn wartete? Jarvel fand das mehr als verdächtig und irgendetwas in ihm schrie ihn geradezu an, er solle sich diesen ominösen Bosper einmal genauer anschauen. Aber wie? Wie, wenn sein Herz ihn jede Nacht zu Lorane trieb? Wie, wenn er die Gelegenheit hatte, sie zu beobachten, wenn sie nicht mehr Lorane, die Rondrageweihte, sondern einfach nur Lorane war? Wie konnte Bosper sie nicht lieben?
Wahrscheinlich kenne ich sie mittlerweile besser, als ihr Ehemann, dachte sich Jarvel. Denn ich liebe sie.

Langsam bewegte er seine Hand zwischen seine Beine.
Noch während der Bewegung hielt der Ermittler inne und sein Ohr zuckte ob des Geräusches, das von der Tür hinter ihm zu hören war.
Das metallische Klimpern mussten Schlüssel sein. Das war ihm noch nie passiert. Alles war so gut geplant gewesen, weshalb war Bosper denn jetzt schon zurück?
Panisch sah Jarvel sich nach einem Versteck um, als die Geräusche lauter wurden.
Er konnte sich nicht unter dem Tisch verstecken, nicht unter dem Teppich, erst recht nicht hinter den Stühlen oder dem Beistelltisch. Die Fenster waren zu klein, um hindurchzusteigen, also blieb nur noch die Kellertüre, die jedoch mit einem groben Anhängeschloss versehen war.
Durch die Türe hörte Jarvel, wie etwas zu Boden fiel und ein gedämpftes Fluchen.
Er huschte sofort zum Schloss und nahm seine Dietriche hervor. Das Schloss war klobig und simpel konstruiert, leicht zu knacken sicherlich, doch während sich Jarvel bereits an die Arbeit machte, vernahm er das schreckliche Geräusch der Schlüssel in der Eingangstüre.
Die Kellertüre war entriegelt und ohne einen Blick auf die Eingangstüre zu werfen, öffnete der Ermittler den Eingang zum Keller, verschwand darin und zog die Türe hinter sich zu.
„Bin wieder Zuhause!“, rief Bosper mit kratzender Stimme. Er hatte vermutlich wieder getrunken, schätzte Jarvel und Wut keimte in ihm auf.
„Interessiert dich ja aber sowieso nicht“, ergänzte der Rondrageweihte und seine Schritte schlurften durch das Wohnzimmer.

Habe ich das Vorhängeschloss mitgenommen?
Panisch öffnete Jarvel seine Hände und erinnerte sich, dass er es einfach fallen gelassen hatte. Was für ein dummer Anfängerfehler! Sie würden misstrauisch werden, sobald sie es auf dem Boden liegen sehen würden!
Hastig eilte er die Treppen nach unten, tastete sich an der rauen Steinwand entlang, bis er den Kellerraum erreichte, der durch eine einzelne Fackel erhellt wurde.
Jarvel sah sich um, suchte nach etwas, wo er sich verstecken konnte. Sein Herz raste wie wild – er hatte sich einen Kick gewünscht, sicherlich, aber keinen, der so nah am Rande von Scheitern und Schande lag!
Regale mit Dörrfleisch, Schwarzbrot und Schinken, Fässer, Säcke und Kisten waren zu sehen, aber nichts, was sich für ein Versteck eignen würde. In seiner Verzweiflung griff Jarvel zu einem der Säcke, der groß genug war, um einen Mann von seiner Größe zu verschlucken und entleerte ihn, hielt aber mitten in der Bewegung inne.
Wie dumm kann man eigentlich sein? Wenn die hier überall Kartoffeln verteilt auf dem Boden liegen sehen, wo schauen sie denn dann zuerst nach?
Eilig sammelte Jarvel die Kartoffeln auf, die bereits aus dem Sack gerollt waren, wobei sein Blick auf den merkwürdigen Steinpflasterboden fiel. Die Steine waren lose – kein Lehm war dazwischen. Wie von Geisterhand geführt griff Jarvel nach einem der Steine, ruckelte etwas daran und stellte fest, dass er sich aus dem Boden ziehen ließ. Darunter befand sich Holz! Sofort entfernte Jarvel weitere Steine und legte somit die Klapptüre frei.

Nein, für ihn war das kein gutes Versteck mehr. Die Steine lagen verräterisch im ganzen Raum verstreut und doch vertrieb Jarvels Neugier alle Bedenken und er zog am eisernen Henkel. Ein versteckter Keller – in einem Keller? Ein modrig feuchter Geruch strömte dem Ermittler entgegen, als er die Falltüre anhob. Steinstufen führten weiter nach unten in die Dunkelheit. Rasch griff Jarvel nach der Fackel und betrat den freigelegten Durchgang.
Die Wände des kaum mehr als einen Schritt breiten Ganges waren grob und kantig, ebenso die Stufen, welche teilweise so flach waren, dass sie schon fast nicht mehr als Stufen zu bezeichnen waren. Der sehr steile Gang führte immer weiter in die Tiefe und Jarvels Herz begann immer schneller zu schlagen. Was hatte er da gefunden? Wohin führte der Gang? Wussten die Besitzer des Hauses überhaupt von seiner Existenz?
Wohl kaum. Nur dem geschulten Auge eines Ermittlers fallen solch verborgene Passagen auf.
Für einen Moment musste Jarvel an die Konsequenzen denken, die unweigerlich mit seiner Entdeckung folgen würden – wie hatte er den Gang gefunden, warum war er überhaupt im Haus gewesen? Aber als der Gang ein Ende nahm und Jarvel sich in einem riesigen… Gewölbe wiederfand, waren seine Sorgen wie weggewischt. Ein halb verfallener, mit Rissen durchzogener Steinplattenboden erstreckte sich weiter als der Schein der Fackel reichte, was auch für die Höhe des riesigen Raumes, nein, der riesigen Halle galt, die mindestens doppelt so hoch sein musste wie ein Oger. Von Ehrfurcht ergriffen setzte Jarvel langsam einen Fuß vor den anderen. Alte, mächtige Säulen trugen offenbar das Gewicht der Decke und Fackeln waren an ihnen befestigt. Eifrig entzündete Jarvel eine nach der anderen, in seiner unmittelbaren Umgebung, um seine Entdeckung beleuchtet bewundern zu können. Sein Blick fiel zur nun erhellten Wand und er stellte fest, dass sich dort Wandmalereien befanden.

Wie alt ist dieser Ort?
Die Malereien, allesamt mit kupferroter Farbe dick und unsauber gezeichnet, stellten größtenteils Symbole dar, die für Jarvel absolut keinen Sinn ergaben, aber dessen bloßes Betrachten ein beunruhigendes Gefühl in ihm hervorriefen. Wie ein kleines Insekt, das vom Innern seines Kopfes gegen seine Schädelwand klopfte, nagten diese Bilder an ihm. Er ging langsam die Wand entlang und suchte nach etwas, was er identifizieren konnte, bis er vor einem Bild stehen blieb, das aussah, wie ein Stierkopf in einem Kreis.
Kein vergessener Tempel der Zwölfgötter… der Stier war nie Tier der Alveraner. Wozu diente dieses Gewölbe dann?
Schließlich fiel Jarvels Blick auf ein Gemälde, auf dem ein humanoides Wesen abgebildet war, das etwas in seinen Klauen, jawohl, Klauen, denn als Hände konnte man es beim besten Willen nicht bezeichnen, zu halten schien. Etwas, das tropfte.
Herzen.
Erschüttert von diesem Anblick wandte sich Jarvel ab von der Wand. Er atmete tief durch und lächelte schief.
Es gibt noch so viel mehr zu entdecken, herrlich!
Aber alles Einreden half nichts – das beklemmende Gefühl nahm nur weiter zu.
Der Ermittler hatte noch immer dieses Wesen vor Augen, die Herzen in den Klauen haltend, frisch herausgerissen.
Jarvel schüttelte den Kopf und ging eilig voran, Ausschau nach anderen Funden als Säulen und Wandmalereien, die ihm Auskunft darüber geben konnten, was das für ein Ort war und von wem er erschaffen wurde. Er ging weiter an der Wand entlang und betrachtete die anderen Malereien, welche neben unentzifferbaren Zeichen auch weitere Zeichnungen von Stieren aufwiesen. Und immer wieder dieses Wesen mit den Herzen. Jarvel schluckte und sah sich eines dieser grässlichen Kreaturen genauer an. Bis auf die Klauen sah die simpel gezeichnete Kreatur sehr menschlich aus, allerdings irritierten die vielen feinen Striche auf der Haut. Sollten sie vielleicht einen Pelz darstellen? Dieser Ort wirkte sehr archaisch – zwar hatte Jarvel glücklicherweise mit dieser Kultur noch nichts zu tun gehabt, aber es schlich sich ihm der Gedanke ein, auf eine alte Tempelstätte der Schwarzpelze gestoßen zu sein. Der Orks.
Er wandte sich ab von der Wand, denn etwas anderes zog seine Aufmerksamkeit auf sich: ein steinerner Podest befand sich in ungefährer Mitte der Halle, etwa einen Schritt breit und kastenförmig. Eine große Schale, ebenfalls aus Stein lag darauf. Bevor Jarvel jedoch hineinsah, fielen ihm die Buchstaben auf, die, in ebenfalls rostroter Farbe, auf den Altar gezeichnet waren. Kusliker Zeichen – also von Menschenhand geschrieben?
Est bibendum sanguinem.

Jarvel konnte kein Bosparano, aber zumindest erkannte er die Sprache, wenn er sie sah. Er runzelte die Stirn und das Klopfen in seinem Kopf wurde zu einem Hämmern.
Diese Halle war möglicherweise älter als die Menschheit selbst und dennoch – Bosparano?
Orks beherrschen meines Wissens nach keine alten, toten Sprachen der Menschen…
Vorsichtig streckte Jarvel die Fackel dem steinernen Becken entgegen und sah hinein. Dunkle Flüssigkeit war darin. Er streckte die Hand aus, berührte die Flüssigkeit und hielt den benetzten Finger ins Licht der Fackel. Dunkles rot, fast schon schwarz.
Jarvel wurde schwindelig, das Hämmern wurde schneller und genauso seine Atmung.
Flüssigkeit… wie? Warum ist sie nicht vertrocknet?
Ein Knall, wohl sehr laut, doch weit entfernt war zu hören und Jarvels Herz machte einen Sprung. Die Falltüre! Er blieb noch zwei Sekunden wie angewurzelt an Ort und Stelle stehen, dann rannte er wie vom Namenlosen getrieben zu den Fackeln, welche er entzündet hatte, sammelte sie ein und warf sie ins Becken.
In das Blut.
Zischend erlöschten die Fackeln und komplette Dunkelheit erfüllte den Saal. Blind lief Jarvel in die entgegengesetzte Richtung des Eingangs, bis er gegen die Wand stieß und sich langsam in die Hocke niederließ. Er hatte das Versteck des Schlitzers gefunden, darin bestand kein Zweifel. Die Leichen waren allesamt ausgeblutet und wenn sich im Becken nicht das Blut der Mordopfer befand, dann wollte sich Jarvel keinen Ermittler mehr nennen. Was ihn jedoch noch mehr verstörte, war die Tatsache, dass dieses Blut nicht schon längst geronnen war. Entweder es war noch frisch oder eine… unheilige Energie lag darauf und Jarvel wusste nicht, was davon schlimmer wäre.
Stimmen kamen näher, aus der Ferne erkannte er Licht.
„Wie konnten wir das all die Jahre nur übersehen haben?“, hörte Jarvel Lorane mit ehrfürchtiger Stimme fragen. „Direkt unter unserem Keller!“
„Ich mache mir mehr Sorgen um den Eindringling, der das hier überhaupt erst entdeckt hat. Und du hast nichts gesehen oder gehört, sagst du?“
Der Ermittler betrachtete Bosper misstrauisch. Entweder der Kerl war tatsächlich schwer zu beeindrucken, oder er kannte dieses unheilige Gewölbe bereits.
„Du hast Recht, wir sollten vorsichtig sein. Hier unten muss jemand sein. Vielleicht sollten wir besser zurück nach oben gehen und Hilfe holen?“
Bosper blieb stehen und sah Lorane kalt an. Sie war nur in einem Bademantel gekleidet, während er noch in seine rote Robe gehüllt war.
„Seit wann hast du Angst vor einem Kampf?“, spottete er. „Du bist weich geworden. Was auch immer hier ist, hat Angst vor uns, sonst würde es sich nicht in den Schatten vor uns verstecken.“

Bospers Blick suchte die dunklen Ecken der weiten Halle ab, doch die Fackel, die er in seiner Hand hielt, schien nicht weit genug, um den Ermittler zu enthüllen. Jarvel hingegen konnte Bosper sehr gut erkennen und erst jetzt fiel ihm die eisige Kälte in dessen grauen Augen auf. Das war der Blick eines Jägers. Der Blick eines gnadenlosen Mörders.
Jarvel spannte sich an – wie gerne würde er Lorane eine Warnung zu rufen, ihr anweisen zu rennen! Doch sie würde ihm natürlich keinen Glauben schenken. Nein, wenn er sich jetzt zu erkennen gab, dann würde es zwei Tote geben, denn sicherlich ließ der Schlitzer niemanden entkommen, der einmal erst sein okkultes Versteck gefunden hatte, an der er irgendwelche finsteren Entitäten anzubeten pflegte. Auch nicht seine eigene Frau. Erst recht nicht seine eigene Frau, denn sie ist eine Rondrageweihte und würde diesen Ort, sobald sie seine wahre Natur gelüftet hätte, mit allen Mitteln zerstören wollen.
„Weich geworden?“, entgegnete sie so gelassen, dass Jarvel vermutete, Lorane hat solch spöttische Kommentare schon öfter über sich ergehen lassen. „Und das von einem Trinker, der sein Schwert nicht einmal mehr richtig heben kann? Der seine Frau und seine Schwägerin zurückgelassen hat, als die Orks angriffen?“
Bosper wandte sich wieder seiner Frau zu, so dass er Jarvel den Rücken kehrte. Der Ermittler nutzte die Gelegenheit und schlich langsam an der Wand entlang, dem Ausgang entgegen.
„Ich dachte, wir würden nicht ankommen gegen solch eine Übermacht!“, rief Bosper und Frustration klang in seiner Stimme. „Drei gegen… wie viele waren es? Zehn? Ich habe getan, was ich konnte!“
„Ja, rennen – das kannst du“, konterte Lorane kalt. „Du hättest uns mit Schwert und Schild zur Seite stehen sollen, aber stattdessen bist du geflohen, wie ein feiger Goblin. Und du nennst dich einen Diener Rondras, während du mich als weich bezeichnest!“
Jarvel konnte Bospers Gesicht aus dem Winkel, in dem er sich nun befand, nicht erkennen, aber der Geweihte schwieg.
„Ja, schweig nur“, fuhr Lorane wieder mit ruhiger Stimme fort. „Im Nichtstun bist du der Beste. Nicht einmal zurückgekehrt bist du, um nach unseren toten Körpern zu sehen. Nein, eine schrullige, alte Waldhexe hat uns das Leben gerettet und wieder gesund gepflegt.“
Nun schwiegen beide, aber Jarvel sah, wie sich Bospers Hände zu Fäusten ballten, sich sein Gesicht vor Anstrengung verzerrte.

„Es tut mir leid!“, brüllte dieser und ein feiner Speichelfaden hing aus dem Mund des Geweihten. „Wie oft soll ich es dir denn noch sagen? Es tut mir leid, Lorane! Ich hätte mit euch kämpfen sollen!“
Der Ermittler runzelte die Stirn. Das alles passte nicht zusammen. Bosper musste ein überragender Schauspieler sein, wenn er diese Reue nur vorgaukelte.
Lorane seufzte, presste ihre Lippen zusammen und zuckte mit den Schultern, dann sah sie gleichgültig an Bosper vorbei.
„Schau, dort ist etwas…“, sprach sie und deutete auf den Altar mit dem Blutbecken.
„Sieht aus, wie eine Art Opfertisch!“
Bosper sah Lorane noch einen Augenblick verzweifelt an, schüttelte dann den Kopf und drehte sich um, um nach dem Opfertisch zu sehen.
„Tatsächlich“, murmelte er und bewegte sich auf den Altar zu. Lorane folgte ihm und Jarvels Gedanken überschlugen sich.
„Das ist Blut!“, stellte Bosper schockiert fest, als er in die Opferschale hineinsah.
„Est bibendum sanguinem, Gatte!“, antwortete Lorane kalt.
Das kann einfach nicht sein, dachte Jarvel, noch bevor Lorane Bospers Kopf packte und gewaltvoll in die Opferschale presste.
Strampelnd und gurgelnd zappelte Bosper, versuchte sich aus dem Griff von Lorane zu befreien, doch diese hielt seinen Kopf scheinbar ohne große Mühe ins Blut getaucht.
„Tairach!“, rief sie mit lauter, volltönender Stimme.
„Nimm dieses, mein Opfer an – und wenn du meinen Mann als würdig empfindest, dann lass ihn diese Taufe überleben, auf dass er sich als ein wahrer Diener des Blutgottes wieder erheben möge!“
Bosper trat und kratzte, doch Lorane reagierte gar nicht darauf.
Bevor Jarvel realisierte, in welche verantwortungsvolle Situation er hier geraten war, fügten sich zunächst alle Teile des Bildes in seinem Kopf zusammen.
Das war keine Waldhexe, die Lorane und ihre Schwester gerettet hat… sie mussten nicht einmal gerettet werden!
Entsetzt sah Jarvel zu, wie Bospers Bewegungen langsamer und schwächer wurden. Jetzt erst verstand er, dass er der einzige war, der ihm helfen konnte. Dabei war er schon so nah am Ausgang…

Er biss sich auf die Lippen. Er war ein Ermittler, kein Gardist! Aber was war die Aufgabe eines Ermittlers für Kriminalfälle, wenn nicht die, Leben zu retten?
Jarvel atmete tief durch und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um sich an Lorane anzuschleichen.
„Und wer auch immer hier herum schleicht…“, fuhr diese fort, während Bosper so gut wie keinen Widerstand mehr leistete.
„Wenn du gekommen bist, um die Weihe zu empfangen, so tritt vor!“
Und dann drehte sich Lorane um, sah direkt in Jarvels Richtung.  „Ansonsten wisse, dass Tairach niemanden verschont, der versucht, sein Heiligtum zu entweihen!“
Sie ließ los und sah ihre Hände an, von denen dunkelrotes Blut herabtropfte. Und da war wieder ihr melancholischer Blick. Fast sah es aus, als würden sich Tränen in ihren Augen sammeln. Lorane sah noch einmal zu Bosper herüber, der immer noch mit dem Kopf im Becken lag, während seine Arme schlaff und leblos nach unten hingen.
Jarvel nutzte diesen Augenblick, wandte sich von der schrecklichen Szene ab und rannte.
Ich habe getan, was ich konnte!
Er rannte und stolperte ob der Dunkelheit den Gang entlang, kämpfte gegen das flaue Gefühl in seinem Magen an, das ihn dazu drang, anzuhalten und sich zu übergeben. Eine Stimme in seinem Kopf, welche die Greuel nicht recht verstehen konnte oder wollte, versuchte ihn gar dazu, umzudrehen und zu Lorane zu gehen, um mit ihr zusammen zu sein, nun, nachdem ihr Mann nicht mehr da war. Jarvel stieß mit dem Fuß gegen einen Stein, fiel hart auf sein Knie und schlug sich dabei den Kopf an, dass er für einen Augenblick die Orientierung verlor. Er fiel hin und spürte, wie ihm warmes Blut über die Schläfe floss und erst jetzt spürte er all die Schrammen an seinen Händen und Armen, die er sich während der hastigen Flucht zugezogen hatte.
Weiße Lichter blinkten in seinem Blickfeld auf, während sein Kopf heftig pochte, aber Jarvel wurde von etwas getrieben, das größer war, als seine Schmerzen. Sein Überlebenstrieb brachte ihn dazu, sich wieder aufzurappeln und er eilte dem Ausgang weiter entgegen. Er sah schon das Licht zwischen den Ritzen der Falltüre, was ihm ein irres Grinsen ins Gesicht zauberte. Vor lauter Hast fiel er erneut über einen Stein und kroch auf allen Vieren vorwärts, streckte seine Hand der Falltüre entgegen und… wider seinen finsteren Erwartungen berührte er sie. Hob sie an. Kroch hindurch. Schloss sie ab, legte die Steine wieder auf die Falltüre, stand eilig auf, rannte aus dem Haus.

Auf der Straße angekommen, blieb er stehen, stemmte seine Arme in gebeugter Haltung auf seine Oberschenkel und atmete durch. Jarvel lächelte erleichtert und gluckste. Er war noch am Leben. Sie war zu langsam! Er taumelte wie ein Betrunkener zur nächsten Hauswand und fing an zu lachen.
Sie war zu langsam!
Er war in Sicherheit. Nichts konnte ihm mehr passieren.
Doch was nun? Er könnte sie einfach dort unten eingesperrt lassen. Das Problem würde sich wohl von selbst lösen. Die Mordfälle zwar nicht, zumindest nicht offiziell, aber es würde keine weiteren Tote mehr geben. Jarvel überlegte sich, wie er die Lorbeeren dennoch kassieren sollte.
Immerhin habe ich die Mörderin enttarnt und eingesperrt!
Niemand durfte erfahren, was er diese Nacht in diesem Haus gesucht hatte, deshalb war die Wahrheit keine Option. Doch was, wenn er seinen alten Verdacht weiterstrickte?
Bosper wollte mich umbringen und es kam zu einem Kampf, überlegte Jarvel.
Daher auch die Schrammen… ich konnte ihn allerdings abwehren und er rannte davon, jedoch nicht, bevor ich sein Gesicht erkennen konnte! Den Toten wird es schon nicht stören…
Ein Motiv würde er sich noch überlegen, wichtig war nur, dass der Verdächtige nicht auftauchen würde, um seine Unschuld zu beteuern. Und Bosper wäre bestimmt nicht wütend auf ihn. Die Scham kam, aber es kümmerte den Ermittler nicht. Er argumentierte sie tot.
Ich habe immerhin getan, was ich konnte!

„Es tut mir leid“, entgegnete Korporal Torsik mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Aber letzte Nacht hat sich wieder ein Mord zugetragen, dementsprechend können wir uns momentan nicht um eure Anzeige kümmern.“
Die Frau nickte und sah den massigen Gardisten noch einmal traurig an.
„Wen hat es dieses Mal erwischt?“
Korporal Torsik seufzte tief und kratzte sich am Kinnbart.
„Den armen Alrik.“
„Welchen?“
„Ragstetter. Hat endlich das Geschäft seines Vaters übernommen und dann sowas.“
„Habt Ihr schon Hinweise, die auf den Täter führen könnten?“
Der Korporal zuckte mit den Schultern.
„Nicht direkt, aber Ermittler Jarvel, der auf die Mordserie angesetzt wurde, ist einfach verschwunden.“
Die Frau runzelte die Stirn.
„Meint ihr, er steckt dahinter?“
Torsik blies die Backen auf und schob dann die Unterlippe vor.
„Keine Ahnung. Sein Verschwinden direkt nach dem gestrigen Mord ist jedenfalls verdächtig, aber wenn er etwas mit den Morden zu tun hat, wird er nicht alleine arbeiten. Die Morde haben schließlich schon begonnen, als er noch in Baliho stationiert war.“
Er rieb nachdenklich sein Kinn und sah dann von seinem Schreibtischstuhl wieder zur Rondrapriesterin hoch.
„Euer Gnaden, seit wann, sagt ihr, vermisst ihr euren Mann?“

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4 thoughts on “Nächtlicher Besuch

  1. Tatsächlich ist das eine Geschichte, die ich vor etwas über einem Jahr für einen Wettbewerb geschrieben habe. Leider hab ich nur den vierten Platz bekommen, die Jury meinte, ich sei zu sehr am Thema („Entdeckung“) vorbeigeschlittert, was angesichts der Tatsache, dass die Handlung auch im DSA-Fantasysetting spielen muss, aber auch verständlich war.

    So betrachtet habe ich mich Blumentechnisch in deinen Augen wohl mittlerweile eher zurückentwickelt 😀
    Wobei, streng genommen sind hier doch eigentlich genau so wenige Adjektive hinter der wörtlichen Rede, oder? Es findet nur viel weniger wörtliche Rede statt… vielleicht liegt es daran?

    Freut mich nichtsdestotrotz sehr, dass dir die Kurzgeschichte so gefällt! Ich habe da vielleicht auch einfach nur etwas mehr Übung, als in großen Romanprojekten…

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    1. Hm? Nun bin ich verwirrt. Ich möchte ja weniger Blumen. Also, das heißt, ich mag weniger mehr. Hä?
      Ach egal, die Geschichte fetzt einfach, Basta.
      Vielleicht warst Du auch zu mehr Knappheit gezwungen wegen der Eile, die einem eine Kurzgeschichte aufzwingt.

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  2. Ja. Du magst weniger Blumen 😛
    Die blumige Beschreibung nach der wörtlichen Rede gibt’s hier im Verhältnis genau so oft wie bei meinen aktuelleren Werken, aber in dieser Kurzgeschichte wird eben auch weniger gesprochen. In Eile war ich eigentlich nicht, ich hätte auch gut und gerne 10.000 Zeichen mehr benutzen können. Wenn du Mal Zeit und Lust haben solltest, kannst du ja mal „Bestrafung“ oder „Stolz“ lesen, das ist auch etwas älter, aber hat wieder mehr wörtliche Rede. Wenn du da auch der Meinung bist, dass es weniger blumig (als Topophobie) ist, dann hast du mich vollkommen verwirrt 😀

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